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Heidegger, Martin

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Martin Heidegger (geb. 26. September 1889 in Meßkirch; gest. 26. Mai 1976 in Freiburg i. Breisgau) gilt als einer der bedeutendsten Philosophen? des 20. Jahrhunderts. Für manche ist er einer der größten Denker überhaupt, vergleichbar allenfalls mit Platon?, Aristoteles? oder Kant, für andere jedoch ist er ein mystischer Scharlatan. In jedem Fall regt Heidegger bis heute zur Auseinandersetzung an, nicht zuletzt deshalb, da seine Schriften aus dem Nachlass? noch nicht vollständig erschienen sind.

Für Heidegger selbst war die Biographie eines Philosophen bedeutungslos. Denker und Dichter leben in ihren Werken?, nicht in den Zufälligkeiten ihres Daseins. Eine Vorlesung? über Aristoteles begann er mit den lapidaren Worten: „Er wurde geboren, arbeitete und starb.“ Doch auch wenn er sein Werk gerne von seiner Biographie getrennt hätte, ist es gerade bei Martin Heidegger sehr aufschlussreich, Leben und Denken in Beziehung zu setzen.

Leben

Herkunft und Studium

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Martin Heidegger wurde am 26. September 1889 als ältester Sohn des Küfermeisters Friedrich Heidegger und seiner Frau Johanna in Meßkirch geboren. Die Eltern waren tiefgläubige Katholiken und der Vater versah zugleich das Amt des Mesners in der örtlichen Gemeinde. Diese Wurzeln - sowohl die kleinbürgerliche, ländliche Herkunft wie auch die Prägung durch die katholische Kirche - sollte Heidegger immer bewahren.

Zusammen mit seinem Bruder Fritz diente der junge Martin als Ministrant und liebte es über alles, die Glocken zu läuten, wie er später berichtet. Dieses Bild ist bezeichnend, denn so wie als Knabe am Glockenseil wollte Heidegger auch später ein großes bedeutendes Signal in die Welt schicken.

Doch eine weiterführende Schule oder gar ein Studium konnten die Eltern sich nicht leisten. Es war der örtliche Pfarrer, der sich des begabten Knaben annahm und ihm 1903 ein Stipendium am katholischen Gymnasium in Konstanz verschaffte. Die Laufbahn eines Geistlichen war vorgezeichnet. 1906 wechselte Martin Heidegger ans bischöfliche Konvikt in Freiburg, und 1909 nach dem Abitur trat er sogar in den Jesuitenorden ein, den er jedoch bereits nach zwei Wochen wegen Herzbeschwerden wieder verließ.

Im Wintersemester 1909 begann er mit dem Studium der Theologie? in Freiburg. Noch immer strebte er die Laufbahn des Priesters an, zumindest offiziell, denn von Anfang an war es die Philosophie, der seine ganze Neigung gehörte. 1911, nach erneuten Herzbeschwerden, brach er das Studium der Theologie ab und belegte neben der Philosophie Mathematik und Naturwissenschaften. Von seinem Bruder Fritz Heidegger, der ihm später zum treuen Assistenten wurde, ist der Ausspruch überliefert: „Den Martin hot me für nix Gscheits brauche kenne, no isch er halt Philosoph worre.“

1913 wurde Heidegger zum Doktor der Philosophie promoviert und bereits zwei Jahre später habilitierte er sich bei dem Neukantianer Heinrich Rickert? mit einer Arbeit über „Die Kategorien- und Bedeutungslehre des Duns Scotus“.

Foto: Zollernalb/Wikimedia.org

Heirat und Beginn der Karriere

Da Heidegger aus gesundheitlichen Gründen für den Kampfeinsatz im 1. Weltkrieg nicht geeignet war, wurde er von 1915 bis 1918 bei der Postüberwachungsstelle in Freiburg eingesetzt. Dieser Dienst ließ ihm genügend freie Zeit, um nebenher als Privatdozent seine wissenschaftlichen Studien fortzusetzen.

