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Kitsch

Als Kitsch bezeichnet man literarische Erzeugnisse, die bekannte Werke? reproduzieren, ohne eigene Originalität zu entwickeln. Verfasser und Verleger von Kitsch haben vor allem die massenhafte Verbreitung ihrer Erzeugnisse und den kommerziellen Erfolg im Blick.

Definition

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Als Kitsch bezeichnet man literarische Erzeugnisse, die bekannte Themen und Ausdrucksformen reproduzieren, ohne eigene Originalität zu entwickeln. Kitsch hat Berührungspunkte mit der Trivialliteratur. Ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal ist jedoch, dass Kitsch im Gegensatz zur Trivialliteratur vorgibt, literarisch wertvoll und intellektuell anspruchsvoll zu sein. In der Praxis treten jedoch oft Mischformen auf, weshalb eine eindeutige Abgrenzung nicht immer möglich ist. In der Literaturkritik ist der Begriff ein eindeutig negatives ästhetisches Werturteil; häufig wird er auch polemisch? verwendet, um Werke? und Autoren zu verunglimpfen.

Die Herkunft des Wortes ist umstritten. Man vermutet, dass es entweder mundartlich? von „kitschen“ stammt, was streichen, schmieren oder zusammenscharren bedeutet. Oder es stammt vom englischen Wort „sketch“, das mit Skizze übersetzt wird. Amerikanische Touristen sollen im 19. Jahrhundert „a sketch“ verlangt haben, wenn sie in Europa wenig Geld für ein gefällig gemaltes Bild zahlen wollten. In Deutschland soll daraus die geringschätzig gemeinte Bezeichnung „Kitsch“ entstanden sein. Um 1870 war der Begriff im Münchner Kunsthandel gebräuchlich und bezeichnete minderwertige Produkte, die ihre Entstehung keinem künstlerischen Impuls, sondern hauptsächlich einem momentan starken Käuferinteresse verdankten.

Hans-Dieter Gelfert ("Was ist Kitsch?" 2000) unterscheidet zwischen

  • Formkitsch ("Schwulst", überladene Sprache, Pathos) und
  • Stoffkitsch ("Schmalz" – es geht um große Themen, aber die Umsetzung wird dem nicht gerecht. Ergebnis ist ein rührseliges Melodram, keine erschütternde Tragödie.)

Foto: Andreas Stix / pixelio.de

Überblick

Verfasser und Verleger von Kitsch haben vor allem die massenhafte Verbreitung ihrer Produkte und den kommerziellen Erfolg im Blick. Da sie bei der Produktion auf bereits vorhandene thematische und stilistische Originalformen zurückgreifen, diese jedoch einfacher und publikumstauglicher gestalten als das hochwertige Original, spricht man auch von simplifizierender Kunst oder Pseudokunst. Wichtig ist auch eine psychologische Komponente: Der Käufer darf keinen Zweifel am einwandfreien künstlerischen Wert des Kitsch-Produktes haben.

In der Literatur wird im Windschatten erfolgreicher Werke? – meist handelt es sich dabei um Romane oder Theaterstücke – das große Interesse des Publikums ausgenutzt und Titel mit ähnlicher Thematik und ähnlichem Handlungsverlauf verfasst. Dieses Phänomen ist jedoch nicht allein typisch für die Literatur, auch in Musik, Malerei und vielen anderen Bereichen der Kunstwelt ist es gegenwärtig. Der Grad der Ähnlichkeit erreicht dabei oft die Grenzen zum Plagiat. Auch das literarische und künstlerische Epigonentum? (Nachahmer ohne Schöpferkraft) findet in diesem Rahmen seine Verdienstmöglichkeiten.

Merkmale des literarischen Kitsches

Erste Zeugnisse literarischen Kitsches stammen aus der Zeit der Romantik. In der Forschung ist es umstritten, ob es in früheren Literatur-Epochen keinen Kitsch gab oder ob wir ihn heute aufgrund der zeitlichen Entfernung nicht mehr als Kitsch wahrnehmen. Es ist also durchaus denkbar, dass literarische Werke?, die wir heute als hohe Kunst bewundern, von den Zeitgenossen als kitschig empfunden wurden.

Die Liste der folgenden Merkmale soll dabei helfen, literarischen Kitsch zu erkennen. Einschränkend muss jedoch gesagt werden, dass Kitsch ein äußerst vager Begriff ist, der meist subjektiv empfunden wird und zudem an Faktoren wie Alter, Geschmack, Geschlecht, Anspruch, Bildung usw. gebunden ist.

