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Gleichnis

Gleichnisse gab es wahrscheinlich in allen menschlichen Kulturen. Ihre historisch bekannten Anfänge reichen rund 4000 Jahre zurück. Häufig wird das Gleichnis in der Literatur als Synonym? für Parabel, Bild, Abbild, Beispielerzählung, auch für Fabel und Metapher verwendet.

Definition

Das Gleichnis ist eine bildhafte rhetorische Figur, die eine Vorstellung, ein Ereignis oder einen Zustand durch einen Vergleich mit einem anderen konkreten Sachverhalt veranschaulicht. In der Regel sind Gleichnisse kurze literarische Texte, die einen komplexen Sachverhalt durch eine bildhafte, anschauliche Darstellung abbilden. Dabei verfolgen sie meist einen didaktischen? Anspruch.

Beim Gleichnis wird zwischen zwei Textebenen unterschieden: dem Gesagten und dem Gemeinten. Diese Ebenen beziehen sich aufeinander und haben ein gemeinsames Vergleichsmoment (tertium comparationis). Im Gegensatz zur Metapher, wo das Bild den Gegenstand an sich ersetzt (zum Beispiel „Frühling des Lebens“ für „Jugend“), stellt es Bild und Gegenstand durch das verbindende Vergleichsmoment nebeneinander. Beide werden im Text genannt. Ein typisches Vergleichsmoment, das beide Ebenen miteinander verbindet, ist zum Beispiel das Bindeglied „so wie“.

Aufbau

Oft betont man den Unterschied zwischen Gleichnis und Parabel. Demzufolge ist das Gleichnis kurz, hat keine selbstständige Handlung, impliziert dafür aber eine Deutung - der Gegenstand wird mitgenannt. Die Parabel hingegen gilt als vergleichsweise langer Text mit eigener Handlung, aber ohne Deutung. Die Übergänge zwischen beiden Formen sind allerdings fließend. Eine Unterscheidung ist daher nicht konsequent durchführbar. Häufig wird das Gleichnis in der Literatur als Synonym für Parabel, Bild, Abbild, Beispielerzählung, auch für Fabel und Metapher verwendet.

Der Dichter Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) unterschied zwischen dem Sachteil und dem Bildteil von Gleichnissen. Ein Sachverhalt wird demnach umgesetzt in einen anderen Lebensbereich, der sich in einem konkreten Bild (Bildteil) ausdrückt. Diese Umsetzung kann mit oder ohne eigene Handlung, mit oder ohne Deutung erfolgen. Ihr Zweck sei eine Enthüllung, um eine Erkenntnis zu fördern.

Sein aufklärerischer? Zeitgenosse Johann Gottfried von Herder? (1744-1803) widersprach diesen Ausführungen. Für ihn diente das Gleichnis eher der Verhüllung als der Enthüllung einer Lehre. In seiner Schrift „Über Bild, Dichtung und Fabel“ (1787) bekannte Herder?: „Parabel ist eine Gleichnisrede, eine Erzählung aus dem gemeinen Leben, mehr zur Einkleidung und Verhüllung einer Lehre als zu ihrer Enthüllung.“ Herders? Sicht stimmt für viele Gleichnisse aus dem Neuen Testament, in denen Jesus Erkenntnisse nicht direkt formuliert, sondern seine Zuhörer zum Nachdenken und zur Selbsterkenntnis anregen will.

Anerkannte Kategorien der Auslegung von Gleichnisreden Jesu schuf Adolf Jülicher? (1857-1938). Er geht von Aristoteles’? Rhetorik? und vom hebräischen Begriff maschal (althebräisch für Aphorimus?) aus und teilt Jesus’ Gleichnisse in drei Arten ein:

Gleichnis im engeren Sinne

Diese Form entsteht aus einem Vergleich und wird im Laufe der Erzählung szenisch entwickelt. In der Regel geht es um einen (für die Hörer/Leser jener Zeit) alltägliches Ereignis, das im Präsens? geschildert wird. Typisch für ein solches Gleichnis ist eine Einleitung wie „Das Reich Gottes ist wie ein Senfkorn: wenn es gesät wird, ist es das kleinste unter allen Samenkörnern und so geht es auf und treibt große Zweige...“ (Mk 4).

Gleichniserzählung (Parabel)

Dies sind Erzählungen, die keinen immer wiederkehrenden Sachverhalt schildern, sondern ein einmaliges Geschehen, und die dazu eine unerwartete Wendung erfahren. Erzählt wird im Präteritum?. Hierzu gehört das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Mt 20). Darin wird etwa das Himmelreich mit einem Hausherren verglichen, der Arbeiter einstellt, um seinen Weinberg zu bestellen. Auch das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk 15,11-32) gehört in diese Kategorie.

Beispielerzählung

Gleichnisse dieser Art schildern ebenfalls nicht alltägliche Vorgänge. Die verwendeten Bilder müssen allerdings nicht eigens in die Lebenswelt der Zuhörer und Leser übertragen werden. Die Adressaten sollen durch die Beispielerzählung zu einer Änderung ihres Verhaltens animiert werden. Dieser Typus findet sich ausschließlich im Lukas-Evangelium?. Ein prominentes Bespiel ist das Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10). Die Einordnung von Beispielerzählungen ist jedoch nicht unumstritten. So werden sie vom Literaturwissenschaftler Wolfgang Harnich? der Parabel zugeordnet.

Bildwort

Ergänzend ließe sich für die Bibel noch das Bildwort nennen: eine kurze, sprichwortartige Feststellung, die auf eine allgemeine Erfahrung zurückgeht. Ein Beispiel dafür ist Jesu Feststellung, dass niemand neuen Wein in alte Schläuche füllt (Mk 2,22).

