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Fritz Langs Metropolis

von<br> Deutsche Kinemathek (Hg.)

Fritz Langs Metropolis - (c) Deutsche Kinemathek

Gala bei den „Berliner Filmfestspielen“, Übertragung auf Großleinwand am Brandenburger Tor (mit mindestens 2000 Filmfans bei bitterer Kälte), Live-Übertragung für Kälteempfindliche auf „arte“: Selten war der Hype für einen deutschen Stummfilm größer. Fritz Langs 1925/1926 von der UFA in Potsdam und Umgebung gedrehter und im Januar 1927 im UFA-Palast uraufgeführter Monsterfilm von 4189 Metern Länge hatte damals nur wenige gute Kritiken. Die neue Fassung von 2010 hat noch 3945 Meter, macht immerhin 144 Minuten, 12 Sekunden. Ein paar Minütchen fehlen also noch.

Die erste Langfassung war schon bald beim amerikanischen Koproduzenten auf kinoverträgliche anderthalb Stunden gekürzt worden und wurde so in vielen deutschen und ausländischen Kinos gezeigt. Das Original verschwand und avancierte zum Mythos. Dass sich in Argentinien in einem Filmmuseum in Buenos Aires eine vollständige Fassung, wenn schon umkopiert auf 16 mm und jämmerlich zerkratzt, erhalten hatte, wurde erst 2008 entdeckt und setzte Cineasten in aller Welt in Aufregung, hatten sie doch in den Nachkriegsjahren überall danach gesucht, und Studienfassungen mit Schwarzblenden hergestellt, dort, wo sie Verluste vermuteten. Es galt nämlich als ausgemacht, dass die Kürzung den ganzen Film beschädigt, ja um seinen Sinn gebracht habe. Nun wissen wir es also ziemlich genau: Das stimmt so nicht.

Die in einem komplizierten Prozess integrierten Teile, die in der neuen Gesamtfassung trotz aller Anstrengungen durch ihre deutlich schlechtere technische Filmqualität als „Wunden“ sichtbar bleiben, zeigen, dass die amerikanischen Bearbeiter so schlecht gar nicht gearbeitet haben. Zwar fehlen in ihrer Fassung ein paar dramaturgisch? und szenisch bedeutsame Stellen, die den Film plausibler machen, aber die Erzählstruktur blieb doch kenntlich. Einiges haben die Amerikaner vermutlich auch nicht richtig verstanden. Das liegt wahrscheinlich auch am Drehbuch von Thea v. Harbou?, Fritz Langs? Frau, deren notorische Neigung zu Mystizismen Hollywood kaum vermittelbar war.

Denn die „Geschichte“, die der Film erzählt, ist ein krudes Gemisch aus Horrorvorstellungen, zu denen Homunculus und der Golem Pate standen, einer absurden Liebesgeschichte, der zeitweiligen Zerstörung der „Maschinenstadt“, ein bisschen (eher anarchisch als marxistisch gekirntem) Klassenkampf, mit einem versöhnlichen Ende: Der allmächtige Fabrikant Joh Fredersen gibt dem Arbeiterführer Groth (der vorher freilich schon als sein Zuträger erschienen ist), versöhnlich die Hand. „Mittler zwischen Hirn und Händen muss das Herz sein“, heißt das Insert. Da ist die „Volksgemeinschaft“ nicht weit, die 1926, in einer Epoche, da die Weimarer Republik noch eine Chance zu haben schien, schon waberte, ehe sie zum Nazi-Schlagwort wurde (1933 hatte einen langen Vorlauf!). Kurz und grob: Das Drehbuch ist ein Schmarren.

Dass es Lang wirklich ideologisch wichtig gewesen sein sollte, mag man bezweifeln. Er, der 1933 Deutschland verließ und 1934 nach Hollywood emigrierte, nachdem Goebbels ihm – seiner eigenen Aussage nach – vergeblich die „Leitung des deutschen Films“ angeboten haben soll (Goebbels und Hitler schätzten „Metropolis“), war gewiss kein Nazi, während Thea v. Harbou, von der er 1933 geschieden wurde, im Lande blieb und linientreue Romane und Drehbücher schrieb, die meist allein durch ihre Trivialität auffielen.

