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Gutenbergfest

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Gutenbergfeste oder Gutenbergfeiern werden alle 100 Jahre zum Gedenken an Johannes Gutenberg und an die Erfindung des Buchdruckes mit beweglichen Lettern gefeiert. Dieses Ereignis wird auf das Jahr 1440 datiert. Dabei spiegeln diese meist sehr großen Feste auch immer die gesellschaftlichen Umstände ihrer Zeit wider.

Foto: Gerd Altmann / www.pixelio.de

Geschichte

Zunächst handelte es sich bei diesen Festen um Feiern im kleinen Rahmen, an denen überwiegend Menschen aus den oberen Gesellschaftsschichten teilnahmen. Im Laufe der Zeit jedoch entwickelten sie sich zu Massenveranstaltungen, die an mehreren Orten gleichzeitig stattfinden. 1640 waren es nur wenige Städte, die diese Feierlichkeiten ausrichteten, darunter Mainz und Leipzig. Doch schon ein Jahrhundert später wurde in über 30 deutschen Städten und auch im Ausland, u.a. in Genf, Straßburg und London, an den Buchdruck und seinen Erfinder erinnert. Organisiert wurden die Feste dabei meist von den Buchdruckerverbänden in Gemeinschaft mit anderen Leuten, die im Büchergewerbe tätig waren.

Entstehung

Bereits 1540 sollen Wittenberger Buchdrucker?, in deren Mittelpunkt Hans Lufft? stand, das Ereignis gefeiert haben. Weil dies aber nur durch eine einzige Quelle überliefert ist und auch in den Festschriften? der folgenden Jahrhunderte niemals erwähnt wird, ging man schon Ende des 19. Jahrhunderts davon aus, dass es sich hierbei wohl um eine Sage handelt. Sicher ist aber, dass im Jahre 1540 in Mainz eine kleine Gedenkschrift? herausgegeben wurde. Das Werk? von Johannes Arnold?, das den Titel „De chalcographie inventione poema encomiasticum“ trägt, wurde 1541 beim St. Viktor-Stift veröffentlicht. Solche Gedenk?- und Festschriften? wurden nun bei jedem Gutenbergfest herausgegeben. Sie enthalten meist eine Beschreibung vom Ablauf des Festes sowie Reden, Lieder, Gedichte und Ähnliches.

Die Gutenbergfeste im Jahre 1640

Das erste historisch greifbare Gutenbergfest wurde am 24. Juni 1640 von fünf Leipziger Buchdruckern? ausgerichtet. Es dauerte drei Tage und hatte einen sehr religiösen Charakter. Getanzt wurde nicht - dafür gab es frommen Gesang und eine gemeinsame Mahlzeit. Die Organisatoren orientierten sich offenbar an einem kurz zuvor veranstalteten Fest, welches das Bestehen der Reformation gefeiert hatte. Bei eben dieser Feierlichkeit fühlten sie sich zugleich übergangen, da der Buchdruck entscheidend zur Verbreitung der Reformation beigetragen hatte und das nicht angemessen geehrt wurde. Von Leipzig aus breiteten sie die Idee auch auf andere Städte aus. Doch das Fest blieb schon in seiner Entstehungszeit nicht unkritisiert. So waren die Straßburger Drucker? der Ansicht, dass Gutenberg nicht der Erfinder war und 1440 auch nicht als das Jahr der Erfindung gelten kann.

Die Gedenkfeiern dieses Jahres wurden von den Wirren des Dreißigjährigen Krieges und den Bemühungen der Gegenreformation überschattet. Gutenbergfeste wurden damals vor allem in protestantischen und vom Krieg noch mehr oder weniger verschonten Städten, wie z.B. in Breslau, Dresden und Leipzig gefeiert. In Mainz dagegen hatten die Kämpfe verheerende Schäden angerichtet. Die wirtschaftliche Situation war daher äußerst schlecht und auch der letzte Buchdrucker? hatte das Handtuch geworfen - dort gab es niemanden, der ein Fest veranstalten wollte. Die Feiern aber, die stattfanden, waren groß und wurden stark mit der Reformation verknüpft. Luthers? Gedanke, dass der Buchdruck ein Geschenk Gottes sei, stand dabei im Vordergrund.

