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Komödie

Die Komödie ging wie die Tragödie aus dem Dionysoskult des antiken Griechenlands hervor. Zu ihrem Wesen gehört es, dass sie Personen, Normen und Institutionen dem Gelächter preisgibt.

Definition

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Die Komödie (griechisch kōmōdìa = Umzug, Gesang bei einem frohen Gelage) stellt neben der Tragödie eine der beiden Grundformen des europäischen Dramas dar. Eine eindeutige Definition der Komödie gibt es nicht, da sie, anders als die Tragödie, eine dramatische Mischform ist – das bedeutet, dass sie inhaltliche und formale Anregungen aus verschiedenen Richtungen empfängt und diese auch verarbeitet.

Trotz der Schwierigkeit, die Komödie eindeutig zu definieren, wird sie allgemein als komisches Bühnenstück bezeichnet. Zu ihrem Wesen gehört es, dass sie einflussreiche Personen, anerkannte Normen und machtvolle Institutionen dem Gelächter preisgibt. Anders als die Tragödie ist sie also nicht im Erhabenen und Feierlichen angesiedelt, sondern im Alltäglichen – mitten im prallen Leben.

Daneben gibt es eine Vielzahl verwandter Bühnenstücke wie z. B. Schwank?, Farce?, Groteske? oder den modernen Sketch?, die mit der Komödie in einer wechselseitigen Beziehung stehen. Vor allem im 20. Jahrhundert entwickelte sich die Komödie zu einem Bühnenstück, das zur Entlarvung politischer Machttechniken sowie zur Darstellung des Absurden in der menschlichen Existenz verwendet wurde – dabei jedoch ihr traditionelles Erscheinungsbild einbüßte.

Foto: Verena Ritter / www.bilderpics.de

Entstehung

Die Anfänge der Komödie wurzeln im antiken Dionysoskult. Ein wichtiger Bestandteil der Feiern zu Ehren des Fruchtbarkeitsgottes waren die fröhlichen Festumzüge, bei denen die Feiernden den Dithyrambus? (das griechische Chorlied) sangen, in dem die ruhmreichen Taten des Dionysos leidenschaftlich gepriesen wurden. Daneben kamen improvisierte Theatereinlagen zur Aufführung, aus denen sich dann eigenständige komische Stücke (Komödien!) entwickelten.

Anders als die Tragödie, die zur gleichen Zeit entstand und die in strenge Formen gefasst war, zeigte die Komödie von Anfang an einen lockeren und leichten Aufbau. Die Komödie stellte die herrschenden Verhältnisse auf den Kopf und setzte mit Vorliebe öffentliche Personen und politische Missstände ätzendem Spott aus. Der Erfolg war überwältigend: Ab 486 v. Chr. wurde die Komödie als eigenständige dramatische Kunstform angesehen und als eigener Wettbewerb bei den Dionysien zugelassen.

Einer der ersten großen Komödiendichter im antiken Griechenland war Aristophanes? („Die Wespen“, 422 v. Chr.; „Die Frösche“, 405 v. Chr.), von dem insgesamt elf Stücke vollständig erhalten sind, die zum Teil noch heute auf die Bühne gebracht werden. Seine Stücke nehmen keinerlei Rücksicht auf die Gesetze antiker Dichtkunst, vor allem auf die geforderte Einheit von Handlung, Ort und Zeit (drei Einheiten?), und überschreiten oft die Grenze zum Phantastischen und Absurden – was wohl seine bis heute andauernde Popularität erklärt. Die produktivsten Vertreter der römischen Komödie waren Plautus? („Gespensterkomödie“, 200 v. Chr.) und Terenz? („Der Selbstquäler“, 163).

Entwicklung

Im europäischen Mittelalter? war die antike Komödientradition unbekannt. Alleine die Stücke von Terenz? waren in einigen Klöstern vorhanden – was jedoch nicht an seiner Meisterschaft als Komödiendichter lag, sondern daran, dass er auch als lateinischer Schulautor von Bedeutung war. In den europäischen Städten entwickelten sich kurze Verskomödien, in denen der Alltag auf derb-komische Weise dargestellt wurde: so die französische Sottie, die niederländische Klucht und das deutsche Fastnachtsspiel?.

