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Serner, Walter

Walter Serner (geb. 15. Januar 1889 in Karlsbad/Böhmen; Todestag unbekannt, am 20. August 1942 aus dem Prager Ghetto deportiert und in der Nähe von Minsk ermordet) war ein deutschsprachiger Schriftsteller. Er gilt als einer der bedeutendsten Autoren des Dadaismus.

Leben und Schreiben

Walter Serner wurde am 15. Januar 1889 unter dem Namen Walter Eduard Seligmann in Karlsbad/Böhmen geboren. Sein Vater war Jude und Herausgeber? der „Karlsbader Zeitung“. 1909 machte Serner in Kaaden bei Karlsbad das Abitur. Im selben Jahr trat er zum katholischen Glauben über und änderte seinen Namen. Im Anschluss studierte er Jura in Wien und Greifswald, wo er im Sommer 1913 unter dem Titel „Die Haftung des Schenkers wegen Mängel im Rechte und wegen Mängel der verschenkten Schenke“ seine Dissertationsschrift einreichte und zum Dr. jur. promoviert wurde.

Seit 1908 veröffentlichte Serner in der Zeitung seines Vaters erste feuilletonistische? Beiträge – die so genannten „Kunstbriefe“, in denen er unter anderem über die Arbeiten von Karl Kraus? und Oskar Kokoschka? schrieb. Ab 1912 publizierte er kunstkritische und philosophische Essays in der von Franz Pfemfert? herausgegebenen expressionistischen Zeitschrift „Die Aktion?“.

Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs ging Serner in die Schweiz. Seit Februar 1915 hielt er sich in Zürich, Genf, Bern und Lugano auf. In Zürich verkehrte er im Umfeld des legendären Cabaret Voltaire? und wurde neben Hans Arp? und Tristan Tzara? zu einem zentralen Autor der DADA-Bewegung. Außerdem gab er die Zeitschriften „Der Mistral“, „Sirius“ und „Der Zeltweg“ heraus, denen jedoch nur eine kurze publizistische Existenz beschieden war.

"Letzte Lockerung. manifest dada" (1918)

1918 entstand in Lugano Serners programmatische Schrift „Letzte Lockerung. manifest dada“, die der Steegemann Verlag? 1920 in der Reihe?Die Silbergäule?“ veröffentlichte. „Letzte Lockerung“ ist eines der wichtigsten Manifeste? der literarischen Avantgarde? und steht gleichbedeutend neben den Proklamationen von Filippo Tommaso Marinetti? und André Breton?. Serner rechnet darin mit allen Werten in Literatur und Kunst ab, die bisher von Bedeutung waren. Sein Fazit lautet: Kunst ist Schwindel. Die Wirkung des Manifests? war enorm. In Berlin und Paris sprach man von Walter Serner und eiferte ihm nach.

"Zum blauen Affen" (1921)

Kurze Zeit später kehrte Serner der DADA-Bewegung den Rücken. In Genf entstand der Erzählband „Zum blauen Affen. Dreiundzwanzig hahnebüchene Geschichten“ (1921), in dem er sich als Meister der Kriminalgroteske erwies. Alfred Döblin war von den rasant erzählten, teilweise zynischen Prosastücken, die von Zuhältern, Gaunern und Kokotten bevölkert werden, entzückt. Serner verzichtet darin auf eine Verherrlichung der Halbwelt. Folgebände waren „Der elfte Finger. 25 Kriminalgeschichten“ (1923), „Der Pfiff um die Ecke. 22 Spitzel- und Detektivgeschichten“ (1925) und „Die tückische Straße. Neunzehn Kriminalgeschichten“ (1926). Außerdem veröffentlichte er das Theaterstück „Posada oder der große Coup im Hotel Ritz. Ein Gauner-Stück in drei Akten“ (1927).

