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Ballade

Vom Gesang der Trobadore bis hin zu Goethes „Erlkönig“: Die Ballade erscheint in vielerlei Gewand. Im „Balladenjahr“ 1797 erhoben sie Goethe und Schiller in der deutschen Literatur zur literarischen Kunstform.

Definition

Seit dem späten 18. Jahrhundert versteht man in der deutschsprachigen Literatur unter einer Ballade ein mehrstrophiges erzählendes Gedicht. Meistens werden mittelalterlich-märchenhafte, antike oder zeitgenössische Stoffe verarbeitet. Typisch ist die Entwicklung der Handlung hin zu einem pointierten Schluss.

Früher wie heute hat der Begriff Ballade unterschiedliche Bedeutungen. Ab dem 12. Jahrhundert bezeichnete er (zunächst im romanischen Raum) ein strophisches? Tanzlied. Im Mittelalter gab es in ganz Europa unterschiedliche Ausprägungen, ehe die Ballade im 18. Jahrhundert in England konzeptionell auf alte erzählende Volkslieder übertragen wurde. Goethe (u. a. mit „Der Zauberlehrling“) und Schiller (u. a. mit „Der Handschuh“) wiederum erhoben ihn im „Balladenjahr“ 1797 in den Stand einer kunstvollen Gedichtform.

In der Musik findet sich die Ballade ebenso in der klassischen „ernsthaften“ wie in der Unterhaltungsmusik. Auch diese Sprösslinge haben ihre Wurzel im mittelalterlichen Tanzlied. Brahms, Schubert und Chopin zählen zu den bekanntesten Komponisten von Balladen im klassischen Bereich. In der Unterhaltungsmusik sind (meist melancholische) Stücke mit langsamem Tempo gemeint (Beatles: „Yesterday“; Chris de Burgh: „Lady in Red“).

Aufbau und Formen

Dem Autor stehen für die sprachliche Gestaltung der Ballade alle drei Grundgattungen der Poesie zur Verfügung: die Epik, die Lyrik und die Dramatik. Durch die ideenreiche Kombinationen verschiedenster Elemente kann er sie zu einer äußerst vielseitigen Kunstform ausgestalten.

Die Erzählstruktur von Balladen ist normalerweise schlicht, klar und leicht verständlich. Formal ähnelt sie der Verssprache von Gedichten. Typisch sind: die Vermittlung einer düsteren Stimmung, ein fragmentarisch-sprunghafter Ablauf, extreme Inhalte (Bedrohung, Bewährung) mit oft tragischem Ende, die sich in eine schicksalhaft überschattete Dynamik einfügen.

Formal lässt sich die Ballade einteilen in Volksballade? und Kunstballade?. Inhaltliche Kategorien sind Geister- oder Schauerballade?, Ideenballade?, Romanze, Bänkelgesang?, Heldenlied? oder Volkslied.

Entstehung

Wie andere Gedichtformen auch, ist die Ballade im Ursprung ein von Tanzenden gesungenes Gedicht, das seine Wurzeln in den romanischen Ländern hat. Aus dem okzitanischen Wort balar („tanzen, Reigen tanzen“, von lat. ballare „tanzen“) entwickelte sich balada (Ballade) im 12. Jahrhundert im romanischen Sprachraum zunächst als Wort für Tanz und als Gattungsbezeichnung für ein Tanzlied mit gesungener Dichtung.

Nach einer französischen Definition aus jener Zeit war die Ballade genauer gesagt ein gesungenes Tanzlied in drei bis sechs Strophen? – vom Tanzenden selbst erzählend und rhythmisch vorgetragen. Die Strophen? hatten in der Regel den gleichen metrischen Aufbau und waren drei bis sechs Verse lang. Als Verstyp dominierte der Zehnsilbler?. Darüber hinaus gab es Sechs?-, Sieben?- oder Achtsilbler?. Kurze Zeilen und einfach wiederholte Reime? waren die Regel, üblich war auch ein ein meist zweizeiliger Refrain (Kehrreim). Geschildert wurde ein vergangenes Ereignis, oft mit einem als unvermeidlich beschriebenen katastrophalen Ende.

Erhalten geblieben sind nur sechs okzitanische Lieder, die entweder im Liedtext als balada (bzw. baladeta) gekennzeichnet oder so betitelt sind (oder beide Merkmale aufweisen). Vorgetragen wurden sie von Trobadors. Das waren Dichter, Komponisten und Sänger höfischer mittelalterlicher Lieder, die durch die Gegend reisten und ihre gesungene Dichtung zum Besten gaben. Diese war meistens in okzidanischer Sprache verfasst. Als ältester Vertreter der Trobadordichtung in Südfrankreich gilt Wilhelm IX. von Aquitanien? (1071-1127).