Die Gutenbergfeste im Jahre 1740

In diesem Jahr stand das Fest ganz im Zeichen der Aufklärung? und wurde von einem gebildeten Bürgertum, das immer mehr Bücher verschlang, begangen. Die Anzahl der Teilnehmer sprengte dabei vielerorts den Rahmen der Feste. Feiern fanden in etwa 64 verschiedenen deutschen Städten statt, aber z.B. auch in Holland. Vor allem die Städte, die im Jahrhundert zuvor nicht zum Zuge gekommen waren, veranstalteten nun große Volksfeste. Bezeichnend für die aufklärerischen Tendenzen war das Fest in Leipzig, einem Zentrum der Aufklärung?. Der Buchdruck wurde nun als Mittel der Verbreitung von Wissen gefeiert. Dabei taucht die Lichtmetapher als Symbol für die schwindende Unwissenheit des Volkes immer wieder auf.

Die Gutenbergfeste im Jahre 1840

Große Veränderungen kennzeichneten dieses Zeitalter: Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation existierte nicht mehr, der Nationalismus schlug im Deutschen Bund um sich, die Industrialisierung schritt voran. Vor allem Letzteres betraf auch die Buchdruckerkunst. Die Feiern in diesem Jahr wurden in vielen Städten, z.B. in Leipzig, dazu genutzt, der Forderung nach der schon lange versprochenen Pressefreiheit und damit nach der Abschaffung der Zensur? Ausdruck zu verleihen. Durch solche Feste wollten sich die Bürger als eine Einheit zeigen und Unabhängigkeit beweisen - auch wenn sie dabei meist streng vom Militär überwacht wurden. In einigen Gegenden wurden die Gedenkfeiern, die inzwischen schon Volksfestcharakter hatten, sogar verboten, da die Machthaber Angst vor Aufständen hatten. Die Gottesgeschenkidee war überholt, jetzt wollte man die Wirkung des Buchdruckes feiern: Das Buch verband die Deutschen.

Die Gutenbergfeste im Jahre 1940

Der Ruf nach Pressfreiheit wurde zwar erhört, doch unter dem nationalsozialistischen Regime wurde sie bald wieder durch die Zensur? verdrängt. Es wurde beschlossen, dass in den nächsten Jahren zu Ehren Gutenbergs, der als deutscher Nationalheld galt, eine „Gutenberg-Reichsausstellung“ eröffnet werden sollte. Die zum Teil größenwahnsinnigen Pläne wurden - wie viele andere - nie verwirklicht. In diesem Jahr waren die Feste eigentlich auch keine Feiern der Buchdrucker? mehr, sondern vielmehr Gelegenheiten, an denen die Nationalsozialisten das Propagandainstrument Buchdruck feiern konnten.

Der Wandel der Erinnerungsfigur Johannes Gutenberg

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Mit der historischen Veränderung der Festumstände hat sich auch das Verständnis von der geschichtlichen Figur „Johannes Gutenberg“ stark gewandelt. Während 1640 die Gemeinschaft der Buchdrucker? und Buchbinder vor allem sich selbst feierte, weil sie das Erbe Gutenbergs fortführten, trat 1740 in den Zeiten der Aufklärung? Gutenberg als heldenhafter Wegbereiter des technischen und wissenschaftlichen Fortschritts hervor. Von nun an wurde er als Person bejubelt, was sich 1840 und 1940 noch verstärkte, als er schon als deutscher Nationalheld gefeiert wurde. Das beweist auch die Tatsache, dass bei späteren Feiern Gutenberg als alleiniger Erfinder angesehen wird, wohingegen 1640 der Buchdruck viel mehr als gemeinschaftliche Entwicklung von Johannes Gutenberg, Johannes Faust? und Peter Schöffer? gewürdigt wurde. Es bleibt also offen, in welche Richtung sich die Feier und die Erinnerungsfigur bis 2040? entwickeln werden.

Foto: Michael Schönitzer / Wikipedia.org

Wie wurde gefeiert? Ein Bericht

Beispielhafter Ablauf: Die vierte Säkularfeier zur Erfindung der Buchdruckerkunst im Jahre 1840 in Leipzig.

