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Die Wohlgesinnten

von
Jonathan Littell

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Der Holocaust, erzählt aus der Sicht eines deutschen SS-Offiziers, geschrieben von einem französischen Schriftsteller amerikanischer Herkunft, dessen jüdische Familie ursprünglich in Osteuropa verwurzelt war. Schon allein diese Konstellation kann ausreichen, um Jonathan Littells Roman „Die Wohlgesinnten“ (BvT, 2009) für den Leser interessant zu machen.

Geht man etwas tiefer und erfährt, dass Littell? in diesem Buch vor einem Hintergrund aus sehr gut recherchierten historischen Fakten den Versuch startet, mittels der fiktiven Erinnerungen des SS-Mannes Maximilian Aue aufzuzeigen, dass man es keineswegs kategorisch ausschließen kann, in der Zeit des Nationalsozialismus selbst in den Holocaust verwickelt worden zu sein, dann dürfte es zumindest bei jedem Hobbyhistoriker gehörig in den Fingern kribbeln. Eine schwierige Thematik, umgesetzt in gerade einmal sieben Kapiteln auf ca. 1.350 Seiten. Kein Fall von leichter Bettlektüre.

Als ich ungefähr ein Drittel des Buches gelesen hatte, habe ich im Gespräch mit einem Freund behauptet, man könne den Roman wohl auch problemlos auf wenige hundert Seiten? reduzieren, ohne viel vom Inhalt opfern zu müssen. Ich habe mich sehr getäuscht. Je weiter man sich vorarbeitet, desto komplexer und besser wird das Buch und am Ende entsteht ein Gesamtbild, das auch all die Szenen sinnvoll einbindet, die ich vorher eher als überflüssig betrachtet hatte. Einzig der Schluss ist Littell? meiner Meinung nach überhaupt nicht gelungen. Aber von vorn…

Was den Inhalt betrifft, kann man sich für so ein Buch kaum mehr wünschen. Littell? lässt seinen Protagonisten Max Aue im Laufe seiner Karriere eigentlich alle für die Thematik wichtigen Schauplätze erleben und beschreibt dabei alles sehr anschaulich und ausführlich. Egal, ob Ostfeldzug samt Einsatzgruppen und Massenerschießungen, Stalingrad, Auschwitz oder das Leben im bombardierten Berlin, man merkt immer, dass Littell genau recherchiert hat und weiß, worüber er schreibt.

Sehr interessant ist vor allem das Innenleben des NS-, oder hier besser SS-Staates. Er fängt alle möglichen Problemstellungen und Auffälligkeiten sehr geschickt ein und schafft es auch, sie dem Leser verständlich zu machen. Dabei beschränkt er sich aber nicht auf die ohnehin weiter bekannten Kompetenzstreitigkeiten, Intrigen bei der Ämtervergabe oder den ausschweifenden Lebensstil, den viele Offiziere selbst 1945 noch so weit wie möglich pflegten. Er schneidet auch den ein oder anderen Themenbereich an, der für Außenstehende heute sicher nicht mehr leicht zu begreifen ist – auffallend in dieser Hinsicht ist vor allem die damals geführte Diskussion, ob eine im Kaukasus angesiedelte Bevölkerungsgruppe zu den Juden zu zählen sei oder nicht.

Hervorzuheben dabei ist auch, wie Littell? zum Ausdruck bringt, mit welcher Sachlichkeit und Gefühlskälte der von den Nationalsozialisten begangene Genozid innerhalb der verschiedenen Abteilungen der SS vorbereitet und durchgeführt wurde. Untermalt wird alles noch zusätzlich von einer offensichtlich fundierten Kenntnis der in die "Endlösung" involvierten NS-Prominenz. Soweit ich es beurteilen kann, hat er Himmler, Eichmann, Speer, Höß oder die anderen in beachtlicher Zahl auftauchenden bekannten Namen wirklich gut getroffen, ihre persönlichen Eigenarten herausgearbeitet und – wenn möglich – auch in die Geschichte integriert.