Entwicklung

Mit dem frühen 14. Jahrhundert bildete sich dann eine neue Form der Ballade heraus, die später die Kanzone? als Hauptgattung damaliger Liebesdichtung ablöst. Diese neue, spätmittelalterliche Form der Ballade beschränkte sich allerdings nicht auf das Thema Liebe, sondern befasst sich mit einem großen Spektrum verschiedenster Inhalte. Zwar war sie weiterhin ein musikalisch vertonter Liedtyp, verlor aber den Charakter eines Tanzliedes.

Besonders in Frankreich entwickeln sich Balladen zur strengen Kunstform, die im 14. und 15. Jahrhundert ihre Blütezeit erlebt. Unterschiedliche Regionen weisen dabei verschiedene Formen auf. Ein Refrain ist jedoch obligatorisch. In der Regel sind drei bis fünf gleich gebaute gereimte Strophen? enthalten. Ab dem 15. Jahrhundert sind dies regelmäßig Acht?- oder Zehsilbler?. Die Anzahl der Verse (inklusive Refrain) ist identisch mit der Anzahl der Silben? pro Vers. Die bedeutendsten Balladen-Dichter waren Eustache Deschamps? (1345-1404) und François Villon? (1431-1463).

Im Laufe des 15. Jahrhunderts geht die Bindung an die musikalische Komposition verloren. Aber auch die Balladen jener Zeit sind für einen gesprochenen Vortrag konzipiert, nicht für eine stummen Lektüre.

Höfische Kultur

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Im Zuge einer sich ausbreitenden ritterlichen Kultur war die Ballade über Nordfrankreich in Form höfischer Reihen- und Kettentänze auch nach Deutschland, Großbritannien und Skandinavien gelangt. Auch hier wandelt sie sich – weg vom Tanz – zum erzählerischen Lied. Die anonyme Volksballade? entsteht. In Deutschland basieren ihre Stoffe häufig auf dem germanischen Heldenepos.

Im 16. Jahrhundert verbreiten sich daneben weitere Erzähllieder (Zeitungslied?, Bänkelsang?, Schauerballade?). Die spanische Volksballade? ist die Romanze. Auch die slawischen Völker haben zu jener Zeit eine umfangreiche Volksballaden-Dichtung?.

Im 18. Jahrhundert wurde der Name Ballade in England konzeptionell auf alte erzählende Volkslieder übertragen. Diese wurden vom Poeten Allan Ramsay? und dem Bischof Thomas Percy? gesammelt („Reliques of Ancient English Poetry, Old heroic Ballads, 1765) und erzählen meist ein dramatisches Ereignis, auch mittels Personenrede?. Daraufhin wurde der Begriff auch für ähnlich geartete Volkspoesie (mit Handlung, epischem Charakter, häufig dramatisch zugespitzt) anderer Literaturen übernommen. Seitdem definiert man die Ballade in der Literatur als ein längeres Gedicht, das lyrische, epische und dramatische Elemente miteinander verbindet.

Herder, Schiller und Goethe

1778/79 veröffentlichte Johann Gottfried Herder? den Band „Volkslieder“ mit Nachdichtungen? britischer und dänischer Volksballaden?. Angeregt von britischen Schauerballaden? (Geisterballaden) wurde ab 1770 im deutschsprachigen Raum die volkstümlich-traditionelle Ballade? zu einer neuen kunstvollen Form (Kunstballade?) weiterentwickelt. Maßstäbe setzten hier Dichter des Göttinger Hains? sowie Goethe („Der Erlkönig“, 1782) und Schiller („Die Bürgschaft“, 1799).

Schillers Balladen etwa drehen sich nicht um den einzelnen Menschen, sondern um das Schicksal, das am Menschen offenbar wird. Stets geht es in ihnen um die Begegnung des Menschen mit Schicksalsmächten, die ihn von innen oder außen bedrohen, denen er sich widersetzt oder gehorcht und die ihn schließlich zu einer existenziellen Erschütterung führen. Immer sind die Gestaltung eines vordergründigen und eines hintergründigen Vorgangs enthalten – eines rational begreiflichen sowie eines irrationalen, nicht fassbaren Geschehens. Die dramatische Grundstruktur ist die Ursache dafür, dass Schillers Balladen eine solch große Wirkung entfaltet haben und als klassische deutsche Balladen in die Literaturgeschichte eingegangen sind.

