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Die Schiffbrüchigen

von
Jean Améry

23 Jahre alt war Jean Améry?, der damals noch Hans Mayer hieß, als er 1935 seinen Erstlingsroman? „Die Schiffbrüchigen“ vorlegte. 23 Jahre und überzeugt davon, ein Meisterwerk abgeliefert zu haben. Er träumte davon, Schriftsteller zu werden, schickte das Manuskript an den hoch verehrten Thomas Mann zur Beurteilung. Der Meister hatte freilich keine Zeit für den Wiener Jungautoren und verwies ihn an Robert Musil. Der immerhin las das Manuskript und bescheinigte Améry, „recht begabt“ zu sein, wenn sein Roman doch auch noch „gewisse Unreifen“ zeige. Das Buch wurde nicht veröffentlicht, doch das 392-seitige Typoskript? überdauerte die NS-Zeit wie durch ein Wunder in einer Wiener Manuskriptvermittlung.

Jetzt, 72 Jahre nach der Niederschrift und fast 30 Jahre nach dem Tod des Autors, sind „Die Schiffbrüchigen“ bei Klett-Cotta? erschienen. Der Jugendroman enthält bereits alle Themen, an denen sich der spätere Améry in seinen berühmten Essays abarbeiten sollte: das Außenseitertum des jüdischen Intellektuellen, die Revolte gegen die antisemitische Gesellschaft, die Negation der durch die Nazis entwerteten Romantik, das aufklärerische Impetus, den Zynismus, den Existentialismus?, die Resignation, die Apologie? des Freitods. Und das alles, bevor Améry selbst die schrecklichen Erfahrungen des Exils machte, von der Gestapo gefoltert und schließlich in Konzentrationslager deportiert wurde.

Jüdischer Bohemien

Améry erzählt die Geschichte von Eugen Althager, einem dem Skeptizismus verfallenen jüdischen Bohemien?, der im Wien der frühen 1930er Jahre mehr vor sich hin vegetiert als zu leben. Eine Geschichte schmerzvoller Verluste und existentieller Einsamkeit. Amérys Gesellschaftsanalyse seziert die finsteren Zeiten, an denen der Protagonist leidet. Der braune Ungeist bricht sich gewaltsam Bahn, und die sich im Niedergang befindliche bürgerliche Gesellschaft kann dagegen keinerlei Abwehrkräfte mobilisieren. Der Februaraufstand von 1934 wird vom austrofaschistischen Dollfuß-Regime niedergeschossen. Einen Ausweg gibt es nicht. Die Demokratie ist tot, es lebe die Barbarei: „Kolonnenweise marschierte die uniformierte Macht über die Erde, die Einzelnen in ihre Reihen verschluckend.“

Eugen ist seiner Lebensuntüchtigkeit vollkommen ausgeliefert. Zu Beginn lebt er mit seiner Freundin Agathe noch in bedrängten, aber halbwegs geordneten Verhältnissen. Als Agathe schwanger wird, die Abtreibung aber nicht bezahlen kann, verkauft sie sich an den reichen Ingenieur Höllmer – und verlässt Eugen, der das vollkommen passiv hinnimmt. Agathe hatte den arbeitslosen Eugen ausgehalten (und wird das auch weiter tun) und ihm eine gewisse Orientierung gegeben. An Agathe – die wie alle Frauenfiguren in dem Roman schwach an Geist ist – konnte Eugen seine intellektuellen Fähigkeiten demonstrieren. Denn das ist das einzige, was er tagein, tagaus tut: denken, spekulieren, grübeln. Selbstzerstörerisch.

Nach der Trennung erleidet er einen Nervenzusammenbruch. Auch sein Jugendfreund Heinrich Hessl ist ihm keine Stütze. Hessl verleugnet sein Judentum, promoviert in katholischer Theologie, konvertiert zum Katholizismus und macht Karriere. Er ist die Antithese zu Eugen Althager. Sein Aufstieg korrespondiert mit dem Abstieg von Eugen, der schließlich bis in die Welt der Glücksspieler und Prostituierten herabsinkt. Doch dann, während er scheinbar völlig gleichgültig immer weiter abgleitet, passiert es: Ein stiernackiger, faschistischer Korpsstudent rempelt Eugen in der Tram an. Und Eugen wehrt sich. Sein innerer Widerstand kehrt sich nach außen, der Geist wird zur Tat.

Schmerzhafte Mischung aus Stolz und Scham

Der Nazi fordert ihn zum Duell. Vorher fragt er Eugen noch, ob dieser denn auch „Arier“ sei. Dies ist einer der Schlüsselmomente des Romans. Denn Eugen muss, um seine Satisfaktionsfähigkeit für das krude deutschnationale Brauchtum zu beweisen, sein Judentum auf offener Straße verleugnen. Er errötet, brüllt: „Natürlich! Sie werden schon sehen“ – und weiß, dass ihm doppeltes Unrecht widerfährt. „Wenn er hier kein Arier war, entzog er sich den Boden, Gelächter würde seinem Abgang nachschallen. Schon formten sich die Münder der Leute zum langgezogenen hallenden U.“

Einer schmerzhaften Mischung aus Stolz und Scham liegt auch der eiligen Begründung „Sie werden schon sehen“ zugrunde: „In ihrer instinktiven Wucht war sie nichts als das unüberwundene Ergebnis eines jahrhundertealten Assimilationswillens“. Eugen verlässt seine intellektuelle Beobachterposition. Das finale Unheil nimmt seinen Lauf. Als es soweit ist, duckt der schmächtige Denker sich nicht weg, sondern fechtet auf dem Paukboden mit wilder Entschlossenheit um seine Dignität. Der tumbe Nazi schlägt ihm den Schädel ein. Der lebensverneinende, passive Grübler Eugen verliert im Moment der Tat sein Leben. Er erleidet endgültig Schiffbruch.

Kein literarischer Geniestreich

Jean Amérys „Die Schiffbrüchigen“ ist sicher kein literarischer Geniestreich. Die Gedankengebäude, die er in dem Roman Schicht um Schicht auftürmt, erdrücken die Handlung fast. Améry ist hier schon der glänzende Essayist, ein meisterhafter Erzähler ist er nicht. Dem Roman fehlt eine durchgehende Sprache, wenn elegant formulierte Ideen auf verkünstelte Lappalien, ein blutleerer Dozentenstil auf einen zuweilen bis zur Peinlichkeit schwülstigen Ton treffen.

An der beeindruckenden Klarsicht des Autors und der provokativen Kraft seiner Gedanken ändern diese sprachlichen Mängel freilich nichts. „Die Schiffbrüchigen“ ist ein Dokument des Denkens und Lebens von Jean Améry?. Ein Anti-Bildungsroman voller Spannungen, changierend zwischen wütender Kampfeslust und fatalistischer Verzweiflung. Eine radikale Zeitkritik voller düsterer Vorahnungen – und absolut lesenswert.

Literaturangaben

Améry, Jean: Die Schiffbrüchigen. Roman. Mit einem Nachwort von Irene Heidelberger-Leonard. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2007, 330 S., ISBN: 978-3608936636


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