Erst das aufblühende kulturelle Leben in der italienischen Renaissance führte zu einer Neubelebung der antiken Komödientradition. Vor allem Aufführungen und Umdichtungen? der Komödien von Plautus? und Terenz? waren beim Publikum sehr beliebt. Daneben trat die auf Improvisation und Stehgreifspiel beruhende Commedia dell’Arte? ihren Siegeszug an. Diese Komödienform, die durch umherziehende Theatergruppen in ganz Europa verbreitet wurde, hatte großen Einfluss auf die Komödie bis ins späte 18. Jahrhundert hinein. Hier liegen übrigens auch die Anfänge des Volkstheaters?.

Von Molière bis Büchner

Im 17. Jahrhundert entwickelte sich in den meisten europäischen Ländern – eine Ausnahme bildete Deutschland – eine hochstehende Komödienkultur. William Shakespeare („Ein Sommernachtstraum“, 1595/1596; „Viel Lärm um nichts“, 1598/1599) knüpfte an die römischen Vorbilder an, Molière? („Der eingebildete Kranke“, 1673; „Der Menschenfeind“, 1666) brachte geistreiche Satiren auf die Zeit Ludwigs XIV. in die Theater und Lope de Vega? („Der Richter von Zalamea“) schuf die zwischen Melancholie und Intrige pendelnde spanische Volkskomödie?. Spanien war auch die Heimat des sogenannten Mantel- und Degenstücks?, einer geistreichen Spielart des europäischen Sittenstücks?. Die Benennung erfolgte übrigens unter Anspielung auf die Bekleidung der feinen Gesellschaft (Caballeros, Edelmänner), in der die Handlung spielt. Die komische Wirkung dieser Stücke ergab sich meist aus der Einbeziehung einer Kontrastfigur (Gracioso, Diener) in das Geschehen.

Lange Zeit blieb Molière? das bewunderte Vorbild für die deutschen Komödiendichter, die erst mit Lessings? „Minna von Barnhelm“ (1767) an die europäische Tradition anknüpfen konnten. Ihm folgte Kleists kraftvolles Lustspiel? „Der zerbrochne Krug“ (1806), Grabbes? „Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“ (1827) und Büchners „Leonce und Lena“ (1842). Von wenigen Glanzlichtern abgesehen, blieb die deutsche Komödienliteratur jedoch vergleichsweise arm an Stücken von Rang.

Oscar Wilde und die Konversationskomödie

Mit der Konversationskomödie entstand Ende des 19. Jahrhunderts eine vor allem in höheren Gesellschaftskreisen sehr populäre neue Komödienform. Ein Klassiker der Konversationskomödie stammt von Oscar Wilde („Lady Windermeres Fächer“, 1892), der in seinen Stücken die so gepflegte wie geistreiche Plauderei zur Kunstform erhob. Wenn diese Art der Komödie auch häufig als charmanter und kurzweiliger Zeitvertreib aufgefasst wurde, so wohnt den meisten Konversationskomödien doch ein ernsthafter, für die moderne Dichtung grundlegender Gedanke inne, nämlich die Frage nach den Grenzen der menschlichen Ausdrucksmöglichkeiten. Viele dieser Stücke kreisen um die Frage: Ist der Mensch wirklich in der Lage, seine Gedanken und Gefühle, seine Sehnsüchte und seine Ängste in Worte zu fassen und seinem Gegenüber mitzuteilen? Wenn man den Autoren dieser Stücke glaubt, so lautet die Antwort: wohl nicht, nicht einmal annähernd.

