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Entwicklungsroman

Der Entwicklungsroman stellt die geistig-seelische Entwicklung des Helden dar. Im internationalen Vergleich gilt der Entwicklungsroman als eine spezifisch deutsche Romangattung.

Definition

Der Entwicklungsroman ist ein Romantypus, in dem die geistig-seelische Entwicklung des Protagonisten im Konflikt mit sich selbst und seiner Umwelt dargestellt wird. Bei der Hauptgestalt handelt es sich zumeist um einen jungen Mann, dessen individueller Reifeprozess bis zu einem gewissen Grad der inneren Vervollkommnung verfolgt wird. In den inneren und äußeren Kämpfen findet der Leser seine eigenen Konflikte literarisch gespiegelt. Das macht den Entwicklungsroman zu einer beliebten Gattung.

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Die typische Erzählperspektive ist die Ich-Form und rückt den Entwicklungsroman damit in unmittelbare Nähe zum (fiktiven) autobiographischen Roman. Der Held bildet das Zentrum der dargestellten Welt, was den Entwicklungsroman deutlich vom Abenteuer- und Gesellschaftsroman unterscheidet. Viele Entwicklungsromane spiegeln zeittypische und individuelle Anschauungen ihres Verfassers wieder, weshalb sie nicht nur bei Literaturfreunden, sondern z. B. auch bei Kunst- und Kulturwissenschaftlern sehr beliebt sind.

Die Bezeichnung Entwicklungsroman wurde in den 1920er Jahren von Melitta Gerhard? in die moderne Literaturwissenschaft eingeführt, geht aber in ihrer Entstehung auf den Literaturhistoriker? Karl Morgenstern? zurück. Vielfach wird der Begriff synonym mit Bildungsroman? und Erziehungsroman? gebraucht. Im internationalen Vergleich gilt der Entwicklungsroman als eine spezifisch deutsche Romangattung. Zu den wenigen Beispielen ausländischer Entwicklungsromane zählen z. B. Charles Dickens’ „David Copperfield“ (1850) und Romain Rollands? „Jean Christophe“ (1904-1912).

Entstehung und Entwicklung

Als bedeutende Voraussetzung für die Entstehung des Entwicklungsromans gilt ein Weltbild, das von den Naturwissenschaften geprägt ist. Denn erst unter dem Einfluss der modernen Naturwissenschaften nahm auch das Interesse an den inneren und äußeren Entwicklungsmöglichkeiten des Menschen immer weiter zu.

Christoph Martin Wielands „Geschichte des Agathon“ (1766)

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Die Gattungsgeschichte? des deutschen Entwicklungsromans beginnt mit der Veröffentlichung von Christoph Martin Wielands „Geschichte des Agathon“ (1766). Der wechselvolle Lebensweg von Wielands Helden beginnt in der polarisierten Welt der Spätantike. Der Held macht eine Entwicklung durch, die ihn mit gegensätzlichen philosophischen Lebensentwürfen und verschiedenen sozialen Milieus in Berührung bringt. Am Ende erkennt der Held, dass die philosophischen Theorien mit dem praktischen Leben nur schwer in Einklang zu bringen sind.

Auch stilistisch ist die „Geschichte des Agathon“ von herausragender Bedeutung, denn Wieland verbindet darin die Tradition des Schelmenromans Romans mit Elementen der höfischen? und galanten? Literatur – eine gewagte Mischung, die es zuvor noch nicht gegeben hatte.

Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ (1795/96)

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Johann Wolfgang von Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ (1795/96) ist zum Prototyp des Entwicklungsromans avanciert. Goethes Held verlässt die bürgerliche Welt des Kaufmannsberufs, für die er zunächst bestimmt schien. Er geht auf Wanderschaft und zieht ins weite Land hinaus. Vor dem Leser entrollt sich ein buntes und lebhaftes Panorama der damaligen Zeit: Der Held gerät in die Gesellschaft fahrender Schauspieler, er lernt den traditionellen und den reformierten Adel kennen, er wird in eine politisch ambitionierte Geheimgesellschaft aufgenommen und kehrt am Ende in die Arme Natalies (seine erste große Liebe) zurück. Der schwierige Prozess der Selbstorientierung mündet in einen harmonischen Ausgleich zwischen Ich und Welt.

