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Der Schatten des Windes

von
Carlos Ruiz Zafón

„Von verfluchten Büchern, von dem Mann, der sie geschrieben hat, von jemandem, der aus den Seiten eines Romans entwischt ist, um ihn zu verbrennen, von einem Verrat und einer verlorenen Freundschaft. Es ist eine Geschichte von Liebe, Haß und den Träumen, die im Schatten des Windes hausen“ – so fasst Carlos Ruiz Zafón? im Namen seiner Hauptfigur, Daniel Sempere, die Handlung seines in Barcelona angesiedelten Romanes zusammen, der auf verschiedenen Erzählebenen spielt und einen zeitlichen Bogen spannt von 1936 bis 1966.

Daniel blickt zurück: Als Zehnjährigen nimmt ihn sein Vater, ein passionierter Buchhändler, mit in ein geheimes Literaturarchiv: den „Friedhof der Vergessenen Bücher“, wo sich der Junge ein Buchexemplar heraussuchen darf. Er wählt „Der Schatten des Windes“ von dem unbekannten Schriftsteller Julián Carax. Daniel ist fasziniert und möchte mehr wissen über das Werk und den Autor, der verschollen ist mitsamt seiner Romane. Der junge Held begibt sich in Lebensgefahr auf seiner Suche, die ihn immer tiefer in die Handlung von Carax’ Roman verstrickt. Bis er das Geheimnis enträtseln kann, werden Jahre vergehen. Schließlich erfährt er furchtbare Dinge, die sich in seinem eigenen Leben zu wiederholen scheinen.

Je näher Daniel der Auflösung kommt, desto mehr löst sich das Bild auf in winzige Puzzleteile, während der Leser hingegen die Spur einer Ahnung verfolgt. Daniel findet heraus, dass der junge Julián Carax, Sohn eines einfachen Hutmachers, und Penélope, Tochter aus gutem und begütertem Haus, ein heimliches Liebespaar waren. Die Spur Carax’ verliert sich in Paris, wohin der erfolglose Romancier flüchtet, nachdem die Liebesbeziehung zu Penélope entdeckt worden ist.

1936, nach Ausbruch des Bürgerkrieges, kehrt Carax in das graue Barcelona mit seinen verwinkelten Gassen zurück. Was er in diesen Wochen in Barcelona macht und wo er sich befindet, bleibt unbekannt, bis er einen Monat später erschossen auf der Straße aufgefunden wird. Wieder kommentiert ein - nunmehr anderer - Protagonist Zafóns das Geschehen: „Und unverzüglich erscheint ein unheilvoller Zeitgenosse, der sich als Laín Coubert ausgibt, eine Name, den er bei einer Figur aus Carax’ letztem Roman ausleiht, die, um das Maß vollzumachen, niemand anders ist als der Höllenfürst. Der mutmaßliche Teufel ist entschlossen, das Wenige, was von Carax bleibt, verschwinden zu lassen und seine Bücher für immer zu vernichten. Um das Melodram abzurunden, erscheint er als Mann ohne Gesicht, durchs Feuer entstellt. Ein Bösewicht, einer Schauermär entsprungen …“

Perspektivwechsel

Der Roman ist in der Ich-Perspektive des 1934 geborenen Protagonisten Daniel verfasst und spielt vor der Kulisse der faschistischen Franco-Herrschaft. Doch die Erzählperspektive ist nicht konsequent durchgehalten, sondern mischt sich fast unmerklich mit der eines auktorialen Erzählers - ein Stilmittel, das nicht zu den schlechtesten gehört. Nach Startschwierigkeiten erzählt Zafón - schaurig-schön - eine der verhängnisvollsten Liebesgeschichten seit Romeo und Julia. Wie Carax hat auch Daniel – parallel zum Roman im Roman – eine große Liebe: Bea, die Schwester seines besten Freundes. Bea & Daniel, das ist die zweite Love-Story des Romans, die mehr als eine Rahmenhandlung bildet und der von Julián und Penélope an Suggestionskraft in nichts nachsteht. Als sich Bea und Daniel in dem seit Jahren leerstehenden herrschaftlichen Haus heimlich treffen, das einst Penélopes Familie bewohnte, sind sie nicht allein in der verwunschenen Villa.