Was den Regisseur aufregte, war die Aufgabe, solch einen monströsen Stoff zu einem Kolossal-Film zu machen. Und in der Tat sind die technischen und dramaturgischen Tricks, die er erfand (oder adaptierte: die frühe russische Filmkunst schaut um die Ecke) fabulös, ist die Massenführung bewunderungswürdig. Auch in der Personenregie, die so deutlich in Körper- und Augensprache war, dass er die Textinserts? minimieren konnte, im genialen Umgang mit Lichtführung und raffiniertem Schnitt zeigt sich seine Meisterschaft: Alles was „Kino“ war, beherrschte er perfekt.

Dieser letzte große Stummfilm ist darin ein Meisterwerk, so wie einer der ersten seiner Tonfilme „M – eine Stadt sucht einen Mörder“ (mit Peter Lorre) ein Meisterwerk war – und blieb. Das Drehbuch (und der vergleichsweise hohe Etat) ließen ihm alle Freiheit zur Realisierung seine Filmträume. Da gibt es viele Szenen, die man nicht vergisst. Sie erklären das andauernde fanatische Interesse der Cineasten. Und auch, warum die, die am Ende an der neuen Fassung mitarbeiteten, ihre Funde und Begeisterungen in einem opulenten Buch zum Film? verewigen wollten.

Es ist ein gelungenes Buch, das in Aufsätzen? Geschichte und Dreharbeiten von „Metropolis“ ausführlich darstellt sowie das Abenteuer des späten Fundes und die Mühen bei der Realisierung der neuen Fassung, etwa auch der Originalmusik. Es verzeichnet auch alle belangvollen filmtechnischen Daten und wird so eine Art Film-Archäologie. Was diesen Band? darüber hinaus spannend macht, ist der große Bildteil, den die Autoren klugerweise nicht als fotografische Nacherzählung? des Drehbuchs angelegt haben (das kommt nur als kurze Zusammenfassung? in Prosa am Ende vor) sie fädeln die Buchkapitel anhand von Bauten und Drehorten auf.

Erstaunlich, wie viele Bilder es davon noch in den Archiven? gibt: Entwürfe für die Schauplätze?, für einzelne Szenen und ihren Aufbau, Fotos von technischem Gerät und Standfotos der Schauspieler in Aktion und am Set. Selbst die verschiedenen Kameras werden gezeigt und beschrieben. Das Ganze ist schön in einem wunderbaren Layout? auf Chamoispapier gedruckt. Dies ist ein hochinformativer und glänzend gemachter Band, eine Art von schriftlichem Denkmal für einen eben doch wichtigen Film, wenn dieser, nachdem der Hype vorbei ist, wieder in den Archiven verschwunden sein wird, wie alle anderen Stummfilme auch. Auch die übrigens, die Lang später noch gedreht hat: von dem Antinazi-Film „Hangmen also Die“, an dem Brecht in Hollywood mitgearbeitet hat, bis hin zu den beiden fantastischen Ausstattungsopern: „Der Tiger von Eschnapur“ und „Das indische Grabmal“ – die hat er, auf Zeit nach Deutschland zurückgekehrt, erst 1959 gedreht. Sie basierten auf seinen Scripts?, nach denen Joe May 1922 Stummfilme gedreht hatte. Lang wollte wohl wissen, wie solche Orientalismen mit anderer Personenführung und als Tonfilm wirkten.

1976 ist Fritz Lang, nach 43 von ihm selbst inszenierten Filmen und zahlreichen Drehbüchern, im Alter von 86 Jahren in Hollywood gestorben. Zu den Großen des Films gehört er jenseits allen Zweifels.

Originalbeitrag unter Die Berliner Literaturkritik

Literaturangaben

DEUTSCHE KINEMATEK (HRSG.): Fritz Langs Metropolis, Belleville Verlag, München 2010, 400 S., 49,80 €, ISBN: 978-3923646210

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