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Deutschlandmeise

von
Stefan Gärtner

Giftknödel für den deutschen Adler
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Die Jagd auf Singvögel ist eigentlich Ausdruck tumb kompensierter Komplexe; aber das ist die Anbetung des Vaterlandsgötzen ja auch. Und so geht der Satire- und Deutschexperte? Stefan Gärtner? in sechzehn Texten der Meise auf den Grund, die den Deutschen durchs Oberstübchen flattert. Die Orte seiner Vogelstudie zwischen Baltrum und Berlin, Coburg und Mallorca ordnet Gärtner psychischen Störungen zu. So stehe Hamburg für narzistische Humanitätslosigkeit (o.s.ä.), Schwedt an der Oder für Xenophobie, Freiburg im Breisgau für Katatonie (zwischen Unter- und Überaktivität alternierende Motorik), während München diagnostisch überraschend leer ausgeht.

Die auf dem Buchrücken? und in der Einleitung? versprochene Deutschlandreise löst Gärtner wohl spesenbedingt nur teilweise ein, wie es sich generell kaum um ein Reisebuch handelt und der Autor sich oft auf, wenn auch gründlich, Gelesenes verlässt. Dafür bringt die Form der Texte die eine oder andere Abwechslung wie im Fall von Dresden (Störung: Wahn), wo sich die Botschaft gänzlich in ausgedehnten Fußnoten? versteckt.

Oft hört oder liest oder denkt man sogar, dass es in anderen Ländern noch weitaus irrer zugehe. Aber erstens tut das nichts zur deutschen Sache, und zweitens sind manche Irrheiten dann doch spezifisch deutsch wie die Hysterie vor einem Straftäter in der Nachbarschaft, der seine Knastjahre längst abgesessen hat. Bei all den Piepmatzen, die durch die Oberstübchen der Republik schwirren, fällt es beim Lesen kaum auf, dass die von Konsum- und Wachstumsdoktrin beflügelten Raubvögel, die Krähen einer kranken, die Ressourcen verzehrenden Wirtschaftsordnung, hier weitgehend ungeschoren bleiben.

Gärtner schießt den Vogel nicht ab. Aber sein Giftknödel würde trotz der „stimmig“ (Alfons Schuhbeck) untergerührten Zwischenaromen (d.h. –töne) den deutschen Fettadler auch so locker erledigen, wenn ein Buch allein dies vermöchte. Hintenraus scheint der Autor Hemmungen zu haben, den Todesstoß zu setzen; die Texte wirken eher nachdenklich, fast grüblerisch, etwa beim Besuch bei Peter Maffay in Mallorca, der erfunden wirkte, wäre er satirischer.

„Deutschlandmeise“ ist ein wunderbar reflektierendes Buch, trefflich diagnostizierte, selten polemische und fein formulierte Heimatkunde. Ein Werk der klugen Einsichten eines Schriftgelehrten? mit formidablem Zitatarchiv, das obendrein reichlich Spaß macht. Denn man weiß ja: Das Hirn lernt besser, wenn gleichzeitig Emotion durch die Ganglien feuert. Und sei es Verachtung. Hass auf das eigene Land ist leider auch typisch deutsch, aber dieses Argument führt zu nichts. Eher das, wonach die Hoffnung noch glimmt, solange es ein paar solcher Chronisten? gibt, die die von den allermeisten kaum bemerkten Tollheiten in schönen Sätzen auseinander zu nehmen vermögen.

Den Preis des übersichtlichen Taschenbuchs (immerhin mit festem Einband?) von 16,95 € hat der Atrium-Verlag eindeutig nach dem Inhalt berechnet.

Autor: Michael Höfler

Literaturangaben

  • Gärtner, Stefan: Deutschlandmeise. Streifzüge durch ein wahnsinniges Land. Atrium-Verlag, Hamburg 2012, 180 S., 16,95 €, ISBN: 978-3855351992


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