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Erzählperspektive

Der Begriff Erzählperspektive, der zur einen Hälfte ursprünglich aus der Naturwissenschaft stammt, ist ein zentraler Terminus der Erzähltheorie. Man unterscheidet zwischen vier verschiedenen Erzählperspektiven: der auktorialen, der personalen, der neutralen und der Ich-Form.

Definition

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Erzählperspektive ist ein Terminus aus der Erzähltheorie. Ursprünglich stammt der Begriff Perspektive (lat. perspicere = deutlich sehen, hindurchschauen) aus der Naturwissenschaft und bezeichnet die Lehre von der Sehkraft und ihren Gesetzen. In der Literaturwissenschaft ist Perspektive ein verschiedenartig verwendeter Begriff, der in der Dramen-? und Erzähltheorie eine jeweils zentrale Bedeutung hat. Beim Theater bezeichnet die Perspektive die räumliche Tiefe, die durch geschickt perspektivisch gemalte Kulissen erzeugt wird.

In der Literaturwissenschaft gibt die Erzählperspektive den Standort an, von dem aus die Geschichte erzählt wird – den Blick, den der Erzähler (und mit ihm ja auch der Leser) auf das Geschehen hat. Von diesem Standort hängt es unter anderem ab, ob und wenn ja wie genau der Erzähler etwa über die Motive und die Gedanken der Figuren Bescheid weiß. Im Englischen bezeichnet man diesen Erzählstandort treffend als point-of-view. Die Auswahl an Erzählperspektiven ist begrenzt – das ist zunächst einmal gut und lässt jedes Schülerherz höher schlagen. Weniger gut ist: Das Identifizieren der jeweiligen Erzählperspektive ist leider kein Kinderspiel. Dennoch sollt jeder Schüler, Student oder Literaturfreund, der einen erzählenden Text interpretiert oder sich einfach nur für die Machart seines Lieblingsromans interessiert, sich über die Erzählperspektive des jeweiligen Buches im Klaren sein.

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Man unterscheidet fast überall auf der Welt zwischen vier verschiedenen Erzählperspektiven: der auktorialen, der personalen, der neutralen und der Ich-Form. Steht man nun vor der kniffligen Frage, welche Erzählperspektive z. B. Günter Grass in seinem Roman „Die Blechtrommel“ verwendet, dann sollte man seine Antwort nicht vorschnell formulieren. Hier empfiehlt es sich: durchatmen, konzentrieren, in der „Blechtrommel“ blättern und mehrere Stichproben nehmen. Denn nur weil ein Roman in der Ich-Form beginnt, heißt das noch lange nicht, dass er auch von der ersten bis zur letzten Seite? aus dieser Erzählperspektive geschrieben ist. Er kann – und häufig liegt genau darin der besondere Reiz eines Buches – jederzeit ins auktoriale, personale oder neutrale Erzählen wechseln. Mit dem Ergebnis, dass eine Figur oder ein Ereignis aus vielen verschiedenen Perspektiven beleuchtet wird (Polyperspektive). Hier gilt also das Motto: Was der eine nicht sieht, sieht der andere umso besser.

Speziell für die Literatur der Moderne ist ein häufiger Perspektivewechsel charakteristisch. Hermann Brochs „Die Schlafwandler“ (1931-1932), John Dos Passos’ „U.S.A.“ (1930-1936) oder Günter Grass’ „Die Blechtrommel“ (1959) leben genau davon – und sie wechseln nicht nur zwischen den verschiedenen Erzählperspektiven, sie springen sogar zwischen den unterschiedlichen Literaturgattungen hin und her. Was den Leser mitunter in eine babylonische Verwirrung stürzen kann – aber genau das führt der Autor dabei ja eventuell im Schilde.

Die vier Erzählperspektiven im Überblick:

Für alle vier Erzählperspektiven gilt, dass der Autor nicht mit dem Erzähler identisch ist!

Hier lenkt ein persönlich anwesender, allwissender Erzähler die Handlung. Der Erzähler hält sozusagen alle Bestandteile der Geschichte in seinen Händen und gibt sie nach und nach dem Leser preis. Häufig hat der auktoriale Erzähler eine überlegene und abgeklärte Distanz zum Erzählten, die sich unter anderem darin ausdrückt, dass er Kommentare, Vorausdeutungen und Rückblicke einschiebt oder sich mit direkter Anrede an den Leser wendet. Diese Leseranrede kann z. B. den Sinn haben, den Leser auf ein besonderes Problem aufmerksam zu machen oder ihn zu einer Stellungnahme herauszufordern.

Der Erzähler ist nicht persönlich anwesend. Im Mittelpunkt steht eine Figur, die ihren Blick auf den Leser überträgt. Der personale Erzähler schlüpft in eine oder mehrere Personen und erzählt die Geschichte aus deren Perspektive, aber nicht in der grammatischen Ich-Form, sondern in der 3. Person ("er", "sie"). Das Spannende an dieser Erzählperspektive ist, dass der Erzähler nur mit den Augen der gewählten Figur in die Welt blickt. Das heißt, der Leser sieht nur das, was die Figur sieht, und erlebt die Ereignisse aus dem Blickwinkel dieser Figur – sozusagen mit ihren Sinnen, Gefühlen und Gedanken. Die personale Erzählperspektive übt eine starke suggestive Wirkung auf den Leser aus. Häufig sind erlebte Rede? und innerer Monolog.

