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Tergit, Gabriele

Gabriele Tergit (geb. 4. März 1894 in Berlin; gest. 25. Juli 1982 in London), eigentlich Elise Reifenberg, geb. Hirschmann, war eine deutsche Schriftstellerin und Journalistin? sowie zeitweise Sekretärin des PEN-Zentrums? deutschsprachiger? Autoren im Ausland.

Leben und Schreiben

Gabriele Tergit wurde 1894 unter dem Namen Elise Hirschmann in Berlin als Tochter einer Münchner Posamentenfertigerin und eines jüdischen Fabrikanten geboren. Weil sie einen Beruf in der Sozialfürsorge oder in der Sozialpolitik anstrebte, besuchte sie gegen den Willen ihres Vaters die Soziale Frauenschule von Alice Salomon?. Mit 19 Jahren, während des ersten Weltkrieges, veröffentlichte sie in einer Beilage des "Berliner Tageblatts" ihren ersten Zeitungsartikel. Das Thema: die Situation von Frauen im Krieg. Hirschmann schrieb unter Pseudonym, sie nannte sich Gabriele Tergit, gebildet aus den Buchstaben? des Wortes "Gitter".

Gerichtsreporterin in Berlin

Fortan wollte sie Journalistin werden und studierte mit diesem Ziel ab 1919 Geschichte und Philosophie bis zur Promotion 1925. Bereits ab 1915 schrieb sie in den Feuilletons? mehrerer Zeitungen, darunter die "Die Weltbühne" und die "Vossische Zeitung". Ab 1925 arbeitete sie als Gerichtsreporterin für das "Berliner Tageblatt". Sie war damals die einzige Frau im Berliner Kriminalgericht, diesem "Ort der Männer", wie sie ihn nannte. Durch Tergits lebendig geschriebene sozialkritische Texte wurde die Gerichtsreportage zu einer eigenen Genre - ein Verdienst, das Tergit sich mit Paul Schlesinger ("Sling") von der "Vossischen Zeitung" teilt. Als weiteres Pseudonym legte sie sich den Namen Christian Thomasius zu.

1928 heiratete Tergit den Berliner Architekten Heinrich Julius Reifenberg. Das Paar bekam einen Sohn: Peter. Mit den Jahren begann Tergit sich immer mehr mit politisch motivierten Verbrechen zu beschäftigen. Carl von Ossietzky? gab Texte von ihr in seiner "Weltbühne" heraus. So geriet die Reporterin schon früh ins Visier der erstarkenden Nationalsozialisten.

Romandebüt und Flucht

1931 erschien Tergits erster? Roman "Käsebier erobert den Kurfürstendamm" bei Rowohlt?. Das Buch wurde ein Erfolg. In der Bundesrepublik hatte es seit 1977 mehrere Auflagen?.

In der Nacht zum 4. März 1933 dann klingelten SA-Leute an der Reifenbergschen Tür in Berlin-Tiergarten. "Mein Mann rief: Nicht aufmachen! Und diese zwei Worte haben mich gerettet", erinnerte sich Gabriele Tergit in einem Interview 1981. Heinrich Reifenberg brachte seine Familie nach Spindlermühle im Erzgebirge (Tschechien). Er selbst floh nach Palästina, wohin ihm Gabriele und Peter Tergit im November desselben Jahres folgten. Ein befreundeter Staatsanwalt half bei der Flucht. 1938 ließ sich Gabriele Tergit in London nieder.

Eine Autorin im Ausland

In London beendete Gabriele Tergit ihren zweiten Roman, den sie noch in Berlin begonnen hatte. Er erschien erst 1951 unter dem Titel "Effingers" und erzählt vom Schicksal einer jüdischen Familie in Berlin von 1878 bis 1948, weshalb er auch als "jüdische Buddenbrooks?" bezeichnet wird. Das Buch konnte zwar nicht an den frühen Erfolg von Tergits Erstling anknüpfen, erfuhr jedoch immer mal wieder Auflagen.