1916 kam Edmund Husserl?, der Begründer der Phänomenologie? als Nachfolger Rickerts nach Freiburg. Mit seinem Ruf „Zu den Sachen selbst“ versuchte Husserl einst die Philosophie aus Historismus? und bloßer Textexegese? wieder zu den Lebensproblemen der Menschen zurückzuführen. Es sollte seinem Schüler Heidegger vorbehalten bleiben, diesen Schritt zu vollenden. Neben Edith Stein? wurde Heidegger Husserls Assistent.

Ebenfalls 1916 lernte Heidegger Elfride Petri (18931992) kennen, eine Studentin der Nationalökonomie, die er 1917 heiratete. Der Ehe entstammen die beiden zwei Söhne Jörg (geb. 1919) und Hermann Heidegger (geb. 1920). Martin Heidegger war immer bestrebt, den Anschein einer bürgerlichen Familie aufrecht zu erhalten, doch war diese Beziehung nie frei von Belastungen. Heidegger neigte zu außerehelichen Affären, deren erste er noch in Freiburg mit der Pädagogin Elisabeth Blochmann hatte und deren bekannteste die mit Hannah Arendt war. Wie erst 1992 bekannt wurde, hatte auch Elfride eine außereheliche Beziehung, der ihr Sohn Hermann entstammte. Martin Heidegger selbst hat dies nie erfahren, da Hermann, der schon lange Bescheid wusste, seiner Mutter hatte versprechen müssen, dies erst nach ihrem Tod preiszugeben.

Der heimliche König in Marburg

1923 wechselte Heidegger als außerordentlicher Professor nach Marburg. Hier begann sein Stern immer heller zu strahlen und sein Ruf verbreitete sich. „Da war kaum mehr als ein Name, aber der Name reiste durch ganz Deutschland wie das Gerücht vom heimlichen König.“ So beschrieb Hannah Arendt später die Stimmung. Marburg war in den 1920er-Jahren ein geisteswissenschaftliches? Zentrum und Heidegger trug neben Namen wie Paul Natorp?, Nicolai Hartmann? und Rudolf Bultmann? seinen Teil dazu bei. Studenten aus ganz Deutschland kamen, um ihm zuhören, darunter einige, die später selbst zu den Größen der Philosophie gehören sollten, wie Hans-Georg Gadamer?, Karl Löwith?, Hans Jonas?, Herbert Marcuse? und natürlich Hannah Arendt.

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Heideggers Wirkung beruhte zu einem Großteil auf seiner persönlichen Ausstrahlung, wenn man den Zeitzeugen glauben darf. Er wurde als der „Zauberer von Meßkirch“ bezeichnet. Schon rein äußerlich hob Heidegger sich ab, denn er pflegte einen weniger akademischen als eher provinziellen Auftritt. Sein Leben lang liebte er es, Trachten und Kniebundhosen zu tragen. Das mochte einerseits seine Verwurzelung in der alemannischen Heimat zum Ausdruck bringen, darin drückte sich aber sicher auch die Unsicherheit seiner kleinbürgerlichen Herkunft aus. Eine seltsame Mischung aus Ringen um Anerkennung und Selbstinszenierung sollte für Heideggers Auftritte typisch bleiben.

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Hannah Arendt (19061975) war achtzehn Jahre alt, als sie als junge Studentin nach Marburg kam. Heidegger war mit 35 fast doppelt so alt, dennoch war es eine tiefe Liebe, die die beiden verband. Doch Heidegger wollte seine Familie auf keinen Fall aufgeben, weshalb die Affäre, die etwa ein Jahr lang dauerte, völlig geheim bleiben musste. Nicht nur Heideggers Frau, überhaupt niemand durfte davon erfahren. Diese Heimlichkeiten wurden zunehmend zur Belastung und führten dazu, dass Hannah Arendt 1925 Marburg verließ und bei Karl Jaspers?, mit dem Heidegger seit Jahren befreundet war, in Heidelberg weiterstudierte.

Es ist bemerkenswert, wie viele von Heideggers Schülern, ebenso wie sein Mentor Husserl Juden waren. Auch seine Geliebten Elisabeth Blochmann und Hannah Arendt waren Jüdinnen. Dies macht Heideggers Verhalten einige Jahre später bei Hitlers Machtergreifung umso unverständlicher.

