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Das Urteil

von
Franz Kafka

Der Rezension dieses Werkes von Franz Kafka liegt die Reclam-Ausgabe von 1998, "Das Urteil und andere Prosa", zugrunde, die von Michael Müller herausgegeben wurde. Außer dem titelgebenden Text finden sich darin folgende Prosastücke: "Gespräch mit dem Bruder", "Gespräch mit dem Betrunkenen", "Großer Lärm", "Betrachtung" und "In der Strafkolonie".

Aufbau der Reclam-Ausgabe

"Das Urteil" entstand im Jahr 1912. 1916 wurde der erste Einzeldruck? durch den Kurt Wolff Verlag? veröffentlich. In der für diese Rezension vorliegenden Reclam-Ausgabe wird auf dem dafür typischen gelben Cover? unter dem Titel "Franz Kafka - Das Urteil - Und andere Prosa" eine Passage des Manuskriptes abgebildet. Dadurch bekommt man einen ersten Eindruck von der Echtheit, die diese Erzählung vermittelt. Die Passage entstammt dem Schluss des Werkes, beigefügt sind Notizen? zu seiner Entstehung.

"Das Urteil" - Inhalt

Hauptthema dieser Geschichte ist der in Kafkas Werken häufig begegnende Vater-Sohn-Konflikt. Der entzündet sich an der bevorstehenden Heirat des Sohnes. Schnell erfährt der Leser, dass sich der Protagonist, Georg Bendemann, in einem Kampf zwischen seinen eigenen Vorstellungen und denen seines Vaters, seine Zukunft betreffend, befindet.

Georg, ein junger Kaufmann, wird in seinem So-Sein, in seinem Wesen vom Vater, der ebenfalls Kaufmann von Beruf ist, nicht ausreichend anerkannt. Der Sohn ist verlobt und besitzt einen Freund in St. Petersburg, mit dem er nur über Briefe in Verbindung steht. Er ist der Auffassung, dass dieser Freund bemitleidenswert sei, und verschweigt ihm, aus Mitleidsgründen, jegliche Freuden, die er selbst erlebt, sodass Georgs Verlobte ihn schließlich überreden muss, diesem Brieffreund von der baldigen Hochzeit überhaupt zu berichten. Hieraus lässt sich deutlich auf Georgs Introvertiertheit und seine Unsicherheit im Umgang mit Gefühlen schließen.

Schließlich entscheidet sich der Sohn, mit dem Brief an den Freund zum Vater zu gehen. Es kommt zum Disput, in dessen Verlauf der Sohn erfährt, dass der Vater schon längst mit dem Petersburger Freund in Verbindung steht. Der Vater wirft dem Sohn nicht nur dessen Verlobung vor, sondern auch, dass er das Geschäft an sich gerissen habe. Mit der abschließenden Verurteilung des Sohnes zum Tod durch Ertrinken, die der Verurteilte sogleich in die Tat umsetzt, endet die Erzählung.

Im Verlauf der gesamten Handlung erlebt der Leser mit, wie die Spannung immer ein klein wenig steigt, und er vermutet und befürchtet vielleicht ein Ende, wie es dann tatsächlich erzählt wird. Das ist es, was den Text so sehr bewegend macht. Die Figur des Georg Bendemann wird sehr authentisch dargestellt. Durch Beschreibungen wie "vernachlässigt", durchschauen", "zugedeckt", "schrecklich" und Sätze wie "Georg sah zum Schreckbild seines Vaters auf" oder " Ein schreckliches Gefühl hatte er (G.), als er während er paar Schritte zum Bett (d. Vaters) hin merkte ..." wird veranschaulicht, wie gefesselt der Sohn ist. Es scheint als würde er vom Vater psychisch erdrückt. Die Dialoge in der direkten Rede tragen zu diesem intensiven Eindruck bei.

Auch wenn Georg offensichtlich vieles, vielleicht zuviel, mit sich im Inneren ausmacht, versteht man ihn als Leser von Anfang an. Der Erzählung ist leicht zu folgen, die Sprache ist nicht kompliziert. Dadurch wird dieses Werk zu einem leicht zu lesenden, leicht verständlichen, bündigen Gesamtstück. Anspruchsvoll ist allerdings das Thema an sich. Es erfordert eine eigene Interpretationsleistung durch den Leser, ohne welche die Erzählung zu gewöhnlich, zu einseitig erscheinen würde. Versteht man aber den Hintergrund, wird sie zu einem interessanten Blick auf das Leben eines jungen Mannes. Zum Schluss werden die meisten Fragen und Anregungen, die im Laufe des Lesens aufkommen, aufgelöst. Dennoch bleiben offene Fragen bestehen, somit wird Raum zum eigenen Nachdenken gegeben.

Der Vater-Sohn-Konflikt ist ein häufig verwendetes Motiv in der Literatur. Das Leiden am bestimmenden Vater war geradezu ein Zeitphänomen der expressionistischen Generation in ihrem Konflikt mit der patriarchalischen Gesellschaft, wie sie letztendlich mit der Abdankung der Monarchie 1918 in sich zusammenfiel. Das sah auch Kafka so: „Das Ganze ist keine vereinzelte Erscheinung …“

Doch ist es ihm gelungen, dieses Thema, welches ihn sichtlich beschäftigte, mit einem stark dramatischen und symbolischen Vorgehen aufzugreifen und zu gestalten. Vielleicht tragen gerade die unterdrückten Gefühle im Hintergrund dazu bei, dass "Das Urteil" so lebendig, ja explosiv erscheint. Vielleicht deutet sich in "Das Urteil" auch schon das an, was sich 1919 im „Brief an den Vater“ entlädt.

Konflikte dieser Art wird es vermutlich immer geben. So mancher Leser wird über den zeitlichen Abstand hinweg Parallelen zum eigenen Erleben finden. Mit Lust am Analysieren, Interpretieren und mit ein wenig Hintergrundwissen zu Kafkas Person regt diese Erzählung daher zu einer spannenden Auseinandersetzung mit den Konflikten des Lebens an. Und der Leser schaut zu, wie ein junger Erwachsener leise und unauffällig aus einem solchen Konflikt entrinnt.

Autorin: Julia Morgenstern

Literaturangaben

  • Kafka, Franz:Das Urteil und andere Prosa. Hg. von Michael Müller. Reclam Verlag, Stuttgart 1998, 104 S., ISBN: 978-3150096772

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