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Kriegsroman

Der Kriegsroman als eigener Romantypus entstand in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Seine gattungsgeschichtlichen Ursprünge reichen jedoch zurück bis zur Dichtung der Antike. Selten hat ein literarisches Genre die Politik und Gesellschaft in Deutschland derart polarisiert wie der Kriegsroman am Ende der Weimarer Republik.

Definition

In der Literaturwissenschaft gibt es bisher keine allgemeingültige Definition für den Begriff Kriegsroman. Daher ist es am besten, einen Blick auf die Entstehung und Entwicklung dieses Romantypus zu werfen. Auf diese Art bekommt man einen guten Überblick und weiß, mit welchen Inhalten sich der Kriegsroman und die gattungsgeschichtlich weitaus ältere Kriegsdichtung auseinandersetzen. So kompliziert die Suche einer treffenden Definition auch sein mag – alle Personen, die sich bisher daran versucht haben, sind immerhin zu dem einen gemeinsamen Ergebnis gekommen: Kriegsliteratur ist immer Männerliteratur. Das bedeutet, sie wird von Männern für Männer geschrieben.

Den Kriegsroman im engeren Sinne gibt es erst seit dem Ersten Weltkrieg (1914-1918). In ihm wurden das Fronterlebnis sowie die Erfahrungen der Materialschlachten und des millionenfachen Sterbens auf den Schlachtfeldern geschildert. In der Weimarer Republik (1918-1933) erreichten Kriegsromane ein Millionenpublikum und gaben Anlass zu erbittert geführten politischen und gesellschaftlichen Debatten um das „wahre“ Erbe des Weltkriegs und das Vermächtnis der Frontsoldaten. Diese Kontroverse flammte nicht nur in Deutschland auf, sie wurde auch in den meisten anderen Ländern geführt, die an dem Krieg beteiligt gewesen waren. Der Unterschied lag jedoch in der Vehemenz – während man in England, Frankreich und den USA schließlich zu belastbaren Kompromissen gelangte, standen sich die streitenden Parteien in Deutschland mit einer altertümlichen Unversöhnlichkeit gegenüber. Blut- und Mordhetze in Presse und Politik waren hier keine Seltenheit.

Im historischen Rückblick wird deutlich, dass in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland zwei gegensätzliche Sichtweisen auf die Kriegsjahre konkurrierten: Es gab eine Gruppe von Autoren (z. B. Hans Zöberlein?, Ernst Jünger?, Franz Schauwecker?), die den Krieg und das Fronterlebnis der Soldaten heroisierten, und es gab eine andere Gruppe von Autoren (z. B. Erich Maria Remarque, Ludwig Renn?, Edlef Köppen?), die vor dem Krieg warnten und humanitäre Ziele mit ihrer Antikriegsliteratur verfolgten. Die Grundlage für die meisten Kriegsromane dieser Zeit bildeten eigene Erfahrungen.

Die Mehrzahl der pazifistischen Autoren verband die realistische Schilderung des Kriegsgeschehens mit einer Anklage derer, die aus ihrer Sicht die Schuld am Krieg und damit auch am Chaos der ersten Nachkriegsjahre trugen. Dagegen machten es die Romane der militaristischen Autoren den Nationalsozialisten leicht, in der Zeit nach 1933 an die Tradition des „soldatischen Sozialismus“ anzuknüpfen. Heute, wo sich weiteste Teile der Bevölkerung in der Ablehnung des Krieges einig sind, stehen die Traditionen der Antikriegsliteratur? im Vordergrund. Die Beschäftigung mit den Büchern der pazifistischen Autoren ist in vielen Bundesländern Bestandteil der Lehrpläne an den Schulen.

Entstehung und Entwicklung

In seiner gattungsgeschichtlichen Entstehung geht der Kriegsroman bis in die griechische Antike zurück. Wobei jedoch zunächst nicht die Prosa, sondern Lyrik und Drama im Vordergrund standen – und das über viele Jahrhunderte hinweg. Diese Gattungsdominanz hatte Bestand bis ins frühe 20. Jahrhundert und wurde erst, wie oben angesprochen, durch das Aufkommen des Kriegsromans in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg umgekehrt.

Homer und Aischylos

In der Antike wurde der Krieg als unabwendbares Menschenschicksal (Fatum) und Teil des Naturgeschehens aufgefasst. Dadurch konnte er zum Hintergrund für die Darstellung allgemein menschlicher Erfahrungen wie Trauer, Liebe, Schmerz, Rache und Tod werden, ohne selbst zum Hauptgegenstand der Dichtung aufzusteigen. Bedeutende literarische Zeugnisse antiker Kriegsdichtung, die auch in der Gegenwart noch viel Beachtung finden und unverändert zum Kanon der Weltliteratur? gehören, sind Homers „Ilias“ (ca. 730 v. Chr.) und die Tragödien von Aischylos.