Foto: Muesse/Wikimedia.org

Der Durchbruch mit „Sein und Zeit“

Doch zunächst hatte Heidegger eine große Kariere vor sich, er war zur Legende geworden, er hatte nur noch kein richtiges Buch geschrieben, eigentlich hatte er seit seiner Habilitation gar nichts mehr veröffentlicht?. Aber so konnte er keinen Lehrstuhl erlangen.

Innerhalb eines Jahres schrieb Heidegger dieses Buch. Es war ein großer Wurf den er sich vornahm, und am Ende waren es nur zwei von sechs geplanten Kapiteln, die unter dem Titel „Sein und Zeit“ 1927 veröffentlicht wurden. Das Werk? blieb Fragment?, was seiner Wirkung aber nicht schadete. „Sein und Zeit“ war ein gewaltiger, auch internationaler Erfolg und machte Heidegger schlagartig berühmt. War er bisher ein Geheimtipp in der philosophischen Szene, so war er über Nacht zum neuen Star auf der Bühne der Philosophie geworden.

Dabei macht das Buch es seinen Lesern nicht leicht. Heidegger verwendet eine eigenwillige Terminologie, mit Wortungetümen wie dem „verfallend-erschlossenen geworfen-entwerfenden In-der-Welt-sein“. Doch wer sich davon nicht abschrecken ließ, konnte eine Philosophie entdecken, die zur den ursprünglichsten Themen zurückführt. Es geht um die Sorge, die Angst und den Tod, und um die Frage, wie man seinem Dasein einen Sinn geben kann. Eigentlichkeit nennt Heidegger das, und er spricht viel von Existenz. Damit wurde er neben Karl Jaspers? zu einem Begründer der Existenzphilosophie bzw. des Existentialismus.

Auch wenn er später immer behauptete, dass dies ein Missverständnis sei, konnte er nicht verhindern, dass er von vielen so interpretiert wurde. Am fruchtbarsten wahrscheinlich von Jean-Paul Sartre?, der wenige Jahre später unter dem Titel „Das Sein und das Nichts“ auf Heideggers Entwurf seine eigene Theorie aufbaute.

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Heidegger standen nach diesem Durchbruch alle Wege offen, er erhielt Rufe an verschiedene Universitäten, unter anderem nach Berlin, doch ihn zog es nicht in die große Welt oder in den Trubel der Großstadt. Heidegger wollte heimkehren und so nahm er den Ruf nach Freiburg an, um Husserls? Lehrstuhl zu beerben. Dort im Schwarzwald, in Todtnauberg, hatte er schon vor Jahren eine Hütte erbauen lassen. Und hierhin in die Einsamkeit der rauen Bergwelt zog er sich zurück, wann immer es ihm möglich war, um zu studieren und zu arbeiten. Diese Hütte verkörperte Rückzug und Stilisierung in einem.

Solange Heidegger an der Universität tätig war, hielt er regelmäßig seine Vorlesungen. Die gesammelten Marburger und Freiburger Vorlesungen füllen 47 Bände? der Gesamtausgabe? seiner Werke. Doch Bücher im eigentlichen Sinne veröffentlichte? er kaum mehr. Zwar verfasste er eine Fülle von Vorträgen? und Aufsätzen?, die später in Sammelbänden? erschienen, doch kein systematisches Werk? mehr.

Foto: Wolfgang Dirscherl/Pixelio.de

Der Pakt mit dem Nationalsozialismus

1933 tat Heidegger etwas, dessen Schatten er sein Leben lang nicht mehr loswerden sollte und das sein Werk in den Augen vieler Kritiker diskreditierte. Er trat in die NSDAP ein und übernahm in bewusster Einordnung in den Nationalsozialismus das Rektorat der Freiburger Universität. Schon seit Beginn der 1930er-Jahre waren manche Besucher erstaunt über Heideggers Sympathien für den Nationalsozialismus, war er doch wie so viele in der deutschen Professorenschaft ausgesprochen unpolitisch. Man führte das auf den Einfluss seiner Frau Elfride zurück, die offen antisemitisch war. Zumindest diesen Vorwurf kann man Heidegger selbst nicht machen. Wahrscheinlich war es gerade das mangelnde Gespür für politische Zusammenhänge, das Heidegger zu seinen verheerenden Illusionen brachte.

