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Die Gothic Novel, der Schauerroman

Der historische Vorläufer der Horrorliteratur, wie wir sie heute von Stephen King kennen, ist die Gothic Novel. In deutschsprachigen Ländern wird diese Romangattung auch Schauer-, Grusel- oder Sensationsroman genannt. Sie gehört ins Genre der Trivialliteratur, genauer aber in deren "gehobenere" Form der Unterhaltungsliteratur?.

Die Kurzversion dieser Romangattung ist im Format der Erzählung die Schauergeschichte, wie sie klassisch unter anderem bei Edgar Allan Poe zu finden ist.

Horace Walpole macht den Auftakt

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Diese Literaturgattung, die mit den Ängsten der Leser spielt, begann 1764 mit der Veröffentlichung des Buches „The Castle of Otranto. A Gothic Novel“, verfasst von Horace Walpole. Zudem baute Walpole sein Haus „Strawberry Hill“ in Twickenham zum pseudo-gotischen Schloss um. Walpole hat erstmals die übersinnlichen und grausamen Erlebnisse seiner Figuren in Romanform geschildert. Damit war es ein Text, der nur für Erwachsene gedacht war. Ein neuer und wesentlicher literarischer Schritt, weg von den früheren Legenden, Sagen und Märchen, in denen auch grausame und übersinnliche Erlebnisse vorkamen, war damit getan.

Ein neuer Bereich der phantastischen Literatur bildete sich mit den nachfolgenden Autoren heraus, der sich mit der Literatur der Romantik und der utopischen Literatur teilweise überschnitt. Das mysteriöse Grauen in der Literatur eroberte durch seine wachsende Beliebtheit im ausgehenden 18. Jahrhundert bald die Bücherregale? in Europa und Übersee. Weil diese unheimlichen Geschichten oft mit viel Lesestoff zum Thema Lust, Liebe und Leidenschaft angereichert wurden, nennt man die Gothic Novel auch Gothic Romance. Vor allem die englischen Autorinnen Clara Reeve und Ann Radcliffe? haben mit ihren gefühlvollen Werken die stilistische Grundlage für zukünftige Schreiber dieser Gattung gelegt.

Ein romantisches Mittelalter-Bild

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Gothic steht für Gotik. Ein Begriff, der an das Mittelalter erinnert und auch erinnern soll. Viele der Schauerromane spielen im Mittelalter, dem langen Zeitabschnitt von 800 bis 1500, von der Erstellung des „Wessobrunner Gebetes?“ als handschriftlichem? Gedicht über die Entstehung der Welt bis zum Zukunftsroman „Utopia“ des ((Thomas Morus)). Die Epoche, die von den Normannen, die das Kloster Lindisfarne in England ausraubten, bis zu zur Entdeckung Amerikas durch Columbus dauert. Für die zurückblickenden Menschen im 18. Jahrhundert ist das Mittelalter die Welt der Burgen, Klöster, Ritter und Hexen, der Pest und der Quacksalber, der Alchemie und der Kreuzzüge.
Zur erzählerischen Basis bei der Gothic Novel gehören unschuldige Jungfern?, die von üblen Bösewichtern begehrt und gejagt werden, düstere Klosterkeller, unterirdische Labyrinthe, kalte Burgen, finstere Wälder, gefährliche Schluchten, brutale Folterknechte, grausame Henker und einige übersinnliche Wesen aus dem Jenseits oder sonstwoher. Die Geister? und Dämonen, gegen die ein braver Held kämpfen muss, sind besonders auf Friedhöfen – und dort natürlich bei Vollmond – zur Verbreitung von Angst und Schrecken unterwegs.

Manche Autoren erklären das Übersinnliche in der Gothic Novel für Phänomene, die mit den geistigen Mitteln der Aufklärung? und Wissenschaft durchschaubar sind. Andere wiederum stellen die Grusel-Visionen ihrer Heldinnen und Helden als völlig unerklärbar hin, als dubiose Wesen und Dinge, die völlig mysteriös zwischen Himmel und Erde existieren. Auch erotische Momente kamen hinzu, eine besondere Mischung aus Erotik? und Gewalt wurde in jenen Jahren aufs Papier gebracht, wobei die Literatur des Marquis de Sade? auch eine Rolle gespielt hat.

