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Laxness, Halldór

vollständig Halldór Kiljan Laxness (ˈhaltour ˈcʰɪljan ˈlaxsnɛs, geboren als Halldór Guðjónsson); isländischer Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger

Leben und Schreiben

Kindheit und Jugend

Geboren wurde Halldór Laxness am 23. April 1902 in Reykjavík. Die Eltern hießen Guðjón Helgi Helgason und Sigríður Halldórsdóttir und betrieben Landwirtschaft. Zur Zeit, als Halldór geboren wurde, lebten in Reykjavík etwa 6000 Menschen, es gab zwei uniformierte Polizisten und zwei vollberufliche Huren. Keine Autos, nicht einmal Kutschen, nur Pferde und Fuhrwerke. Und auf dem Land lebten die meisten Menschen in Torfhütten. Island war das rückständigste europäische Land. Die erste Zeitung erschien erst 1913. Industrie gab es so gut wie keine. Eine städtisch-bürgerliche Kultur war ebenfalls nicht vorhanden.

Der Sproß Halldór ging nicht gerne in die Schule, doch zeigte er schon früh großes Selbstvertrauen. So schickte er im Alter von 14 Jahren der Zeitung "Morgunbladid" einen Artikel zum Abdruck. Und weil der Artikel "über Vögel, die in Geysiren leben, mit Quellen aus dem 18. Jahrhundert" tatsächlich gedruckt wurde, schrieb der junge Bauernsohn fleißig weiter. Mit 17 Jahren, 1919, hatte er den ersten Roman geschrieben ("Das Naturkind"). Diese erste Prosaarbeit zeigte noch starke Schwächen und ließ wenig von seinem Talent ahnen, doch war der unaufhaltsamen Drang zu erkennen, etwas zu veröffentlichen. Das Werk? wurde in Island wohlwollend aufgenommen.

Kurz darauf reiste Laxness nach Dänemark. Hier gab es eine isländische Diaspora. Weil die Isländer hier reicher als in der Heimat waren, hoffte der junge Dichter auf die bessere Förderung seines Talents. Gleich nach seiner Ankunft in Kopenhagen ließ er sich deshalb Visitenkarten mit der Aufschrift "Halldór von Laxness - Poet" drucken. Das "von" klang nach Adel, doch bezog es sich "nur" auf den Hof seiner Eltern. Vielleicht zeigt das am deutlichsten, wie sehr Laxness der dunklen und hoffnungslosen Enge der Insel entkommen wollte, die jedoch eine Art Vorratskammer für Bilder und Schicksale seiner Geschichten blieb.

1922 verbrachte Laxness ein paar Wochen Ferien auf der Insel Bornholm, wo er die sechs Jahre ältere Malfridur Jonsdottir kennen lernte. Sie war Dienstmagd der dänisch-isländischen Familie, bei der Laxness wohnte. Aus der Verbindung der beiden ging eine Tochter mit Namen Maria hervor, die im April 1923 geboren wurde, als Laxness jedoch schon weitergezogen war. In dem Luxemburger Kloster Sankt Maurice de Clervaux war er am 6. Januar 1923 vom Protestantismus zum Katholizismus übergetreten. Aus diesem Anlass nahm er damals zusätzlich den Namen des heiligen Kiljan an, den er übrigens später ablegte, um ihn einige Jahre vor seinem Tod wieder anzunehmen. Angeblich soll er Freunden gegenüber diesen Übertritt zur Religion Roms damit begründet haben, dass er sagte: "Entweder sich dem Teufel mit Haut und Haar hingeben oder sein Leben und seine Seele irgendeinem göttlichen Gedanken opfern." Hier zeigte sich schon seine auch später immer wieder ans Licht tretende Radikalität. Als Katholik wandte er sich von seiner Tochter Maria zunächst ab, denn er wollte nicht an sein früheres Leben erinnert werden und fühlte sich für die "Sünden", die er als Protestant begangen hatte, nicht verantwortlich. Erst seine spätere zweite Frau Audur brachte ihn in fortgeschrittenem Alter dazu, sich seiner Tochter Maria anzunehmen.

Frühes Erwachsenenalter

Laxness lebte immer, als ob er genug Geld hätte, dabei war er nicht selten mittellos oder ließ sich sponsern. So reiste er z. B. von Kopenhagen nach Helsingborg, weil er Strindberg nicht nur auf Schwedisch, sondern in Schweden lesen wollte. Ein isländischer Freund finanzierte ihm die Rückfahrt. 1925 reiste Laxness von Kopenhagen über Rom nach Sizilien. Drei Frauen, die er im Zug traf, bezahlten ihm die Fahrkarte.