Erfreulich ist, dass Littell? die NS-Ideologie nicht in den Vordergrund rückt. Ganz darauf verzichten kann man bei diesem Thema selbstverständlich nicht, er belässt es aber dabei, sie hauptsächlich dann anzusprechen, wenn die Geschichte es erfordert. Manchmal hat man bei diesen Szenen aber den Eindruck, dass er sich in dieses Thema nicht so akribisch eingearbeitet hat, wie in andere. So lässt er einen seiner Charaktere eine enge Verbindung zwischen Deutschtum und Judentum herstellen, von der ich in dieser Form bis dato noch nie etwas gehört habe. Da kann man jetzt natürlich viel spekulieren, welchen Grund diese eigenwillige Aussage hat – interpretiert er einen Teil der Ideologie anders, als es ansonsten verbreitet ist, stützt er sich auf neuere Forschungserkenntnisse, von denen ich bisher einfach nichts mitbekommen habe, will er aufzeigen, dass selbst in der Führungsriege des Dritten Reichs keine Einigkeit über die genaue Auslegung der rassenwissenschaftlichen „Erkenntnisse“ bestand, oder will er einfach nur provozieren? Manchmal wünscht man sich beim Lesen in der Tat ein Literaturverzeichnis?, um nachschlagen zu können, ob, und wenn ja, auf welche Fakten der Autor sich beruft.

Aber solche Feinheiten machen dem guten Gesamteindruck nichts aus. Man merkt, dass Littell? sich darum bemüht, sein Buch möglichst wertungsfrei zu halten, und zusammen mit dem auf Exaktheit bedachten Schreibstil wirken viele Szenen in der Tat sehr authentisch. Dennoch darf man natürlich nicht vergessen, dass man einen Roman und kein Sachbuch? vor sich hat und nicht jedes Detail, wie überzeugend es auch sein mag, stimmen muss.

Es scheint Littell? Spaß zu machen, historische Fakten, die sich chronologisch im Buch noch nicht ereignet haben können, beiläufig in die Geschichte einfließen zu lassen und so dem „kundigen“ Leser einen kleinen Denkanstoß zu geben, was mit dieser Person oder diesem Ort im weiteren Verlauf – meist außerhalb der erzählten Geschichte – noch passieren wird. In diesem Zusammenhang gefällt mir besonders, wie Eichmann Aue auf einer Party in ein Gespräch über Kants kategorischen Imperativ verwickelt. Wer sich mit Eichmann nicht weiter beschäftigt hat, wird die Szene einfach überlesen, doch wer sich etwas mit der Person auskennt, wird unweigerlich an seine Gerichtsverhandlung 1961 in Jerusalem denken müssen.

Jedoch ist nicht dieser historische Rahmen, sondern Max Aue das eigentlich Entscheidende am Buch und sobald man sich etwas genauer mit diesem Charakter? beschäftigt, wird es einem nicht mehr schwer fallen, sich in Erinnerung zu rufen, dass man einen Roman liest.

Für meinen Geschmack lässt Littell? bei seinem Protagonisten etwas zu viel Interpretationsspielraum. So bin ich mir beispielsweise jetzt noch nicht sicher, ob ich ihn als restlos überzeugten Nazi oder als sehr interessierten Mitläufer sehen soll. Der Eindruck, den man bekommt, schwankt für meine Begriffe immer wieder zwischen diesen beiden Zuständen, obwohl Littell die Figur wohl schon als überzeugten Nationalsozialisten präsentieren will.