Nach seinem Rückzug von den DADA-Aktivitäten reiste Serner kreuz und quer durch Europa. Er war in Italien, der Schweiz, in Barcelona, Paris, Wien, Berlin, Prag und Lemberg. Fotografien aus dieser Zeit zeigen ihn im Frack, mit Weste, Krawatte, Hut und einem Rohrstock in der rechten Hand. Wovon er seinen Lebensunterhalt bestritt, wusste niemand. Es kursierten verschiedene Gerüchte. Manche besagten, dass er sich in der Unterwelt bewege und sein Geld als Hochstapler und Mädchenhändler verdiene. Andere wollten wissen, dass ihn der holländische Millionär Anton von Hoboken - Serner hatte ihm seine „Letzte Lockerung“ gewidmet – großzügig mit Geldmitteln ausgestattet habe. Fest steht, dass sich um seine Person unzählige Legenden rankten und er die Phantasie des Literaturpublikums beschäftigte.

1928 zog sich Walter Serner vollständig von der Literatur zurück. Zuvor hatte der Steegemann Verlag? eine 7-bändige Gesamtausgabe? veröffentlicht. Die Umschlagillustrationen stammten von dem Maler Christian Schad?, mit dem Serner in Genf zusammengelebt hatte. Die Gesamtausgabe? ist inzwischen eine bibliophile Kostbarkeit geworden, die bei Auktionen Höchstpreise erzielt. In der Werksammlung ist auch Serners Roman „Die Tigerin. Eine absonderliche Liebesgeschichte“ enthalten, der erstmals 1925 im Elena Gottschalk Verlag? in einer Auflage? von 3.000 Exemplaren veröffentlicht worden war. Der Roman, den Serner bereits 1921 in Berlin konzipiert hatte, spielt im Hochstapler- und Ganovenmilieu. Wegen der sexuellen Schilderungen sollte „Die Tigerin“ im September 1931 in die Liste der Schund- und Schmutzschriften? aufgenommen werden, was einem Verbot? gleichgekommen wäre. Aufgrund eines Gutachtens von Alfred Döblin wurde das Verfahren jedoch eingestellt. Der Roman konnte weiter erscheinen.

Für die Zeit nach 1928 existieren nur wenige biographische Daten, aus denen sich Serners Leben rekonstruieren lässt. 1933 wurden seine Bücher in Deutschland verboten. Von 1938 an lebte er mit seiner Frau Dorothea Herz in Prag, wo er als Sprachlehrer tätig war. Am 10. August 1942 wurden er und seine Frau aus dem Prager Ghetto deportiert und vermutlich in der Nähe von Minsk ermordet.

Der Walter-Serner-Preis? erinnert an den Autor.

Übrigens ...

Walter Serner hat es nie lange an einem Ort ausgehalten, sei es in einer Stadt, sei es in einer Wohnung. Das Einwohneramt der Stadt Zürich registrierte von 1915 bis 1933 mehr als 30 Wohnsitze Serners.

Werke (Auswahl)

  • Bücher von Walter Serner bei Jokers
  • Letzte Lockerung. manifest dada. EA 1920. München, DTV 1984, ISBN: 978-3423102773. Wiederauflage hg. v. Andreas Puff-Trojan, Zürich, Manesse Verlag 2007, 17,90 €, ISBN: 978-3717521488
  • Zum blauen Affen. EA 1921. Dreiunddreißig Kriminalgeschichten. München, DTV 1983, ISBN: 978-3423101769
  • Der elfte Finger. EA 1923. Erotische Kriminalgeschichten. München, DTV 1984, ISBN: 978-3423012409
  • Die Tigerin. EA 1925. Eine absonderliche Liebesgeschichte. Roman. München, Goldmann 1992, ISBN: 978-3442420360
  • Der Pfiff um die Ecke. EA 1925. München, Btb 2000, ISBN-13: 978-3442727261

Hörbücher

  • Die Tigerin, 4 CDs. Zürich, Kein & Aber 2001, ISBN: 978-3036911106

Sekundärliteratur

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