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Moritz, Karl Philipp

Karl Philipp Moritz (geb. 15. September 1756 in Hameln; gest. 26. Juni 1793 in Berlin) war ein bedeutender deutscher Schriftsteller in der Zeit zwischen Aufklärung? und Romantik. Sein Roman „Anton Reiser“ gilt als eines der psychologisch-tiefgründigsten Selbstzeugnisse seiner Epoche.

Leben und Schreiben

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Karl Philipp Moritz wurde am 15. September 1756 in Hameln geboren. Er war der Sohn des Militärmusikers und späteren Dorfschreibers Johann Gottlieb Moritz und seiner Frau Dorothee Henriette (geb. König). Er stammte aus einem ärmlichen, pietistischen Elternhaus und wuchs in schwierigen Verhältnissen auf. Die Ehe der Eltern war zerrüttet, häufig kam es zu heftigen Streitereien zwischen den Eltern. Später sprach Moritz davon, dass er eine Kindheit ohne Glück und Liebe verlebt habe. Bereits in jungen Jahren machte sich eine chronische Lungenkrankheit bei ihm bemerkbar, an der er bis zu seinem Tode leiden sollte.

Aus religiösen Gründen durfte Karl Philipp Moritz keine öffentlichen Schulen besuchen, die Eltern ließen ihn von Privatlehrern im Lesen, Schreiben und Rechnen unterrichten. 1763 siedelte die Familie nach Hannover über. Um der geistigen Enge des Elternhauses zu entkommen, las er bereits im Alter von zehn Jahren Romane. Das geschah heimlich und im Verborgenen, denn für das Lesen von weltlicher Literatur drohten ihm die Eltern mit drakonischen Strafen. Im Herbst 1768 begann Moritz eine Hutmacherlehre in Braunschweig. Es war eine mühselige und auszehrende Arbeit, die er dort zu verrichten hatte, zudem übten die Lehrherren unmenschlichen Druck auf ihre Angestellten aus. Im Sommer 1770 erlebte Moritz einen körperlichen und seelischen Zusammenbruch, schließlich wurden die Verzweiflung und das Gefühl der Ausweglosigkeit so groß, dass er einen Selbstmordversuch beging.

Studien, Reisen, Psychologie

Wieder in Hannover, vermittelte ihm sein Konfirmationspfarrer, der seine enorme geistige Begabung erkannte, ein Stipendium, mit dessen Hilfe Karl Philipp Moritz von 1771 bis 1776 das Gymnasium besuchte. In dieser Zeit setzte er sich intensiv mit der antiken und modernen Literatur auseinander, dabei wurde er besonders von der Literatur des Sturm und Drang gefesselt. Mehrere Versuche, als Schauspieler bei Wandertruppen ein Unterkommen zu finden, schlugen fehl. Ab 1777 studierte er Theologie, zunächst in Erfurt, später in Wittenberg, wo er 1779 seinen Abschluss machte.

In den folgenden Jahren war Karl Philipp Moritz als Lehrer an verschiedenen Schulen in Berlin beschäftigt, u. a. am Grauen Kloster. In Berlin stand er in engem Kontakt mit den Vertretern der Aufklärung?, Moses Mendelssohn? gehörte zu seinen Freunden. Moritz verstand die Aufklärung? vornehmlich als die Aufklärung des Menschen über sich selbst. Er reiste viel und unternahm 1782 eine Fußwanderung durch England. 1783 war er Mitherausgeber der ersten deutschen Fachzeitschrift für Psychologie, des „Magazins zur Erfahrungsseelenkunde“, das bis 1793 in 11 Bänden? erschien.

