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Verfremdung

Die Verfremdung ist ein literarisches Stilmittel, das den Leser bzw. das Theaterpublikum zu bestimmten moralischen oder intellektuellen Konsequenzen bewegen soll. Das epische Theater? Bertolt Brechts beruhte zu einem wesentlichen Teil auf dieser künstlerischen Methode.

Definition

Als Verfremdung bezeichnet man ein literarisches Stilmittel, das einen vertrauten Gegenstand fremd und ungewöhnlich erscheinen lässt. Absicht der Verfremdung ist, dass der Leser bzw. das Theaterpublikum aus seinen meist klischeehaften Sprach-, Denk- und Interpretationsgewohnheiten herausgerissen wird. In der Theorie resultiert aus diesem durch die Verfremdung herbeigeführten „Schock“ eine veränderte Sichtweise auf die Dinge: Die Wirklichkeit erscheint in neuem Licht. Ob dieser Effekt tatsächlich – also auch außerhalb der Theorie – eintritt (und wenn ja, wie lange er anhält), ist jedoch völlig unklar. In der Literaturwissenschaft spricht man auch von Verfremdungseffekt oder V-Effekt. Die Verfremdung ist übrigens auch im Film ein beliebtes Stilmittel.

Verfremdung im Überblick

In der Literaturwissenschaft unterscheidet man üblicherweise drei Arten der Verfremdung. Diese sind:

  • Verfremdung bezeichnet allgemein die Distanz, die zwischen der poetisch-literarischen Sprache und der Alltagssprache liegt. Seit der Antike gibt es in der Literatur immer wieder Epochen und Strömungen, in denen diese Distanz besonders ausgeprägt ist. Zu nennen sind hier vor allem: Manierismus?, Dadaismus, Surrealismus, absurdes Theater und moderne Lyrik. Dabei hängt es von der Intention des einzelnen Autors ab, ob die Verfremdung im Sinne der Definition als „heilsamer Schock“ verwendet wird oder nicht. Häufig zeigt es sich jedoch, dass Autoren, die mit Verfremdungseffekten arbeiten, gleichzeitig auch gegen traditionelle Kunst- und Literaturvorstellungen rebellieren und durch das Mittel der Verfremdung die Wirklichkeit in einem neuen Licht erscheinen lassen möchten.
  • Im russischen Formalismus? gelangte die Verfremdung zu herausragender Bedeutung. Als wichtiger Theoretiker gilt der Schriftsteller und Literaturkritiker Wiktor Schklowski?. In seinem einflussreichen Aufsatz? „Kunst als Verfahren“ (1916) bezeichnete er die Verfremdung als wesentliche Methode der Kunst und Literatur. Schklowski? war der Ansicht, dass die Wahrnehmung und die Sprache des Menschen in der modernen Welt völlig automatisiert seien. Ein Beispiel aus der Praxis: Ein Mensch, der ein gewöhnliches, mit Klischees überladenes Buch liest, erkennt beim Lesen zwar die Wörter wieder, er füllt sie jedoch nicht mit Leben und Empfindungen. Von der modernen Literatur forderte Schklowski? daher, die automatisierten Verstehensprozesse durch Verfremdung zu erschweren. Mit dem Ziel, den Blick des Menschen auf die Wirklichkeit – und damit die Wirklichkeit selbst – zu verändern. Die Strukturalisten? griffen die Theorien der Formalisten? in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf.
  • Das epische Theater? Bertolt Brechts beruhte zu einem wesentlichen Teil auf der Verfremdung. In seinen theoretischen Schriften spricht Brecht hauptsächlich vom Verfremdungseffekt. Dessen Ziel sei es, in der Wahrnehmung des Publikums das Gewohnte und Vertraute plötzlich ins Unverständliche und Beunruhigende umschlagen zu lassen. Der Verfremdungseffekt sollte zudem verhindern, dass sich die Zuschauer vom emotionalen Gehalt der Handlung beeinflussen lassen oder sich mit den Schauspielern identifizieren. Der Verfremdungseffekt, wie Brecht ihn verstand, zielte auf die bewusste Zerstörung der theatralischen Illusion ab. Die Aufgabe des Zuschauers war es schließlich, aus der Vielzahl der auf der Bühne inszenierten Widersprüche und „Schocks“ die richtigen Konsequenzen zu ziehen. Richtig – das bedeutete für Brecht: im Sinne der marxistischen Gesellschaftstheorie.

Methoden, Verfemdung zu erzeugen

  • Die Schauspieler sollen sich mit den Figuren des Stückes nicht identifizieren. Sie sollen den Zuschauern stattdessen demonstrieren, dass sie bestimmte einstudierte Verhaltensweisen (Rollen) vorführen – und dass diese Verhaltensweisen veränderbar sind.
  • Das Stück wird durch Einlagen – z. B. direkte Ansprachen ans Publikum, Songs, Aufsagen von Gedichten oder Bibelversen – immer wieder unterbrochen. Auf diese Weise tritt die Handlung des Stücks in den Hintergrund und die Zuschauer bekommen dadurch Gelegenheit, das bisher Erlebte kritisch zu durchdenken.
  • Das Bühnenbild ist sparsam und mit irritierenden Requisiten – z. B. Spruchbänder, sichtbare Bühnentechnik, Einsatz von Medien – eingerichtet. Damit soll die Aufmerksamkeit des Zuschauers geschärft werden; gleichzeitig wird auf diese Weise aber auch die kritische Distanz zum traditionellen Theater betont.
  • Die Verwendung von Prolog? und Epilog? bietet die Möglichkeit, die Zuschauer direkt anzusprechen, um z. B. die theatralische Illusion zu zerstören oder die Wahrnehmung des Publikums in eine bestimmte Richtung zu lenken.

Die genannten Methoden betreffen vor allem das Drama und sind nur sehr eingeschränkt auf Prosa und Lyrik zu übertragen. Erfahrungsgemäß ist die Theaterbühne für Verfremdungseffekte besonders gut geeignet. Das hängt vor allem mit der speziellen Kommunikationssituation zusammen, die im Theater vergleichsweise direkt und offen ist und zudem viel Freiraum für Widersprüche bietet. Im Bereich von Prosa und Lyrik kommt die Montagetechnik? dem Verfremdungseffekt in seiner Wirkung besonders nah.

Sekundärliteratur

  • Balme, Christopher (Hg.): Texte zur Theorie des Theaters. Reclam Verlag, Ditzingen 1991, ISBN: 978-3150087367
  • Kittstein, Ulrich: Bertolt Brecht. UTB, Stuttgart 2008, ISBN: 978-3825230302
  • Schober, Anna: Ironie, Montage, Verfremdung. Ästhetische Taktiken und die politische Gestalt der Demokratie. Wilhelm Fink Verlag, München 2008, ISBN: 978-3770547050


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