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Winder, Ludwig

Ludwig Winder (geb. 7. Februar 1889 in Schaffa/Mähren; gest. 16. Juni 1946 in Baldock/Großbritannien) war ein deutschsprachiger Schriftsteller und Journalist? jüdischer Herkunft. Neben Franz Kafka und Max Brod gehörte er zu den wichtigsten Autoren des Prager Kreises?.

Leben

Ludwig Winder wurde am 7. Februar 1889 in Schaffa/Südmähren als Sohn eines jüdischen Lehrers geboren. Im Alter von sechs Jahren zog die Familie nach Holleschau/Mittelmähren. Ludwig Winder besuchte die Schule, an der sein Vater die Stelle des ersten Kantors der dortigen jüdischen Gemeinde angetreten hatte. In Olmütz war Ludwig Winder Schüler an der deutschen Handelsakademie. Dort legte er 1908 die Reifeprüfung ab. Zu diesem Zeitpunkt war bereits sein Lyrikdebüt? „Gedichte“ (1906) erschienen. Den Druck hatte er selbst finanziert. 1910 folgte sein zweiter Gedichtband „Das Tal der Tänze“. Der Band ist dem naturalistischen Dichter Richard Dehmel? gewidmet, mit dem Ludwig Winder bereits als Schüler eine Korrespondenz? begonnen hatte.

Nach journalistischen Lehr- und Wanderjahren, die ihn nach Wien, Pilsen und Teplitz führten, wurde Ludwig Winder 1914 Feuilletonredakteur? und Theaterkritiker? der „Bohemia“ in Prag. Die „Bohemia“ war die zweitälteste Zeitung in Österreich-Ungarn. Bis 1938 schrieb Winder über 2.800 Beiträge für das Blatt, darunter Leitartikel?, Buchbesprechungen und Theaterkritiken?. Er sorgte dafür, dass in der „Bohemia“ auch über die Aufführungen der tschechischen Theater berichtet wurde, was vor ihm nicht der Fall gewesen war. Zeit seines Lebens war Ludwig Winder um den nationalen und kulturellen Ausgleich zwischen Deutschen und Tschechen bemüht.

In Prag, wo Ludwig Winder bis 1939 lebte, lernte er unter anderem die Schriftsteller Max Brod, Franz Kafka und Paul Leppin kennen. Nach dem Tod Franz Kafkas 1924 wurde Ludwig Winder an dessen Stelle in den Prager Kreis? aufgenommen. Der Prager Kreis war einer von drei Dichterkreisen?, die in Prag zu Beginn des 20. Jahrhunderts existierten und das literarische Leben der Stadt prägten. Neben dem Prager Kreis? gab es den Verein Wefa? und den Kreis Jung-Prag?, dem unter anderem Rainer Maria Rilke und Gustav Meyrink? angehörten.

1917 debütierte? Ludwig Winder als Romanautor. In „Die rasende Rotationsmaschine“ schildert er, wie Bosheit, Tücke und Heuchelei im Wiener Pressebetrieb der Jahrhundertwende den Ton angeben. In den folgenden Romanen „Kasai“ (1920), „Die jüdische Orgel“ (1922) und „Hugo. Tragödie eines Knaben“ (1924), die vom Expressionismus beeinflusst sind, gestaltet er vor allem traumatische Kindheitserlebnisse. „Die jüdische Orgel“ gilt als sein bedeutendster Roman. Darin erzählt er die Geschichte eines mährischen Rabbinatskandidaten, der nach einem wechselvollen Schicksal in Wien Türsteher in einem Bordell wird. Winders Schauspiel „Doktor Guillotion“, das 1924 im Rikola Verlag? erschien, hatte an deutschsprachigen Bühnen großen Erfolg. Es kam unter anderem in Hamburg, Prag und am Wiener Burgtheater zur Aufführung.