Es wird berichtet, dass zu diesem Anlass die Häuser mit Kränzen und Transparenten geschmückt waren. Am 23. Juni traf sich die die Elite der Stadt, allen voran die Unternehmer im Buchgewerbe, zu einem Gottesdienst in der Thomaskirche. Daraufhin zogen militärische, städtische und kirchliche Vertreter sowie Chöre und Beschäftigte aus dem Buchgewerbe in einem Festumzug mit Fahnen, Tracht und ausgewählten Buchdrucken zur Buchhändlerbörse. Am Marktplatz angelangt trug ein Männerchor den von Felix Mendelssohn Bartholdy komponierten „Festgesang“ vor. Nach der Festrede wurden die Gutenbergstatue und eine eigens aufgebaute Werkstatt enthüllt, in der man gleich das gemeinsam gesungene Festlied drucken ließ. Mittags aßen alle zusammen in einem Festzelt. Am Morgen des zweiten Tages fanden Vorträge und eine Feier an der Universität statt. Eine Bücherausstellung zeigte zum Teil wertvolle Bücher, in der Thomaskirche wurde Mendelssohns „Lobgesang“ aufgeführt und abends wurde auf einem Ball getanzt. Am dritten Tag gab es einige Theaterstücke und Festzüge. Dann begann das eigentliche Volksfest, das mit einem großen Feuerwerk endete.

Bedeutung des Festes

„Ein freies Volk feiert seine Feste nicht für Vergangenes, das vergangen ist, sondern das lebendig fortlebt in der Gegenwart.“ (Quelle: Vierte Säcularfeier der Erfindung der Buchdruckerkunst. Ein Festdenkmal für Jedermann. Gesammelt und hg.v. Karl Berger. Karlsruhe 1840, S.72.) Diese Aussage, mit der Raimund Härtel? 1840 in Leipzig seine Festrede begann, beschreibt den Sinn solcher Gutenbergfeiern in wenigen prägnanten Worten. Johannes Gutenberg und seine bahnbrechende Erfindung haben einen Weg in das nationale Gedächtnis gefunden.

Übrigens…

… entstanden im Laufe dieser traditionellen Gutenbergfeiern viele bekannte Werke. Felix Mendelssohn Bartholdy schrieb für die Feier in Leipzig 1840 den „Lobgesang“ und „Festgesang“. In Straßburg, Leipzig und Mainz wurden um 1840 Gutenbergstatuen aufgestellt.

Auch viele prominente Menschen wirkten an den Feiern mit oder waren zumindest zugegen. So hielt Johann Christoph Gottsched? 1740 in Leipzig die Festrede. Dort war 1840 auch Robert Schumann anwesend und lobte das Fest sowie die Komposition von Mendelssohn Bartholdy sehr.

Literatur

  • Estermann, Monika: „O werthe Druckerkunst/ Du Mutter aller Kunst“. Gutenbergfeiern im Laufe der Jahrhunderte. Mainz 1999.
  • Füssel, Stefan: Gutenberg und seine Wirkung. Frankfurt am Main 1999.
  • Steen, Jürgen: Vormärzliche Gutenbergfeste (1837 und 1840). In: Öffentliche Festkultur. Politische Feste in Deutschland von der Aufklärung bis zum Ersten Weltkrieg. Hg.v. Dieter Düding / Peter Friedemann / Paul Münch. Reinbek bei Hamburg 1998, S.147-165.
  • Vierte Säcularfeier der Erfindung der Buchdruckerkunst. Ein Festdenkmal für Jedermann. Gesammelt und hg.v. Karl Berger. Karlsruhe 1840, S. 64-92.
  • Zwahr, Hartmut: Inszenierte Lebenswelt: Jahrhundertfeiern zum Gedenken an die Erfindung der Buchdruckerkunst. Buchgewerbe, Buchhandel und Wissenschaft. In: Geschichte und Gesellschaft 22 (1996), S.5-18.
  • Zwahr, Helmut: Zur Entstehung eines nationalen Gedächtnisses. Die Leipziger Jahrhundertfeiern zum Gedenken an die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern. In: Feste und Feiern. Zum Wandel städtischer Festkultur in Leipzig. Hg.v. Katrin Keller. Leipzig 1994, S.117-135.

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