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Realismus

Der Begriff Realismus hat zwei verschiedene Bedeutungen:

  • die Darstellungsweise, die die Welt und das Leben so abbilden möchte, wie sie sind, also ohne idealistische Überhöhung und Verklärung
  • die Epoche des Realismus, die ihren Höhepunkt im 19. Jahrhunderts erlebte und die Literatur in ganz Europa prägte

Definition

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Der Begriff Realismus stammt aus der Philosophie und fand von dort aus Eingang in die Literatur- und Kunstwissenschaft. Realismus bedeutet allgemein eine an der mit den Sinnen erfahrbaren Wirklichkeit orientierte Einstellung – im Gegensatz zu der des Idealismus?. Der Realismus setzt sich, mit Georg Büchner beginnend, von Klassik, Idealismus? und Romantik ab und stellt die Alltagswirklichkeit mit ihrer Bindung an konkreten Raum und konkrete Zeit in den Mittelpunkt. Eine wichtige Voraussetzung des Realismus ist die Überzeugung, dass dem Lauf der Welt und dem Leben der Menschen eine unabänderliche Vernünftigkeit und Gesetzmäßigkeit zugrunde liegt.

Foto: Bildermichel / www.pixelio.de

Realismus als Darstellungsweise

Realismus als Darstellungsweise bezeichnet eine Einstellung, die die wirklichkeitsgetreue Abbildung der Welt und des Lebens zum Ziel hat – im Gegensatz zu einer Darstellungsweise, die die Gegenstände und Verhältnisse verklärt oder von vornherein irrationale Themen wählt. In diesem Sinn spricht man von einem Realismus der spätgriechischen Tragödie (z.B. Euripides?) oder von einem Realismus des Spätmittelalters?, wie er in zahlreichen Schwänken?, Novellen und Satiren (z.B. Giovanni Boccaccio, Sebastian Brant?) zum Ausdruck kommt.

Als Darstellungsweise ist Realismus eng an den Begriff der Mimesis? (Nachahmung) gebunden. Kennzeichnend ist die konkrete Mitteilung von Fakten, Tatsachen und psychologischen Vorgängen sowie die Absicht, die Wirklichkeit möglichst ungefiltert in das literarische Kunstwerk zu übernehmen. Im 19. Jahrhundert wurde der Realismus von Jules Champfleury? als literarisches Programm formuliert („Le réalisme“, 1857) und seitdem von zahllosen Literaturtheoretikern mit verschiedenen Inhalten und Wertungen unterlegt. Realismus als Darstellungsweise spielt auch in der Literatur der Gegenwart eine wichtige Rolle (z.B. Uwe Tellkamp „Der Turm“, 2008).

Realismus als Epochenbegriff

Als Epoche bezeichnet Realismus für fast alle europäischen Literaturen die Zeit zwischen 1830 und 1880 – also die Zeit zwischen dem Ende des romantischen Idealismus? und der Radikalisierung der Kunstauffassungen, die dann in den Naturalismus und schließlich in die literarische Moderne? mündeten. Weder in Europa noch in Deutschland war der Realismus eine einheitliche Erscheinung. Im deutschsprachigen? Raum stehen zwei Begriffe nebeneinander: der von Otto Ludwig geprägte Begriff „poetischer“ Realismus und der von Gustav Freytag? verkündete „bürgerliche“ Realismus.

Ein neuer Geist in der Literatur

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte das veränderte Verhältnis zur Wirklichkeit den Abschied vom Idealismus? nötig gemacht. Goethe und Schiller hatten in ihrer idealistischen Ästhetik gefordert, dass die Wirklichkeit erst in der Gestalt der Kunstwerks zu verstehen sei; der Romantiker Friedrich Schlegel? wollte sogar „keinen wahren Realismus als den der Poesie“ anerkennen. Diesen humanistischen? Vorstellungen erteilten die Autoren des Realismus eine Absage und beabsichtigten stattdessen die konsequente Abbildung der sozialen, wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse in ihren Werken?. Der Übergang von Realität und Literatur sollte von nun an fließend sein. Formale Kennzeichen sind z.B. exakte Milieuschilderungen und psychologische genaue Personendarstellungen.

Eine Rückkehr auf den richtigen Weg

Großen Einfluss auf die Entwicklung der neuen Kunstrichtung hatte der französische? Realismus, der durch eine stark sozialkritische? Haltung geprägt war. Wichtige französische Autoren waren Gustave Flaubert? („Madame Bovary“, 1857), Honoré de Balzac? („Die menschliche Komödie“, 1829-1854) und Stendhal? („Rot und Schwarz“,1830). Mit wachem Blick schilderten auch die großen russischen? Realisten die feinsten Seelenregungen ihrer Figuren, z.B. Leo Tolstoi? („Krieg und Frieden“, 1868-1869) und Fjodor Dostojewski („Schuld und Sühne“, 1866).

Theoretische Äußerungen zum Realismus sind von fast allen seinen Autoren zu finden. In Deutschland begann die Diskussion über die neue Stilrichtung später als in Frankreich und Russland: Erst nach der Revolution von 1848 wurde der Realismus in Deutschland zur bestimmenden Schreibweise und war im Vergleich zur französischen Variante weniger gesellschaftskritisch. Theodor Fontane sah im modernen Realismus eine Rückkehr auf den einzig richtigen Weg und schrieb: „Der Realismus ist so alt als die Kunst selbst, ja, mehr noch: Er ist die Kunst.“

Realismus im 20. Jahrhundert

Auch im 20. Jahrhundert und bis in die Gegenwart gibt es den Realismus in verschiedenen Spielarten. So wird für die Werke? Ernest Hemingways („Wem die Stunde schlägt“, 1940) und Heinrich Manns („Der Untertan“, 1914) der Begriff kritischer Realismus? verwendet. In der Literatur der DDR gab es den sozialistischen Realismus?. Bis heute besonders populär ist der magische Realismus?, der eine Verbindung von realistischer Detailgenauigkeit und magischer Atmosphäre in der Literatur fordert. Ein berühmter Vertreter dieser Richtung ist Gabriel García Márquez.

Literatur

  • Der Realismus bei Jokers
  • Hemingway, Ernest: Wem die Stunde schlägt. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2007, ISBN: 978-3596204083
  • Mann, Thomas: Buddenbrooks. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2009, ISBN: 978-3596294312
  • Stifter, Adalbert: Bunte Steine. Reclam Verlag, Ditzingen 1994, ISBN: 978-3150041956

Sekundärliteratur

  • Aust, Hugo: Literatur des Realismus. Metzler Verlag, Stuttgart 2000, ISBN: 978-3476131577
  • Begemann, Christian: Realismus. Epochen - Autoren - Werke. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2007, ISBN: 978-3534191055
  • Plumpe, Gerhard: Theorie des bürgerlichen Realismus. Reclam Verlag, Ditzingen 1986, ISBN: 978-3150082775


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