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Plagiat

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Als Plagiat bezeichnet man die Verbreitung eines fremden literarischen Werkes? unter Vorgabe eigener Urheberschaft.

Zu den bekanntesten Autoren, die mit Plagiatsvorwürfen konfrontiert wurden, gehören Bertolt Brecht, Thomas Mann und Gotthold Ephraim Lessing.

Foto: Rainer Sturm/www.pixelio.de

Definition

Als Plagiat (lat. plagiarius = Menschenraub, Seelenverkäufer) bezeichnet man die vollständige oder teilweise Übernahme und Verbreitung eines fremden literarischen Werkes? unter Vorgabe eigener Urheberschaft. Streng vom Plagiat zu unterscheiden ist die Fälschung?, bei der Werke? unter Angabe eines falschen Verfassernamens veröffentlicht werden, z. B. die Hitler-Tagebücher, die das Magazin „Stern“ 1983 seinen Lesern präsentieren wollte. Außerdem ergibt sich das Problem der Abgrenzung des Plagiats von der erlaubten und allgemein akzeptierten literarischen Verwertung fremden geistigen Eigentums, wie z. B. in Montage?, Collage, Parodie, Travestie?, Nachahmung?.

Obwohl das Plagiat mit der Entwicklung des modernen Eigentumsbegriffs ein rechtsfähiger Tatbestand geworden ist und folglich zu Unterlassungs- und Schadensersatzansprüchen führen kann, bleibt das Plagiat in der literarischen und juristischen Praxis schwer zu fassen. Beweisrechtliche Probleme ergeben sich häufig bei der unbewussten Entlehnung von Gedanken und Anregungen, der sogenannten Kryptomnesie. Eine zunehmend wichtige Rolle spielt in diesem Zusammenhang das literarische Verfahren der Intertextualität?, das u. a. von Umberto Eco in seinem Roman „Der Name der Rose“ (1980) zum zentralen Gestaltungsprinzip erhoben wurde.

Eine Sonderrolle nimmt das wissenschaftliche Zitat ein, für das im Urheberrecht besondere Regeln gelten: Ein Zitat, z. B. in einer Seminararbeit für die Universität oder in einer Buchrezension für die Zeitung, darf nicht allzu lang sein - und ganz wichtig: Die Quelle? muss immer vollständig und deutlich lesbar genannt werden. Wer in einer Seminararbeit gegen diese Regeln verstößt, macht sich im juristischen Sinne nicht strafbar, verletzt jedoch die Grundsätze wissenschaftlicher Redlichkeit und wird meist als Plagiator disqualifiziert.

Entstehung

Der Plagiatsbegriff im Sinne einer moralischen und rechtlichen Verfehlung entstand im 18. Jahrhundert, als Verleger und Schriftsteller ihr geistiges Eigentum vor unerlaubtem Nachdruck? schützen wollten. Die Antike und das Mittelalter? kannten kein geistiges Eigentum an Stoffen und Motiven: Die bewusste Übernahme von stofflichen, sprachlichen und gedanklichen Prägungen war lange Zeit üblich und geschah nicht selten zur Freude des Urhebers, der darin eine Würdigung seiner literarischen Leistung erblickte.

Obwohl in der Antike ein individuelles Schöpferbewusstsein weniger stark ausgeprägt war als heute, wurde in seltenen Fällen doch über das schwierige Verhältnis von Urheber und Nachschöpfer gestritten. Zu großer Bekanntheit gelangte der römische Dichter Martial?, der mit der Übernahme seiner spöttischen Epigramme? durch einen anderen Dichter nicht einverstanden war und dieses Vorgehen als Plagiat (Menschenraub) geißelte. Diese kleine Episode wirft nebenbei ein Licht auf die Motive derjenigen, die die Werke? anderer nachschöpfen, sowie derjenigen, die sich gegen diese Übernahme wehren: Den antiken Dichtern ging es vor allem um Ansehen, Ruhm und den Kampf um Mäzene - an dieser Ausgangslage hat sich bis in die Gegenwart nichts geändert, ab dem 18. Jahrhundert kam dann noch der finanzielle Aspekt hinzu, der inzwischen alle anderen Aspekte überlagert.

