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Der fatale Hang zum Gesamtkunstwerk

Bereits 1849 hatte Richard Wagner? in seinem Essay "Die Kunst und die Revolution" festgestellt, die moderne Kunst stehe unter dem Zwang der Kommerzialisierung und müsse sich unter dem Druck des Kapitals wie jedes andere Produkt auf dem Markt als Ware anbieten und verkaufen. Diese Entwicklung setze die Kunst herab zum bloßen Mittel, zur Unterhaltung? für die Massen, zum Luxusvergnügen für die Reichen. Kulturkritik? war gar nicht so einfach. Man musste einiges gelesen und vieles beobachtet, noch mehr aber ausgeblendet haben. Dann verfiel die Kulturkritik? selbst dem kulturkritischen als gesellschaftskritischen Urteil: "Dem Kulturkritiker? passt die Kultur nicht, der einzig er das Unbehagen an ihr verdankt." - so Adorno 1949.

Blieb nurmehr die Überbietung durch Zivilisationskritik?. Kritik ist eine zeitlose, eine lautlose Disziplin. Nicht im metaphorischen Sinn, sondern methodisch. Derzeit schreiben viele Theoretiker? Bücher, die man an nahezu jeder beliebigen Stelle aufschlagen könnte, um mit dem Lesen zu beginnen. Bücher, die wie ein Puzzle konstruiert sind oder wie ein Labyrinth ohne Faden. Oder Bücher, die ihren Gegenstand? auf ihre Form und ihre Erscheinungsweise abbilden. Was nicht totalisierbar sein soll, darf auch nicht der Form einer linearen Erzählung oder einer stringenten Argumentation? folgen, sondern soll vielmehr neue offene Formen der Rezeption und neue Denkweisen hervorbringen.

Es gab eine Zeit, da konnten Intellektuelle Popstars sein. Ihre Artikel? und Bücher wurden auch jenseits von Universitäten gelesen, weil sie versprachen, das Lebensgefühl einer Generation oder Szene mit einem Gedanken auf den Punkt zu bringen. Denken selber wurde sexy. Auf die Frage, ob sie Drogen nehme, antwortete Ingeborg Bachmann sinngemäß: Ich brauche keine, ich lese. Lesen als Sucht, so viel steht fest, ist im Leben einiger Menschen eine Tatsache; und zwar eine, die den Zusammenhang zwischen Irrsinn und Vernunft aufs Schönste belegt. Markierte dieses Phänomen - Intellektualität? als Geste, als Bestandteil von Mode und Zeitgeist - den Höhepunkt der gesellschaftlichen Bedeutung von Kulturkritik?, eine Zeit, in der die Figur des öffentlichen Intellektuellen? endlich in die Welt hinaus tritt und zu ihrem Recht kommt - oder umgekehrt, war die Popularisierung von Ideen, ein Zeichen des Verfalls, weil sich die Ernsthaftigkeit des Denkens auf dem Marktplatz des Geistes bald inflationär verflüchtigte?

Die Buchbranche hat ihren iconic turn. Dass Anselm Kiefer, einem bildenden Künstler, der Friedenspreis des deutschen Buchhandels verleihen wurde, wirft ein Schlaglicht auf die Sprachlosigkeit? der deutschsprachigen Literatur. In Paragraf 1 zum Statut des Friedenspreises heißt es, der Preis werde an eine Persönlichkeit verliehen, "die in hervorragendem Masse vornehmlich durch ihre Tätigkeit auf den Gebieten der Literatur, Wissenschaft? und Kunst zur Verwirklichung des Friedensgedanken beigetragen hat". Seine Bibliothek aus Blei gegossener Folianten kann man jedoch auch dahingehend deuten, dass in Zukunft die Bücher bleischwer in den Regalen? liegen werden. Dass der Tod und das Sterben der Finsternis Nahrung geben, ist ein Gedanke des Mystikers Jakob Böhme?. Die Vergangenheit ist ausgelöscht und mit ihr die Zukunft: Worin unterscheidet sich, was niemals sein wird, von dem, was niemals war? Es gibt in der Begründung der Preisverleihung einen Satz, der einem das Verständnis an der Entscheidung nehmen kann: "Anselm Kiefer erschien im richtigen Moment, um das Diktat? der unverbindlichen Ungegenständlichkeit der Nachkriegszeit zu überwinden." Als der bildende Künstler anlässlich seines 60. Geburtstages auf die Nachkriegszeit angesprochen wurde, bestätigte er die Faszination, welche die zerstörten Städte auf ihn ausübten: "Trümmer sind an sich Zukunft. Weil alles, was ist, vergeht."

Betrachten wir den bildenden Künstler als Mann des Wortes, kommt folgendes dabei heraus: "Motorrad, Marmor, Jean Genet, Huysmans, Ludwig II. von Bayern, Paestum, Adolf Hitler, Julia, Bilder: Heroische Landschaften; 1970 eigene Bücher über heroische Sinnbilder, Besetzungen, Einschüsse, Staatsexamen, Studienstiftung des deutschen Volkes, Studium bei Joseph Beuys, Düsseldorf." Es folgen Mythenbeschwörungen, Nibelungisches? und Hermannsschlacht, Runen?, also eine Kunst, die ganz bewusst an die hybride Nazi-Monumentalität anknüpft, Teufelsaustreibung mit den Mitteln des Teufels. Hieronymus Bosch hat sich jedoch geirrt. Die Hölle ist kein Ort unvorstellbaren Schreckens, an dem böse Fabelwesen Unaussprechliches tun. Die Hölle ist die Welt, wie wir sie kennen, mit einem einzigen Unterschied: Es ist alles aus dieser Welt verschwunden, was sich aus der Hoffnung speist und deshalb Hoffnung gibt. Nun muss der bildende Künstler? eine Rede? schreiben, bleibt zu hoffen, dass diese nicht so peinlich wird, wie einmal bei Martin Walser.

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