Weitere bekannte Romane von Ludwig Winder sind „Die nachgeholten Freuden“ (1927), „Die Reitpeitsche“ (1928) und „Steffi oder Familie Dörre überwindet die Krise“ (1935). Der Roman „Die nachgeholten Freuden“ wurde zum Teil euphorisch besprochen. Der Schriftsteller Melchior Vischer? sah in der Hauptgestalt des Romans, dem Kroaten Dupic, der nach dem Ersten Weltkrieg durch Spekulationen zu Geld und Macht gelangt, die Stimme des österreichischen Zusammenbruchs. Für seinen Roman „Steffi oder Familie Dörre überwindet die Krise“ erhielt Ludwig Winder 1934 den Literatur-Staatspreis der Tschechoslowakischen Republik. Vor der Buchausgabe war der Roman in Fortsetzungen? in der sozialistischen tschechischen Zeitung „Ceské Slovo“ erschienen. „Der Thronfolger. Ein Franz-Ferdinand-Roman“ (1938) war der letzte Roman, den Ludwig Winder in Europa veröffentlichte. Er erzählt darin die Geschichte des österreichischen Thronfolgers Franz-Ferdinand, der am 28. Juni 1914 in Sarajewo einem Attentat zum Opfer fiel.

Von 1939 an lebte Ludwig Winder mit seiner Familie in Baldock, 65 Kilometer nördlich von London. Im Exil schrieb er unter anderem die Romane „Die Pflicht“ (1943 entstanden, 1949 Buchfassung) und „Der Kammerdiener“ (1942/43 entstanden, 1988 Buchfassung).

Ludwig Winder starb am 16. Juni 1946 in Baldock. Seine Asche wurde in London beigesetzt.

Literarische Arbeiten

Die jüdische Orgel, Roman (1922)

„Die jüdische Orgel“ ist ein Roman von Ludwig Winder, zuerst erschienen 1922 im Rikola Verlag? in Wien. Nach „Die rasende Rotationsmaschine“ (1917) und „Kasai“ (1920) ist „Die jüdische Orgel“ Winders dritter Roman. Er ist vom Expressionismus beeinflusst und trägt autobiographische Züge.

Der Roman spielt um 1900 im jüdischen Ghetto einer mährischen Kleinstadt. Die Hauptfigur ist Albert Wolf, der von seinem Vater gedrängt wird, in Budapest das Rabbinerseminar zu besuchen. In Budapest verliebt er sich in Etelka und geht mit ihr nach Wien, wo sie ein Amüsierlokal gründen. Albert Wolf verliert alles und endet als Türsteher in einem Bordell.

Zu Ludwig Winders literarischem Werk? zählen zwölf Romane, vier Erzählungen, drei Dramen, zwei Gedichtbände und ein Prosafragment?. Der Roman „Die jüdische Orgel“ ist für Winders Werk besonders charakteristisch. In ihm verbindet er das Thema der Entfremdung mit der Frage nach der jüdischen Identität. Thomas Mann bezeichnete den Roman als ein kleines Meisterwerk. 1999 ist im Residenz Verlag? eine Neuauflage erschienen.

Übrigens …

Seine journalistischen Lehr- und Wanderjahre führten Ludwig Winder 1912 nach Wien. Hier war er, der in den zwanziger Jahren mit seinen Romanen „Die jüdische Orgel“ (1922) und „Die nachgeholten Freuden“ (1927) für Aufsehen sorgte, als Privatsekretär des Grafen Königsegg? tätig. Graf Königsegg war begeistert von Afrika, von Jagden und Safaris. So kam es, dass Ludwig Winder dem Grafen Königsegg beim Schreiben eines Buches über Löwenjagden behilflich war.

Auszeichnungen

  • 1934 Literatur-Staatspreis der Tschechoslowakischen Republik

Werke (Auswahl)

  • Bücher von Ludwig Winder bei Jokers
  • Die jüdische Orgel. St. Pölten, Residenz Verlag 1999, ISBN: 978-3701711666
  • Die nachgeholten Freuden. München, Carl Hanser Verlag 1997, ISBN: 978-3446039216
  • Die Pflicht. Wuppertal, Arco Verlag 2003, ISBN: 978-3980841047
  • Doktor Muff. Wien, Zsolnay 1990, ISBN: 978-3552042100
  • Geschichte meines Vaters. Oldenburg, Igel Verlag 2002, ISBN: 978-3896211071

Sekundärliteratur

  • Sudhoff, Dieter (Hrsg.): Gottes böse Träume. Die Romane Ludwig Winders. Mit umfassender Bibliographie der Primär- und Sekundärliteratur. Oldenburg, Igel Verlag 1994, ISBN: 978-3927104693

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