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Reaktion auf die Entzauberung der Welt

Es war ein makabres Vergnügen für die Leser, möglichst bequem genossen, versunken im gepolsterten Lehnstuhl, vor dem flackernden Kamin, im sicheren Heim und inmitten einer Welt, die immer rationaler und nüchterner wurde: Die Dampfmaschinen liefen bereits, der Mont Blanc wurde bestiegen, die Elektromagnetik wurde von Charles Augustin de Coulomb entdeckt, George Washington war der erste Präsident der USA geworden, in den preußischen Gymnasien wurden die ersten Abitur-Prüfungen abgehalten, Mozart schrieb seine Opern und Immanuel Kant dachte über die Aufklärung? nach. Gerade die beginnende Industrielle Revolution, die in Scharen die Arbeitskräfte in die durchrationalisierten Fabrikhallen lockte, die viele Menschen ihrer Wurzeln beraubte, weckte die Sehnsucht nach geheimnisvollen Erlebnissen, nach unglaublichen Abenteuern - weit entfernt vom nüchternen Alltag der ratternden mechanischen Webstühle – in den Herzen der Leser.

Aber auch in diesem Zeitalter geschahen selbst in der Realität noch furchtbare Dinge. Die letzte Hexen-Verurteilung?, ein Geschehnis, das man im tiefsten Mittelalter vermutet hätte, fand in Deutschland noch 1775 in der Stadt Kempten statt. Unter den Schmerzen der Folter gestand die „Kühstallerin“ Anna Schweglin, dass sie „den Pact mit dem Teufel in der Nacht-Hörberg auf dem Sennhof gemacht habe.“ Der Scharfrichter schlug der „Maleficantin“ den Kopf ab. Ihr Körper wurde verbrannt. Goethe, der gerade die Arbeit zu „Iphigenie auf Tauris“ abgeschlossen hatte, schrieb 1787 an Frau von Stein?: „Wir haben die famose Hexen-Epoche in der Geschichte, die mir psychologisch noch lange nicht erklärt ist, diese hat mich aufmerksam und mir alles Wunderbare verdächtig gemacht.“

Der Reisereporter Georg Forster?, der mit James Cook auf den Weltmeeren unterwegs war und darüber Bücher verfasste, sieht zwar keine Hexen in der Südsee, lässt aber in seinen Erinnerungen gar ein Monster auftauchen: In London, wo er 1766 bis 1772 lebte, soll es sich herumtrieben habe. Alle redeten nur noch von dem Ungeheuer, die Zeitungen waren voll davon, die Theater unterhielten damit das Volk, die Damen fürchteten sich davor und „der Pöbel sieht jeden Vorübergehenden schärfer darauf an, ob er nicht in ihm das Ungeheuer entdecken könne“, beschrieb Forster eine gewisse hysterische Stimmung, die auch in einer Gothic Novel herrschen könnte. Gemeint war mit diesem Monster aber nur die Angst, die anlässlich der Suche nach einem Mörder von der Presse tüchtig geschürt wurde.

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Forster sah bei seiner Reise durch England auch die unaufhaltsame Entwicklung der Industrialisierung bis zur Erfindung der Schnellpresse? für den Buchdruck?. Kohleschiffe transportierten Steinkohle auf den Kanälen für die Produktion in die Manufakturen, in denen Hunderte oder Tausende von Menschen beschäftigt waren. Auch von Kindern und Frauen berichtete Forster, die stupide Stunde für Stunde nur Metallknöpfe polieren mussten.

Zu eben dieser Zeit ließ in Deutschland die Romantik-Schriftstellerin Bettina von Arnim, die auch sozialkritische Berichte über das Leiden der Bevölkerung als realen Gruselstoff aufs Papier brachte, in dem Buch „Gespräche mit Dämonen“ (zweiter Band des „Königsbuches“), einen klugen Dämon mit einem schlafenden König über das Glück der Menschheit diskutieren.

Erste Gothic Novel-Welle

Als Höhepunkt der ersten großen Gothic-Novel-Welle in England wird „Melmoth der Wanderer“ (Melmoth the Wanderer) betrachtet, erdacht vom irischen Pfarrer Charles Maturin?. Ein Schmöker? voller Erlösungssehnsucht, Verzweiflung und Selbstzerfleischung, der erstmals 1820 in Edinburgh verlegt wurde und auf weitere ähnliche Romane großen Einfluss hatte.
Eine Flut von Schauerromanen ergoss sich durch den Verkaufserfolg der Gothic Novels über die Leser, nicht nur in England, Schottland und Irland. Die Verleger kamen kaum noch nach, die Wünsche der Kundschaft nach Gänsehaut-Garanten zu erfüllen. Oft rissen sie ihren Lohnschreibern das nicht ganz vollendete Angstmacher-Manuskript schon unter der Schreibfeder? für die nächste Buchmesse? weg. Zum Inhalt der schnell und billig hergestellten Lektüren gehören etwa beschworene Totenköpfe, aus deren Augenhöhlen Blutstropfen rinnen – optimal geeignet für die damaligen privaten Leihbibliotheken?.

