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Literaturgeschichte

Die Literaturgeschichte beschreibt den historischen Prozess der Entstehung und Entwicklung von Literatur. Sie erfasst dabei auch einzelne Literatur-Epochen, Gattungen und Genres.

Definition

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Die Literaturgeschichte beschreibt den historischen Prozess der Entstehung und Entwicklung von Literatur. Meist widmet sie sich einer in einer bestimmten Sprache verfassten Literatur, z. B. der deutschen Literatur oder der russischen Literatur. Zur Literaturgeschichte gehören auch die Darstellung einzelner Literatur-Epochen (z. B. Klassik, Romantik, Expressionismus) oder die Geschichte der Gattungen (Epik, Lyrik, Drama) sowie die Entwicklung einzelner Genres (z. B. Roman, Novelle, Erzählung, Lied). In der Praxis – also vor allem an Universitäten – ist die Literaturgeschichte ein wesentliches Element der Literaturwissenschaft.

Im Idealfall beschreibt die Literaturhistorie auch die wechselseitigen Beziehungen zwischen den literarischen Erzeugnissen und der Zeit ihrer Entstehung. Auf diese Weise erfasst sie auch allgemein geistesgeschichtliche, künstlerische, religiöse, philosophische und (vor allem in jüngerer Zeit) auch sozial-ökonomische Aspekte und bezieht diese in die Darstellung ein. Traditionell uneins ist man sich in der Frage, welches Gewicht der Biographie des Autors in der literarischen Geschichtsschreibung beigemessen werden soll. Im Vergleich mit früheren Literatur-Epochen spielt die Biographik in unseren Tagen eher eine untergeordnete Rolle.

Beschreiben, vergleichen, bewerten

Die Literaturgeschichte beschränkt sich nicht nur aufs Beschreiben und Vergleichen, sie führt in den meisten Fällen auch zu einer Bewertung der Literatur. Diese Bewertung ist erfahrungsgemäß stark zeitgebunden und von wechselnden wissenschaftlichen Denkströmungen und Urteilsgewohnheiten abhängig: Was z. B. Anfang des 18. Jahrhunderts als vorbildlich und überlieferungswürdig galt, wurde in späteren Epochen nicht selten mit Geringschätzung behandelt und geriet schließlich ganz in Vergessenheit. Ein ganz praktisches Ergebnis, das häufig aus der Literaturgeschichtsschreibung hervorgeht, ist ein Kanon? besonders wertvoller literarischer Werke?.

Zu den Höhepunkten umfassender literaturgeschichtlicher Darstellungen gehören z. B. „Geschichte der poetischen Nationalliteratur der Deutschen“ (1836-1842) von Georg Gottfried Gervinus? und „Geschichte der deutschen Literatur“ (1883) von Wilhelm Scherer?. Es gibt übrigens nur wenige Autoren, deren Werke? über die Literatur-Epochen hinweg andauernde und uneingeschränkte Hochachtung genossen haben, in der deutschen Literatur hauptsächlich Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller und Heinrich von Kleist.

Entstehung

In der Antike gab es Literaturgeschichte ausschließlich in Form von Katalogen? kanonischer? Werke?, die als musterhaft und vorbildlich galten. Von größter Bedeutung für Antike und Mittelalter? war die chronologisch-biographische Vitensammlung? „De viris illustribus“ (392) von Hieronymus?, der die „literatura“ heidnischer Autoren von der „scriptura“ christlicher Autoren unterschied. In seinem Werk? schuf Hieronymus? die Grundlage für die Literaturgeschichte des Mittelalters?, die lange Zeit ausschließlich von christlich-religiösen Prinzipien bestimmt war.

Fortgeführt wurde Hieronymus’? chronologisch-biographische Sammlung? u. a. von Sigebert von Gembloux? (im 11. Jahrhundert) und Honorius Augustodunensis? (im 12. Jahrhundert). Die aus heutiger Sicht bedeutendste lateinische Literaturgeschichte schuf indes Hugo von Trimberg? mit seinem „Registrum multorum auctorum“ (um 1280). In den Literaturgeschichten des Mittelalters? wurden die noch bekannten Autoren der Antike in biographischen Abrissen als literarische Vorbilder dargestellt.

Entwicklung

Auch in Humanismus? und Reformation? entstanden zahlreiche alphabetisch? geordnete Schriftstellerkataloge. Zu nennen ist hier vor allem „Les Bibliothèques françaises“ (1584) von La Croix du Main?.