Entwicklung

In der Frühen Neuzeit? nahmen die Diskussionen um das Plagiat zu. Wichtige Beiträge aus dieser Zeit stammen von dem französischen Juristen Franciscus Duarenius? („De plagiariis et scriptorum alienorum compilatoribus“, 1549) und dem deutschen Philosophen Jakob Thomasius? („De plagio litterario“, 1673), die sich vorwiegend theoretisch und geistesgeschichtlich mit dem Plagiat auseinandersetzten. Gleichzeitig führten viele Verleger einen nahezu aussichtslosen Kampf gegen den unerlaubten Nachdruck? von literarischen und wissenschaftlichen Werken?, der in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts seinen Höhepunkt erreichte.

Einen Überblick über die Entwicklung des literarischen Urheberrechtsschutzes gibt es auf den folgenden Seiten:

Debatten um Bertolt Brecht und Thomas Mann

Seit dem späten 18. Jahrhundert gehören Plagiatsvorwürfe zum Literaturbetrieb und bereichern diesen nicht selten um äußerst bizarre Debatten. Zu nennen ist hier z. B. Paul Albrechts? sechsbändige Sammlung „Lessings Plagiate“ (1888-1891) oder der gegen Jakob Wassermann? erhobene Vorwurf, das Quellenmaterial? zu seinen kulturgeschichtlichen Romanen wörtlich abgeschrieben zu haben - inklusive Rechtschreibfehler! Nicht zu vergessen Bertolt Brecht, der in der „Dreigroschenoper“ (1928) die Villon-Übersetzung? K. L. Ammers? plagiiert haben soll. Plagiat oder nicht - um zu einem verlässlichen Urteil zu kommen, ist auch immer die Frage entscheidend, ob es dem Nachschöpfer gelungen ist, der Quelle? etwas Wertvolles hinzuzufügen oder sie eventuell sogar der Vergessenheit zu entreißen. Darüber lässt sich jahrelang streiten, ohne dass es langweilig wird - siehe Thomas Mann, der in seinem Roman „Doktor Faustus“ (1947) über die Zwölftontechnik schreibt, ohne dabei den Namen Arnold Schönbergs zu nennen.

Helene Hegemann und das Prinzip der Intertextualität

Für großes Aufsehen sorgte 2010 die des Plagiats beschuldigte Autorin Helene Hegemann?, die für ihren Roman „Axolotl Roadkill“ (2010) zwanzig Zitate aus dem Blogger-Buch „Strobo“ des Autors Airen? übernommen hat. Etwa zwanzig weitere Zitate stammten aus anderen Texten oder waren zumindest davon inspiriert. Verlag, Lektorat? und Agentur? seien diese Übernahmen nicht bekannt gewesen, hieß es in einer Presseerklärung. Der vierten Auflage? des Bestsellers wurde ein Quellenverzeichnis? beigefügt, das auch zahlreiche Quellen? enthält, die im Zuge einer freien Benutzung im Sinne des Urheberrechts nicht genehmigungspflichtig sind. Außerdem schreibt Hegemann? in dem Verzeichnis vorsorglich: „Dieser Roman folgt in Passagen dem ästhetischen Prinzip der Intertextualität? und kann daher weitere Zitate enthalten.“