Heidegger war nicht einfach ein Mitläufer, der von den Ereignissen der Zeit überrollt wurde, er sah im Nationalsozialismus den Aufbruch eines Volkes, den er auch als geistigen Aufbruch verstand, und den er mit dem antiken Griechenland parallel setzte. Es klang fast so, als seien ihm die Nazis nicht radikal genug und es wurde der Ausspruch überliefert, er sehe seine Rolle darin, den Führer zu führen.

In seiner berühmt-berüchtigten Rektoratsrede vom 27. Mai 1933 sprach Heidegger von der „Größe und Herrlichkeit dieses Aufbruchs“ und stellte den „Wissensdienst“ neben Arbeitsdienst und Wehrdienst. Heideggers persönliches Verhalten in dieser Zeit blieb immer umstritten. Es gibt Hinweise darauf, dass er sich mindestens in einem Fall als Denunziant betätigt habe, es gibt aber auch Belege, dass er sich für jüdische Kollegen einsetzte.

Der Spuk dauerte ziemlich genau ein Jahr, dann begriff Heidegger endlich, dass dieser Führer und seine Partei mit Philosophie nichts, aber auch gar nichts zu tun hatten. Er zog sich aus allen Ämtern zurück und widmete sich ausschließlich seiner Philosophie. Er blieb aber formal Mitglied der NSDAP und distanzierte sich auch später niemals offiziell vom Nationalsozialismus, so sehr man dies auch von ihm erhoffte. War es Scham oder war es Stolz oder eine Mischung aus beidem? Man wird es nie erfahren. Seit 1989 die Veröffentlichung des Heideggerschen Nachlasses? begann, kann der Leser sich aber davon überzeugen, dass sich Heidegger spätestens seit 1936 gedanklich meilenweit vom Nationalsozialismus entfernte.

Zusammenbruch und Neuanfang

In dieser Zeit suchte Heidegger einen neuen Anfang des Denkens, den er später als Kehre bezeichnete und dessen Entwicklung im Nachlassband „Beiträge zur Philosophie – Vom Ereignis“ seinen ersten Niederschlag fand. Heidegger strebte ganz unbescheiden danach einen Neuanfang der Philosophie zu entwerfen, und zwar einen Neuanfang, der bei den vorsokratischen? Griechen anknüpft. Die Entwicklung der Metaphysik?, beginnend bei Platon?, hatte mit Nietzsche ihr Ende erreicht. Die nächste Epoche wollte er, Martin Heidegger, einleiten. Er dachte nicht mehr vom Subjekt aus, sondern vom Sein her, das selbst eine Geschichte hat, und sich in verschiedenen Epochen als eine jeweils unterschiedliche Welt zeigt.

Den Nationalsozialismus sah er jetzt zusammen mit Bolschewismus und entfesseltem Kapitalismus als Ausdruck einer maßlosen Moderne, die Welt und Mensch verfügbar machen und zurichten will. Davon erfuhr das Publikum, außer Andeutungen, jedoch nichts. Heidegger hielt weiterhin seine Vorlesungen?, wobei die Vorsokratiker und Hölderlin, den er als Geistesverwandten verstand, einen immer größeren Raum einnahmen.

Kurz vor Kriegsende wurde Heidegger 1944 zum Volkssturm eingezogen. Bei Bombardierungen und beim Einmarsch der amerikanischen Truppen galt eine größte Sorge seinen Büchern und Manuskripten. Zusammen mit seinem Bruder Fritz rettete er alle Manuskripte und Aufzeichnungen aus Freiburg ins unversehrte Marburg.

Nach Kriegsende hoffte Heidegger auf eine baldige Wiederaufnahme seiner Lehrtätigkeit. Doch die französischen Besatzungsbehörden und die Universitätsverwaltung kamen zu einer anderen Auffassung. Heidegger hatte sich zu sehr kompromittiert. Heidegger bat darum, ein Gutachten bei seinen alten Freund Karl Jaspers? einzuholen, in der Hoffnung, der werde ihn rehabilitieren. Doch das war ein Irrtum. Jaspers, der wegen seiner jüdischen Frau unter ständiger Bedrohung und in Angst gelebt hatte, stellte ein vernichtendes Gutachten aus. Er kam zu dem Schluss, dass es gefährlich sei, Heidegger junge Menschen zur Ausbildung anzuvertrauen. Wörtlich schrieb er: „Heideggers Denkungsart, die mir ihrem Wesen nach unfrei, diktatorisch, communikationslos erscheint, wäre heute in der Lehrwirkung verhängnisvoll.“ Die französischen Behörden verhängten ein Lehrverbot über Heidegger. Es sah so aus, als sei seine Karriere beendet und auch Heidegger selbst sah dies so und verfiel in tiefe Depressionen.