Leider hat es er auch nicht ganz geschafft, Aue die emotionale Tiefe zu geben, die ein solch umfang- und abwechslungsreiches Buch ermöglicht und vielleicht auch erwarten lässt. Er bemüht sich fraglos, Aue nicht zu statisch wirken zu lassen, aber letztendlich kommt es mir doch vor wie ein immerwährendes Schwanken zwischen Teilnahmslosigkeit und Selbstmitleid. Er schafft es nicht, dass Aue die zum SS-Offizier gehörende Kälte und Sachlichkeit komplett ablegt und zu einem Privatmann wird. Würde sich Littell für das Buch nur auf die Karriere von Aue beschränken, würde das nichts ausmachen, da er aber gerade im zweiten Teil des Buches den zweiten Handlungsstrang? immer stärker entwickelt, würde man sich wünschen, dass er parallel auch den Charakter weiterentwickelt. Aues Privatleben, ein Mordfall in seiner Familie samt folgenden polizeilichen Ermittlungen gegen ihn selbst, der voranschreitende geistige Verfall und selbstverständlich auch eine Liebesgeschichte rücken fast gleichberechtigt zu Aues Berufsleben in den Fokus, allerdings weniger überzeugend erzählt.

Littell? arbeitet besonders im zweiten Teil des Buches mit Hochdruck daran, Aue von Seite zu Seite skurriler zu machen, übertreibt es am Schluss aber einfach. Die Geschichte vom gebildeten, jungen Mann, der mit Hilfe seiner Freunde, aber auch durch seine eigene gewissenhafte und sachliche Arbeitsweise Karriere macht, ist Littell offensichtlich zu langweilig. Stattdessen verleiht er Aue einen Makel nach dem anderen und baut so den Charakter eines SS-Offiziers auf, der gegen vieles steht, was die SS normalerweise auszeichnen sollte. Sei es die Homosexualität, das inzestuöse Verhältnis zu seiner Schwester oder die Verwicklung in einen Mordfall. Dass seine Vorgesetzten Aue innerhalb der Geschichte auch noch unwissentlich vor der Enttarnung schützen, wirkt teilweise schon sarkastisch, passt aber andererseits wieder gut ins Bild.

Auch das könnte man durchaus als einen dieser Kontraste sehen, die Littell? gerne einbaut. Die penetrant anhänglichen Ermittler, die versuchen, Aue den Mord an seiner Familie mit aller Macht nachzuweisen, stehen im krassen Gegensatz zum im Hintergrund ablaufenden Judenmord, der niemanden interessiert. Die durchaus betroffene Reaktion von Aues Freundin, als er ihr von seiner Arbeit erzählt, unterscheidet sich total vom sachlichen Abnicken seiner Offizierskollegen, wenn sie von den Vorgängen erfahren. Man gewinnt den Eindruck, dass Littell unterschwellig aufzeigen will, wie eine intakte Gesellschaft normalerweise auf solche Verbrechen reagiert und welch großer Unterschied zur Gesellschaft des Dritten Reichs besteht. Solch gelungene, tiefgründige Aspekte werden aber durch den Schluss des Buches etwas überdeckt.

Angefangen mit 50 bis 70 Seiten andauernden Inzestphantasien, die ab der dritten Seite einfach nur noch langweilig sind, schafft es Littell nicht, seine Geschichte zu einem angemessenen und sinnvollen Ende zu führen. Nur unterbrochen von einer beeindruckenden Begegnung mit einer Gruppe Kinder, die zwischen den Frontlinien mit äußerster Brutalität Einsatzkommando spielt, versandet der Roman irgendwie. Es kommt noch zu einer Begegnung mit Hitler, die aber dermaßen überzeichnet ist, dass man sie besser weggelassen hätte. Der Rest mit der ein oder anderen vagen Antwort auf vorher aufgeworfene Fragen wirkt auf mich einfach nicht stimmig.

Meiner Meinung nach hat Littell seinen Protagonisten während des Romans immer mehr in seiner kranken Welt versinken lassen, merkt am Schluss, dass er es doch übertrieben hat, und versucht daher, Aue noch etwas zu rechtfertigen oder aufzuwerten – anders kann ich mir das Ende nicht erklären. Letztendlich ändert dies aber auch nichts mehr daran, dass es einfach nicht passt.

