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Schmidt, Arno

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Arno Schmidt (geb. 18. Jan. 1914 in Hamburg; gest. 3. Juni 1979 in Celle) war ein deutscher Schriftsteller. Sein Motto "Der Schriftsteller soll alleine gehen" verwirklichte er in seinem avantgardistischen? Schreiben, bei dem er versuchte, die nach seinen Worten "löcherige" menschliche Wahrnehmung der Wirklichkeit möglichst genau in Sprache zu überführen. Bekannt geworden ist vor allem sein Mammutprojekt "Zettel's Traum".

Leben und Schreiben

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Arno Schmidt wurde ins Hamburger Mietskasernenmilieu hineingeboren. Sein Vater war Polizist, seine Mutter die Tochter eines Gerbers. Er hatte eine ältere Schwester, Luzie. Die Eltern stammten aus der Lausitz. Dorthin kehrte Clara Schmidt nach dem Tod ihres Mannes zurück. In Görlitz machte Arno Schmidt 1933 sein Abitur. Trotz seiner herausragenden Begabung fand er jedoch nur eine kaufmännische Lehrstelle in der Lagerbuchhaltung in den Greiff-Werken, der größten Textilfabrik Deutschlands. 1937 wurde er als Lagerbuchhalter übernommen.

Im selben Jahr heiratete Schmidt seine Arbeitskollegin Alice Murawski. Die Ehe blieb kinderlos. Alice Schmidt, so wollte es ihr Mann, war nicht mehr weiter erwerbstätig, sondern sollte seine Sekretärin werden und ihn bei seinen geplanten literarischen Vorhaben unterstützen. Bis zum Zweiten Weltkrieg entstanden Gedichte und eine erste Erzählung.

1940 wurde Arno Schmidt zur Artillerie eingezogen. Er versah zunächst Schreibstubendienst in Hagenau im Elsaß. 1942 wurde er nach Norwegen an den Molde-Fjord versetzt. Hier entstanden die Dichtergespräche im Elysium und andere Erzählungen. Sie erschienen 1988 als Jugendwerke. Von April bis Dezember 1945 war Arno Schmidt in englischer Kriegsgefangenschaft in einem Lager bei Brüssel. Er war bei einem letzten Fronteinsatz in Niedersachsen gefangengenommen worden, nachdem er sich zur Front gemeldet hatte, um vorher einen damit verbundenen Urlaub antreten und während diesem die Flucht seiner Frau in den Westen organisieren zu können.

"Leviathan" (1949)

Die nächsten Jahre verbrachte das Ehepaar in Notunterkünften und beengten Verhältnissen. Zunächst lebten sie in Cordingen (Lüneburger Heide), hier entstand auch die erste Veröffentlichung? Leviathan (1949) - auf Telegrammformulare notiert, von denen ein englischer Captain Schmidt einen halben Block geschenkt hatte. "Wir hatten ja nicht einmal SchreiPapier in jenen Jahren, dicht nach '45", schrieb Schmidt rückblickend.

1946 hatte Schmidt noch kurz als Dolmetscher in einer englischen Hilfspolizeischule gearbeitet. Dann entschloss er sich für eine Existenz als freier Schriftsteller. Neben seinen Erzählungen und Romanen schrieb er literarische Radio-Essays und eine Fouqué?-Biographie (1958). Außerdem übersetzte er Literatur englischsprachige Autoren, so etwa Ed McBain?, Peter Fleming?, James F. Cooper?, William Faulkner, Edgar Allan Poe und Edward Bulwer-Lytton?.

Die Armut, die das Ehepaar Schmidt in den Nachkriegsjahren mit den meisten Deutschen teilte, wurde zunächst durch CARE-Pakete gelindert, die Schmidts in die USA ausgewanderte Schwester Luzie schickte, und 1950 durch das Preisgeld des Großen Literaturpreises der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz.

"Brand's Haide" (1951)

Im Jahr 1950 wurden die Schmidts nach Gau-Bickelheim in die französische Besatzungszone umgesiedelt. Bereits 1951 folgte der Umzug nach Kastel an der Saar. Hier entstand die Trilogie? Nobodaddys Kinder mit Brand's Haide (1951), Schwarze Spiegel (1951) und Aus dem Leben eines Fauns (1953).