Doch ausgerechnet aus Frankreich kam ein Hoffnungsschimmer. Dort war gerade Jean-Paul Sartre? zum Star der Philosophie aufgestiegen, und dessen Theorien basierten explizit auf Heideggers „Sein und Zeit“. Der junge Philosoph Jean Beaufret?, ein Bewunderer Heideggers, schrieb ihm 1946 einen Brief? und bat um die Beantwortung der Frage, wie in dieser Zeit nach der Katastrophe des 2. Weltkriegs und des Holocaust ein Humanismus noch möglich sei.

Heidegger nutzte die Gelegenheit und verfasst eine 50-seitige Abhandlung? als Antwort, den berühmten „Brief über den Humanismus“, in dem er zum ersten Mal Einblicke in seine neue Philosophie der Seinsgeschichte gewährte. Der Humanismusbrief fand ein großes Echo, in Frankreich noch mehr als in Deutschland, und leitete eine regelrechte Heidegger-Renaissance ein. 1951, rechtzeitig zu seiner Emeritierung, wurde das Lehrverbot für Heidegger aufgehoben und er hielt eine letzte Vorlesung in Freiburg.

Die späten Jahre

Auf ihrer ersten Europareise 1950 besuchte die inzwischen in New York lebende Hannah Arendt auch Heidegger, der sie sehr reumütig empfing. Es sollte nicht bei diesem einen Besuch bleiben und auch in ihrem Philosophieren verdankte Hannah Arendt nach eigener Aussage ihrem früheren Lehrer viel. Seiner Todesversessenheit setzte sie in ihrem Hauptwerk? „Vita Activa“ (1958) bewusst das Konzept der Gebürtlichkeit entgegen.

Nach seinem Abschied von der Universität vertauschte Heidegger den Hörsaal mit Vorträgen? vor einer breiten Hörerschaft. Den Anfang machte bereits 1949 eine Vortragsreihe im exklusive „Club zu Bremen“, wo Heidegger auf Vermittlung seines Verehrers H. W. Petzet vor Kaufleuten und Kapitänen auftrat. Ein ähnlich illustrer Rahmen war das Kurhaus Bühlerhöhe im Schwarzwald. Den Höhepunkt fand dieses Vortragswesen bei der Bayerischen Akademie in München wo Heidegger vor großem Publikum seine legendären Vorträge über das Ding und über die Technik hielt.

Mit seiner Spätphilosophie tastete Heidegger sich in philosophisches Neuland. War seine Sprache schon in Sein und Zeit schwer verständlich und gewöhnungsbedürftig, so grenzt sie jetzt an Sprachmagie. Wendungen wie die vom „Spiegel-Spiel der einigen Vier“ klingen eher nach Dadaismus als nach Wissenschaft. Doch Heidegger wollte gar keine Wissenschaft mehr betreiben, er wollte eigentlich gar kein Philosoph mehr sein, sondern bezeichnete sich nur noch als Denker, als einen, der in der Nachbarschaft des Dichters darauf lauscht, was das Sein ihm zuspricht.

Heidegger versucht in den Texten seines Spätwerks? etwas Unsagbare zu sagen und verwendet deshalb eine Redeweise, die mal mystisch, mal poetisch ist, die manchmal aber die Sprache auch vergewaltigt. Vielleicht sollte man seine späten Texte als Gedankenexperimente betrachten. Was Heidegger anstrebt ist weniger eine neue philosophische Theorie als vielmehr eine andere Art, die Welt zu betrachten, wobei er durchaus in eine gewisse Nähe zu asiatischen Denkansätzen geriet, namentlich zum Buddhismus und noch mehr zum Daoismus. Es ist kein Zufall, dass Heidegger gerade in Japan und Korea intensiv rezipiert wurde.