Für Gott, Nation und Freiheit

In den folgenden Epochen gab es unzählige Dichtungen, in denen z. B. ruhmreiche Feldherren gepriesen oder verhasste Feinde geschmäht wurden. Die Kriegsdichtung hatte darüber hinaus die Funktion, an siegreiche Schlachten zu erinnern oder den Gedanken an Rache wach zu erhalten. Die Opfer – geschändete Frauen, erschlagene Kinder – spielten keine Rolle. Man kann also sagen, dass die Kriegsdichtung den Kampf mit anderen (also literarischen) Mitteln fortsetzte und dabei über das Ende des Kriegs hinaus neue Kräfte zu mobilisieren suchte. Nach dem Krieg war vor dem Krieg – von dieser bitteren Wahrheit legt die Literatur der vergangenen Jahrhunderte ein ebenso eindrucksvolles wie befremdendes Zeugnis ab.

Das älteste erhaltene Beispiel deutscher Kriegsdichtung ist das „Ludwigslied“, das anlässlich des Sieges von König Ludwig III. über die Normannen im Jahre 881? entstanden ist. Dieses frühe Zeugnis weist bereits ein wichtiges Merkmal auf, das auch die Kriegsliteratur der folgenden Jahrhunderte kennzeichnen sollte: die Legitimation des Krieges durch höhere Werte. So gibt es kein Kreuzzugslied, keinen Landsknechtsgesang und auch keinen den Krieg heroisierenden Roman, der nicht den Kampf unter Berufung auf Gott, Nation, Freiheit oder andere Werte rechtfertigt.

Kleist, Arndt, Liliencron

Bedeutende Kriegsdichtungen im Barock? sind Martin Opitz’? „Poema Germanicum Laudes Martis“ (1628), Johann Rists? „Kriegs und Friedens Spiegel“ (1640) und Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausens „Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch“ (1669). Die meisten dieser Werke? spielen vor dem Hintergrund des Dreißigjährigen Krieges und zeigen unter anderem das Wüten der Soldaten und Landsknechte.

Einen Höhepunkt erlebte die Kriegsdichtung dann in der Zeit der preußischen Befreiungskriege (1813-1815). Hier traten besonders Autoren wie Heinrich von Kleist, Theodor Körner?, Max von Schenkendorf? und Ernst Moritz Arndt? hervor. Mit ihren teilweise martialischen Gedichten und Dramen versuchten sie, bei der Bevölkerung vaterländische Gesinnung und Kriegsbegeisterung zu wecken. Detlev von Liliencron? knüpfte nach dem Deutsch-Französischen Krieg (1870/71) an diese Traditionen an.

„Im Westen nichts Neues“ (1929)

Bereits Ende des 19. Jahrhunderts bekam die Kriegsliteratur zunehmend auch eine pazifistische Tendenz (z. B. Bertha von Suttner? „Die Waffen nieder!“, 1889). Eine massenhafte Antikriegsliteratur? entstand dann während und nach dem Ersten Weltkrieg. Bedeutende Autoren im Bereich der Lyrik waren Johannes R. Becher?, Franz Werfel? und Ludwig Bäumer?, im Bereich des Dramas Ernst Toller? und Reinhard Goering?.

In dieser Zeit liegt auch die Geburtsstunde des Kriegsromans, dessen hervorragende Beispiele erst am Ende der 1920er Jahre veröffentlicht wurden und ein Millionenpublikum erreichten (Erich Maria Remarque „Im Westen nichts Neues“, 1929; Ludwig Renn? „Krieg“, 1928; Edlef Köppen? „Heeresbericht“, 1929). Diese Romane schildern die entsetzlichen Folgen, die die moderne Kriegführung im Leben der Menschen hinterlässt. Nach dem Zweiten Weltkrieg knüpfte man in Ost und West an diese pazifistischen Traditionen an. Es entstanden zahllose Romane, Erzählungen, Reportagen?, Dramen und Hörspiele, die sich mit dem Erlebnis des Krieges, der Gefangenschaft, des Widerstandes, der Konzentrationslager und der Heimkehr befassten. In erster Linie sind hier Autoren wie Theodor Plivier?, Wolfgang Borchert? und Hans Hellmut Kirst? zu nennen.

In jüngster Zeit sind es vor allem Chansons? und Protestlieder?, in denen vor dem Krieg und seinen verheerenden Folgen für den Menschen (angesichts der nuklearen Bedrohung sogar des ganzen Planeten) gewarnt wird. Friedensaktivisten in aller Welt sind auf diesem Gebiet äußerst erfinderisch.

Literatur

  • Köppen, Edlef: Heeresbericht. Berlin, List Verlag 2005, ISBN: 978-3548605777
  • Remarque, Erich Maria: Im Westen nichts Neues. Köln, Kiepenheuer und Witsch 1998, ISBN: 978-3462027310
  • Renn, Ludwig: Krieg. Berlin, Verlag Neues Berlin 2002, ISBN: 978-3360009760

Sekundärliteratur

  • Erll, Astrid: Gedächtnisromane. Literatur über den Ersten Weltkrieg als Medium englischer und deutscher Erinnerungskulturen in den 1920er Jahren. Trier, Wissenschaftlicher Verlag Trier 2003, ISBN: 978-3884766101
  • Lindner-Wirsching, Almut: Französische Schriftsteller und ihre Nation im Ersten Weltkrieg. Tübingen, Niemeyer Verlag 2004, ISBN: 978-3484550438
  • Müller, Hans-Harald: Der Krieg und die Schriftsteller. Der Kriegsroman der Weimarer Republik. Stuttgart, Metzler Verlag 1986, ISBN: 978-3476006035

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