Intertextualität

Intertextualität? ist ein von der bulgarischen Philosophin Julia Kristeva? in die Literaturtheorie eingeführter Begriff. Er bezeichnet das literarische Verfahren der Bezugnahme eines Textes (z. B. Gedicht, Roman, Erzählung, Essay) auf andere Texte. Das bedeutet, dass jedem Text andere Texte zu Grunde liegen. Denn jeder Autor, der z. B. einen Roman schreibt, bringt frühere Leseerfahrungen in Form von Wörtern und Strukturen in seinen gerade entstehenden neuen Roman mit ein. Intertextualität? ist ein zentraler Begriff der poststrukturalen Poetik und sollte die traditionelle Literaturauffassung, die von Kategorien wie Originalität und Echtheit geprägt war, sprengen. Der wohl bekannteste Roman, der nach dem Prinzip der Intertextualität? geformt ist, ist Umberto Ecos „Im Namen der Rose“ (1980). Darin verwebt Umberto Eco eine Vielzahl von Quellen? zu einer packenden Kriminalgeschichte, die zugleich ein detailgetreues Panorama der mittelalterlichen Lebenswelt entwirft.

Das Plagiat und die Politik

Im Februar 2011 geriet der damalige deutsche Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg wegen Plagiatsvorwürfen in die Kritik. Er hatte in seiner 2007 eingereichten und 2009 veröffentlichten Dissertation "Verfassung und Verfassungsvertrag" ganze Passagen aus Tageszeitungen sowie Texte anderer Autoren ohne Quellennachweis? verwendet. Als die Kritik laut wurde, sprach zu Guttenberg noch von vereinzelten falsch gesetzten Fußnoten, die er bei einer Neuauflage gern korrigieren werde. Doch Recherchen, die auf der eigens gegründeten Internetseite GuttenPlag Wiki gesammelt wurden, ergaben bald, dass es sich um weitaus mehr handelte.

Schließlich verzichtete zu Guttenberg von sich aus auf das Führen des Doktortitels, was allerdings nicht verhindern konnte, dass die Unversität Bayreuth ihm den Titel formal aberkannte und zu prüfen begann, ob er bewusst getäuscht habe. Am 1. März 2011 trat der Jurist zudem von allen politischen Ämtern zurück. Wenige Tage später leitete die Staatsanwaltschaft offiziell ein Ermittlungsverfahren wegen möglichen Verstößen gegen das Urheberrecht ein. Im Mai 2011 teilte die Prüfungskommission der Universität Bayreuth mit, sie sei zu dem Ergebnis gekommen, dass Guttenberg "die Standards guter wissenschaftlicher Praxis evident grob verletzt und hierbei vorsätzlich getäuscht" habe.

Die Plagiatsjäger im Internet machten sich inzwischen auf die Suche nach weiteren Plagiatsfällen. Unter anderem wiesen sie 2011 auf der Seite VroniPlag Wiki der Tochter von Edmund Stoiber, Veronika Saß, sowie Silvana Koch-Mehrin Plagiate nach. Koch-Mehrin trat daraufhin von ihren Ämtern als Leiterin der FDP-Delegation im Europäischen Parlament, als Parlamentsvizepräsidentin und als FDP-Präsidiumsmitglied zurück. Ihren Abgeordnetensitz im Europäischen Parlament behielt sie.

Literatur

  • Brecht, Bertolt: Die Dreigroschenoper. Der Erstdruck 1928. Text und Kommentar. Suhrkamp Verlag, Berlin 2008, ISBN: 978-3518188484
  • Guttenberg, Karl Theodor Freiherr zu: Verfassung und Verfassungsvertrag: Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU. Duncker & Humblot Verlag, Berlin 2009, ISBN: 978-3428125340
  • Eco, Umberto: Im Namen der Rose. Dtv, München 2008, ISBN: 978-3423210799
  • Hegemann, Helene: Axolotl Roadkill. Ullstein Verlag, Berlin 2010, ISBN: 978-3550087929

Sekundärliteratur

  • Jannidis, Fotis: Texte zur Theorie der Autorschaft. Reclam Verlag, Ditzingen 2000, ISBN: 978-3150180587
  • Kimmich, Dorothee: Texte zur Literaturtheorie der Gegenwart. Reclam Verlag, Ditzingen 2008, ISBN: 978-3150185896
  • Theisohn, Philipp: Plagiat. Eine unoriginelle Literaturgeschichte. Kröner Verlag, Stuttgart 2009, ISBN: 978-3520351012

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