„Blunt oder der Gast“ (1781)

Als Schriftsteller machte Karl Philipp Moritz erstmals im Jahr 1781 auf sich aufmerksam, als er das Theaterstück „Blunt oder der Gast“ (1781) veröffentlichte, das als erstes deutsches Schicksalsdrama? in die Literaturgeschichte einging. Darin geht es um eine historisch dokumentierte Verbrechensgeschichte, die Moritz als minutiöse psychologische Fallbeschreibung auf die Bühne bringt. 1783 folgte der Band „Reisen eines Deutschen in England im Jahr 1782“ (1783), in dem er von seiner viermonatigen Fußwanderung durch England berichtet und dabei sein Augenmerk besonders auf kulturanthropologische Beobachtungen legt. Beide Werke zeigen Moritz als einen vielseitigen Schriftsteller, der in kleinen und großen literarischen Formen die stilistischen Mittel des 18. Jahrhunderts virtuos einsetzte. Dennoch gelten sie nur als Fingerübungen für sein Hauptwerk? „Anton Reiser“.

„Anton Reiser“ (1785-1790)

Mit seiner autobiographischen, stark vom Pietismus beeinflussten Roman-Tetralogie „Anton Reiser. Ein psychologischer Roman“ (1785-1790) schuf Karl Philipp Moritz eines der bedeutendsten und psychologisch-tiefgründigsten Selbstzeugnisse seiner Epoche. Das Werk, das auch heute noch kulturgeschichtlich von großem Interesse ist, schildert die geistige Entwicklung eines jungen Menschen zur Sturm-und-Drang-Zeit. Mit „Anton Reiser“ übte Karl Philipp Moritz nicht nur nachhaltigen Einfluss auf die zeitgenössische Geisteswelt aus, auch die nachfolgenden Generationen von Schriftstellern und Gelehrten sahen in dem Werk einen zeitlosen Höhepunkt der deutschsprachigen Literatur?. Heinrich Heine rühmte den Roman als „eins der wichtigsten Denkmäler jener Zeit“.

Der Roman, der übrigens trotz seiner vier Teile unvollendet blieb, gilt als einer der ersten psychologischen Romane der deutschen Literatur. Er ist in Zusammenhang mit Moritz’ Arbeit am „Magazin zur Erfahrungsseelenkunde“ entstanden. Moritz’ Absicht war es, „die innere Geschichte“ seines Helden Anton Reiser zu erzählen. Schnell wird klar, dass die Lebensstationen des Helden mit denen des Autors weitgehend identisch sind. Anton Reiser, der aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammt und in einer Atmosphäre der Beengung und Bedrückung aufwächst, leidet an Depressionen und Minderwertigkeitsgefühlen, deren Ursachen der Roman mit den Mitteln der Psychologie zu analysieren versucht. Mit einem einzigen Dukaten in der Tasche flieht Anton Reiser in die weite Welt, die er als ein Tollhaus der Lüge und Heuchelei erlebt. Eine Lösung des Konflikts, der die Unvereinbarkeit von innerer und äußerer Welt darstellt, gibt der Roman nicht. Diese Harmoniescheu gilt als herausragende Qualität des „Anton Reiser“, die ihn über die zeittypischen Bildungsromane mit einer Auflösung des Grundkonflikts? erhebt.

„Andreas Hartknopf“ (1786/1790)

Parallel zu "Anton Reiser" entstand das Romanfragment? "Andreas Hartknopf". Seine beiden Teile tragen die Untertitel? "Eine Allegorie" (1786) und "Andreas Hartknopfs Predigerjahre" (1790). Im Mittelpunkt steht Andreas Hartknopf, ein Grobschmied und Prediger, dessen Jünger und Evangelist? der Erzähler ist. Was Hartknopf als weltlicher Nachfolger Jesu Christi und Märtyrer erlebt, ist nur wenig in eine stringente Handlung gefasst, sondern vielmehr in kurzen Abschnitten lose miteinander verbunden. Ein durchgehendes Element bilden lediglich die Figuren.