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Am 26. Mai 1976 verstarb Martin Heidegger in Freiburg und wurde in seinem Geburtsort Meßkirch beerdigt. Kurz danach erschien im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ ein Interview?, das Heidegger bereits 1966 dem Herausgeber? Rudolf Augstein? gegeben hatte, unter der Bedingung, dass es erst nach seinem Tod erscheinen dürfe. Von diesem Interview erhoffte man sich eine Klarstellung Heideggers zu seiner Rolle während der Zeit des Nationalsozialismus. Und in der Tat war Heideggers Engagement ab 1933 ein wesentliches Thema des Gesprächs. Doch brachte es kaum wirklich neue Erkenntnisse. Der berühmteste Satz des Interviews lautet: „Nur ein Gott kann uns noch retten“, wobei deutlich wird, dass Heidegger hier an keinen Schöpfergott denkt, sondern den Begriff Gott als Platzhalter für eine transzendente Dimension verwendet, die mit dem Dasein verbunden ist und durch verschiedene Gottesvorstellungen gefüllt werden, aber auch leer bleiben kann, ohne deshalb zu verschwinden.

Foto: Zollernalb/Wikimedia.org

Nachwirkung

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Ab dem Ende der 1960er-Jahre verlor Heidegger in Deutschland seine zentrale Rolle im philosophischen Diskurs, nicht jedoch in Frankreich. Die Hauptvertreter des Poststrukturalismus wie Michel Foucault? und noch mehr Jacques Derrida? sind zutiefst von Heideggers Denken geprägt, und zwar vor allem vom Denken des späten Heidegger.

Auf diesem Umweg über Frankreich kehrte die Auseinandersetzung mit Heidegger in den 1980er-Jahren auch nach Deutschland zurück, inklusive einer neuen Diskussion über seine Rolle während der Zeit des Nationalsozialismus. Heute gilt Martin Heidegger neben Ludwig Wittgenstein? als bedeutendster Philosoph des 20. Jahrhunderts.

Seit 1974 erscheint die Gesamtausgabe? der Werke? Heideggers, die auf 102 Bände? veranschlagt ist. Nach den Neuausgaben? der bereits veröffentlichten? Texte und sämtlicher Vorlesungen aus der Marburger und Freiburger Zeit erschien 1989 zum 100. Geburtstag Heideggers erstmals ein Band mit einem bisher unveröffentlichten Nachlasstext?. Es ist der Band 65 der Gesamtausgabe: „Beiträge zur Philosophie – Vom Ereignis“, der einen neuen Blick auf die Entwicklung von Heideggers Denken ermöglicht. Die Gesamtausgabe ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt (2013) noch immer nicht abgeschlossen.

Hauptwerke

Sein und Zeit

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Das Hauptwerk? Martin Heideggers beginnt mit dem Ziel, die Frage nach dem Sein angemessen zu stellen. Deshalb soll ein ganz besonderes Seiendes in seinem Sein untersucht werden, nämlich der Mensch, den Heidegger als Dasein bestimmt. Als „da sein“ wird der zeitliche Charakter des Seins ausgedrückt. Dasein ist etwas, das in der Zeit geschieht.

Heidegger versteht das menschliche Dasein aus der Spannung zwischen Geworfenheit und Entwurf. Wir sind ins Dasein geworfen. Das bedeutet, dass wir uns schon in einer Welt und in einer Kultur vorfinden, sobald wir zu denken anfangen. Niemand hat uns gefragt, ob wir dieses Leben wollten. Aber wir müssen leben, weil wir zeitliche Wesen sind. Das, woraufhin wir leben, bezeichnet Heidegger als Entwurf.

Berühmt ist seine Analyse des Man, in der Heidegger darstellt, wie Menschen in vorgegebenen Konventionen aufgehen. Sie handeln nicht selbst, sondern tun, was man tut, und reden, was man redet. Ein solches Dasein geschieht einfach und ist für Heidegger eine uneigentliche Existenz, der er sein Konzept von Eigentlichkeit gegenüberstellt.