„Die Bürgschaft“ und „Der Erlkönig“ gelten als Handlungsballaden?. Das heißt, sie setzen in dramatischer Weise auf ein dynamisches Geschehen, das in einem prägnanten Höhepunkt gipfelt. „Der Erlkönig“ ist zugleich als Unterhaltungsballade? einzuordnen, als eine unterhaltsame Ballade mit unheimlichem oder mystischem Hintergrund. Überhaupt sind Balladen kaum eindeutig auf einen Form zu reduzieren: Schillers „Die Bürgschaft“ gilt gleichsam als belehrende Ballade mit ethischem Hintergrund.

Die Romantiker

Die Balladen der deutschen Romantik greifen gerne den Volksliedton auf. Sie haben einen unheimlichen, mysteriösen, teils auch heroischen Charakter. Bekannte Vertreter sind Ludwig Uhland? und Joseph von Eichendorff. Charakteristisch für diese Epoche ist der Typus der Beschaulichen Ballade, die auf Dynamik weitgehend verzichtet und in der Regel eine verklärende Darstellung von typisierten Figuren, Naturbildern und märchenhaften Erscheinungen leistet.

Die Tradition der Ballade als literarischer Kunstform bzw. kunstvoller Gedichtform mit lyrischen, epischen und dramatischen Anteilen setzen im 19. Jahrhundert Heinrich Heine („Atta Troll“, 1843) und Theodor Fontane („Die Brück’ am Tay“, 1880) fort. Mit Eduard Mörike, Annette Droste-Hülshoff?, Carl Ferdinand Meyer? oder Theodor Storm haben sich vor allem Autoren des poetischen Realismus? bevorzugt der Handlungsballade? gewidmet.

Rainer Maria Rilke und Hugo von Hoffmannsthal? finden um 1900 ebenfalls eigene Formen. Zugleich entwickelt sich ab Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland eine neue Strömung der Ballade: die rein erzählende epische Ballade? ohne dramatische Elemente. Sie befasst sich meistens mit einem ethischen oder sozialkritischen Hintergrund. Als Beispiele genannt seien hier Johannes R. Bechers? „Bauernballade“ oder Bertolt Brechts „Ballade von den Abenteurern“ (aus seiner Sammlung von Liedern und Balladen zwischen 1914-1924). Vereinzelt gesellschaftskritische Balladen verfasste bereits Jahrzehnte zuvor Heinrich Heine („Die schlesischen Weber“, 1844). Als explizit politische Balladen? mit sozialkritischen Absichten gelten Brechts „Kinderkreuzzug“ (1939) oder Erich Mühsams? „Der Revoluzzer“ (1907).

Die Ballade im 20. Jahrhundert

Anfang des 20. Jahrhunderts bezogen sich deutschsprachige Dichter von Balladen auch auf die volkstümlichen Traditionen des Bänkelsangs?. So entstanden zum Beispiel für das Kabarett? satirische, ironische und grotestke Varianten. Namentlich verfasst von Frank Wedekind?, Joachim Ringelnatz, Kurt Tucholsky oder Erich Kästner. Darüber hinaus setzte Brecht in der „Dreigroschenoper“ in Zusammenarbeit mit Kurt Weill? Balladen ein, die sich auf die Wurzeln des Bänkelsangs? zurückführen lassen. Und auch der Liedermacher? Wolf Biermann? ist in dieser Tradition verhaftet.

Balladen unterschiedlichen Typs, vom einfach gehaltenen Erzählgedicht bis zur frechen Satire, verfassten im 20. Jahrhundert so namhafte Autoren wie Carl Zuckmayer?, Peter Rühmkorf und Günter Grass?.

In den USA entwickelt sich eine Volksballadendichtung?, die zur Gitarre gesungen wird. Dichtende Musiker wie Woody Guthrie? und Bob Dylan? werden mit ihren politisch-agitatorischen Folksongs zu Leitfiguren der Folk-Bewegung und des Hippietums.

Sekundärliteratur

  • Köpf, Gerhard: Die Ballade: Probleme in Forschung und Didaktik. Berlin, Scriptor Verlag 1976, ISBN: 978-3589200818
  • Laufhütte, Hartmut: Deutsche Balladen. Ditzingen, Reclam Verlag 1995, ISBN: 978-3150585016
  • Weißert, Gottfried: Ballade. Stuttgart, Metzler Verlag 1993, ISBN: 978-3476121929

'''Weitere Einträge zum Stichwort:


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