Die verwendete Symbolik der Freimaurer,eine verfremdete Bibelsprache und der "satirische Witz? eines zeitdiagnostischen Gegenwartsromans?" (so der Berliner Kulturwissenschaftler? Lothar Müller?) verleihen dem Buch seinen verrätselten Charakter. Auf humoristische, parodistische und satirische Weise wird der Ernst des Themas immer wieder unterlaufen. Satirisch-grotesk dargestellte Zeitkritik wechselt mit der Verkündung eines Evangeliums der Natur und Humanität. Moritz selbst nannte sein Werk "eine wilde Blasphemie gegen ein unbekanntes großes Etwas".

Jean Paul? rechnete den Roman zu seinen "Schoos-Büchern" und konnte ihn auswendig. Auch die frühen Romantiker empfahlen einander das Buch. "Es steckt ja auch alles drin: Pietismus und Mystik, Vernunftgewissheit, Freimaurerei, Ekstase und Weltschmerz. Ein Weihespiel ist es, eine Posse, ein Melodram, das mal in nächtlichem Gemurmel zu versickern scheint, dann wieder funkelt vom Morgentau blanker Ironie. Zauberflötentöne liegen darüber, wie so oft bei Moritz", schwärmte Benedikt Erenz in der "Zeit" und urteilte: "Alles, der ganze Reiz des Textes, liegt in diesem Fragmente-Muster, der nahezu psychedelischen Poesie, Fülle der Assoziationen."

„Über die bildende Nachahmung des Schönen“ (1788)

Im Jahr 1788 wanderte Karl Philipp Moritz von Italien nach Weimar, wo er im Dezember bei Johann Wolfgang von Goethe zu Gast war und mit Friedrich Schiller, Martin Wieland? und Charlotte von Stein? verkehrte. Mit Goethe war Moritz bis zu seinem Tod eng befreundet, beide suchten immer wieder den regen Gedankenaustausch. 1789 wurde Moritz Professor für Altertumskunde in Berlin, zu seinen Schülern zählten unter anderem Ludwig Tieck? und Alexander von Humboldt?. Neben seiner Lehrtätigkeit verfasste Moritz metrische Studien über den Unterschied zwischen deutschem und antikem Vers sowie zahlreiche philosophische, mythologische und ästhetische Schriften. Als sein kunsttheoretisches Hauptwerk? gilt „Über die bildende Nachahmung des Schönen“ (1788), mit dem er wesentlichen Einfluss auf die deutsche Klassik ausübte und zum Mitbegründer der klassischen Kunstlehre wurde.

Karl Philipp Moritz starb am 26. Juni 1793 in Berlin. Er wurde auf dem Friedhof St. Georgen begraben.

Übrigens ...

war Karl Philipp Moritz zwei Mal verheiratet – beide Male mit Christiane Friederike Matzdorff, der Schwester des bekannten Verlegers Karl Matzdorff?. Zwischenzeitlich führte eine mittelschwere Untreue Christianes zur Scheidung.

Werke (Auswahl)

  • Bücher von Karl Philipp Moritz bei Jokers
  • Reisen eines Deutschen in England im Jahr 1782. EA 1783. Süddeutsche Zeitung, München 2007, ISBN: 978-3866154117
  • Anton Reiser. Ein psychologischer Roman. EA 1785-1790. Reclam Verlag, Ditzingen 1986, ISBN: 978-3150048139
  • Andreas Hartknopf. Eine Allegorie. Andreas Hartknopfs Predigerjahre. EA 1785. Reclam Verlag, Ditzingen 2001, ISBN: 978-3150181201

Hörbücher

  • Anton Reiser. CD. Grosser & Stein, Pforzheim 2007, ISBN: 978-3867352468

Sekundärliteratur

  • Kosenina, Alexander: Karl Philipp Moritz. Literarische Experimente auf dem Weg zum psychologischen Roman. Wallstein Verlag, Göttingen 2006, ISBN: 978-3835300767
  • Meier, Albert: Karl Philipp Moritz. Reclam Verlag, Ditzingen 2000, ISBN: 978-3150176207
  • Winkler, Willi: Karl Philipp Moritz. Rowohlt Verlag, Reinbek 2006, ISBN: 978-3499505843

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