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Heinrich von Kleist. Sein Leben

von
Peter Staengle

Bei der Monographie? "Heinrich von Kleist. Sein Leben" des Feuilletonredakteurs, freien Publizisten, Übersetzers, Germanisten und insbesondere Kleistforschers Peter Staengle? handelt es sich bereits um die dritte Auflage? des 2006 erstmals erschienenen Werkes. Staengle legt mit diesem, gerade einmal 250 Seiten starken Büchlein von schlichtem Design und handlichem Format? eine Biographie Heinrich von Kleists vor, deren Inhalt besonders durch gute Lesbarkeit dank eines anregenden Schreibstils besticht und dem Leser die kurze Lebenszeit des Dichters (1777-1811) sehr plastisch und unterhaltsam vor Augen treten lässt. Mit dieser Biographie wird ein Stück Literaturgeschichte wieder lebendig.

Gegenstand des Textes – der Titel verrät es bereits – ist das Leben Heinrich von Kleists. Aber mehr noch: denn wie es bei Dichtern so oft der Fall ist, kann man auch bei Kleist nur schwer das Leben vom Werk trennen. Und so erfährt der Leser neben den bloßen biographischen Fakten auch immer wieder interessante editorische? Details, Zusatzinformationen zu den (nicht nur persönlichen, sondern auch sozialgeschichtlichen) Entstehungsbedingungen der einzelnen Werke sowie Bezüge zur Zeitgeschichte und politischen Situation Preußens im ausgehenden 18. Jahrhundert. Dank der vielfachen Hinweise zur Rezeptionsgeschichte? der Werke Kleists gelingt es dem Autor, auch immer wieder Bezüge zur zeitgenössischen Gegenwart herzustellen.

All diese Vorzüge machen die Kleist-Biographie Peter Staengles nicht nur zur idealen Einstiegslektüre für noch unerfahrene Kleist-Interessierte oder Studierende sowie Freunde guter Biographien oder allgemein des 18. Jahrhunderts, sondern auch passionierten Kleist-Kennern und Germanisten? wird diese Monographie allemal ein anregendes Lektüreerlebnis bieten.

Inhalt

Kein Vorwort?, keine Einleitung?, nur ein wenige Worte umfassender Klappentext?: Staengle beginnt – medias in res – mit dem ersten von insgesamt sieben Hauptkapiteln, und zwar mit der Geburt Heinrich von Kleists. Es folgt ein detaillierter und doch knapper, auf die wesentlichen Daten beschränkter Überblick über Familienverhältnisse, Kindheit und Jugendjahre, von der ersten Schulbildung und Militärzeit bis zum Abschied des 21-Jährigen aus der Armee. Die Kürze dieses ersten Kapitels trägt nicht zuletzt der mageren Quellenlage? Rechnung, dennoch versteht es Staengle, die spärlichen überlieferten Fakten zu den ersten Lebensjahren des Dichters wahrheitsgetreu – ohne "romanesk?"-fiktive Ausschmückungen – und doch plastisch zu einem Bild zusammenzufügen.

Das nun anschließende zweite Kapitel umfasst die biographisch schwierigen Jahre des jungen Kleist, die von (zum Teil krisenhafter) Identitätssuche und Orientierungslosigkeit dominiert sind. Der Leser begleitet Kleist durch seine kurze Studienzeit, erlebt seine inoffizielle Ver- und spätere Entlobung mit Wilhelmine von Zenge, erfährt von angeblichen und tatsächlichen sonstigen Liebschaften, sieht ihn schließlich auf seiner gerüchteumwobenen "Würzburger Reise" und vernimmt seine endgültige Absage an die Verlobte, Beamter zu werden und damit die von Wilhelmines Vater einst als Bedingung für die Hochzeit ausgesprochene Pflicht nicht zu erfüllen. Er hört ihn die unerhörte Aufforderung an sie aussprechen, gegen ihre Eltern, Ehre und den adligen Stand zu handeln und sich statt dessen für seine – dubiosen, fast aberwitzigen – Zukunftspläne auszusprechen.

