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Das Medium ohne Message

"So stellen sich alle kommerziellen Interessen, die Medien? der allgemeinen Verbreitung zuführen wollen, ausnahmslos auf `Unterhaltung´ als eine neutrale Taktik ein. Auf eine auffallendere Vogel-Strauß-Politik könnte man gar nicht kommen, denn sie gewährleistet eine optimale Durchschlagskraft für jede Art von Medium?. Die alphabetische Gesellschaft wird immer für einen militanten Einsatz von Presse, Radio und Film unter Einnehmen von Standpunkten eintreten, der eine Verringerung der Wirksamkeit zur Folge haben würde, nicht nur des Radios, der Presse und des Films, sondern auch des Buches. Die kommerzielle Taktik der Unterhaltung gewährleistet automatisch eine optimale Geschwindigkeit und Wirkung bei jedem Medium?, und das für das psychische und soziale Leben in gleicher Weise. So wird daraus eine komische Methode der Selbstzerstörung, die jene anwenden, die auf Fortdauer und nicht auf den Wandel bedacht sind. In Zukunft wird die einzig wirksame Kontrolle der Medien? die thermostatische Form quantitativer Zuteilung annehmen müssen. Genauso wie wir heute versuchen, den atomaren Fallout unter Kontrolle zu bekommen, werden wir eines Tages versuchen, die schädlichen Nebenwirkungen der Medien? zu kontrollieren. Das Bildungswesen wird als Zivilschutz gegen die gefährlichen Nebenprodukte der Medien? reorganisiert werden. Das einzige Medium?, gegen welches unsere Erziehung heute einen gewissen (Zivil-)Schutz bietet, ist das Medium? des Buchdrucks?. Das Bildungswesen, das auf dem Buchdruck? basiert, hat bisher noch keine Verantwortung in anderer Richtung übernommen."

Das schrieb Marshall McLuhan? 1964. Die "Gedankenbombe" ist ein gegenkulturelles Kommunikationskonzept?. Entwickelt wurde sie von Greenpeace und fußt auf Ideen des Medientheoretikers Mc Luhan?. Die Grundidee ist einfach: Mit den Techniken moderner Werbung und Markenentwicklung sollen die Ziele der neuen sozialen Bewegung erreicht werden. Im Mc Luhan? steckt ein großartiger Ansatz einer Wahrnehmungs- und Bewusstseinstheorie, man muss es nur abheben. Aber wer würde das heutigentags lesen wollen?

"There's a stranger in the house no one will ever see / But everybody says he looks like me", heisst es mit schwarzer Paradoxie in einem Song des britischen Sängers Elvis Costello. Ich bleibe im Versteck des Wissens. Wenn Philosophen öffentlich das Wort ergreifen, in Angelegenheiten von allgemeinem Belang, dann riskieren sie, dass man ihnen jene Sentenz? an den Kopf wirft: "Si tacuisses, philosophus mansisses." Dabei wollten sie womöglich doch nur der Weltweisheit, die sie ihrer Berufsbezeichnung gemäß lieben, Geltung verschaffen - Weltgeltung, könnte man sagen. Philosophie ist Spracharbeit nicht nur, aber auch, und zwar wesentlich. Weil Texte ihre Leser belasten und belästigen, muss jeder dafür Buße tun, dass es ihn gibt und das geschieht am besten durch einen guten Stil. Nicht nur dem Leser hilft die Leichtigkeit des Textes. Auch der Schreibende brauche sie als Form - nicht bloß, um den Ernst der Themen erträglicher zu machen, sondern um sich auszuhalten: um sich selbst an den Schreibtisch zu locken. Der skeptische Denker zeichnet sich durch Mehrsprachigkeit aus. Er eignet sich die Pluralität der philosophischen Zungen an und wird dadurch frei von einer jeden und zugleich frei zu einer jeden. Dadurch wird es möglich und nötig, dass der Vielsprachige seine eigene Sprache sucht. Seit etwa einem Jahrhundert heißen die öffentlich auftretenden Weltweisen "Intellektuelle". Jedenfalls steht eine Rolle dieses Namens für sie wie für alle anderen zur Verfügung, die mit Köpfchen und mehr oder weniger wortgewandt öffentlich intervenieren, mahnen, sich empören, appellieren, kritisieren. Meist tun Philosophen das nur im Nebenberuf; sie schlüpfen nicht dauerhaft in die Rolle des Intellektuellen. Die Umstellung der Kommunikation? von Buchdruck? und Presse auf TV und WWW? hat zu einer Erweiterung der Öffentlichkeit und zu einer Verdichtung der Kommunikationsnetze? geführt. Das Projekt im Rheintor ist ein Reflex darauf.