"Musivisches, löcheriges Dasein"

Arnos Schmidts Anliegen beim Schreiben war es, die Illusion einer fortlaufenden Handlung, die die herkömmliche erzählende Prosa seiner Ansicht nach zu Unrecht aufrechterhielt, zu zerstören. Denn: "Es gibt diesen epischen Fluß, auch der Gegenwart, gar nicht; Jeder vergleiche sein eigenes beschädigtes Tagesmosaik!", heißt es in der Bargfelder Ausgabe der Werke Arno Schmidts III,3 S.167f.

An die Stelle kontinuierlichen Erzählens sollte eine Darstellungsweise treten, die dem "Löcherigen" (Schmidt nennt es auch das "Musivische") unserer Selbst- und Weltwahrnehmung entspricht: ein "mageres", dafür "trainierteres Prosagefüge", das der "Perlenkette" der kleinen inneren und äußeren Erlebniseinheiten entspreche. In "Brand's Haide", so der Autor, habe er dieses Verfahren anzuwenden versucht.

"Seelandschaft mit Pocahontas" (1955)

Im katholischen Kastel wurde Schmidt 1955 wegen angeblicher Verbreitung von Pornografie und Gotteslästerung in der im selben Jahr erschienenen Erzählung Seelandschaft mit Pocahontas angezeigt. Nach einem Umzug ins evangelische Darmstadt wurde das Verfahren eingestellt.

"Das Steinerne Herz" (1956)

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In Darmstadt entstanden Das Steinerne Herz (1956) und Die Gelehrtenrepublik (1957). Arno Schmidt fühlte sich hier jedoch nicht wohl. Der Trubel der Großstadt hinderte ihn am Arbeiten. Eine Auswanderung nach Irland scheiterte an fehlenden finanziellen Voraussetzungen. 1958 ließ sich das Ehepaar schließlich endgültig in Bargfeld (Kreis Celle) in der Lüneburger Heide nieder. Hier blieb Schmidt bis zu seinem Tod. Nur noch für jeweils wenige Tage - etwa zu Verwandtenbesuchen in Ostberlin - verließ er Bargfeld.

Foto: Tolanor von Preto / Wikimedia.org

"Zettel's Traum" (1970) und die Drei-Spalten-Technik

1970 erschien der Roman Zettel's Traum, in drei Spalten? aufgeteilt, als 1330 Seiten? umfassendes Typoskript? - eine andere Vervielfältigungsmöglichkeit bestand damals nicht. Bereits in Kaff auch Mare Crisium (1960) hatte er mit zwei Spalten? gearbeitet. Die Drei-Spalten-Technik stellt demgegenüber eine Erweiterung dar.

Die mittlere Spalte von "Zettel's Traum" enthält die Handlung, die darin besteht dass vier Personen einen Tag auf dem Lande verbringen und über Edgar Allan Poe sprechen. Rechts und links stehen Marginalien?: links Bruchstücke aus Poes Werk, rechts Phantasien des Erzählers und literarische Zitate. doch auch diese Anordnung kann sich ändern: Wenn sich die Figuren der Haupthandlung über Poe unterhalten, steht die mittlere Spalte links. Wenn sie über andere Autoren sprechen oder sich gar in diese verwandeln, steht sie rechts.

Etymtheorie

In "Zettel's Traum" erläutert Schmidt auch seine Etymtheorie. Er hatte sich schon früh mit Sigmund Freud und der Psychoanalyse beschäftigt und bereits in Sitara und der Weg dorthin (1963) die Landschaftsschilderungen bei Karl May auf versteckte Körperabbildungen hin untersucht. In "Zettel's Traum" ist daraus ein Lauschen auf und Suchen nach mehrfachen Bedeutungen der Worte geworden. Denn Worte, so Schmidt, können durch klangliche Assoziationen unbewusste Gedanken des Sprechers oder Autors mit transportieren. In "Zettel's Traum heißt es, dass "das ubw ein eigenes Schalks=Esperanto lallt". Durch eine eigenwillige Schreibweise versucht Schmidt diese Mehrdeutigkeit der Sprache sichtbar zu machen. Die Neuschöpfung "SchreiPapier" im "Leviathan" ist schon ein frühes Beispiel dafür.

