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Die erste Stimme. Ich und mein Bruder – mein Bruder und ich

von
Avram Kantor

Ein auf einem Seil balancierender Junge. Das Seilende hält er gespannt nach oben in seinen Händen, nur der Seilanfang ist befestigt. Er selbst bestimmt die Richtung. Nicht, dass der Balanceakt an sich schon schwierig genug ist! Sobald der Junge beim Balancieren das Seilende nicht genug spannt, fällt er zu Boden. Ein Vorgang, der natürlich laut Gravitationsgesetz der Erde unmöglich ist. Doch spiegelt das Titelbild des Romans, das von keinem geringeren als Quint Buchholz? illustriert wurde, auf sehr treffende Weise die Situation des 12-jährigen Ich-Erzählers wider.

Die Ärzte sagen, er sei Autist und unfähig mit seiner Umwelt eine Beziehung einzugehen. Doch versteht der Junge ganz gut, worüber sich die Eltern und Geschwister unterhalten und reagiert auf seine Weise darauf. Er ist sehr wohl imstande, mit seiner inneren, seiner ersten, Stimme Wörter und Sätze zu bilden. Er kann mit ihr sogar singen. Nur vermag er es nicht, diese phonetisch umzusetzen.

Seine Eltern, die schon verschiedene Ärzte konsultiert haben und immer wieder nach neuen Therapien suchen, wissen nicht, wie intensiv der Junge die Geschehnisse seiner Umgebung verarbeitet. Sie halten ihn für stumm und zurückgeblieben. Und weil er nicht sprechen kann, verwenden sie andere Formen der Kommunikation.
Doch der Junge hat ein Geheimnis, das er nicht preisgibt: Er kann lesen und schreiben. Mit vier Jahren hat ihm diese Fähigkeit seine Schwester – ohne es selbst zu wissen – beigebracht. Niemand merkt es und schnell stellt der Junge fest, wie nützlich ihm dieses Geheimnis ist: „Wenn alle glauben, dass du nicht lesen kannst, machen sie sich nicht die Mühe, irgendetwas Geschriebenes vor dir zu verstecken, ...“

Er liest die Bücher und Briefe? seiner Eltern, die Gutachten der Ärzte und Lehrer. Mit Hilfe des Computers stillt er seinen Wissensdurst, auf diesem lernt er einzelne Programme und vor allem das Schreiben. Auf keinen Fall will er sein Geheimnis verraten! Geschickt hat er alle Bemühungen der Eltern und Lehrer, ihm Lesen und Schreiben beizubringen, abgewiesen. Niemand hätte es erfahren, wenn er nicht seinen Bruder Kobi hätte retten müssen ...

Einfühlsame Beschreibung einer Geschwister-Beziehung

Der 1950 in Haifa geborene Schriftsteller, Verleger und Übersetzer Avram Kantor? verknüpft in seinem Roman auf sehr eindrucksvolle Weise die Geschichte einer ungewöhnlichen Geschwister-Beziehung mit der Thematik Judentum und Religion in Israel. Der Ich-Erzähler, durch seine Behinderung zum Außenseiter abgestempelt, beobachtet seine Umgebung sehr genau und sensibel und bemerkt als erster in der Familie, dass sein Bruder Kobi sich immer mehr zu einem streng gläubigen Juden verändert. Kantor gelingt es, das Verhältnis der beiden Brüder sehr einfühlsam zu beschreiben.

Anfänglich schämt sich Kobi, weil sein Bruder nicht sprechen kann, und nennt ihn einen Zurückgebliebenen. Widerwillig geht er der Aufforderung des Vaters nach, seinen Bruder am Computer einzuweisen. Dieser wiederum beschäftigt sich am Anfang nur damit, um in der Nähe seines großen Bruders sein zu können. Und obwohl dem Älteren sein Bruder scheinbar gleichgültig ist, versteht er ihn ohne große Worte und verteidigt ihn mit seinen Fäusten, wenn andere Kinder ihn verspotten und angreifen.

Der Ich-Erzähler spürt, dass sein Bruder ihn trotz seiner kühlen und abweisenden Art mag: „Ich wusste, dass er mich, trotz seiner Beschimpfungen und seiner Art, mich nicht zu beachten, gern hatte. Vielleicht tat er es auf eine Art, wie man den Hund der Nachbarn mag: Man will nichts mit ihm zu tun haben, aber man freut sich über sein Schwanzwedeln, wenn er einen sieht.“ Besser kann der Autor diese Beziehung nicht beschreiben.

