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Tragödie

Die Tragödie ging wie die Komödie aus dem religiösen Kult des antiken Griechenlands hervor. Im Mittelpunkt der Tragödie steht ein unlösbarer Konflikt, der zum unausweichlichen Untergang des tragischen? Helden führt.

Definition

Die Tragödie (griechisch tragōdìa = tragisches Drama, Trauerspiel?; eigentlich = Bocksgesang) gehört neben der Komödie? zu den beiden Grundformen des europäischen Dramas. Im Mittelpunkt der Tragödie steht ein unlösbarer Konflikt, der zum unausweichlichen Untergang des tragischen Helden führt. Das Tragische? wird dabei als existentielle Ursituation des Menschen verstanden. Daran knüpfen sich Fragen an im Spannungsfeld von Freiheit und Schicksal, Schuld und Sühne, Mensch und Gott, Individuum und Gesellschaft.

Die Darstellung des Tragischen ist mit der Absicht verbunden, die Begrenztheit der menschlichen Handlungs- und Entscheidungsmöglichkeiten vor Augen zu führen. Dieser grundlegende Aspekt steht schon in der ersten systematischen Beschreibung der Tragödie im Vordergrund: Der griechische Philosoph Aristoteles? schrieb in seiner „Poetik“ (340-320 v. Chr.), dass durch das Schicksal des tragischen Helden vor allem Furcht (phobos) und Mitleid (eleos) beim Zuschauer erregt werden, um eine seelische Reinigung (Katharsis) zu bewirken. Diese Überlegungen zum Wesen der Tragödie blieben für die gesamte Entwicklung der europäischen Tragödie richtungweisend.

Weitere Merkmale, die Aufbau und Gestaltung der Tragödie betreffen, wie z.B. die Einheit von Ort?, Zeit? und Handlung (drei Einheiten?) oder das Gesetz der Fallhöhe? wurden in der Entwicklung der Tragödie mal mehr und mal weniger streng von den antiken Vorbildern übernommen. Seit dem späten 19. Jahrhundert wurden sie häufig abgewandelt und zum Teil sogar ganz aufgegeben.

Grundbegriffe der Tragödie

  • drei Einheiten?: Eine bedeutsame Regel der klassischen Dramaturgie?, die die Einheit von Ort? (Unveränderbarkeit des Schauplatzes der Handlung), Zeit? (die Handlung des Stückes darf höchstens 24 Stunden umfassen, im Idealfall decken sich Spielzeit und gespielte Zeit) und Handlung (keine Nebenhandlungen, die nicht mit der Haupthandlung verknüpft sind) fordert.
  • Fallhöhe?: Ein wichtiger Begriff der klassischen Dramaturgie?, der besagt, dass der Fall eines tragischen Helden umso stärker auf die Zuschauer wirkt, je höher dessen sozialer Rang und sein gesellschaftliches Ansehen sind.

Entstehung

Die Tragödie ging wie die Komödie aus dem religiösen Kult des antiken Griechenlands hervor. Zu Ehren des Fruchtbarkeitsgottes Dionysos wurden Festumzüge veranstaltet, deren Teilnehmer als Böcke verkleidet waren (daher auch tragōdìa = Bocksgesang). Gemeinsam sangen die Feiernden den Dithyrambus? (das griechische Chorlied), in dem die ruhmreichen Taten des Dionysos lautstark gepriesen wurden. Dieser Dithyrambus? bildete die Grundlage für die Entstehung der Tragödie und Komödie. In der Zeit ab 600 v. Chr. wurde der Chorgesang kunstvoll ausgestaltet und hatte nicht mehr nur den Ruhm des Gottes zum Thema, sondern auch die mutigen Taten von Helden.

Der maßgebliche Schritt hin zum Drama erfolgte, als der Gruppe von Chorsängern eine einzelne Person, die nach jedem Gesang eine Antwort gab, entgegengestellt wurde. Damit war die klassische Dramenform des Dialogs? geschaffen, aus dem dann ein Konflikt? und eine tragische Handlung hervorgehen konnten. Es soll übrigens der griechische Dichter Thespis? gewesen sein, der im 6. Jahrhundert v. Chr. diese für die Entwicklung des Dramas bedeutsame Tat vollbrachte. Die Dichter Aischylos und Sophokles? fügten dem Drama dann noch einen zweiten und dritten Schauspieler hinzu. Die bedeutsamsten Tragödien der Antike sind „Antigone“ (um 442 v. Chr.) und „Elektra“ (413 v. Chr.) von Sophokles?.

