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Genazino, Wilhelm

Wilhelm Theodor Genazino (geb. 22. Januar 1943 in Mannheim) ist ein deutscher Schriftsteller. Für seine Romane erhielt er zahlreiche Literaturpreise, darunter den Kleist-Preis und den Georg-Büchner-Preis.

Leben und Schreiben

Wilhelm Genazino auf dem Cover von Text + Kritik - (c) Text + Kritik

Genazino wuchs in einfachen Verhältnissen in Mannheim auf, wo er auch zur Schule ging. Nach dem Abitur absolvierte er ein Volontariat bei der „Rhein-Neckar-Zeitung“. Anschließend studierte er Germanistik, Soziologie und Philosophie? in Frankfurt am Main. In den sechziger Jahren arbeitete Genazino als Journalist für Zeitungen und Zeitschriften. Zunächst war er dort als freier Mitarbeiter tätig, später auch als Redakteur – zuletzt bis 1971 bei dem Satiremagazin „Pardon“. Seitdem wirkt Wilhelm Genazino als freier Schriftsteller. 1971 gründete er gemeinsam mit dem Satiriker und Autor Peter Knorr? die Schreibagentur „Literaturcop“. Gemeinsam wurden sie in jener Zeit als Verfasser von Hörspielen und Sketchen bekannt.

„Laslinstraße“ (1965)

Anfang der siebziger Jahre hatte Genazino seine ersten Versuche als Autor ambitionierter Prosa bereits hinter sich. Allerdings fand der später von ihm verworfene Roman „Laslinstraße“ bei Erscheinen im Jahr 1965 wenig Beachtung. Es geht darin um einen Gymnasiasten, der am Ende der Adenauer-Ära aus den gesellschaftlichen Verhältnissen ausbrechen will. Als realitätsnahe Schilderung einer Kindheit in den fünfziger Jahren fand der Text später die Anerkennung der Kritik.

Zu einer anerkannten Größe im Literaturbetrieb wurde Genazino Ende der 1970er Jahre. Dies gelang ihm mit seiner Roman-Trilogie? „Abschaffel“ (1977), „Die Vernichtung der Sorgen“ (1978) und „Falsche Jahre“ (1979). Thema ist das Leben des Büroangestellten Abschaffel, der durch die Entfremdung im Berufsleben auch sich selbst entfremdet. Die Literaturkritik lobte damals Genazinos psychologischen Realismus, seine Nüchternheit und Detailgenauigkeit.

„Die Ausschweifung“ (1981)

Sein nächster Roman „Die Ausschweifung“ (1981) knüpfte an die Identitätsproblematik einer Angestellten-Existenz an. 1984 ließ er im Roman „Fremde Kämpfe“ einen Werbegrafiker an kriminellen Geschäften verzweifeln. Von 1980 bis 1986 war Genazino zugleich Mit-Herausgeber? der Zeitschrift „Lesezeichen“.

Den Kern von Genazinos Prosawerken bildet häufig eine labile, leicht verletzliche Person, meistens männlich, in etwas fortgeschrittenem Alter, ungebunden, ohne geregelte Arbeit, die die gesellschaftlichen Entwicklungen skeptisch verfolgt. Die Kulisse ist oft städtisch. Auffällig ist die detaillierte Beobachtungsgabe der Protagonisten, die zu ebenso eigenwilligen wie reflektierten Einsichten führen kann.

„Der Fleck, die Jacke, die Zimmer, der Schmerz“ (1989)

Hatte sich Genazino der Identitätsproblematik um Selbstverwirklichung, Anpassung oder Flucht in seinen ersten Romanen eher aus psychologischer und soziologischer Perspektive und in konventioneller Erzählmanier genähert, änderte sich dies Ende der achtziger Jahre. So setzt sich sein 1989 veröffentlichter Roman „Der Fleck, die Jacke, die Zimmer, der Schmerz“ aus lose miteinander verbundenen, in sich geschlossenen Prosa-Miniaturen zusammen.