Danach verfasste Gabriele Tergit vor allem Bücher zu kulturgeschichtlichen? Themen, etwa "Das Büchlein vom Bett" (1954) oder "Kaiserkron und Päonien Rot. Kleine Kulturgeschichte der Blumen" (1958) und 1965 "Das Tulpenbüchlein". Als Journalistin fasste sie trotz mehrerer Versuche (unter anderem durch Briefe? an Marion Gräfin Dönhoff? von der "Zeit") nicht mehr Fuß. Auch als literarische Autorin blieb sie in der Bundesrepublik eher unbekannt - nach Einschätzung von Literaturwissenschaftlern fehlten ihr Förderer, wie sie Irmgard Keun und Marieluise Fleißer? hatten.

"Der erste Zug nach Berlin" (2000)

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Die Nachkriegssituation in Deutschland schildert Gabriele Tergit in der Novelle "Der erste Zug nach Berlin": Die Protagonistin ist eine junge Amerikanerin namens Maud, eine angehende Journalistin und Tochter einer Upper-class-Familie, die ins Berlin der unmittelbaren Nachkriegszeit reist. Mit Chanelgarderobe und Pfauenfächer im Gepäck schließt sie sich einigen Journalisten an, die ins zerstörte Deutschland reisen. Bei der journalistischen Arbeit in Berlin lernen sie und ihre Begleiter im Gespräch mit Zimmermädchen, Chauffeuren und Barmixern, gar mit Kommunisten und Russen, politische Meinungen kennen, die sie zutiefst verwirren. "Hitlers Zeit war die einzige, in der die Deutschen ein glückliches Volk waren", ist da zu hören.

Als Maud, die kurz vor der Hochzeit mit einem attraktiven amerikanischen Gouverneurssohn steht, sich auch noch in einen Deutschen verliebt und dieser sich als ranghoher Nazi erweist, während ein anderer Deutscher vor ihren Augen an den Folgen der Haft im Konzentrationslager stirbt, wird für sie ihr bisheriges Leben fragwürdig. Die Novelle fand zu Tergits Lebezeiten keinen Verlag, wurde aber im Jahr 2000 posthum herausgebracht.

1967 bis 1971 war Gabriele Tergit Sekretärin des PEN-Zentrums? deutschsprachiger? Autoren im Ausland. In dieser Funktion gab sie u. a. Autobiographien von anderen Autoren heraus. Sie starb 1982 in London - nach ihrem Mann und ihrem Sohn. Tergits Memoiren erschienen 1983 unter dem Titel "Etwas Seltenes überhaupt. Erinnerungen". 1984 kamen ausgewählte Gerichtsreportagen und Feuilletons der Jahre 1923 bis 1933 unter dem Titel "Blüten der Zwanziger Jahre" heraus. Tergits Nachlass? befindet sich im Deutschen Literaturarchiv Marbach.

In Berlin ist die Gabriele-Tergit-Promenade, die vom Potsdamer Platz zum Landwehrkanal führt, nach der ersten deutschen Gerichtsreporterin benannt.

Übrigens ...

hatte Gabriele Tergit als Gerichtsreporterin ihre eigene psychologische Theorie, was die Wahl der Waffen bei Verbrechern angeht: "Ein Beil lässt auf Wut schließen, zum Revolver reicht Traurigkeit."

Werke (Auswahl)

  • Bücher von und über Gabriele Tergit bei Jokers
  • Käsebier erobert den Kurfürstendamm. Roman. EA 1931. Verlag Das Neue Berlin, Berlin 2004, ISBN: 978-3360012470
  • Wer schießt aus Liebe? Gerichtsreportagen. Verlag Das Neue Berlin, Berlin 1999, ISBN: 978-3360008992
  • Der erste Zug nach Berlin. Novelle. Hg. von Jens Brüning. Verlag Das Neue Berlin, Berlin 2000, ISBN: 978-3360009388
  • Frauen und andere Ereignisse. Publizistik und Erzählungen 1915 bis 1970. Verlag Das Neue Berlin, Berlin 2001, ISBN: 978-3360009654

Sekundärliteratur

  • Godbersen, Güde: Die Gerichtsreporterin Gabriele Tergit - Kurzbiographie sowie Stilanalyse ihrer Gerichtsreportagen anhand der Beispieltexte 'Wer schwindelt ... der alten Jungfer' und 'Nach dem Urteil'. Grin Verlag, München 2008, ISBN: 978-3640119011

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