Und so wird am Schluss leider auch das vollkommen kaputt gemacht, was Littell? ursprünglich mit diesem Buch aufzeigen wollte – dass Aue ein Mensch aus der Mitte der Gesellschaft ist und kein Sonderling, dass man genauso gut selbst in seine Situation hätte geraten können und vielleicht sogar gleich gehandelt hätte, dass jeder, bevor er wild mit dem Finger auf die Täter zeigt, überlegen sollte, wie er sich selbst verhalten hätte. Aber Aue ist absolut ungeeignet, um einen solchen Effekt beim Leser hervorzurufen. Keiner wird sich ernsthaft mit diesem Charakter? identifizieren wollen und können, die wenigsten Leser werden wohl überhaupt über Parallelen zwischen Aue und sich selbst nachdenken und so stellt er eben jenen Sonderling dar, den Littell? wohl eben nicht erschaffen wollte. Hieran ändert auch die immer wieder auftauchende direkte Ansprache an den Leser nichts, in der er drauf aufmerksam gemacht werden soll, dass Aue sich als Mensch wie du und ich sieht.

Über die sprachliche Umsetzung könnte ich kaum Negatives sagen. Es dauert etwas, bis man in den „Erzähltrott“ hineinkommt, und bis dahin wirkte es auf mich auch etwas langweilig und trocken. Wenn man sich aber dann an Littells? Schreibstil gewöhnt hat, lässt sich das Buch angenehm lesen, ist eingehend und verständlich gestaltet. Authentisch wird es nicht zuletzt dadurch, dass Littell sich den NS-Gepflogenheiten angepasst hat und alle Begriffe abkürzt, die es erlauben. Manchmal ist das etwas verwirrend, aber ich hatte nie Verständnisprobleme, wenn ich unbekannte Abkürzungen einfach überlesen habe. Und wenn man sich wirklich einmal fragt, was das heißt, gibt es immer noch den knapp 30-seitigen Anhang?, in dem die Abkürzungen und Dienstgrade ausführlich erklärt werden.

Ein Punkt, an dem Kritik des Buches gerne festgemacht wird - die ausgedehnte Fäkalsprache - würde ich keinesfalls zu sehr in den Mittelpunkt rücken. Bis auf die ein oder andere Szene, gerade die angesprochene, überzogene gegen Ende des Buches, stört das kaum. Einiges ist sinnvoll in die Geschichte integriert, anderes kann man überlesen. Wenn man sich darüber aufregen will, kann man das sicher tun, nötig ist es meiner Meinung nach nicht. Dennoch muss man deutlich sagen, dass Littell? nicht zimperlich mit der Vorstellungskraft seiner Leser umgeht und manche Szene sehr derb gestaltet.

Fazit: „Die Wohlgesinnten“ von Jonathan Littell ist ein anspruchsvolles und zu Recht kontrovers diskutiertes Werk?. Durch die ausgiebige Recherchearbeit? erhält der Leser einen guten Einblick in die nationalsozialistische Vernichtungspolitik und durch Aues direkte Ansprache an den Leser fraglos auch viele Denkanstöße, die die zum Thema gehörende Sachliteratur? nicht in diesem Maß hervorrufen kann. Ich persönlich hätte mir gewünscht, dass sich der Handlungsstrang, der sich mit Aues Privatleben beschäftigt, mehr im Hintergrund hält, aber auch das trägt gleichsam wieder zur Vielschichtigkeit und Interpretationsoffenheit des Buches bei und macht es nicht nur für geschichtlich interessierte Leser reizvoll.

Autor: Johannes Böhm

Literaturangaben:

  • Littell, Jonathan: Die Wohlgesinnten. Berlin Verlag, Berlin 2008, ISBN: 978-3827007384

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