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Mora, Terézia

Terézia Mora (geb. 5. Februar 1971 in Sopron / Ungarn) arbeitet als Schriftstellerin, Drehbuchautorin und Übersetzerin aus dem Ungarischen. Sie wurde mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet, darunter mit dem Deutschen Buchpreis 2013.

Leben und Schreiben

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Terézia Mora wurde am 5. Februar 1971 in Sopron (Ungarn) als Angehörige der deutschen Minderheit geboren. Sie ging 1990 nach Berlin und absolvierte an der Humboldt-Universität ein Studium der Hungarologie und Theaterwissenschaft. An der Deutschen Film- und Fernsehakademie wurde sie zur Drehbuchautorin ausgebildet. Seit 1998 ist sie als freie Autorin tätig. Neben ihren Prosawerken wurden ihre Übersetzungen zahlreicher Werke? aus dem Ungarischen - insbesondere „Harmonia Caelestis“ von Péter Esterházy? - bekannt.

„Seltsame Materie“, Erzählungen (1999)

Terézia Mora debütierte? 1999 mit dem Erzählband „Seltsame Materie“. Für die dort versammelten Erzählungen wurde sie mit dem Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis (2000) ausgezeichnet; für die darin enthaltene Erzählung „Der Fall Ophelia“ erhielt sie den Ingeborg-Bachmann-Preis (1999).

Die Menschen in diesen Geschichten leben in einem Dorf in Ungarn nahe der österreichischen Grenze. Eine vordergründig ländliche Idylle, die sich jedoch als ruhelose und finstere Heimat entpuppt. Die Menschen sehnen sich nach einem Leben auf der anderen Seite der Grenze. Sie sind allerdings geprägt von ihrer Vergangenheit und verharren in Einsamkeit und Aussichtslosigkeit. Die Menschen in diesen Erzählungen wirken auf den Leser ebenso fremd wie die Landschaft unzugänglich. So wie es ihnen nicht gelingt, Heimat und Geborgenheit für sich zu bergen, so gelingt es auch dem Leser nicht, diese Geschichten völlig zu durchschauen. Am Ende bleibt so immer ein kaum erklärbarer Rest. Dies hängt nicht zuletzt mit Moras Erzähltechnik zusammen, die in Anlehnung an den ungarischen Schriftsteller Istvan Örkeny? dem Leser nur minimale Informationen zur Verfügung stellt und ihm die Interpretation überlässt.

„Alle Tage“, Roman (2004)

2004 erschien Terézia Moras erster Roman „Alle Tage“, der zu einem der herausragenden Bücher des Jahres wurde. Für den Roman erhielt sie den Mara-Cassens-Preis, den Kunstpreis Berlin, den Litera Tour?-Nord-Preis und den Preis der Leipziger Buchmesse.

Zu Beginn des Romans erfährt der Leser von einem halb totgeschlagenen Mann, der kopfunter von einem Klettergerüst auf einem verwahrlosten Spielplatz hängt. Dieser Mann ist Abel Nema, 33 Jahre alt und aus einer kleinen Stadt in einem Grenzgebiet in Südosteuropa stammend. Im weiteren Verlauf des Romans wird die Vorgeschichte zu der Eingangsszene erzählt.

Um einem nahenden Bürgerkrieg - vor allem jedoch um der von seinem Freund Ilia verschmähten Liebe - zu entfliehen, geht Abel Nema mit 19 Jahren nach Berlin. Da sein Herkunftsland in kleine Teilstaaten zerfällt und Abel Nema zu keinem dieser Staaten gehört, wird sein Pass ungültig und ihm droht die Abschiebung. Doch seine besondere Sprachbegabung sowie eine eingegangene Scheinehe können dieses verhindern.

Abel Nema bleibt eine undurchschaubare Gestalt. Trotzdem er insgesamt zehn Sprachen beherrscht, spricht er kaum und entzieht sich den Menschen und lässt ihnen keine Möglichkeit, sich ihm zu nähern. Er ist ein unglücklicher, empfindungsloser Mensch, der immer und überall ein Fremder bleibt.

Dementsprechend liest Sigrid Löffler in ihrer Laudatio auf Terézia Mora den Roman unter anderem als politische Metapher - „als Allegorie auf den identitäts- und heimatlosen Migranten, der sich einerseits überall anpassen kann, aber andererseits überall als ein Fremdkörper hervorsticht“.

„Der einzige Mann auf dem Kontinent“, Roman (2009)

Auch in dem 2009 erschienenen Roman „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ kann der Leser sich mit dem Protagonisten Darius Kopp auf eine halt- und orientierungslose Existenz einstellen, die jedoch - anders als Abel Nema - einer Tragikomik nicht entbehrt.