Entwicklung

Gleichnisse gab es wahrscheinlich in allen menschlichen Kulturen. Ihre historisch bekannten Anfänge sind nicht genau erforscht, reichen aber zurück bis zur antiken lateinischen und griechischen Literatur (Homer, Platon?). Darüber hinaus haben sie ihre Tradition in alt- und neutestamentlichen Gleichnisreden, rabbinischer Gleichnisliteratur (etwa im Talmud) sowie anderen orientalischen Quellen? wie dem Pantschatantra?.

Die Urschrift des Pantschatantra? (nach der Bibel und dem Koran? das meist übersetzte Buch der Welt) stammt aus Indien und enthält vor allem Märchen, Fabeln und Geschichten. Sie ist in ihren Ursprüngen knapp 4000 Jahre alt. Die auf Sanskrit? zurückzuführenden Texte wurden vermutlich bei buddhistischen Kuschanen und Sassaniden als Hofdichtung? entwickelt.

Platons Höhlengleichnis

Aus der antiken Literatur der alten Griechen zählt Platons? Höhlengleichnis zu den bekanntesten. Seine Abfassung wird auf die Zeit um 370 vor Christus datiert. Der berühmte Philosoph? veröffentlichte es in seinem Hauptwerk Politeia. Das Höhlengleichnis gilt bis heute als ein Lehrbeispiel für die Einführung in die Philosophie? – speziell in die Erkenntnistheorie.

Platon? beschreibt im Höhlengleichnis einige Menschen, die seit ihrer Kindheit, an Beinen und Nacken gefesselt, in einer unterirdischen Höhle leben. Hinter ihren Rücken brennt ein Feuer. Sie können ausschließlich auf die gegenüber liegende Höhlenwand schauen. Zwischen ihren Rücken und dem Feuer werden Gegenstände und Bilder vorbei getragen. Diese werfen Schatten an die Wand. Die Gefesselten können nur die Schatten dieser Gegenstände und ihre eigenen Schatten sowie die Stimmen der Träger wahrnehmen. Ihnen ist, als ob die Schatten sprächen – für die Gefesselten sind die Schatten die Welt. Aus dieser Situation stellt Platon? Überlegungen dazu an, was passieren würde, wenn man einen der Gefesselten befreien und ihn an das Sonnenlicht und wieder zurück in die Höhle bringen würde. Mit seinem Gleichnis veranschaulicht Plato, dass der normale Mensch erkenntnismäßig wie in einer Höhle lebt. Was er als Realität wahrnimmt, sind laut Platons Ideenlehre bloß Schatten und Abbilder des wirklich Seienden.

Die Gleichnisse Jesu

Im Talmud? wiederum finden sich zahlreiche rabbinische Gleichnisse zur Auslegung der biblischen Schrift. Zu neutestamentlicher Zeit genossen diese Gleichnisse eine hohe Popularität im rabbinischen Judentum, das den historischen Hintergrund für das Leben Jesu bildete. Jesu Gleichnisreden stehen denn auch in dieser Tradition und sind in die Evangelien? des Neuen Testaments eingegangen. In den folgenden Jahrhunderten übten sie einen starken Einfluss auf den europäischen, zunehmend christlich geprägten Kulturkreis aus.

Als Kern der Verkündigung Jesu handeln die Gleichnisse vom Gottesreich, dessen Kommen er predigt. Sie lassen sich nach Themen und Adressaten unterteilen in Gleichnisse von Sündern und Gerechten (Freude Gottes über die Umkehr des Verlorenen), Krisisgleichnisse (der Ernst der Stunde fordert die Entscheidung für Gott), Wachstumsgleichnisse (Trost und Hoffnung auf die noch verborgene Gottesherrschaft) und Gleichnisse, die das der Gottesherrschaft entsprechende Verhalten schildern, z. B. der barmherzige Samariter Lk 10, 29-37).

In der mittelalterlichen Epik wurde bevorzugt auf solche biblische Gleichnisse zurückgegriffen, um die christliche Lehre zu veranschaulichen – sowohl in Latein wie auch in Volkssprachen verfasst. Auch heutige noch spielen die Gleichnisse in der kirchlichen Verkündigung eine wichtige Rolle.

Literarische Gleichnisse

Viele literarische Gleichnisse finden sich in den Werken von Jean Paul? (1763-1825). Er sagte einmal, man solle auf sein Grabmal setzen, dass keiner so viele Gleichnisse gemacht habe wie er. Jean Paul? verstand das Gleichnis nicht als Parabel, sondern bildlich – im Sinne von Vergleich?, Metapher oder Bild. Nach diesem Verständnis dachte er sich Gleichnisse aus und integrierte sie in seine Erzählungen, Satiren und Romane.

In der Literatur spielen Gleichnisse ansonsten keine zentrale Rolle. In der Regel werden sie als Elemente innerhalb längerer Erzähltexte verwendet, um einen bestimmten Sachverhalt zu verdeutlichen.

Literatur

  • Berger, Klaus: Gleichnisse des Lebens. Frankfurt am Main, Suhrkamp 2002, ISBN: 978-3-458-17105-8
  • Dithmar, Reinhard (Hrsg.): Fabeln, Parabeln und Gleichnisse. Paderborn, Schöningh 1995, ISBN: 3-506-99469-7
  • Jeremias, Joachim: Die Gleichnisse Jesu. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 11. Aufl. 1998
  • Schottroff, Luise: Die Gleichnisse Jesu. Gütersloh, Gütersloher Verlagshaus 2005, ISBN: 3-579-05200-4
  • Weder, Hans: Die Gleichnisse Jesu als Metaphern. FRLANT 120, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 3. Aufl. 1984

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