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Zeitroman

Der Zeitroman, dessen Ursprünge in Deutschland in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts liegen, zählt zu den beliebtesten Romantypen. Seine Absicht ist es, geistige Strömungen und Tendenzen in der Gesellschaft realistisch zu erfassen.

Definition

Der Zeitroman ist mit dem Gesellschaftsroman verwandt. In der Praxis fällt es daher schwer, beide Romantypen stofflich und thematisch klar voneinander abzugrenzen. Obgleich die Grenzen fließend sind, gibt es dennoch ein wichtiges Merkmal, das den Zeitroman von anderen Romantypen unterscheidet. Im Vergleich zum Gesellschaftsroman beansprucht der Zeitroman, über das Gesellschaftsleben hinaus die zentralen geistigen Strömungen und Tendenzen der Gegenwart des Autors realistisch zu erfassen. Häufig verknüpft der Autor die Schilderung seines Zeitalters mit sozialkritischen und utopischen Absichten.

Trotz dieses in der Theorie bestehenden Unterschieds bleibt in der Praxis die Arbeit des gewissenhaften Interpreten mit großer Mühe verbunden, denn oft besteht die Schwierigkeit der Analyse gerade darin, geistige Strömungen von gesellschaftlichen Phänomenen begrifflich zu trennen. Manchmal sieht man sich dann sogar der kniffligen Frage gegenüber: Kann ein schlechter Zeitroman ein guter Gesellschaftsroman sein und umgekehrt? Und wie so oft in der Literatur besteht die Antwort aus einem klaren und deutlichen: Jein …

Im Zeitroman ist die Handlung von untergeordneter Bedeutung. Sie dient oft nur dazu, den zeitlichen Fortgang der Geschichte im Fluss zu erhalten. Von Bedeutung ist allein das, was zwischen der Handlung passiert: die Aneinanderreihung von Zeit- und Momentbildern, die oft in einem kontrastierenden Verhältnis zueinander stehen (hier die Reichen, dort die Armen, hier die goldenen Zahnstocher, dort die offene Lungentuberkulose).

Dementsprechend handelt es sich bei den Protagonisten nicht um komplexe Charaktere, die wie im Entwicklungsroman einen intellektuellen und moralischen Reifeprozess durchlaufen, sondern um so genannte flache Zeittypen, die den Leser wie eine Sonde an die Schnittstellen geistiger und sozialer Konflikte führen. Häufige Perspektivwechsel und Zeitsprünge sind die Folge. Viele dieser Zeittypen sind Repräsentanten sozialer Milieus oder Träger geistiger Überzeugungen. Den Anspruch auf Authentizität und Wirklichkeitstreue versucht der Zeitroman durch die Nennung von genauen Ort- und Zeitangaben zu erreichen – ein Umstand, der den Zeitroman im Nachhinein zum Dokument lebendiger Stadt- und Mentalitätsgeschichte machen kann (z. B. Klaus Mann? „Treffpunkt im Unendlichen“, 1932).

Entwicklung

Der Begriff Zeitroman wurde erstmals von Clemens Brentano? geprägt – Brentano? verwendete ihn, um Achim von Arnims „Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores“ (1810) zu charakterisieren. Als Begründer des Zeitromans gilt Karl Leberecht Immermann? mit seinem Roman „Die Epigonen“ (1825-1836). Immermann?, der in der Überzeugung lebte, in ein Zeitalter der Epigonen (das sind Nachahmer ohne eigene Schöpferkraft) hineingeboren zu sein, schrieb über seinen bekannten Roman: „Unsere Zeit, die sich auf den Schultern der Mühe und des Fleißes unserer Altvorderen erhebt, krankt an einem gewissen geistigen Überflusse. Die Erbschaft ihres Erwerbes liegt zu leichtem Antritte uns bereit, in diesem Sinne sind wir Epigonen.“ Bei den Zeitgenossen war Immermanns? Roman ein großer Erfolg und fand – nomen est omen – viele weniger talentierte Nachahmer.

Karl Gutzkow

Vor allem im Jungen Deutschland stieg der Zeitroman zu einem beliebten Romantypus auf, da er die Verknüpfung von politischer Aufklärung und engagierter Sozialkritik geradezu herausforderte. Zu nennen sind hier vor allem Autoren wie Karl Gutzkow? („Die Ritter vom Geiste“, 1850/51) und Heinrich Laube? („Das junge Europa“, 1833-1837). Wer sich mit der Entstehung und Wirkung dieser Romane befasst, lernt nicht nur eine faszinierende Epoche der deutschen Literatur kennen, sondern bekommt auch einen Einblick in die Geschichte der Zensur? und des turbulenten Kampfes um die Pressefreiheit in Deutschland.

Gustav Freytag

Ein besonders populärer Zeitroman, der in Deutschland zahllose Leser fand und heute als hervorstechendes Zeugnis des Realismus gilt, ist Gustav Freytags? „Soll und Haben“ (1855). Der Roman, in dem Freytag ein Preislied auf den Kaufmannsberuf und die tugendhafte bürgerliche Pflichterfüllung schrieb, zeigt einen Querschnitt durch die sozialen Schichten und Entwicklungen der damaligen Zeit. „Soll und Haben“ steht unter dem von Julian Schmidt? stammenden Motto?: „Der Roman soll das deutsche Volk da suchen, wo es in seiner Tüchtigkeit zu finden ist, nämlich bei seiner Arbeit.“

Von Heinrich Mann zu Thomas Pynchon

Auch viele Romane von Theodor Fontane wie „Die Poggenpuhls“ (1896) und „Der Stechlin“ (1899) sind Zeitromane. Bedeutende Beispiele aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind Heinrich Manns „Der Untertan“ (1916), Hermann Brochs „Die Schlafwandler“ (1930-1932) und Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“ (1930-1934). Nach 1945 knüpften viele Autoren an die Tradition des Zeitromans an, u. a. Martin Walser („Halbzeit“, 1960), Heinrich Böll? („Ansichten eines Clowns“, 1963) und Günter Grass („Hundejahre“, 1963).

Bedeutende Zeitromane jüngeren Datums sind Günter Grass’ „Ein weites Feld“ (1995) und im englischsprachigen Raum Thomas Pynchons „Gegen den Tag“ (2006).

Literatur

  • Böll, Heinrich: Ansichten eines Clowns. München, dtv 1997, ISBN: 978-3423004008
  • Mann, Heinrich: Der Untertan. Frankfurt am Main, S. Fischer Verlag 1997, ISBN: 978-3596136407
  • Pynchon, Thomas: Gegen den Tag. Reinbek, Rowohlt Verlag 2008, ISBN: 978-3498053062

Sekundärliteratur

  • Gelfert, Hans-Dieter: Wie interpretiert man einen Roman? Ditzingen, Reclam Verlag 1993, ISBN: 978-3150150313
  • Henkel, Gabriele: Geräuschwelten im deutschen Zeitroman. Epische Darstellung und poetologische Bedeutung von der Romantik bis zum Naturalismus. Wiesbaden, Harrassowitz Verlag 1996, ISBN: 978-3447038270
  • Schneider, Jost: Einführung in die Roman-Analyse. Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2003, ISBN: 978-3534162673

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