Nicht nur die beiden Liebespaare, alle Charaktere? sind liebevoll ersonnen und mit Tiefe gezeichnet. Sogar der Mann ohne Gesicht, Laín Coubert, der Daniels Entwicklung beobachtet, hat Konturen. Als auch Clara - die blinde Tochter eines Buchsammlers, der sich ebenfalls zu sehr für Carax interessiert - der Schreckensgestalt begegnet und deren Gesicht mit ihren Händen ertastet, fühlt sie eine Ledermaske ohne Nase und Lippen. Man beginnt unweigerlich zu frösteln. Ohne Netz, mit doppeltem Boden tappt der Leser in die Falle sinisterer Omen. Eine für den Fortgang der Geschichte völlig irrelevante afrikanische Voodoo-Priesterin, die die Wände der verfluchten Villa mit Blut beschmiert hat, wird nur erwähnt, um eine gespenstische Atmosphäre zu verbreiten, die über ein finsteres Ende spekulieren lässt. Schließlich hilft bei der Auflösung des Falls Fermín Romero de Torres, Ex-Bettler, Ex-Spion und Experte für schwer zu beschaffende Bücher. Diese Figur ist so lebensecht und scharfsinnig geschildert, dass man ihr jede Lebensweisheit abnimmt, sei sie noch so verschroben oder banal. Allmählich entwirren sich die Verstrickungen von Liebe, Mord, Politik, Macht und Gewalt im Roman und – auf der zweiten Ebene - im Roman im Roman.

Mythos Buch

„Der Schatten des Windes“ ist nicht nur eine Hommage an die Liebe, sondern auch an das Lesen. Es gibt einen Club der Vielleser, er erscheint in Zafóns Werk wie eine verschworene Glaubensgemeinschaft, die mit einem geheimnisvollen Nimbus versehen ist. Als Daniel in den geheimnisvollen „Friedhof der vergessenen Bücher“ eingeweiht wird, entspricht dies einem Initiationsritus. Dem Ritual entsprechend übernimmt er für das auserwählte Buch eine lebenslange Patenschaft und damit Verantwortung. Er macht die Bekanntschaft mit den dunklen Seiten des Lesens und Lebens und sieht sich mit seinem eigenen Schatten konfrontiert. So markiert die nächtliche Begegnung mit Laín Coubert das Ende von Daniels Kindheit und Unschuld. Vor der Vernichtung durch den Besessenen kann jeweils ein Exemplar von Julián Carax’ Romanen gerettet werden - versteckt im „Friedhof der vergessenen Bücher“, dessen Labyrinth aus vollgestopften Bücherregalen nur dem passionierten Leser zugänglich ist.

Da Zafóns grandioser Roman auch auf einer Metaebene spielt und über das Lesen reflektiert, nimmt der Käufer (aber damit nicht auch zwangsläufig der Leser) von „Der Schatten des Windes“ teil an einem Stück Literaturgeschichte. Er begegnet dem Mythos Buch. Somit wird dem Kulturgut Buch - Sammlerobjekt und Fetisch zugleich – eine kultische Verehrung zuteil, auch wenn es nur einen Platz in der repräsentativen Privatbibliothek hat.

Vergleich mit „Nachtzug nach Lissabon“

Dieses Motiv wird in der Literatur öfter verwendet: Warum Bücher verbrannt werden und warum sie zuweilen gefährlich sind, erzählt schon Umberto Ecos „Name der Rose“. Weil Bücher politischen Sprengstoff darstellen können, sind sie auch in „Fahrenheit 451“, der Temperatur, bei der Bücher verbrennen, verboten. Die Feuerwehr ist in Ray Bradburys Zukunftsvision von 1953 einzig dazu da, das revolutionäre literarische Gedankengut zu vernichten. Das Sujet? eines geheimnisvollen Autors, dessen Leben durch einen Leser für den Leser rekonstruiert wird, findet sich auch in Pascal Merciers?Nachtzug nach Lissabon“, der in der portugiesischen Hauptstadt angesiedelt ist. Merciers Roman resümiert jedoch zurückblickend – Zafóns Werk blickt trotz Rückschau nach vorne.