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Auch in Frankreich und Deutschland wurde der Ruf nach den begehrten Grusel-Geschichten immer lauter. Deutschsprachige Autoren wie Goethe („Faust“), Friedrich Schiller („Geisterseher“), E.T.A. Hoffmann? („Die Elixiere des Teufels“), Achim von Arnim („Isabella von Ägypten“), Joseph Freiherr von Eichendorff („Die Zauberei im Herbst“), Friedrich Baron de la Motte-Fouqué? („Undine“), Joseph Alois Gleich? („Die Totenfackel“), Jeremias Gotthelf („Die schwarze Spinne“), Wilhelm Hauff? „(„Die abgehauene Hand“), Jean Paul? („Die unsichtbare Loge“) und Heinrich Daniel Zschokke? („Der tote Gast“) die größtenteils zum Kreis der deutschen Romantiker gerechnet werden werden dürfen, haben mit schauerlichen Elementen in ihren Werken zu der Weiterentwicklung der Gothic Novel beigetragen.
In Frankreich stillten Schriftsteller wie Jean Charles Emmanuel Nodier? („Aurélia“), Pétrus Borel? („Madame Puthiphar“) und Victor Hugo? („Bug Jargal“) mit dem sogenannten „Roman Frénétique“ die Lesesucht.

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Zweite Gothic Novel-Welle

Die zweite große Gothic-Novel-Welle begann in England in der Mitte des 19. Jahrhunderts mit den Autoren Wilkie Collins? („The Woman in White“), Joseph Sheridan le Fanu? („The House by the Churchyard“), Charles Dickens („The „Mystery of Edwin Drood“), Rudyard Kipling? (“The Phantom Rickshaw”), Mary Shelley („Frankenstein?“), Oscar Wilde (“The Canterville Ghost”), Emily Brontë? („Sturmhöhe”) und endete mit Bram Stoker? und seinem „Dracula?“. Nach furchterregenden Wesen wie den mit Ketten rasselnden Geistern, den aufgewachten Mumien, den Leichen fressenden Ghulen und den heulenden Werwölfen übernahmen dann die blutsaugenden Vampire nicht nur im Reich der Literatur, sondern mit dem Schwarzweißfilm „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ (1922) auch die Herrschaft in den lichtscheuen Kinos. Gruselromane gehörten gleich zum Beginn der Cinématographie zu den beliebtesten Themen, die verfilmt wurden.

Ausblick: Die Horrorliteratur im 20. Jahrhundert

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Die literarische Grusel-Mode, deren Druckerzeugnisse zum Ende des 19. Jahrhunderts durch neue Schreckens-Effekte auch „Romantic Thriller?“ genannt werden, schwappte noch ein wenig ins 20. Jahrhunderte hinüber und fristete dann eine Weile ein relativ kümmerliches Dasein. Zusätzlich entzaubert wurde sie durch Sigmund Freud. Der Begründer der Psychoanalyse erklärte das Interesse an Schauerromanen aus verdrängten, ins Unbewusste abgeschobenen Ängsten, die sich auf diese Weise wieder ihren Weg ins Bewusstsein bahnen. Nachzulesen in Freuds Schrift „Das Unheimliche“ von 1919. Darin nimmt er sich einige Motive des Schauerromans vor: Doppelgänger, böser Blick, Aberglaube ...

Erst Autoren wie [Lovecraft Howard Phillips | Howard Phillips Lovecraft]], Robert Bloch?, Roald Dahl? und Stephen King begründeten im 20. Jahrhunderts die moderne Horrorliteratur. Sie pflegen einen völlig neuartigen, wesentlich härteren Schreibstil, der in der Konfrontation mit dem Grauenhaften kaum Tabus kennt. Der Schock, der den Leser fesseln soll, ist das Hauptmoment im Horror-Roman. Französische Autoren nennen eine Horror-Story einen „Conte Cruel?“, eine grausame Erzählung. Ihr Meister ist Auguste Villiers de L'Isle-Adam?. In Österreich suchten Gustav Meyrink? und Karl Hans Strobl? mit dem Horror-Genre den Erfolg. In Deutschland tat das der umstrittene Hanns Heinz Ewers?. Allerdings setzen sich im Bereich Horrorliteratur nur die angelsächsischen Autorinnen und Autoren wirklich durch.

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