Schließlich begleitet der Leser Kleist durch die so genannte "Kantkrise" und auf seiner "Flucht" nach Paris, nimmt teil an dem „ästhetische[n] Erweckungserlebnis“ (S. 52) des werdenden Dichters in Dresden und an seiner Enttäuschung über das "wahre" Gesicht der französischen Hauptstadt, sowie an seiner endgültigen Abkehr von den Wissenschaften. Am Tag seines 24. Geburtstages teilt der nun volljährige Kleist seiner Verlobten seinen neuen Lebensplan mit: ein Gut in der Schweiz zu kaufen und sich dort als Bauer nieder zu lassen. Es folgt der bereits überfällige Bruch der Braut mit Heinrich von Kleist. Dieser reist dennoch ab in Richtung Schweiz.

Mit seiner Ankunft in seiner neuen Wahlheimat beginnt das dritte Kapitel und markiert damit zugleich den Bruch zwischen dem alten wissenschafts- und bildungsorientierten Lebensabschnitt Kleists und seinem neuen, gefühlsbetonterem Leben als Dichter, Journalist? und Publizist?. Wir lernen seinen neuen Freundeskreis kennen und erleben seine ersten Erfolge als Schriftsteller bei privaten Lesungen seines ersten [Drama | [Dramas]] ("Familie Schroffenstein"). Wir sehen ihn auf der Aare-Insel ein zurückgezogenes Eremiten-Dasein führen, das ganz seiner neuen Liebe gewidmet ist: der Poesie.

Dann wird die Idylle? zu eng und Kleist verlässt – nicht zuletzt aus politischen Gründen – die Schweiz, veröffentlicht sein erstes Drama (Ende 1802) mit überragender Resonanz, lebt einige Zeit bei Wieland nahe Weimar und kehrt schließlich – nach weiteren Zwischenstationen – in die Schweiz zurück mit dem Vorhaben, seine viel versprechende Tragödie Robert Guiskard zu vollenden. Dieses Projekt misslingt, er reist erneut nach Paris, zerwirft sich mit seinem engen Freund Adolf Heinrich Ernst von Pfuel, gibt sich seiner Verzweiflung hin. Zweimal versucht Kleist nun, bei der französischen Armee anzuheuern, um an der Invasion Englands teilnehmen und dabei ehrenvoll im Gefecht fallen zu können. Auch dieser Plan scheitert und Kleist wird schließlich nach Preußen "zurückgeschickt".

Das vierte Kapitel setzt ein bei seiner Rückkehr ins Vaterland, wo er Gefahr läuft, wegen Hochverrats angeklagt zu werden; die Familienehre steht auf dem Spiel. Durch gute Beziehungen entgeht Kleist dem Fiasko und erhält sogar eine Anstellung im Finanzdepartement (ab Januar 1805), wenig später dann bekommt er die Möglichkeit der weiteren Ausbildung an der Kriegs- und Domänenkammer in Königsberg. Ebenfalls dort nimmt er das schriftstellerische Fach wieder auf, arbeitet an seinen Komödien, der "Penthesilea" sowie an einigen Erzählungen. Nach politischen Unruhen und der Niederlage in der Schlacht bei Jena und Auerstedt flieht der Hof ebenfalls nach Königsberg.

Kleist aber wittert nach dem politisch bedingten Zusammenbrechen des Buchmarktes in der ostpreußischen Provinz seine Chance in Sachsen, namentlich Dresden. Auf dem Weg dorthin wird er jedoch samt seiner beiden Begleiter in Berlin von feindlichen Truppen fälschlicherweise der Spionage bezichtigt, festgenommen und in ein Kriegsgefangenenlager nach Frankreich deportiert. Nach einigen Wochen fällt das Versehen auf, die Haftbedingungen werden gelockert, schließlich die Gefangenen in ein anderes Lager verlegt. Hier findet Kleist nun die Muße, sich wieder intensiver der Dichtung zu widmen. – Etwa sieben Monate nach der Gefangennahme kann Kleist als freier Mann zurück über Berlin nach Dresden.