Im deutschen Sprachraum gelangte im folgenden Jahrhundert Daniel Georg Morhof? zu Bekanntheit. Von weitreichender Bedeutung waren seine Werke? „Unterricht von der deutschen Sprache und Poesie“ (1682) und „Polyhistor litterarius“ (1688-1692), worin er auch einen Blick auf die außereuropäischen Literaturen wirft. Über die Barockzeit? hinaus hatten seine Literaturgeschichten erheblichen Einfluss auf die Entwicklung der deutschen Dichtungstheorie. Morhof? gilt übrigens als Vater der deutschen Literaturgeschichte.

Literaturgeschichte und Politik

Das 18. und 19. Jahrhundert waren reich an literarischen Geschichtsschreibungen, auffällig und beeindruckend sind hier bis heute die unterschiedlichen methodischen Ansätze. Befördert wurde diese Vielfalt von der Aufklärung?, die ein neues Geschichtsverständnis sowie intellektuelles Selbstbewusstsein hervorgebracht hatte. Johann Gottfried Herder? etwa vertrat in seinen literaturgeschichtlichen Schriften die schwärmerisch-idealistische Ansicht, dass vor allem die emotional anrührende Volkspoesie? in der Lage wäre, die Menschen aus ihrer sozialen Vereinzelung herauszulösen und in einer humaneren Gemeinschaft zusammenzuführen. Erstmals wurden hier Literatur und Literaturgeschichte mit politischen Absichten verknüpft.

In der Zeit der Romantik wurden die Grundlagen für eine wissenschaftliche Literaturgeschichtsschreibung gelegt. Wesentlichen Anteil an dieser Entwicklung hatten die Brüder Friedrich? („Vorlesungen über die Geschichte der europäischen Literatur“, 1803/1804) und August Wilhelm Schlegel? („Vorlesungen über schöne Literatur und Kunst“, 1801-1804). Als ein Höhepunkt der Literaturgeschichtsschreibung im 19. Jahrhundert gilt die fünfbändige? „Geschichte der poetischen Nationalliteratur der Deutschen“ (1836-1842) von Georg Gottfried Gervinus?. Der Historiker Gervinus? erfasste die Literatur als einen Teil der politischen Entwicklung.

Literatur als Sozial- und Problemgeschichte

Gesamtdarstellungen aus einer Hand wie von Gervinus? oder Wilhelm Scherer? („Geschichte der deutschen Literatur“, 1883) blieben in der Folgezeit die Ausnahme. In den Blickpunkt rückten nun zusehends Einzeluntersuchungen zu literarischen Epochen, Gattungen und Genres. Das 20. Jahrhundert brachte eine ganze Reihe von bedeutenden literaturgeschichtlichen Werken? hervor, die sich ausführlich einem einzelnen Gegenstand widmeten, z. B. „Geschichte der deutschen Literatur bis zum Ausgang des Mittelalters“ (1918-1935) von Gustav Ehrismann? oder „Geist der Goethezeit“ (1923-1953) von Hermann August Korff?.

Im Nationalsozialismus und Kommunismus geriet die Literaturgeschichtsschreibung in die Gewalt totalitärer Ideologien. Die wissenschaftlich unhaltbare Verbindung von Literaturgeschichte mit üblen rassistischen und antisemitischen Ressentiments war in Deutschland keine Seltenheit.

Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg war demgegenüber geprägt durch intellektuelle Offenheit und einen äußerst fruchtbaren Methoden- und Forschungspluralismus. Vor allem der Versuch, Literatur- mit Sozialgeschichte zu verbinden, erwies sich ab den 1960er Jahren als erfolgversprechender Ansatz. Ein Ergebnis dieser Neuausrichtung war die von Horst Glaser? herausgegebene „Deutsche Literatur. Eine Sozialgeschichte“.

Lernen vom Mittelalter

Die derzeit faktenreichste und sowohl inhaltlich als auch intellektuell ergiebigste Literaturgeschichte ist wahrscheinlich „Propyläen Geschichte der Literatur“ (1981-1982). Daneben gibt es aber auch zahlreiche chronologische Tabellenwerke zur Literatur, die sich vornehmlich an Schüler und Studenten wenden. In ihnen scheint die mittelalterliche? Tradition der biographisch-chronologischen Vitensammlung? in gewissem Sinne fortzuleben.

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