Darius Kopp ist Anfang vierzig, verheiratet und vertreibt in Berlin als einziger Vertreter einer US-amerikanischen Firma drahtlose Netzwerk-Systeme. Als ein Kunde eine Pappschachtel mit Geld in seinem Büro liegen lässt, versucht Darius Kopp, zwecks Klärung seine Vorgesetzten in Übersee zu erreichen. Diese existieren allerdings nicht: Bei der Firma handelt es sich nur um eine Website im Internet, die als Mitarbeiter lediglich einige Internet-Adressen und Handy-Nummern aufführt. Darius Kopp ahnt jedoch nicht, dass seine Firma längst verkauft ist und er seine Tätigkeit in einem virtuellen Nichts ausführt - er selbst sieht sich nach wie vor als versierter und effizienter Informatiker. Dabei macht er auf den Leser allerdings weniger den Eindruck eines ehrgeizigen Managers, sondern vielmehr den eines trägen und undisziplinierten Chaoten (mehrfach wurden in der Kritik daher Parallelen zu der literarischen Figur Oblomow? gezogen) - und als solcher gewinnt er durchaus die Sympathie des Lesers.

In der Literaturkritik wurde insbesondere die Aktualität des Romans gewürdigt, da am Beispiel eines Einzelnen die oft bedauerliche reale Alltagswelt in der IT-Branche höchstironisch mit ihrer offiziellen Darstellung kontrastiert wird.

„Das Ungeheuer“, Roman (2013)

Darius Kopp ist auch der Protagonist in Moras 2013 erschienenem Roman "Das Ungeheuer". Er war verheiratet - mit der Ungarin Flora, die sich das Leben genommen hat, kurz nachdem Kopp seinen Job verlor. Eine Zeit lang ist Kopp ohne Halt, er sieht nur noch fern und isst Fertigpizza. Doch dann beschließt er, das Tagebuch seiner Frau zu lesen, das auf Ungarisch geschrieben ist. Und er will ihre Urne beisetzen - aber wo? In Floras ungarischem Heimatort, in Budapest oder aber am Ararat? Eine Reise beginnt, in deren Verlauf Darius Kopp erkennen muss, dass er über seine Frau viel weniger wusste als gedacht ...

Das Buch ist in zwei parallelen Strängen geschrieben und entsprechend grafisch unterteilt: Auf den oberen Seitenhälften? erzählt Darius Kopp, auf den unteren Hälften stehen Floras Tagebucheinträge. Die Reaktion auf das Werk? war überwiegend positiv. Gelobt wurden die Sprache, der experimentelle Charakter, der Spannungsaufbau und die Einfühlung in die Figuren. Eine kritische Stimme bemerkte allerdings, Floras Depression werde zu klinisch und damit zu wenig literarisch dargestellt. Für das Buch erhielt Terézia Mora den Deutschen Buchpreis 2013.

Im Januar 2014 hält Terézia Mora unter dem Titel "Nicht sterben" die Frankfurter Poetikvorlesungen.

Übrigens ...

Terézia Mora wehrt sich gegen die Bezeichnung „Migrationsliteratur“ für ihre literarischen Texte. Sie selbst betrachtet sich zwar nicht als Teil der deutschen Nation, aber durchaus als Teil der deutschen Literatur: „Ich bin genauso deutsch wie Kafka“ - lautet dazu ihr Statement.

Auszeichnungen

Werke (Auswahl)

Prosa

  • Seltsame Materie. Verlag Rowohlt, Reinbek 1999, ISBN: 3-498-04471-0
  • Alle Tage. Verlag Luchterhand, München 2004, ISBN: 3-630-87185-2
  • Der einzige Mann auf dem Kontinent. Verlag Luchterhand, München 2009, ISBN: 978-3-630-87271-1

Drehbücher

  • Die Wege des Wassers in Erzincan, Spielfilm, 30 Min., (1998)
  • Boomtown / Am Ende der Stadt, Spielfilm, 30 Min., (1999)
  • Das Alibi, Spielfilm, 90 Min., (2000)

Theaterstücke

  • Sowas in der Art (2003)

Hörspiele

  • Miss June Ruby (2005)

Essays

  • Über die Drastik, in: BELLA triste Nr. 16 (2006)
  • Über das Liebesleben in der Natur
  • Das Kreter-Spiel

Übersetzungen

  • Die Horen 195, 1999 Bestiarium hungaricum. Darin Texte von András Ferenc Kovács, Attila Bartis, Dezsö Tandori, Lajos Parti-Nagy, András Cserna-Szabó
  • Péter Esterházy: Harmonia Caelestis. Berlin Verlag 2001
  • István Örkény: Minutennovellen. Suhrkamp 2002
  • László Darvasi, in: Eine Frau besorgen. Suhrkamp 2003 (mit Heinrich Eisterer und Agnes Relle)
  • Péter Zilahy: Die letzte Fenstergiraffe. Eichborn 2004
  • Lajos Parti Nagy: Meines Helden Platz. Luchterhand 2005
  • Péter Esterházy: Flucht der Prosa, in: Einführung in die schöne Literatur. Berlin Verlag 2006
  • Péter Esterházy: Keine Kunst. Berlin Verlag 2008

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