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Daktylus

Der Daktylus ist ein wichtiger antiker Versfuß, der in verschiedenen Sonderformen vorkommt. Homers „Ilias“, Ovids „Metamorphosen“ und andere Klassiker der antiken Literatur wurden in daktylischen Versen geschrieben.

Definition

Der Daktylus (griech. daktylos = Finger) ist ein dreisilbige antiker Versfuß, der als Pendant zum Anapäst? gilt. Der antike Daktylus besteht (wie die Glieder eines Fingers) aus einer langen Silbe? und zwei kurzen Silben? (- u u), die deutsche Nachbildung aus einer betonten Silbe? und zwei unbetonten Silben? (X x x), z. B. Kártenhaus (X x x) oder Wásserfall (X x x). Bei den antiken Dichtern war es eine Zeitlang modern, die beiden kurzen Silben? zu einer langen Silbe? zusammenzuziehen (- -). Ist dies der Fall, dann spricht man von einem daktylischen Spondeus?.

Beispiel für einen Daktylus im Deutschen: „Náechtliche Stílle! Héilige Fúelle!“ (Hebbel?)

Der Daktylus war der beliebteste Versfuß der Antike. Homers „Ilias“ (730 v. Chr.), Vergils? „Äneis“ (19 v. Chr.) und Ovids „Metamorphosen“ (8 n. Chr.) sind in dieser Versform geschrieben. Der Daktylus gilt als ein bewegter, tänzelnder Vers, der häufig ein beschwingtes Gefühl oder turbulente Ereignisse zum Ausdruck bringt. Er kann aber auch, wie wir an dem Vers-Beispiel von Hebbel? gesehen haben, andächtige und innige Gemütslagen artikulieren. Er dient manchmal auch dazu, um lautmalerische? Elemente zu transportieren, so z. B. das imitierende Getrappel von Pferden.

Trotz seiner Popularität in der antiken Dichtung gilt der Daktylus in der deutschen Literatur als ein stark artifizieller und nur wenig natürlicher Versfuß. Dieses Urteil geht zurück auf den Barock?-Dichter Martin Opitz?, der in seinem für die deutsche Dichtung maßgeblichen Buch „Buch von der Deutschen Poeterey“ (1624) urteilte, dass der Daktylus dem Charakter der deutschen Sprache entgegenlaufe und daher in der Dichtung nichts zu suchen habe. Über Goethe („Reineke Fuchs“, 1794) fand der Daktylus dann aber doch noch den Weg in die deutsche Literatur und wurde auch später noch gerne verwendet – unter anderem von Paul Heyse? und Gerhart Hauptmann.

Die wichtigsten daktylischen Versmaße sind:

  • a) daktylischer Hexameter

Der Hexameter (griech. hex = sechs; metron = Maß) ist ein sechsfüßiger Daktylus und gilt als der klassische Vers des antiken Epos.

Hexameter-Schema: - u u -u u - u u - u u - u u - u

Die beiden kurzen Silben? können auch durch eine lange Silbe? ersetzt werden, so dass das Schema lautet: – – – – - u u -

Im fünften Fuß war diese Zusammenziehung unüblich und kam daher nur selten vor. Kommt es an dieser Stelle jedoch auch zu einer Zusammenziehung, so spricht man von einem Spondiacus?.

Unter anderem sind Homers „Ilias“ (730 v. Chr.), Vergils? „Äneis“ (19 v. Chr.), Ovids „Metamorphosen“ (8 n. Chr.) sowie Horaz’? Satiren und Episteln? in Hexametern geschrieben. In die deutsche Literatur wurde er durch Klopstock? („Messias“, 1748/73) eingeführt und später unter anderem von Goethe, Mörike, Heyse? und Hauptmann übernommen – mit Vorliebe natürlich in epischen Werken?.

Was das Schmieden von Versen betrifft, waren die Dichter der Antike übrigens sehr erfinderisch – durch den Einbau von Zäsuren? und Diäresen? machten sie den Hexameter mit 32 Variationen zu einem der vielseitigsten Verse überhaupt.

  • b) daktylischer Pentameter

Der Pentameter (griech. pente = fünf; metron = Maß) ist im Widerspruch zu seinem Namen ein sechsfüßiger Daktylus. Sein charakteristischer Rhythmus entsteht durch den Zusammenprall zweier Hebungen in der Mitte des Verses. Diese Hebungen sind durch eine feste Diärese? getrennt.

Pentameter-Schema: - u u - u u - // - u u - u u -

Man sieht, im Pentameter entsprechen sich die beiden durch die Diärese? getrennten Hälften genau. In der Literaturwissenschaft gibt es verschiedene Erklärungsversuche für die Symmetrie der beiden Vershälften. Eine davon lautet: Die erste Hälfte des Pentameters wurde von Frauen, die zweite von Männern gesungen.

Eine metrische Besonderheit ist das elegische Distichon?, in dem ein daktylischer Hexameter mit einem daktylischen Pentameter verbunden ist. Dieses Verspaar wurde nie zu einer volkstümlichen Form. Es setzt eine gehobene Sprache voraus und gemahnt stets an die Welt der Klassik und Antike.

Distichon-Schema:

- u u -u u - u u - u u - u u -u

- u u - u u - // - u u - u u -

Beispiel:

„Gláubst du, es hábe sich lánge die Góettin der Líebe besónnen,

Áls im Idáeischen Háin // éinst ihr Anchíes gefiel?“ (Goethe)

Literatur

  • Homer: Ilias. Ditzingen, Reclam Verlag 1986, ISBN: 978-3150002490
  • Ovid: Metamorphosen. Ditzingen, Reclam Verlag 1986, ISBN: 978-3150003565
  • Vergil: Aeneis. Ditzingen, Reclam Verlag 1986, ISBN: 978-3150002216

Sekundärliteratur

  • Frey, Daniel: Einführung in die deutsche Metrik mit Gedichtmodellen. Stuttgart, UTB 1996, ISBN: 978-3825219031
  • Kayser, Wolfgang: Kleine deutsche Versschule. Stuttgart, UTB 2002, ISBN: 978-3825217273
  • Moennighoff, Burkhard: Metrik. Ditzingen, Reclam Verlag 2004, ISBN: 978-3150176498

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