Noch von seiner "katholischen Phase" beeinflusst, in der er etwa beeindruckt ist von der Bescheidenheit und Selbstvergessenheit der Nachfolge Christi? des Thomas a Kempis?, veröffentlichte Laxness 1927 den Roman "Der große Weber von Kaschmir". Diese Buch brachte Laxness in die vorderste Reihe der damaligen Literatur. Es ist intelligent, kulturkritisch, radikal subjektiv und leidenschaftlich. Eine Frage des Romans ist: Gibt es eine Wahrheit, die größer ist als der einzelne Mensch und die unter allen Umständen anzustreben ist? Eine der Hauptfiguren sucht die Antwort darauf im Katholizismus. Dieses Werk? ist in seinem Ringen Ausdruck der europäischen Moderne und damit eine Absage an die Tradition isländischer Dichtung. Oder anders gesagt: Mit diesem Buch beginnt die moderne isländische Prosa.

Im gleichen Jahr reiste der Isländer auf nach Los Angeles; wieder wird seine Reise von Freunden finanziert. Dort sah er sich in der Fantasie schon als Filmemacher und Millionär. Unter anderem wollte er seinen Roman "Salka Valka" verfilmen - mit Greta Garbo. Aber der unbekannte junge Isländer scheiterte. Diese Enttäuschung und der Eindruck der extremen Gegensätze von Arm und Reich machten den Dichter zum Sozialisten.

1929 erscheint "Das Volksbuch", eine Sammlung von Essays, mit der eine neue Schaffensphase beginnt. Jetzt verarbeitet Laxness sowohl Erfahrungen aus Island wie aus den Großstädten, die er bereist hat. Er erkennt auf der Folie seiner Reisen Wert und Würde seines eigenen Volkes und stellt Isländer in den Vordergrund, nicht mehr sein eigenes Ego. Isländer, wie sie karg und einsam in Küstenorten oder Bergtälern leben. Das ändert auch den Stil, der vom Expressionistischen und Surrealen ins Gesellschaftskritische und Realistische wechselt. Diese Stilrichtung behält Laxness bis etwa Mitte der 1950 Jahre bei. Sein Schreiben ist direkt, nüchtern, ironisch, humorvoll - aber nie auf Kosten der Schwachen, denen seine Sympathie gehört.

Mit unrealistischen Vorstellungen vom Arbeiter- und Bauernstaat reiste Laxness 1932 zum ersten Mal in die Sowjetunion, mit einem Empfehlungsschreiben des deutschen Kommunisten Willi Münzenberg. Die gesellschaftliche Ordnung sei dort noch viel vollkommener als das Volk, das in ihr lebt, war sein Fazit in einem Reisebuch. Ein zweites Mal reist er 1937 in das Land seiner kommunistischen Träume. Auf Einladung des Schriftstellerverbandes nimmt er an Versammlungen und Konferenzen teil. Die Ironie?, mit der er davon berichtet, lassen erste Zweifel am System erkennen. Den stalinistischen Terror aber will er immer noch nicht sehen - obwohl er Schauprozessen beiwohnt. Vier Monate verbrachte er in Moskau, bis er einen Vertrag für eine russische Ausgabe des Romans "Sein eigener Herr" hatte, die aber erst nach Stalins Tod erscheinen durfte.

Zurück in Island, veröffentlichte Laxness "Das russische Abenteuer". Dieses preisende Buch über die Sowjetunion hätte er später am liebsten verleugnet. Das und die Tatsache, dass er die isländischen Zustände nicht in freundlichen Farben schilderte, führten dazu, dass er, bevor ihm 1955 der Nobelpreis verliehen wurde, in Island mehr Feinde als Freunde hatte. Er war nicht nur umstritten, sondern man machte ihm auch den Vorwurf, er schade dem isländischen Ansehen und Export. 1941 kündigt Laxness an, mit zwei Freunden die isländischen Sagas in einer entstaubten Form und moderner Orthografie neu herauszugeben. Das führt sogar dazu, dass das isländische Parlament ein Gesetz beschließt, jede Art kulturellen Landesverrats unter Strafe zu stellen. Und tatsächlich werden Laxness und seine beiden Freunde angeklagt und zu je 1000 Kronen Strafe beziehungsweise 45 Tagen Haft verurteilt. Zwar hebt ein Berufungsgericht das Urteil Mitte 1943 wieder auf, doch bleibt der Vorwurf, das kulturelle Erbe und die nationale Identität Islands bedroht zu haben.

Reife

1945 zieht Laxness eine halbe Autostunde nordöstlich von Reykjavík, auf halbem Wege zwischen der Hauptstadt und der Schlucht von Thingvellir, wo 930 der Freistaat ausgerufen wurde, in das Haus im Mosfellstal, wo er bis zu seinem Tode lebt und arbeitet - wenn er gerade nicht in der Welt unterwegs ist.