Viele namhafte Autoren – vor allem des 20. Jahrhunderts – verwendeten zudem bewusst kitschige Elemente, um beim Leser bestimmte Reaktionen hervorzurufen, wie z. B. Widerspruch oder Irritation, aber auch um mit ihren Werken? überhaupt vom breiten Publikum akzeptiert zu werden. Übrigens: Ein bekannter Schriftsteller, der zu Lebzeiten permanent mit dem Vorwurf konfrontiert wurde, literarischen Kitsch zu produzieren, ist Hermann Hesse. Aus heutiger Sicht klingt dieser Vorwurf abwegig. Wir sehen also: Die Zeiten ändern sich und mit ihnen das Kitsch-Empfinden.

  • Ein Merkmal des literarischen Kitsches ist die stereotype? Schwarz-Weiß-Malerei. Die Figurenzeichnung beruht meist auf überpointierten? Gegensätzen, z. B. das unschuldige Mädchen und der dämonische Verführer. Am Ende steht der Triumph des Guten über das Böse. Diesen Ausgang bezeichnet man als süßen oder sentimentalen Kitsch. Triumphiert hingegen das Böse über das Gute (was selten vorkommt), spricht man von saurem Kitsch.
  • Ein weiteres Merkmal ist die Häufung effekthascherischer Eindrücke, die sich in der Verwendung gefühlsbetonter Adjektive? und lyrisierender Sprachelemente zeigt. Allgemein gelten eine künstliche (im Gegensatz zu einer kunstvollen) Sprache, schiefe Bilder, eine überzeichnete Symbolik und eine unangemessene Metaphorik als Zeichen des literarischen Kitsches.
  • Außerdem ist oft die Tendenz zur Sentimentalität und Externalisierung von Konflikten zu erkennen. Die meist pseudodramatischen Konflikte brechen nicht innerhalb von Familien oder zwischen Eheleuten auf, sondern treten von außen an eine biedermeierlich anmutende Idylle heran. Diese bedrohte Idylle steht meist für ein schematisches Weltbild, im 19. Jahrhundert z. B. für die bürgerliche Moral, im 20. Jahrhundert z. B. für eine politische Ideologie.
  • Die Handlung wird zudem meist von Klischees bestimmt, originelle oder überraschende Elemente fehlen. Klischees sind abgegriffene Handlungsverläufe, die ohne künstlerische Notwendigkeit aus bekannten Werken? übernommen werden. Dadurch ist die Handlung vorhersehbar. Zugleich beruht auf dieser schnellen und voraussetzungslosen Konsumierbarkeit des Kitsch-Produkts aber auch der Erfolg beim Massenpublikum.

Tipps für Autoren

Susanne Konrad (Emotionen. Gefühle literarisch wirkungsvoll einsetzen, Berlin 2007) empfiehlt Autoren folgende Mittel gegen Kitsch:

  • Authentizität (Was fühlt man wirklich in einer Situation?)
  • Originalität (Eigene, ursprüngliche, unabgenutzte Begriffe)
  • Verknappung (Gefühle nur andeuten und dadurch dem Gefühl des Lesers mehr Raum geben.)
  • Ambivalenz (Jedes Gefühl verweist auf sein Gegenteil, Gefühle daher nie zu eindeutig schildern.)
  • Relativität (In einem kritischen und reflektierten Text schaden ein paar gefühlsstarke Motive nicht.)

Sekundärliteratur

  • Deschner, Karlheinz: Kitsch, Konvention und Kunst. Eine literarische Streitschrift. Ullstein Verlag, Berlin 1990, ISBN: 978-3548200828
  • Dettmar, Ute u. a. (Hrsg.): Kitsch. Texte und Theorien. Reclam Verlag, Ditzingen 2007, ISBN-13: 978-3150184769
  • Gelfert, Hans-Dieter: Was ist Kitsch? Vandenhoeck u. Ruprecht, Göttingen 2000, ISBN: 978-3525340240
  • Konrad, Susanne: Emotionen. Gefühle literarisch wirkungsvoll einsetzen. Autorenhaus Verlag, Berlin 2007, ISBN: 978-3866710184
  • Thuller, Gabriele: Wie erkenne ich? Kunst und Kitsch. Belser Verlag, 2006, ISBN: 978-3763024636


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