Goethe-Preis

1973 erhielt Arno Schmidt den Goethepreis der Stadt Frankfurt am Main?. Jedoch war er gesundheitlich nicht in der Lage, den Preis selbst entgegenzunehmen, da er im Vorjahr einen Herzinfarkt erlitten hatte. Seine Frau fuhr allein nach Frankfurt und verlas seine Dankesrede.

Schmidt und Reemtsma

1977 schenkte der Hamburger Mäzen? Jan Philipp Reemtsma dem Schriftsteller 350.000 DM - den Betrag, mit dem der Nobelpreis für Literatur dotiert ist.

Am 3. Juni 1979 starb Arno Schmidt an den Folgen eines Schlaganfalls im Krankenhaus in Celle. Sein letztes Werk Julia oder die Gemälde konnte er nicht mehr beenden. Er ist im Garten seines Hauses in Bargfeld beerdigt. Seine Witwe gründete gemeinsam mit Jan Philipp Reemtsma die Arno Schmidt Stiftung, die in Bargfeld den Nachlass? des Schriftstellers verwaltet und Wohnhaus und Garten betreut. Alice Schmidt starb im Jahr 1984.

Übrigens ...

... ist der Blog Zettels Raum nach "Zettel's Traum" benannt.

Auszeichnungen (Auswahl)

Werke (Auswahl)

Die Werke Arno Schmidts werden von der Arno Schmidt Stiftung als 16-bändige Gesamtausgabe herausgegeben. Sie erscheinen als Bargfelder Ausgabe im Haffmans Verlag, Zürich 1986 ff.

  • Leviathan. Drei Erzählungen. OA Rowohlt Verlag, Hamburg 1949 (enthält "Gadir oder Erkenne dich selbst", "Leviathan oder Die beste der Welten" und "Enthymesis oder W.I.E.H")
  • Brand's Haide. Zwei Erzählungen. OA Rowohlt Verlag, Hamburg 1951 (enthält "Brand's Haide" und "Schwarze Spiegel")
  • Die Umsiedler. Zwei Erzählungen. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt/Main 1953 (enthält "Die Umsiedler" und "Alexander oder Was ist die Wahrheit")
  • Aus dem Leben eines Fauns. Kurzroman. OA Rowohlt Verlag, Hamburg 1953
  • Seelandschaft mit Pocahontas (1955)
  • Kosmas oder Vom Berge des Nordens. Erzählung. Agis Verlag, Krefeld 1955
  • Das Steinerne Herz. Roman. Stahlberg Verlag, Karlsruhe 1956
  • Fouqué und einige seiner Zeitgenossen. Biografie. Bläschke Verlag, Darmstadt 1958
  • Die Gelehrtenrepubli. Kurzroman. Stahlberg Verlag, Karlsruhe 1957
  • Kaff auch Mare Crisium. Roman. Stahlberg Verlag, Karlsruhe 1960
  • Sitara und der Weg dorthin. Eine Studie über Wesen, Werk & Wirkung Karl Mays. Stahlberg Verlag, Karlsruhe 1963
  • Zettel's Traum. Roman. Stahlberg Verlag, Stuttgart 1970
  • Die Schule der Atheisten. Dialogisierter Roman. S.Fischer Verlag, Frankfurt/Main 1972
  • Abend mit Goldrand. Dialogisierter Roman. S.Fischer Verlag, Frankfurt/Main 1975
  • Julia oder die Gemälde. Dialogisierter Roman. Haffmans Verlag, Zürich 1983 (posthum veröff. Fragment)
Fotografien aus dem Nachlass
  • Arno Schmidt: Vier mal vier. Fotografien aus Bargfeld. Hg. v. Janos Frecot. Bargfeld 2003
  • Arno Schmidt: SchwarzWeißAufnahme. Hg. v. Janos Frecot. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009

Hörbücher

  • Zettels Traum. Gesprochen von Joachim Kersten, Bernd Rauschenbach und Jan Philipp Reemtsma. Hoffmann und Campe, Hamburg 2008, ISBN: 978-3455306040

Sekundärliteratur

Kersten, Joachim (Hg.): Arno Schmidt in Hamburg. Hoffmann und Campe, Hamburg 2011, ISBN: 978-3455403459

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