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Allegorie

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Die Allegorie ist ein Sprachbild, bei dem abstrakte Begriffe und Gedankengänge sinnbildlich dargestellt werden. Im Unterschied zum Symbol beruht die Allegorie immer auf einer konstruierten und damit willkürlichen Beziehung zwischen dem Sinnbild und dem eigentlich damit Gemeinten. Bei ihr sind also immer diese beiden Bedeutungsschichten voneinander unterscheidbar.

Foto: Marvin Siefke / pixelio.de

Definition

Die Allegorie (gr. allo agoreuein = bildlich reden, anders sagen) ist ein Sprachbild, bei dem abstrakte Begriffe und Gedankengänge (Gemeintes) sinnbildlich dargestellt werden (Gesagtes). So kann zum Beispiel der Tod (Gemeintes) als Sensenmann (Gesagtes) dargestellt werden. Die Allegorie wird in sämtlichen literarischen Gattungen und in der bildenden Kunst verwendet, außerdem ist sie ein zentraler Bestandteil der politischen und religiösen Rhetorik?.

Als literarisches Ausdrucksmittel wurde die Allegorie besonders in der Antike, im Mittelalter? und im Barock? verwendet. Um einen abstrakten Begriff oder Vorgang begreifbar zu machen, griffen so unterschiedliche Dichter wie Andreas Gryphius?, Frank Wedekind? oder Georg Kaiser? zu allegorischen Verbildlichungen, oft durch Verkörperung als Person. So erschien z. B. der Tod als Sensenmann, der Staat als Schiff, die Liebe als Amor, die Gerechtigkeit als Frau mit Augenbinde und Waage.

Vor allem das Zeitalter des Barock?, in dem die Menschen nach den Schrecken des Dreißigjährigen Krieges sich nach Zerstreuung und Unterhaltung sehnten, war überaus reich an allegorischen Dichtungen, z. B. Andreas Gryphius’ Dramen „Leo Armenius“ (1646) und „Cardenio und Celinde oder Unglücklich Verliebte“ (1666). Doch auch in späteren Epochen wurde das kraftvolle Bild von Autoren gesucht und in der Allegorie gefunden. August Strindberg? setzte die Allegorie in „Ein Traumspiel“ (1903) ein, später folgten die Autoren des expressionistischen Theaters, z. B. Georg Kaiser? „Von morgens bis mitternachts“ (1912).

Hilfe bei der Identifizierung

Auch Fachleuten fällt es mitunter schwer, die literarische Allegorie präzise von verwandten Sprachbildern wie Parabel oder Symbol zu unterscheiden. Sogar manche vom jeweiligen Verfasser als Parabel bezeichnete Texte wie z. B. Friedrich Rückerts? volksliedartiges Gedicht „Es ging ein Mann im Syrerlande“ (1814) sind in Wahrheit Allegorien. Das soll aber kein Grund sein, um bei der Identifizierung einer literarischen Allegorie in Verwirrung zu geraten. Der Germanist? Dieter Burdorf? gibt in seiner „Einführung in die Gedichtanalyse“ eine sehr praktische und sinnvolle Hilfestellung. Burdorf schreibt:

Von einer Allegorie könne man dann sprechen, wenn ein Text oder Textabschnitt mindestens zwei voneinander unterscheidbare Bedeutungsschichten enthalte, eine wörtliche und eine andere, eben allegorische Bedeutung. Die wörtliche Bedeutung stelle sich dann ein, wenn man den Text „naiv“ aus dem Blickwinkel und mit dem alltagssprachlichen Verständnis seiner zeitgenössischen Rezipienten lese. Erst in einer allegorischen Lektüre, die diese erste Bedeutungsebene hinterfrage, erschließe sich die zweite, tiefere Sinndimension des Textes.

Die Allegorie und ihre Formen

Der Fachbegriff Allegorie wurde seit der Antike bis ins 21. Jahrhundert in Poetik, Rhetorik? und Hermeneutik? verwendet. Dabei unterlag das Verständnis der Allegorie und ihrer Ausformungen einem ständigen historischen Wandel. In der antiken Rhetorik? etwa wurde die Allegorie unter die Tropen eingereiht.

In der modernen Literaturwissenschaft unterscheidet man vier verschiedene Formen von Allegorien, wobei die Übergänge zwischen den einzelnen Formen fließend sind:

  • Narrative Allegorien

Als narrative Allegorien bezeichnet man Erzählungen und Romane, die eine erkennbare allegorische Handlungsstruktur aufweisen, z. B. Reise, Suche, Pilgerfahrt.

Textbeispiel: Iwan Goll? „Die Eurokokke“ (1927)

  • Deskriptive Allegorien

Als deskriptive Allegorien bezeichnet man die Beschreibung eines Raumes, einer Landschaft, eines Gebäudes oder einer bestimmten Situation. Häufig wiederkehrende Muster der deskriptiven Allegorien sind Traum, Vision und abgegrenzter Raum.

Textbeispiel: August Strindberg? „Ein Traumspiel“ (1903)

  • Explikative Allegorien

Als explikative Allegorien bezeichnet man literarische Texte, die ihre allegorische Bedeutung entweder im Titel oder im Text mit enthalten. Eine ältere Bezeichnung dafür lautet "Allegoria permixta" (gemischte Allegorie).

Textbeispiel: Karl Philipp Moritz „Andreas Hartknopf. Eine Allegorie. Andreas Hartknopfs Predigerjahre“ (1785)

  • Implikative Allegorien

Als implikative Allegorien bezeichnet man literarische Texte, die lediglich indirekt auf ihre allegorische Bedeutung hinweisen. Diese Form erscheint dem Leser oft rätselhaft. Eine ältere Bezeichnung dafür lautet "Allegoria tota" (in sich geschlossene Allegorie).

Textbeispiel: Georg Kaiser? „Von morgens bis mitternachts“ (1912)

Eine alternative Einteilung unterscheidet zwischen allegorischen Einzelbildern (Begriffs-Analogie) und kompletten allegorischen Handlungen (Geschehens- oder Handlungs-Analogie).

Abgrenzung zur Allegorese

Mit der Allegorie verwandt ist die Allegorese? - die allegorisierende Interpretation von Texten. Sie beruht darauf, dass man unter dem Wortsinn (Gesagtes) der Texte eine tiefere Bedeutung (Gemeintes) findet. So wird etwa das alttestamentliche Hohelied, das eigentlich ein erotisches? Gedicht ist, gern als literarisches Sinnbild für die Liebe zwischen Jesus und der Kirche gedeutet.

Literatur

  • Goll, Iwan: Die Eurokokke. Göttingen, Wallstein Verlag 2002, ISBN: 978-3892445159
  • Kaiser, Georg: Von morgens bis mitternachts. Ditzingen, Reclam Verlag 2005, ISBN: 978-3150089378
  • Strindberg, August: Ein Traumspiel. Ditzingen, Reclam Verlag 2002, ISBN: 978-3150060179

Sekundärliteratur

  • Burdorf, Dieter: Einführung in die Gedichtanalyse. Stuttgart, Metzler Verlag 1997, ISBN: 978-3476122841
  • Jeßing, Benedikt / Köhnen, Ralph: Einführung in die Neuere deutsche Literaturwissenschaft. Stuttgart, Metzler Verlag 2007, ISBN: 978-3476021427
  • Martinez, Matias / Scheffel, Michael: Einführung in die Erzähltheorie. München, C.H. Beck 2007, ISBN: 978-3406471308

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