„Der Schatten des Windes“ ist für eine Verfilmung prädestiniert, „Nachtzug nach Lissabon“ wird sich schwieriger visualisieren lassen. Wo das in Portugal spielende Buch Fragen offen lässt, da bietet die spanische Version Erklärungen. Während Zafóns Buch überwiegend Identifikationspotential für Jung oder Junggebliebene bietet, spricht der Roman des Berliner Philosophieprofessors Mercier auch ältere Semester an. In „Der Schatten des Windes“ wird eine Liebesgeschichte in einer Liebesgeschichte erzählt, in „Nachtzug nach Lissabon“ kommt die Leidenschaft etwas zu kurz. Letzterer besticht ohne Effekthascherei und durch poetische Worte, „Der Schatten des Windes“ hingegen setzt punktiert Gruselelemente ein, um Spannung und Faszination zu steigern. Als ehemaliger Werbefachmann weiß Zafón genau, wie man den Buchkonsumenten führt und verführt. Beide Romane sind jedoch keineswegs die einzigen mit dem Buch-im-Buch-Motiv?.

Das Buch-im-Buch-Motiv

Alle Medien, auch die Neuen, bedienen sich am Mythos Buch. Bestes Beispiel dafür ist „Der Club der toten Dichter“. Das Oscar-prämierte Filmdrama von Peter Weir aus dem Jahre 1989 spielt ebenfalls mit dem Sujet? eines erlesenen Geheimzirkels von jugendlichen Buchliebhabern in einem elitären Internat und transportiert den Gehalt von Poesie und Prosa auf die Leinwand. Der Plot funktioniert nur, weil „das Lesen“ als erhabener Vorgang verinnerlicht wurde.

„Wenn ein Reisender in einer Winternacht“ (1979) von Italo Calvino ist wohl die bekannteste und konsequenteste literarische Umsetzung dieses Themas: Eine Reise um die Welt von einem Buch zum anderen, die von der ersten Seite an mit der erdichteten und verdichteten Illusion des wirklichen Lebens bricht und damit die Identifikation mit den Romanfiguren fast unmöglich macht. Zehn Roman-Anfänge verknüpft Calvino in diesem Roman, mit dem er auch in Deutschland bekannt wurde. „Wenn ein Reisender in einer Winternacht“ beginnt mit einer Gebrauchsanleitung zum Lesen: „Entspanne dich. Sammle dich. Laß deine Umwelt im ungewissen verschwimmen. Mach lieber die Tür zu, drüben läuft immer der Fernseher. Sag es den anderen gleich: Nein, ich will nicht fernsehen! Heb die Stimme, sonst hören sie’s nicht: „Ich lese! Ich will nicht gestört werden!“

Fazit

Das Schild „Bitte nicht stören“ sollte man auch an die Tür hängen, wenn man Zafóns Roman lesen will, denn am besten genießt man „Der Schatten des Windes“ in langen Stücken. Dann heißt es: Langsam einatmen, ausatmen, einsaugen, aufsaugen und sich mitreißen lassen vom Strudel der Ereignisse im geschichtsträchtigen Barcelona - der Sogwirkung kann man sich kaum entziehen. Leise Töne mischen sich mit versteckter Ironie und gezähmten Schockeffekten.

Hat man den zähen Anfang hinter sich gelassen, erwartet einen ein sprachlich gut ausgefeilter wie spannender Mittelteil. Im letzten Drittel weiß man endlich definitiv, wer welche Leichen im Keller hat. Aus Freunden wurden Feinde. Die Karten von gut und böse werden neu gemischt in einem atemberaubenden Finale. Zum Schluss fragt man sich, wie die Protagonisten, die über das Schicksal reflektieren, „ ob es die Karten gewesen waren, die ihnen das Leben ausgeteilt, oder die Art und Weise, wie sie sie ausgespielt hatten.“

Literaturangaben

  • Carlos Ruiz Zafón: Der Schatten des Windes. Roman. Aus dem Spanischen von Peter Schwaar. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 25. Aufl. 2005. 563 S., 9,90 €, ISBN: 978-3518458006


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