Dieser harmonische Ausgang des Romans rief bei den Zeitgenossen nicht nur Zustimmung, sondern auch bittere Häme hervor. Insbesondere die Romantiker fragten spöttisch, weshalb der Held die abgestandene Welt der Spießbürger überhaupt erst verlasse, wenn er am Ende dann doch wieder dorthin zurückkehre und als Oberphilister Karriere mache?

Von Eichendorff zu Stifter

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Bereits kurz nach dem Erscheinen von Wielands? „Geschichte des Agathon“ und Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ begann eine lebhafte gattungstheoretische Debatte, die die poetischen Möglichkeiten dieser neuen Romangattung auszuloten versuchte – eine Debatte übrigens, die im akademischen Betrieb bis heute fortdauert. Was sehr bemerkenswert ist, denn die Blütezeit des Entwicklungsromans endete bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Wieland und Goethe hatten mit ihren Romanen großen Einfluss auf die folgende Entwicklung. Unter den Nachfolgern sind vor allem von Bedeutung: Jean Pauls? „Titan“ (1800/03), Joseph von Eichendorffs „Ahnung und Gegenwart“ (1815) und Karl Immermanns? „Die Epigonen“ (1836). Zu besonderer Popularität beim Lesepublikum gelangten Gottfried Kellers „Der grüne Heinrich“ (1854/55), Gustav Freytags? „Soll und Haben“ (1855) und Adalbert Stifters „Nachsommer“ (1857). Diese Romane werden auch heute noch viel gelesen.

Thomas Mann und Hermann Hesse

Klassische Entwicklungsromane im Geiste der Weimarer Klassik? entstanden im 20. Jahrhundert nicht mehr. Was es jedoch weiterhin gab, waren verschiedene Motive und Erzählmuster, die von modernen Autoren aufgegriffen und bearbeitet wurden. Zu erwähnen sind hier an vorderster Stelle: Thomas Manns „Der Zauberberg“ (1924), Hermann Hesses „Das Glasperlenspiel“ (1943) und Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“ (1930-1933).

Die genannten Romane können jedoch nur zu einem geringen Teil als Entwicklungsromane gelten, in ihnen finden sich zugleich auch zahlreiche Elemente des Familien-, Gesellschafts-, Künstler-, Zeit- oder psychologischen Romans.

... und Harry Potter?

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Insofern der Entwicklungsroman die geistig-seelische Entwicklung und Reifung eines Helden darstellt, kann "Harry Potter", die Fantasy?-Reihe? der englischen Autorin Joanne K. Rowling, durchaus als Beispiel für den Entwicklungsroman im 20./21. Jahrhundert angesehen werden: In sieben Bänden? beschreibt die Reihe, die zwar formal der Jugendliteratur zuzurechnen ist, aber ebenso Erwachsene begeistert, die Entwicklung eines Schülers im britischen Zauberer-Internat Hogwarts. Im Verlauf von sieben Schuljahren wird Harry Potter mit ethischen Fragen konfrontiert und entdeckt seine eigene Bestimmung.

Literatur

  • Goethe, Johann Wolfgang von: Wilhelm Meisters Lehrjahre. Ditzingen, Reclam Verlag 1986, ISBN: 978-3150078266
  • Keller, Gottfried: Der grüne Heinrich. Ditzingen, Reclam Verlag 2003, ISBN: 978-3150182826
  • Mann, Thomas: Der Zauberberg. Frankfurt am Main, S. Fischer Verlag 2000, ISBN: 978-3596294336

Sekundärliteratur

  • Bauer, Matthias: Romantheorie. Stuttgart, Metzler Verlag 1997, ISBN: 978-3476103055
  • Bode, Christoph: Der Roman. Eine Einführung. Stuttgart, UTB 2005, ISBN: 978-3825225803
  • Steinecke, Hartmut: Romantheorie: Texte vom Barock bis zur Gegenwart. Ditzingen, Reclam Verlag 1999, ISBN: 978-3150180259


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