Auch Kapitel fünf ist reich an Katastrophen: Im Mai 1807 erscheint der "Amphitryon" und findet regen Anklang, der Versuch, mit Freunden in den Buchhandel? einzusteigen, scheitert jedoch; statt dessen Gründung des Kunstjournals "Phöbus", Schwierigkeiten, Insolvenz, Verkauf, Zerwürfnis mit dem ehemaligen Mitherausgeber und Freund Adam Müller, das bis zur Duellforderung geht. Unter Goethes? Leitung verunglückt die Uraufführung des "Zerbrochnen Krugs" am Weimarer Hoftheater, es hagelt Kritik nach dem Druck der "Penthesilea", Kleist stößt auf Schwierigkeiten bei der Publikation des "Käthchen von Heilbronn". Aus aktuellem (politischen) Anlass entstehen "Die Hermannsschlacht" sowie einige Kriegsgedichte, auch hier gibt es Veröffentlichungsprobleme.

Die Koalitionskriege toben weiter: Nach der Schlacht bei Aspern, der ersten Niederlage des napoleonischen Heeres, besucht Kleist das Schlachtfeld. In Prag scheitern seine Pläne zu dem Zeitungsprojekt Germania an der Obrigkeit. Kleist taucht kurzzeitig unter; Gerüchte von seinem Tod kursieren.

Erst im sechsten Kapitel, in Berlin, geht es wieder aufwärts. Kleist findet einen neuen Freundes- und Bekanntenkreis, stellt Prinz Friedrich von Homburg fertig. Mit Julius Eduard Hitzig gründet er die Berliner Abendblätter – mit überwältigendem Erfolg! Später endet es aber doch wieder schmerzlich: von der ‚Raumer-Hardenberg-Affäre’ bis zum endgültigen Niedergang der Zeitung und damit einhergehendem finanziellen Ruin Kleists. Die Veröffentlichung zweier Erzählbände ist einer der letzten Lichtblicke. Auf die zunehmende Vereinsamung folgt der letzte Besuch bei der Familie in Frankfurt an der Oder, die ihm in einer höchst peinlichen Szene deutlich macht, dass er ein nutzloses Mitglied der Gesellschaft sei und auch der Familie nicht zu Ehre gereicht habe, weshalb sie ihn fortan seinem Schicksal überlassen würden. – Es folgen die ekanntschiaft mit Henriette Vogel, beider „Doppelselbstmord“ (S. 181), Obduktion, Bestattung und die Geschichte der Grabstätte bis heute.

Kapitel sieben liefert einen Überblick zur Überlieferungslage des Œuvres einschließlich der Briefe und über die Rezeptionsgeschichte bis zur Gegenwart.

Würdigung

Damit endet die Kleist-Biographie Peter Staengles. Hervorzuheben bleibt noch sein Stil, der eine erfrischende Mischung aus seriöser Sachkenntnis bietet, die an so mancher Stelle mit zwinkerndem Auge vorgetragen wird (dies ist besonders auch im anschließenden „Steckbrief“ Kleists der Fall). Ein Manko stellt meines Erachtens das gänzliche Fehlen von Anmerkungen dar, was zwar das Lesen, jedoch dem wissenschaftlich interessierten Leser keineswegs das Nachschlagen der Zitate erleichtert.

Diese Monographie eignet sich gerade auch als Einstieg für "Kleist-Laien", weil von den meisten Werken auch kurze Zusammenfassungen und erste Interpretationsansätze geliefert werden. Auch finden sich im Anhang eine übersichtlich gegliederte „Chronik zu Leben und Werk“ sowie „weiterführende Hinweise“, die neben einer Auswahlbibliographie? beispielsweise auch Daten von Erstaufführungen sowie Kontaktadressen von Kleist-Gesellschaften? und -Archiven? bereithalten. Dank des umfangreichen Personenregisters? ist zudem ein gezielter Zugriff für Suchende gewährleistet.

Autorin: Kristina Wiethaup

Literaturangaben

  • Staengle, Peter: Heinrich von Kleist. Sein Leben. 3. erneut durchges. u. aktual. Aufl. Heilbronn 2008 (=Heilbronner Kleist-Biographien. Hg. v. Günther Emig; Bd. 1). ISBN: 978-3-931060-99-2, 251 S.


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