Laxness setzt in den 1940er Jahren seine Beschäftigung mit den mittelalterlichen Sagas fort. Dabei betrachtet er sie nicht einfach als historische Dokumente, sondern als "vollkommenste Spiegel jenes Jahrhunderts, in dem sie aufgezeichnet wurden".

1947 versuchen seine Gegner Laxness erneut zum Schweigen zu bringen. Sie beschuldigen ihn der Steuerhinterziehung bei Honoraren aus den USA. Das ist ein guter Schachzug, denn Laxness hatte sich gegen die militärische Präsenz der Amerikaner auf Island gewandt. So mischen sich die amerikanische Botschaft in Reykjavík, das State Department und sogar J. Edgar Hoover, der Chef des FBI, ein. Und so wird Laxness wegen Steuerhinterziehung und Devisenvergehen vom isländischen Fiskus bis 1955 verfolgt, als er den Literaturnobelpreis verliehen bekommt.

In seiner 1948 erschienenen "Atomstation" werden die chaotischen Zustände der Welt, die zwischen West und Ost gespalten ist, am Beispiel einer kleinen Insel exemplarisch bizarr und turbulent geschildert, die Welt wird zu einer einzigen Atomstation. Das ist Tendenzliteratur?, die politische Vorgänge in Island und der Welt satirisch überzeichnet.

1951 erscheint das erfolgreichste und am meisten gelesene Buch von Laxness, "Islandglocke", eine Art Nationalepos. Es wurde auch für das isländische Theater dramatisiert und basiert auf historischen Fakten aus dem 17. und 18. Jahrhundert, einer leidvollen Zeit für die Isländer.

Halldór Kiljan Laxness 1955
von Nobel Foundation [Public domain], via Wikimedia Commons

Nach der Verleihung des Literaturnobelpreises begann Laxness die Früchte seiner Arbeit zu genießen. Er war jetzt immer gut gekleidet, wohnte in erstklassigen Hotels und leistete sich teure Autos.

1956, als die Sowjets in Ungarn einmarschieren, verurteilt Laxness das kommunistische System.

1957 schreibt Laxness "Das Fischkonzert", eine Geschichte von der Kindheit und Jugend eines elternlosen Jungen. Darin zeigt er die Einwirkung der europäischen Zivilisation auf seine nordische Heimat und ihre provinzielle Enge.

Alter und Tod

1963 setzte sich Laxness in seinem Buch "Zeit zu schreiben" selbstkritisch mit seiner "Gutgläubigkeit" und "Selbstlüge" bezüglich der Sowjetunion auseinander. Es ist die Zeit, in der er zum humanistischen Skeptiker wird. In seinem Spätwerk sucht Laxness nach neuen Erzählformen und spielt mit der Erzählperspektive. Statt der sozial- und religionskritischen geht es jetzt oft um daoistische Themen in seinem Schreiben. Zentral wird für ihn jetzt die Suche nach dem Sinn des Lebens. Das zeigt sich wieder in seinem Stil, der jetzt noch knapper und straffer wird wie zuvor. Er benutzt immer weniger Wörter, schreibt leicht und gelassen.

Immer öfter wird er jetzt anerkannt, bekommt Ehrendoktorwürden, einige seiner Bücher werden verfilmt. Ja, nach 1968 wird er geradezu zu einer literarischen und moralischen Institution. Trotz dieser Ehrungen und Anerkennung schreibt er immer weniger. Nach 1980 fast gar nicht mehr. Wenn er noch etwas schriebt, dann notiert er Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend.

Laxness portrett einar hakonarson 1984

1987 begann Laxness an Altersdemenz zu leiden, verließ nur noch wenig das Haus im Mosfellstal und spielte am liebsten am Klavier - meist Stücke von Bach. Besucher berichten, dass er eine klare Erinnerung an seine Kindheit hatte, aber kaum mehr wusste, was er am Tag zuvor gemacht hatte.

Gestorben ist Laxness am 8. Februar 1998 in Reykjalundur bei Mosfellsbær.

Halldor Laxness gravestone
von Granitsilber (Eigenes Werk) [CC-BY-SA-3.0], via Wikimedia Commons

Neben seinen Werken? hinterließ er seiner Witwe Audur, seinen Töchter Sigridur und Gudny und seinem Sohn Einar aus erster Ehe unzählige Briefe?, die er ihnen in Jahrzehnten geschrieben hatte. In ihnen erzählte er meist, was er in der Welt gesehen, erlebt und unternommen hatte, denn er war immer viel unterwegs.