Hier ist weder ein auktorialer noch ein personaler Erzähler anwesend. Das heißt, es gibt keine Instanz, die in das Geschehen eingreift oder ihren individuellen Blickwinkel auf den Leser überträgt. Aus diesem Grund bezeichnet man die neutrale Erzählperspektive auch als erzählerloses Erzählen. Literarische Texte dieser Art haben einen hohen Anteil an Dialogen? und szenischen Darstellungen. Auf den Leser wirkt die neutrale Erzählperspektive häufig besonders distanzlos und unmittelbar.

Der Erzähler ist in der Ich-Form (also in der Ersten Person der Grammatik) anwesend. Der Erzähler muss aber nicht zwangsläufig die Hauptfigur sein, er kann auch einfach nur über andere Personen berichten – in diesem Fall spricht man von personaler Ich-Form. Ist das Blickfeld des Erzählers auf die Außen- und Innensicht der eigenen Figur beschränkt, nennt man das auktoriale Ich-Form. Eine Gemeinsamkeit beider Ich-Formen ist die starke emotionale Beteiligung am Geschehen.

Nicht nur die Medizin, die Physik und die Psychologie – auch die Literaturwissenschaft verfügt über ein komplett ausgebildetes System von Fachbegriffen und eine schier unüberschaubare Zahl von sich oft und gerne widersprechenden Theoriemodellen. Nicht selten kommt es vor, dass die Fachleute von ihren akademischen Lehrstühlen herab in einen heftigen Streit darüber geraten, welche Theorie denn nun die goldene sei und welche Definition die treffende. Das weite Feld der Literaturtheorie haben u. a. die Literaturwissenschaftler? Franz Karl Stanzel? („Typische Formen des Romans“, 1993), Eberhard Lämmert? („Bauformen des Erzählens“, 1993) und Wolfgang Kayser? („Einführung in die Neuere deutsche Literaturwissenschaft“, 1989) im Schweiße ihres Angesichts beackert. Dabei ist es jeder dieser Koryphäen im Laufe der Jahrzehnte gelungen, eine Vielzahl eigener Ansätze zu entwickeln und damit neue Verwirrwindungen in das ohnehin schon beeindruckende Theorielabyrinth einzugraben – sehr zum Jammer der meisten Schüler und Studenten, die doch eigentlich nur ganz zwanglos Spaß mit Büchern haben wollten ...

Eine Gemeinsamkeit zwischen Stanzel?, Lämmert? und Kayser? ist vor allem darin zu sehen, dass sie den Begriff der Erzählperspektive weitaus komplexer auslegen, als wir das in unserem viergliedrigen Überblick getan haben. Stanzel, Lämmert und Kayser arbeiten zwar auch mit den traditionellen Grundformen (also auktoriale, personale, neutrale und Ich-Perspektive), der Unterschied besteht jedoch darin, dass sie diese Grundformen in ein mehrdimensionales System von variablen Faktoren einbinden. Dadurch sind sie in der Lage, komplexe literarische Texte auch auf der Mikroebene strukturiert zu analysieren.

Stanzel führte dazu die Begriffe Erzählsituation? und Fokalisierung? ein. Lämmert legte seinen Akzent auf das Wechselspiel zwischen Nahperspektive? und Fernperspektive? und verstand darunter den räumlichen und zeitlichen Abstand des Erzählers zum Geschehen. Für Kayser waren vor allem die Begriffe Rezeptionsästhetik und Produktionsästhetik? von Bedeutung. Auch wenn es von außen nicht den Anschein hat – Stanzel, Lämmert und Kayser lösten mit ihren neuartigen Analyseansätzen innerhalb des akademischen Expertenzirkels wahre Revolutionen aus!

Literatur

  • Broch, Hermann: Die Schlafwandler. Frankfurt am Main, Suhrkamp Verlag 2007, ISBN: 978-3518388631
  • Döblin, Alfred: Berlin Alexanderplatz. München, dtv 2002, ISBN: 978-3423002950
  • Grass, Günter: Die Blechtrommel. München, dtv 1993, ISBN: 978-3423118217

Sekundärliteratur

  • Bauer, Matthias: Romantheorie und Erzählforschung. Eine Einführung. Stuttgart, Metzler Verlag 2005, ISBN: 978-3476020796
  • Stanzel, Franz K.: Theorie des Erzählens. Stuttgart, UTB 2002, ISBN: 978-3825209049
  • Vogt, Jochen: Aspekte erzählender Prosa. Eine Einführung in Erzähltechnik und Romantheorie. Stuttgart, UTB 2008, ISBN: 978-3825227616

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