Gerhart Hauptmanns „Der Biberpelz“

Eine Sonderstellung in seiner Zeit nahm Gerhart Hauptmanns Komödie „Der Biberpelz“ (1893) ein, die Elemente der Kleistschen Komödien aufnimmt und mit Themen des damals die Literatur revolutionierenden Naturalismus verschmilzt. Der Pelzdiebstahl, den die Wäscherin Mutter Wolffen begangen hat, wird langsam vor dem Zuschauer aufgedeckt. Das im Berliner Vorstadtmilieu spielende Stück ist ähnlich analytisch aufgebaut wie Kleists „Der zerbrochne Krug“. Das Verbrechen bleibt ohne Strafe - darin folgt Hauptmann der naturalistischen Poetik, nach der ein kleiner Ausschnitt aus dem wirklichen Leben, aber nicht ausgleichende Gerechtigkeit angestrebt wird. Bei der Fortsetzung des Stoffs in „Der rote Hahn“ (1901) verschärfte Hauptmann die Kritik an einer durchweg egoistischen und auf Profit bedachten Gesellschaft, deren Fragwürdigkeit Komödiendichter in der Folgezeit zunehmend beschäftigte.

Anspruchsvolle Komödien in Österreich

Anspruchsvolle Komödien entstanden in der Folgezeit vor allem in Österreich, hier sind besonders Hermann Bahr? („Das Konzert“, 1909), Arthur Schnitzler? („Der grüne Kakadu“, 1899) und Hugo von Hofmannsthal? („Der Schwierige“, 1920) zu nennen. Schnitzlers? „Der grüne Kakadu“ spielt am Vorabend der Französischen Revolution: Schauspieler führen in adliger Gesellschaft ein Stück auf, in dem genau das geschieht, was am Ende des Stücks Wirklichkeit sein wird. Die Revolution bricht zur Tür herein. „Der grüne Kakadu“ ist schon keine reine Komödie mehr, sondern wird am Ende zur Tragödie und eindrucksstarken Groteske?.

Als überwiegend grotesk können auch die Stücke des deutschen Komödiendichters Carl Sternheim? charakterisiert werden. Seine bevorzugten Themen waren die Profitgier und Engstirnigkeit des Kleinbürgertums, die er in dem ab 1908 entstandenen Zyklus? „Aus dem bürgerlichen Heldenleben“ dem Gelächter der Zuschauer preisgab. Seine bekanntesten Stücke sind „Die Hose“ (1911), „Die Kassette“ (1911) und „Der Snob“ (1914). Mit seinen Stücken hatte Sternheim? großen Einfluss auf die Entwicklung der Komödie nach dem Ersten Weltkrieg.

Aufspaltung und weitere Entwicklung

Wie die Tragödie hat auch die Komödie in der modernen Literatur an Bedeutung verloren. Das hängt vor allem damit zusammen, dass Komik in einer Welt der zerfallenden Werte und der existentiellen Bindungslosigkeit zur Erfassung der Wirklichkeit als nicht mehr geeignet angesehen wird. Vor diesem Hintergrund entwickelte sich die Komödie in verschiedene Richtungen, z. B. Farce? (Bertolt Brecht, Friedrich Dürrenmatt?, Max Frisch, Alan Ayckbourn?), Tragikomödie? (Ödön von Horváth), Groteske? (Jacques Audiberti?) oder Absurdes Theater (Harold Pinter?, James Saunders?).

Einer der erfolgreichsten Komödiendichter des 20. Jahrhunderts war übrigens Carl Zuckmayer? („Der Hauptmann von Köpenick“, 1931), dessen Stücke beim Publikum begeisterte Aufnahme fanden. Zuckmayer? empfing Anregungen aus den unterschiedlichsten Richtungen wie z.B. vom Naturalismus oder vom Volksstück?.

Literatur

  • Aristophanes: Die Frösche. Reclam Verlag, Ditzingen 1986, ISBN: 978-3150011546
  • Kleist, Heinrich von: Der zerbrochne Krug. Text und Kommentar. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007, ISBN: 978-3518188668
  • Lessing, Gotthold Ephraim: Minna von Barnhelm. Text und Kommentar. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2005, ISBN: 978-3518188736

Sekundärliteratur

  • Holtermann, Martin: Der deutsche Aristophanes. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2004, ISBN: 978-3525252543
  • Kost, Jürgen: Geschichte als Komödie. Königshausen & Neumann, Würzburg 1996, ISBN: 978-3826011825
  • Maurach, Gregor: Kleine Geschichte der antiken Komödie. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2005, ISBN: 978-3534183265

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