Übrigens ...

Laxness war immer radikal, wollte das Hundertprozentige. Vielleicht wurde er deshalb nacheinander Katholik, Kommunist, Humanist und eine Zeitlang ein Taoist. Unabhängig von seinen Weltanschauungen war im jedoch immer die Schriftstellerei? am wichtigsten.

2004 wird das Haus in Reykjalundur bei Mosfellsbær ein Laxness-Museum. Im ehemaligen Arbeitszimmer steht eine mechanische Remington-Schreibmaschine, als ob sie auf neue Texte wartet.

Zum 100. Geburtstag von Laxness im Jahr 2002 gab der Göttinger Steidl-Verlag? nicht nur eine Werkausgabe? in elf Bänden heraus, sondern auch eine erste deutschsprachige Biographie.

Werk und Werke (Auswahl)

Bisher war Laxness der einzige Isländer, der einen Nobelpreis bekam. Er hat etwa 60 Bücher geschrieben, die in mehr als 40 Sprachen übersetzt wurden. Er hat Klassiker der Moderne geschrieben, etwa "Atomstation", "Sein eigener Herr" oder "Am Gletscher". In sein Werk? floss die Nationalliteratur seiner Heimat ein, aber auch sein Leben als Freigeist, als Kosmopolit, Bildungsbürger, Abenteurer, Idealist, Romantiker und Snob. Nie hat er es aufgegeben, durch sein Schreiben andere aufzuklären, zu verbessern oder zu inspirieren.

Mit ihm ist isländische Literatur zu einer Art Markenartikel geworden und isländische Schriftsteller nach ihm hätten es schwerer gehabt, sich jenseits ihrer Insel durchzusetzen. Immer wieder kehrte er zur altnordische Mythologie zurück, aber auch seine ausgedehnten Reisen und seine intellektuelle Offenheit gegenüber den Zeitströmungen spiegeln sich in seinem Werk?. Sein Erzählstil lebt von der Kunst der Aussparung. Mit wenigen Worten sagt er viel, dabei ist er oft ironisch? und betrachtet die alltäglichsten Dinge so, dass sie ganz groß wirken.

Neugier und tiefes Mitgefühl zeigen die normalen kleinen, verwirrten und verschrobenen Leute. Laxness behandelte sie mit Respekt und zeigte ihre "Herzensbildung". Andererseits stellte er mit Vergnügen Werte infrage.

Verfügbare Werke von Halldór Laxness bei Jokers

Romane

  • 1919 Das Naturkind (Barn náttúrurnar)
  • 1924 Am heiligen Berg (Undir Helgahnúk)
  • 1927 Der große Weber von Kaschmir (Vefarinn mikli frá Kasmír)
  • 1931 Salka Valka (Þú vínviður hreini, 1932 Fuglinn í fjörunni)
  • 1934/35 Der Freisasse (1934 Sjálfstætt fólk I, 1935 Sjálfstætt fólk II; nur erster Teil 1936 auf Deutsch, dann verboten)
  • 1940 Weltlicht (Fegurð himinsins)
  • 1946 Islandglocke (Eldur í Kaupinhafn)
  • 1948 Atomstation (Atómstöðin)
  • 1952 Gerpla (Gerpla)
  • 1957 Das Fischkonzert (Brekkukotsannáll)
  • 1960 Das wiedergefundene Paradies (Paradísarheimt)
  • 1968 Seelsorge am Gletscher (Kristnihald undir Jökli)
  • 1970 Kirchspielchronik (Innansveitarkronika)
  • 1972 Die Litanei von den Gottesgaben (Guðsgjafaþulan)
  • 1975 Auf der Hauswiese (Í túninu heima)

Erzählungen

  • 1933 Das gute Fräulein (Ungfrúin góða og húsið)
  • 1942 Sieben Zauberer (Sjö töframenn)
  • 1978 Die Siebenmeistergeschichte (Sjömeistarasagan)

Anderes

Laxness schrieb darüber hinaus Schauspiele?, Essays (z. B. 1963 Zeit zu schreiben, Skáldatími), Gedichte etc. Nicht alles wurde ins Deutsche übersetzt.

Auszeichnungen

Halldór Laxness war der erste isländische Autor der Neuzeit, der Weltruhm erlangte.

  • 1953 Weltfriedenspreis
  • 1955 Nobelpreis für Literatur
  • 1968 Ehrendoktorwürde der Universität Åbo
  • 1969 Sonning-Preis
  • 1972 Ehrendoktorwürde der Universität Reykjavík
  • 1977 Ehrendoktorwürde der Universität Edinburgh
  • 1982 Ehrendoktorwürde der E-berhard-Karls-Universität Tübingen

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