Der wünschenswerte Zuwachs an Egalitarismus, den das Internet? beschert, wird mit der Dezentrierung der Zugänge zu unredigierten Beiträgen bezahlt. Im Weltnetz verlieren die Beiträge der Intelligenzija die Kraft, einen Fokus zu bilden. Der Intellektuelle muss sich aufregen können - und soll doch so viel politische Urteilskraft haben, dass er nicht überreagiert. Das Hinterherhecheln ist jedenfalls keine Zeitform, die dem Denken gut bekommt. Dort, wo das Hecheln im Medien- und Bildungsbetrieb die Leitgeschwindigkeit geworden ist, hat nicht nur der öffentliche Intellektuelle ein Fokus-Problem. Dort hat jedwedes Denken ein Fokus-Problem, jedenfalls ein solches Denken, aus dem Urteilskraft und nicht das Abhaken irgendwelcher Stichworte? spricht.

Dort, wo Zeiterfahrung nur noch als Fristerfahrung vorkommt, hat Denken in übergreifenden Perspektiven kaum Chancen. Damit wird aber auch der Unterschied zwischen "wichtig" und "dringlich" eingeebnet. Alles Dringliche wird für wichtig gehalten, das Wichtige selbst gerät aus dem Blick, weil die Last des vorher "zu Erledigenden" es gleichsam erdrückt. Übrig bleibt das unbestimmte Gefühl, dass man zu "nichts" mehr kommt - weder im Handeln noch im Denken. Da die Intelligenzija aber auch in ihrem Hauptberuf zumeist kritisch tätig ist - schließlich weiß sie von Kant, dass der "kritische Weg allein noch offen" ist -, kann man mit Fug von der Kritik als ihrem Beruf sprechen. Seither ist Kritik eine Praxis des Sich-Distanzierens. Kritik zielt auf Krise, sie erzeugt Irritation nicht nur bei anderen, sondern auch beim Kritiker selbst. Die so genannten Neuen Medien? sind ein grausames Folterinstrument anonymer Kommunikationsverhinderer. Dieser verschwörungstheoretische Gedanke über Aktivisten und Hacktivisten kommt einem regelmäßig, wenn man sich durch einen Kasten voller Spam-Mail wühlt. Wenn das Medium? dermaßen die Message? ist, haben andere Inhalte leider keine Chance. "Wenn du geschwiegen hättest, wärst du Philosoph geblieben." Sollte diese auf Boethius? zurückgehende Weisheit recht haben, dürfte man dann aus ihr folgern, dass Philosoph nur der sein kann, wer stets schweigt?

Andrea Fraser, Künstlerin und Professorin in Los Angeles, veranschaulicht, womit die Topsammler der Welt ihr Geld verdienen (Industrie, Luxusgüter, Hedgefonds, Private Equity) und mit welchen Tricks sie es vermehren (Insiderhandel, Steuerhinterziehung, Bestechung). Wie Frasers Analyse zeigt, "arbeiten viele unserer Mäzene aktiv daran, das politische und finanzielle System zu erhalten, das ihren Reichtum – und die Ungleichheit – bewahrt und noch über viele Jahrzehnte wachsen lassen wird". Künstler, Kuratoren, Museumsleiter und andere Nutzniesser dieses Systems machten sich also mitschuldig, auch wenn sie vordergründig kritische Reden schwängen. "Trotz der radikalen politischen Rhetorik?, an der in der Kunstwelt kein Mangel herrscht, herrschen Zensur? und Selbstzensur vor, wenn es darauf ankommt, ihre wirtschaftlichen Bedingungen zu hinterfragen." Frasers Forderung an die Protagonisten des Betriebssystems Kunst, "ihr kulturelles Kapital aus diesem Markt zurückzuziehen", ist ehrenwert. Ihr Vorschlag, eine neue Autonomie der Kunst durch "vollständig institutionalisierte Strukturen" zu etablieren, die imstande sind (nicht nur) das kulturelle Kapital zu produzieren und angemessen zu verteilen, erscheint jedoch mehr als illusorisch.

Über den Katalog der klassischen Werke? wacht weder ein hohes Amt noch ein Rat von Experten. Zudem werden sich die Fachleute nie einig, solange sie über den Wert oder Unwert von Kunstwerken debattieren. Müssten sie sich ausdrücklich einigen, um einen Klassiker zu küren, dann wäre der Katalog? wohl leer geblieben. Allerdings scheint es dann, wenn sie und ihr Publikum des Streitens überdrüssig geworden sind, zu einer stillschweigenden Art Einigung zu kommen. Irgendwann nämlich ist dann doch ein Urteil gefallen, dem sich alle, die weiter mitreden wollen, beugen müssen.

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