Im Jahr darauf erschienen mit dem Roman „Die Liebe zur Einfalt“ und den Aphorismen „Vom Ufer aus“ gleich zwei literarische Publikationen. Die Hauptfigur des autobiographischen Romans ist ein Schriftsteller, der mit seiner Arbeit der Sprach- und Gedankenlosigkeit seines sozialen Umfelds entgegentreten will. Die Aphorismen wiederum verdeutlichten laut Feuilleton den neuen Anspruch Genazinos, in seinem Schreiben die Verknappung zu suchen.

„Leise singende Frauen“ (1992)

Genazinos nächstem Roman „Leise singende Frauen“ aus dem Jahr 1992 sprachen viele Kritiker die Gattungsbezeichnung ab. Ein Rezensent bezeichnete es als Prosa-Mosaik, ein anderer als Vielzahl belangloser Momentaufnahmen. 1994 folgte der Roman „Die Obdachlosigkeit der Fische“, der sich der Erinnerung an eine fatal gescheiterte Jugendliebe widmet.

Nahezu uneingeschränktes Lob fand hingegen Genazinos Roman „Das Licht brennt ein Loch in den Tag“, der im Herbst 1996 heraus kam. Darin befasst er sich auf 120 Seiten? mit dem Sinn und Unsinn des Erinnerns und Erzählens. Das Feuilleton konstatierte Weltverzauberung und -entdeckung mit den Mitteln der Sprache.

Genazino zeichnete sich über die Jahre durch seine hohe Produktivität aus. Nicht nur als Verfasser von Prosa – sondern darüber hinaus machte er mit Essays, Reden, Glossen? und Aufsätzen? von sich reden. Dabei mischte er sich immer wieder in gesellschaftspolitische Debatten ein. Ob 1996, als er sich in seiner Antrittsrede als Stadtschreiber von Bergen-Enkheim zur Selbstaufgabe der Kulturpolitik äußerte. Oder 1999, wo er sich in einer Rede auf einer Abiturfeier in Saarbrücken nachdrücklich gegen ausländerfeindliche Gewalt wandte.

„Mittelmäßiges Heimweh“ (2007)

Am Literaten Genazino werden immer wieder die reflektierten Wahrnehmungen in seinen Werken gelobt. So auch im 1998 veröffentlichten Roman „Die Kassiererinnen“, wo sich der Erzähler zunehmend zu einer lächerlichen Figur entwickelt – was ihn allerdings nur zu Beginn verstört. 2001 folgt der viel gelobte Roman „Ein Regenschirm für diesen Tag“. Er handelt von einem Großstadt-Flaneur, dessen Innenschau mit detaillierten Schilderungen urbanen Alltags verwoben ist.

Einen weiteren Erfolg landete Genazino 2003 mit dem Roman „Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman“. Am Titel lassen sich die drei größten Wünsche des 17-jährigen Ich-Erzählers ablesen – einem Kaufmannslehrling, der zu Zeiten Adenauers seinen Weg sucht. Genazinos aktueller Roman „Mittelmäßiges Heimweh“ ist Anfang 2007 im Carl Hanser Verlag? erschienen. Erzählt wird die Geschichte eines Mannes, der einige Verluste zu erleiden hat, unter anderem den eines Ohres. Und der vor dem Mittelmaß seiner Gefühle erschrickt.

Auf Handlungsstränge wie in seinem Frühwerk verzichtet Genazino seit langem. Die Handlung wird von Schilderungen, Kulturkritik und Selbstreflexionen ersetzt. Die Sprache seiner Prosa ist zunehmend monologisch? geworden. In seinen Formulierungen vermeidet Genazino jegliche Effekthascherei. Dabei zählen seine Schilderungen in ihrer Gründlichkeit und Originalität zu den hochwertigsten der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Mit zahlreichen Preisen und Ehrungen bedacht, gilt Genazino aktuell als einer der herausragenden Autoren deutscher Sprache. Im September 2007 ist ihm der mit 20.000 Euro dotierte Kleist-Preis? zugesprochen worden.