Der Junge entdeckt – schon bevor Kobi die Eltern mit seinem veränderten Verhalten konfrontiert –, dass sich sein älterer Bruder immer wieder für die Internetseite einer ultraorthodoxen Sekte interessiert und in E-Mails Fragen an diese Fremden stellt. Intuitiv fühlt er, dass diese seinen Bruder so sehr beeinflussen, dass er immer weniger die Möglichkeit sieht, seinem Bruder auch als Freund näher zu kommen. Er glaubt, dass Kobis Umgang mit diesen Menschen sich nicht nur gegen ihn, sondern auch gegen seine Eltern, gegen seine Familie richtet.

Familienalltag in Israel

Kantor skizziert in seinem Roman das Bild einer israelischen, sehr gebildeten Familie der Mittelschicht, die ein offenes Verhältnis zum jüdischen Glauben hat, im Alltag jedoch nicht nach dessen Regeln und Geboten lebt. Die Eltern, die ihre Kinder verständnis- und liebevoll erziehen, finden zu ihrem ältesten Sohn immer weniger Kontakt und sorgen sich sehr. Doch sie strafen ihn nicht mit Verboten. Als Kobi in ein Ferienlager der Ultraorthodoxen fährt, weiß der Ich-Erzähler, dass es nur eine Möglichkeit gibt, seinen Bruder wieder zurückzuholen: Er muss ihn mit sich selbst konfrontieren. Er muss ihm sein Geheimnis offenbaren ...

Avram Kantor wagt sich an eine problemgeladene Thematik: Behinderung, Religion, Judentum. Umso schwieriger ist es für ihn, den Stoff so zu verarbeiten, dass er den Leser von Anfang bis Ende an der Handlung festhalten kann. Das gelingt ihm vor allem, in dem er das Geheimnis des Ich-Erzählers und das Verschwinden seines großen Bruders zum „Aufhänger“ seiner Geschichte macht.

Der Leser weiß immer etwas mehr

Kantor geht es um die ungewöhnliche Beziehung zwischen zwei Brüdern, die ausnahmslos aus der Sichtweise des Jüngeren, des 12-jährigen Ich-Erzählers, reflektiert wird und die der Autor in ein Umfeld einbettet, in dem jüdische Religion und Brauchtum keine unbedeutende Rolle spielen. Der Leser erfährt unmittelbar, was den Jungen bewegt und worüber er nachdenkt. Er weiß von dessen Geheimnis. Dadurch ist er den Figuren des Romans immer einen Schritt voraus und hat ihnen gegenüber den Vorteil, dass er des Jungen „innere Stimme“ direkt „hören“ kann. Gespannt beobachtet er, wie der Junge aus seiner in sich geschlossenen Welt tritt und sich langsam – wie auf einem Seil balancierend – seiner Umwelt öffnet. Der Ausgang dieses Balanceaktes bleibt sowohl für den Balancierenden als auch für den Beobachtenden offen, denn das Geheimnis hat er bisher nur seinem Bruder Kobi anvertraut.

In Kantors Roman findet sich vieles vereint: einfühlsame Erzählweise, genaue Analyse der Gedankenwelt des Ich-Erzählers, brillante Charakteristik der Beziehung zwischen den beiden Brüdern, aber auch etwas ermüdende theologische Betrachtungen und ein unglaubwürdig wirkendes Ende. Viel zu einfach schildert der Autor die schnelle Abkehr Kobis von der ultraorthodoxen Sekte. Doch darüber kann man leicht hinwegsehen. Überzeugend und ehrlich lässt Kantor die innere, die erste, Stimme des Ich-Erzählers nach draußen dringen. Sicher findet sie ein offenes Gehör bei den Lesern.

Ein starkes und einfühlsames Buch!

Originalbeitrag unter www.alliteratus.com

Literaturangaben

  • Kantor, Avram: Die erste Stimme. Ich und mein Bruder – mein Bruder und ich. Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler, Hanser Verlag, Hamburg 2008, 208 S., 14,90 €, ISBN: (ab 12)


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