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Das Bildnis des Dorian Gray

von
Oscar Wilde

Reichtum, Schönheit, Jugend – Mit „Das Bildnis des Dorian Gray“ gelingt es Oscar Wilde, dem Leser auf eindrucksvolle Weise die allzu oft unterschätzten Gefahren des Genusses am Beispiel des jungen und außerordentlich schönen Dorian aufzuzeigen, dessen unersättlicher Drang nach immer neuen Vergnügungen sein Leben beherrscht. Unfähig, seine Sucht zu zügeln und dem schädlichen Einfluss, den sein zynischer Freund Lord Henry Wotton auf ihn ausübt, zu entkommen, taumelt Wildes Protagonist schließlich wie ein Getriebener durch das Leben. Befreit von der warnenden Stimme des äußerlichen Verfalls, gibt es nur einen Spiegel seines wahren Gesichts: sein an seiner Stelle alterndes Porträt. Als sein Gewissen verbannt er dieses aus seinem Leben und bleibt der engelsgleiche Junge, der er vorher war – äußerlich. Innerlich zerfressen, holt ihn jedoch bald die Last seiner Sünden ein.

London, Ende des 19. Jahrhunderts: Basil Hallward, ein gutmütiger und begabter Maler, der Dorian Gray auf einer adeligen Gesellschaft begegnet, ist augenblicklich seinem Bann erlegen. Der Junge verfügt über die Ausstrahlung und Leichtigkeit einer unverbrauchten Jugend, die das Herz seiner Mitmenschen wie ein sanftes Band umschlingt. Von neuer Energie erfüllt, beginnt der Maler, ein lebensgroßes Bild seines neuen Modells Dorian anzufertigen. Während einer Porträtsitzung macht dieser die Begegnung mit dem erfahrenen Lord Henry Wotton, der den jungen Mann mit seiner ästhetizistischen Weltanschauung konfrontiert. Überwältigt von dem Weltbild, das dieser dem unerfahrenen Jungen eröffnet, verfällt Dorian der Manipulation des geistreichen Dandys und gibt sein Leben fortan dem Hedonismus hin. Ähnlich dem Narziss? in Ovids "Metamorphosen" wird ihm schlagartig seine eminente Schönheit, aber auch die Vergänglichkeit derselben bewusst. So formuliert er schließlich den scheinbar leichtfertigen Wunsch, sein Porträt möge an seiner Stelle altern und er die ewige Jugend seines Bildnisses erhalten.

Das Leben des eitlen Adonis verändert sich durch die neu geknüpfte Freundschaft beträchtlich. Er lernt nun unter dem intensiven Einfluss Lord Henrys, seine Möglichkeiten auszukosten und die Genüsse des vor ihm liegenden Lebens zu erkunden. Zusehends beginnt er allerdings auch, seine Grenzen auszureizen und in der Gefahr die Schönheit zu suchen, worin seiner Ansicht nach „das wahre Geheimnis des Lebens“ liegt. Dabei gerät er eines Abends in einem schmuddeligen Theater in die Vorstellung von „Romeo und Julia?“, wobei er sich leidenschaftlich in die anmutig-liebreizende Schauspielerin Sibyl Vane verliebt. Dorian Gray ist hingerissen vom Talent und der Hingabe, mit der seine erste Liebe verschiedene Figuren wie die Julia, Rosalinde oder Imogen verkörpert. In heller Verzückung über das zarte Wesen, dem seine überschwängliche Liebe gilt, verlobt er sich mit der Schauspielerin.

Im Folgenden besucht er gemeinsam mit Basil und Lord Henry, der indessen versucht, seinem Protegé von einer Heirat mit einer einfachen Künstlerin abzuraten, erneut eine Vorstellung, um seine Freunde vom Talent und dem Charme seiner Geliebten zu überzeugen. Dabei erscheint ihr Schauspiel jedoch wie verändert: unästhetisch und oberflächlich. Voller Erzürnung über die Demütigung, die Sibyl ihm damit zufügt, löst er die Verlobung ohne Rücksicht auf das zutiefst verletzte Mädchen, dem die Liebe zu Dorian ähnlich seiner Bekanntschaft mit Lord Henry die Augen öffnete – sie aber im Gegensatz zu ihm erkennen ließ, dass das Leben mehr als Kunst und Theater ist. Hierbei wird deutlich, dass Dorian vielmehr die Bühnengestalten als den Menschen dahinter liebte, wozu er durch seinen Narzissmus indessen schlicht nicht mehr fähig ist. Sibyl sieht nach dieser Erfahrung keinen anderen Ausweg als Selbstmord. Dorian hingegen befreit sich schnell von den Lasten dieser Enttäuschung und fährt mit seinem zunehmend ausschweifenden Lebensstil fort.

Sein Porträt indes verändert sich. Die zarten, unschuldigen Züge seiner jugendlichen Schönheit verlieren zunehmend an Reinheit, das anmutige Lächeln erscheint wie verzerrt. Mit Verwunderung und Schrecken reagiert Dorian auf die immer offensichtlicher werdende Alterung seines Ebenbildes, während sein Antlitz unbelastet durch die Ausschweifungen seines Trägers bleibt: Sein anfänglich geäußerter Wunsch geht auf wundersame Weise in Erfüllung.