„Das Glück in glücksfernen Zeiten“ (2009)

Ein Mann, der eigentlich nur halbtags leben möchte, steht im Mittelpunkt von Genazinos Roman "Das Glück in glücksfernen Zeiten", der 2009 erschien. Der Philosoph Dr. Gerhard Warlich fuhr einst Wäsche aus, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen, und hat es mittlerweile zum Geschäftsführer der Großwäscherei gebracht. Um diese nicht sonderlich aufregende Existenz bang er ständig, ohne genau zu wissen, warum. Schließlich gerät sie tatsächlich ins Wanken, als Warlichs Freundin Traudel sich ein Kind wünscht. Als er dann auch noch seinen Job verliert, wird Warlich ein trauriger Held.

Das Buch wurde von der Presse gelobt: Das Tragische sei darin so genau und überlegt bemessen wie das Komische, urteilte ein Rezensent. Ein anderer sprach vom Glück des Lesens. Der Roman wurde für den Preis der Leipziger Buchmesse 2009 nominiert.

Nachdem er lange in Frankfurt am Main gelebt hat, wohnt Wilhelm Genazino seit 1998 in Heidelberg.

Übrigens ...

wurde Wilhelm Genazino 1990 zum Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache? und Dichtung in Darmstadt berufen.

Auszeichnungen

Werke (Auswahl)

  • Bücher von Wilhelm Genazino bei Jokers
  • Abschaffel. EA 1977. Dtv, München 2002, ISBN: 978-3423130288
  • Fremde Kämpfe. EA 1984. Dtv, München 2004, ISBN: 978-3423133142
  • Der Fleck, die Jacke, die Zimmer, der Schmerz. EA 1989. Rowohlt Verlag, Reinbek 2004, ISBN: 978-3499236600
  • Die Obdachlosigkeit der Fische. EA 1994. Rowohlt Verlag, Reinbek 1994, ISBN: 978-3498024758
  • Die Kassiererinnen. EA 1998. Rowohlt Verlag, Reinbek 2004, ISBN: 978-3499238482
  • Achtung Baustelle. EA 1998. Dtv, München 2006, ISBN: 978-3423134088
  • Auf der Kippe. Ein Album. EA 1999. Rowohlt Verlag, Reinbek 2000, ISBN: 978-3498024871
  • Ein Regenschirm für diesen Tag. EA 2001. Dtv, München 2003, ISBN: 978-3423130721
  • Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman. EA 2003. Dtv, München 2005, ISBN: 978-3423133111
  • Der gedehnte Blick. EA 2004. Dtv, München 2007, ISBN: 978-3423136082
  • Die Liebesblödigkeit. EA 2005. Dtv, München 2007, ISBN: 978-3423135405
  • Mittelmäßiges Heimweh. EA 2007. Carl Hanser Verlag, München 2007, ISBN: 978-3446208186
  • Das Glück in glücksfernen Zeiten. EA 2009. Carl Hanser Verlag, München 2009, ISBN: 978-3-446-23265-5
  • Wenn wir Tiere wären. EA 2011. Carl Hanser Verlag, München 2011, ISBN: 978-3446237384

Hörbücher

  • Die Liebesblödigkeit. 5 CDs. Hamburg, Hoffmann und Campe 2005, ISBN: 978-3455303964
  • Mittelmässiges Heimweh. CD. Hamburg, Hoffmann und Campe 2007, ISBN: 978-3455305210

Sekundärliteratur

  • Arnold, Heinz Ludwig: Wilhelm Genazino. TEXT+KRITIK 162. München, edition text + kritik 2004, ISBN: 978-3883777559

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