Zum eigentlichen Existieren weckt uns die Angst, die sich im Unterschied zur Furcht nicht vor etwas bestimmtem fürchtet, sondern vor dem Nichts. Die Angst konfrontiert uns mit der Gewissheit des Todes, die uns erst bewusst macht, was Leben bedeutet. Wir erfahren unser Sein als eine Möglichkeit. Wir können etwas daraus machen oder es einfach verstreichen lassen. Oder in Heideggers eigenen Worten:

„Weil Dasein wesenhaft je seine Möglichkeit ist, kann dieses Seiende in seinem Sein sich selbst „wählen“, gewinnen, es kann sich verlieren bzw. nie und nur „scheinbar“ gewinnen. Verloren haben kann es sich nur und noch nicht sich gewonnen haben kann es nur, sofern es seinem Wesen nach mögliches eigentliches, das heißt sich zueigen ist. Die beiden Seinsmodi der Eigentlichkeit und Uneigentlichkeit … gründen darin, dass Dasein überhaupt durch Jemeinigkeit bestimmt ist.“

Beiträge zur Philosophie – Vom Ereignis

Dieser Text, der von vielen als zweites Hauptwerk nach „Sein und Zeit“ bezeichnet wurde, entstand von 1936 bis 1938 und kann als Selbstverständigung Heideggers gelesen werden, als Versuch, neue Begriffe auszuprobieren. Hier ist vieles vorläufig und ins Unreine geschrieben, man kann gewissermaßen dem Philosophen beim Denken zusehen. Leider hat dies auch zur Folge, dass der Text sich häufig am Rande der Verständlichkeit bewegt. Bevor man zu diesem und auch den anderen Nachlassbänden greift, sollte man sich mit Heideggers Denken in Grundzügen vertraut gemacht haben.

Brief über den Humanismus

Die Bezeichnung „Brief“ ist wörtlich zu nehmen, da der Text die überarbeitete Fassung eines tatsächlichen Briefs? an den französischen Philosophen Jean Beaufret ist und ein Verständnis des Menschen vertritt, das jenseits eines jeden Humanismus? liegt. Denn jeder Humanismus, und Heidegger nennt ausdrücklich den christlichen und den marxistischen Humanismus, hat sich zur Verbrämung bloßer Machentfaltung hergegeben.

Heidegger bietet ein passives Verständnis von Handeln als bloßem Denken. Ein solches Denken bringt das Sein zur Sprache, und zwar im wörtlichen Sinne. Denken als Handeln besteht darin, das Sein, also das, was ist, zu sagen.

„Die Sprache ist das Haus des Seins. In ihrer Behausung wohnt der Mensch. Die Denkenden und Dichtenden sind die Wächter dieser Behausung.“

Ein solches Denken ist nicht zielgerichtet, wie das Lösen von Problemen, sondern es ist meditativ und offen, und lauscht auf das, was sich ihm zuspricht. Hier spricht weniger der Mensch, sondern es ist das Sein, das sich im Menschen ausspricht. Unser bewusstes Erleben ist in dieser Sichtweise ein Ereignis des Seins. Der Mensch wird gleichsam zum Medium des Seins.

„Der Mensch ist der Hirt des Seins. ... Doch das Sein - was ist das Sein? Es ist Es selbst. Dies zu erfahren und zu sagen, muss das künftige Denken lernen. Das „Sein“ - das ist nicht Gott und nicht ein Weltgrund. Das Sein ist weiter denn alles Seiende und ist gleichwohl dem Menschen näher als jedes Seiende, sei dies ein Fels, ein Tier, ein Kunstwerk, eine Maschine, sei es ein Engel oder Gott. Das Sein ist das Nächste. Doch die Nähe bleibt dem Menschen am weitesten.“

Die Frage nach der Technik

Unter Technik versteht Heidegger nicht die Maschinen und Geräte, mit denen wir uns umgeben, sondern Technik ist ein Weltverständnis bzw. eine Art, mit der Wirklichkeit umzugehen. Für Heidegger ist die Technik das Ergebnis der neuzeitlichen Metaphysik und der aus ihr folgenden Naturwissenschaften.

Alles ist für etwas bestellt, wie Heidegger am Beispiel des Rheins erläutert. In Hölderlins gleichnamigem Gedicht wird der Fluss als Teil der Landschaft genommen. Heute betrachten wir den Rhein als Reservoir für Energie und bauen ein Kraftwerk hinein.