Verängstigt durch diese Erkenntnis, versucht Dorian Gray, sein Bildnis zu verbergen, das ihm, als Spiegel seiner Seele, seine Sünden vor Augen führt. Zugleich aber kostet er die Vorzüge ewiger Jugend aus, die Lord Henry ihm stets aufzeigt: „Es gibt nichts, was Sie mit Ihrer außerordentlichen Schönheit nicht tun könnten.“ So verstrickt er sich immer weiter in die Gefahren unsittlicher und zwielichtiger Angelegenheiten auf der Suche nach Vergnügen und Abenteuer, die sein unersättliches Verlangen nach fremden Genüssen fordert, während die Lebensfreude trotz der intensiven Suche nach derselben zunehmend schwindet. Sein Ansehen gerät mehr und mehr in Befleckung – nicht dagegen sein Aussehen. Befreit von der Last seiner Sünden verliert er letztlich die Kontrolle über sein entgleistes Leben, als ihn sein entstelltes Abbild aus der Verdrängung schließlich überrollt und er die Verantwortung für sein verwerfliches Dasein tragen muss.

Oscar Wilde erschuf mit „Das Bildnis des Dorian Gray“ ein herausragendes Werk? über die Abgründe des menschlichen Daseins. Ihm gelingt mühelos der Spagat zwischen einer eindrucksvollen, nachvollziehbaren Darstellung des Innenlebens seiner Hauptfigur und zugleich des Erzählens der Handlung als außenstehender Autor. Dabei beschreibt er die auftretenden Gestalten auf so geschickte Weise, dass der Leser eine Beziehung zu diesen aufbauen kann, ohne die Distanz zu verlieren. Niemals urteilt oder moralisiert er; allein durch nüchtern pointierte Abbildung entschleiern die Figuren selbst dem Leser das Dilemma ihres Daseins.

Bezüglich der sprachlichen Ausgestaltung des Werkes weiß Oscar Wilde durch einen ausgeprägt nüchtern-vornehmen Schreibstil? zu überzeugen. Mit künstlerischer Leichtigkeit, ohne zu langweilen, präsentiert er dem Leser so anspruchsvolle und hochwertige Schreibkunst, die ohne komplizierte und mühsam zu verstehende Satz- und Wortkonstruktionen auskommt. Die Handlung des Romans erfolgt unter der Dramaturgie einer steten Spannungssteigerung, die, aufgelockert durch wohl durchdachte und unterhaltsame Dialoge?, unter intelligenter Inszenierung meist sehr authentisch und realistisch erscheint. Sie steuert bewusst auf eine Katastrophe hin, die den ins unerträgliche gesteigerten inneren Konflikt des Protagonisten, der die Divergenz seines inneren und äußeren Ichs unter der erdrückenden Last der Sünde nicht mehr zu ertragen vermag, auflöst.

So erweist sich „Das Bildnis des Dorian Gray“ als eine kritische und tiefgründige, aber auch erschreckende Abbildung der menschlichen Schwäche und Schuld. Als Kritikpunkt an diesem Werk verbleibt jedoch auch zu erwähnen, dass Wilde sich durch seinen zumeist neutralen Erzählstil insbesondere von der Figur des Lord Henry Wotton kaum distanziert. Zwar stellt er dessen Hedonismus und Ästhetizismus? anhand der Entwicklung Dorian Grays in Frage, nicht jedoch grundsätzlich. Der abgelebte Lord durchtränkt den Roman mit zynischen?, paradoxen? und pointierten Aphorismen bezüglich seiner unmoralischen Ansichten, die dem Werk Schärfe verleihen, den Roman jedoch auch als teilweise unreflektierte Proklamation derselben anfechtbar machen.

„Das Bildnis des Dorian Gray“ stellt das Prosa-Hauptwerk des irischen Schriftstellers Oscar Wilde (1854-1900) dar. 1890 in der Erstfassung? erschienen, wird es heute längst den Klassikern der Weltliteratur? zugeordnet. Einige Züge Dorian Grays gleichen dem exzentrischen Wilde so auffallend, dass ein Gericht den Roman als Autobiographie wertete, als er aufgrund seines Kontakts zu männlichen Prostituierten zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. Der aufsehenerregende Snob Wilde, der aufgrund seiner Homosexualität und ausschweifenden Lebensweise gesellschaftliche Verachtung auf sich zog, war jedoch nicht fähig, die Lehre aus seinem eigenen Werk zu ziehen, in dem er die Folgen seiner eigenen Weltanschauung so eindringlich darstellt.

So bewahrheitet sich schließlich anhand seiner eigenen Biografie der Einleitungsgedanke des Romans: „Alle Kunst entbehrt völlig des Zweckes.“

Autorin: Carina Mauersberger

Literaturangaben

  • Wilde, Oscar: Das Bildnis des Dorian Gray. Roman. Aus dem Englischen von Ingrid Rein. Reclam Verlag, Ditzingen 2010. 352 S., 6,95 €, ISBN: 978-3150217177


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