Entwicklung

Im antiken Rom knüpfte man zunächst an die griechischen Vorbilder an und gelangte zu einer neuen Blütezeit der Tragödie bei Seneca dem Jüngeren?, der in seinen Werken? grausame menschliche Qual mit einem pathetischen? Stil verband. Die Seneca? zugeschriebenen Dramen sind übrigens die einzigen erhaltenen Tragödien der römischen Antike. Dem Mittelalter? mit seiner christlich-kirchlichen Heilsordnung blieb die Tragödie fremd. Stattdessen wurden Passionsspiele? aufgeführt, die nicht im Tod des tragischen Helden gipfelten, sondern in der Auferstehung Christi. Eine Sonderrolle nahm das geistliche Drama? ein, das den Gläubigen das christliche Heilsgeschehen in dramatischer Gestaltung vorführte.

Von Shakespeare zur Aufklärung

Ein gänzlich neuer Tragödientyp kam durch William Shakespeare auf die Bühne, der sich nicht an die überlieferten Regeln (z.B. drei Einheiten?) hielt, sondern durch Zeitsprünge und Schauplatzwechsel? die Phantasie der Zuschauer anregte. In seinen Tragödien kamen auch komische? Figuren vor, die das Publikum zum Lachen brachten – in der klassischen Tragödie wäre das undenkbar gewesen. Shakespeares bedeutsamsten Tragödien sind „Romeo und Julia“ (1595), „Hamlet“ (1601) und „Macbeth“ (1608). Mit „Hamlet“ wurde erstmals der innere Konflikt? des Einzelnen zum Gegenstand der Tragödie.

Von Shakespeares freier Gestaltungsform beeinflusst, durchbrach Gotthold Ephraim Lessing im bürgerlichen Trauerspiel? (z.B. „Emilia Galotti“, 1772) den strengen Regelkanon und machte den Weg frei für formale, stoffliche und weltanschauliche Neuansätze. Vor allem die Dramatiker? des Sturm und Drang und der Romantik nutzten die neu entstandenen Freiräume, z.B. „Dantons Tod“ (1835) und „Woyzeck“ (1837) von Georg Büchner. Großen Einfluss hatte auch die Geschichtstragödie? des deutschen Idealismus?, in der der Konflikt von Individuum und Gesellschaft, von Freiheit und Notwendigkeit gestaltet wurde, z.B. „Wallenstein“ (1800) von Friedrich Schiller.

Die Tragödie in der modernen Literatur

Seit dem experimentellen? Drama des Naturalismus hat die Tragödie als dramatische Gattung ausgedient. In der modernen Literatur scheint der tragische Held nicht mehr möglich, weil die vorausgesetzten Werte nicht mehr als unabänderlich akzeptiert werden. Nur wenige Tragödien werden heute noch aufgeführt, dazu gehören vor allem die Stücke von Heinrich von Kleist, Georg Büchner und Friedrich Schiller. Zeitgemäße dramatische Formen sind u. a. Farce?, Groteske? und Tragikomödie?.

Literatur

  • Kleist, Heinrich von: Penthesilea. Reclam Verlag, Ditzingen 1986, ISBN: 978-3150013052
  • Lessing, Gotthold Ephraim: Emilia Galotti. Reclam Verlag, Ditzingen 2005, ISBN: 978-3150000458
  • Sophokles: Antigone. Reclam Verlag, Ditzingen 2000, ISBN: 978-3150006597

Sekundärliteratur

  • Gelfert, Hans-Dieter: Die Tragödie. Theorie und Geschichte. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1995, ISBN: 978-3525335949
  • Menke, Christoph: Die Gegenwart der Tragödie. Versuch über Urteil und Spiel. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009, ISBN: 978-3518292495
  • Seeck, Gustav Adolf: Die griechische Tragödie. Reclam Verlag, Ditzingen 2000, ISBN: 978-3150176214

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