„Das Wasserkraftwerk ist nicht in den Rheinstrom gebaut wie die alte Holzbrücke, die seit Jahrhunderten Ufer mit Ufer verbindet. Vielmehr ist der Strom in das Kraftwerk verbaut. Er ist, was er jetzt als Strom ist, nämlich Wasserdrucklieferant, aus dem Wesen des Kraftwerks.“

Der Rhein ist dafür bestellt, als Energie genutzt zu werden, die Energie wird bestellt für die Speicherung, diese wird bestellt, um in Fabriken oder für die Beleuchtung der Städte genutzt zu werden. Alles ist dafür da, in irgendeiner Weise genutzt zu werden. Alles ist für etwas anderes bestellt. Heidegger wählt deshalb zur Bezeichnung des technischen Zeitalters den Begriff „Ge-stell“. Vollendet ist die Technik dann, wenn lückenlos alles erfasst wird, einschließlich des Menschen, wenn auch der Mensch nur noch Verfügungsmasse und Material ist.

Gibt es einen Ausweg? Für Heidegger besteht er im Fragen. Im Fragen bleibt der Mensch ein Wesen der Möglichkeit und damit der Freiheit.

„Denn das Fragen ist die Frömmigkeit des Denkens.“

Übrigens …

Auch Martin Heideggers jüngerer Bruder Fritz Heidegger, der dem berühmten großen Bruder so oft hilfreich zur Seite stand, hatte philosophische Talente, die er gerne in Fastnachtsreden auslebte. Zu einiger Berühmtheit brachte es eine Parodie auf den Stil des älteren Bruders, die zeigt, dass Fritz dessen Philosophie sehr gut verstanden hat:

„Das Fassende des Fassbaren ist die Nacht. Sie fasst, indem sie übernachtet. So ge-fasst, nachtet das Fass in der Nacht. Sein Wesen ist die Ge-fasstheit in der Nacht. Was fasst? – Was nachtet? Dasein nachtet fast. Übernächtig west es in der Umnachtung durch das Fass, so zwar, dass das Fassbare im Ge-fasst-werden durch die Nacht das Anwesen des Fasses hütet. Die Nacht ist das Fass des Seins. … Im Erscheinen des Fasses als solchem aber bleibt das Fass selbst aus. Es hat sein Bleibendes in der Nacht. Die Nacht übergießt das Fass mit seinem Bleiben. Aus dem Geschenk dieses Gusses west die Fass-nacht. Es ist unfassbar.“

Heideggers Werke in Auswahl

  • Bücher von Martin Heidegger bei Jokers
  • 1927 Sein und Zeit
  • 1929 Kant und das Problem der Metaphysik
  • 1929 Was ist Metaphysik? (in: Wegmarken)
  • 1935-38 Beiträge zur Philosophie – Vom Ereignis (postum 1989 als Band 65 der Gesamtausgabe)
  • 1947 Platons Lehre von der Wahrheit. Mit einem Brief über den Humanismus (in: Wegmarken)
  • 1950 Holzwege (enthält u.a. „Der Ursprung des Kunstwerkes)
  • 1952 Was heißt Denken
  • 1954 Die Frage nach der Technik (in: Vorträge und Aufsätze)
  • 1959 Unterwegs zur Sprache (Aufsatzsammlung)
  • 1967 Wegmarken (Sammlung verschiedener Aufsätze und Vorträge)

Sekundärliteratur

  • Biemel, Walter: Heidegger. In Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Rowohlt, Reinbeck bei Hamburg 1973
  • Denker, Alfred: Unterwegs in Sein und Zeit. Einführung in Leben und Denken von Martin Heidegger, Klett-Cotta, Stuttgart 2011
  • Geier, Manfred: Martin Heidegger, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2005
  • Martin, Bernd (Hrsg.): Martin Heidegger und das „Dritte Reich“, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1989
  • Safranski, Rüdiger: Ein Meister aus Deutschland. Heidegger und seine Zeit, Carl Hanser Verlag, München und Wien 1994
  • Thomä, Dieter (Hrsg.): Heidegger-Handbuch. Leben – Werk - Wirkung, Verlag J.B. Metzler, Stuttgart und Weimar, 2003
  • Trawny, Peter: Martin Heidegger. Einführung, Campus, Frankfurt und New York 2003

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