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Neue Innerlichkeit

Neue Innerlichkeit ist eine Strömung in der westdeutschen Literatur, die sich von der stark politisierten Literatur Ende der 1960er Jahre abgrenzte. Viele Autoren schrieben nun erstmals wieder über persönliche Erfahrungen, wie z. B. Krankheit, Alltagssorgen oder Probleme in Partnerschaften.

Definition

Als Neue Innerlichkeit bezeichnet man eine Strömung in der westdeutschen Literatur in den 1970er und frühen 1980er Jahren. Sie grenzte sich ab von der stark politisierten Literatur Ende der 1960er Jahre und widmete sich stattdessen dem Privaten, dem Alltäglichen und Persönlichen. In der Literaturwissenschaft wird diese Tendenzwende häufig auch als Rückkehr zum Ich und zur Selbstreflexion beschrieben.

Oft lieferte nun die eigene Biographie den konkreten Schreibanlass: Viele Schriftsteller schrieben nicht mehr über die moralischen Folgen des Zweiten Weltkriegs oder die gesellschaftlichen Forderungen der 68er-Bewegung, sondern über persönliche Erfahrungen, wie z. B. Krankheit, Alltagssorgen oder Probleme in Partnerschaften.

Peter Handke, Karin Struck, Botho Strauß
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Dieses zum Teil emphatische Bekenntnis zum eignen Ich fand vor allem in der Prosa starken und unverwechselbaren Ausdruck. Dagegen spielten Lyrik und Drama nur untergeordnete Rollen, zu nennen sind allenfalls die Stücke von Botho Strauß? (z. B. „Trilogie des Wiedersehens“, 1977; „Groß und klein“, 1978) und einige Gedichte von Gabriele Wohmann (z. B. in „So ist die Lage“, 1974).

Die wichtigsten Vertreter der Neuen Innerlichkeit sind u. a. Thomas Bernhard mit dem Roman „Das Kalkwerk“ (1970), Peter Handke mit der Erzählung „Wunschloses Unglück“ (1972), Peter Schneider? mit der Erzählung „Lenz“ (1973), Karin Struck mit dem Roman „Klassenliebe“ (1973), Botho Strauß? mit der Erzählung „Die Widmung“ (1977) und Rolf Dieter Brinkmann? mit der Textcollage „Rom, Blicke“ (1979).

Die Bezeichnungen Neue Subjektivität und Regeneration der Literatur werden oft synonym? verwendet.

Entstehung

Als bedeutende gesellschaftliche Voraussetzung für die Entstehung der Neuen Innerlichkeit gilt die Eskalation der politisch motivierten Gewalt in der Bundesrepublik (Studentenproteste, linker Terrorismus) in den späten 1960er Jahren. Eine weitere wichtige Voraussetzung liegt auf dem Gebiet der Literatur selbst: Viele Autoren wollten das Primat der Politik über die Literatur nicht länger anerkennen. Sie lehnten es ab, ihre Bücher im Sinne einer bestimmten politischen Gesinnung (Marxismus) zu schreiben.

Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki bemerkte zu dieser Wende in der westdeutschen Literatur: Die radikale Politisierung der Literatur habe nicht die Politik verändert, sondern die deutsche Literatur ruiniert.

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Viele deutschsprachige Autoren dachten ähnlich wie Reich-Ranicki. Einer von ihnen – und aus heutige Sicht wohl einer der wichtigsten – war der Österreicher Thomas Bernhard, der fern vom politischen Geschehen und fern vom bundesdeutschen Literaturbetrieb? Romane und Erzählungen schrieb, in denen die Innerlichkeit in exzentrischen und grotesken Figuren auf die Spitze getrieben wird (z. B. „Frost“, 1963; „Amras“, 1964; „An der Baumgrenze“, 1969).

Entwicklung

Als besonders charakteristisch für die Literatur der Neuen Innerlichkeit gilt die Erzählung „Lenz“ (1973) von Peter Schneider?. Der Autor nimmt Georg Büchners Erzählfragment? von 1839 als Vorlage, um die seelische Befindlichkeit eines jungen Intellektuellen nach der gescheiterten Studentenrevolte zu schildern. Lenz, der an dem verhängnisvollen Widerspruch zwischen ideologischer Radikalität und persönlichem Glücksbedürfnis leidet, flieht aus dem bedrückenden Berlin nach Italien, wo er unter Arbeitern und Studenten eine neue Form der Solidarität kennen lernt. Mit „Lenz“ brachte Schneider? auch wieder klassisch-romantische Motive in die deutsche Literatur zurück. Auf die Parallelen zu Eichendorffs „Taugenichts“ (1826) hat schon die zeitgenössische Literaturkritik häufig hingewiesen.

Irrtümer und Emanzipation

Ein ebenfalls überaus erfolgreiches Beispiel ist Karin Strucks autobiographischer Roman „Klassenliebe“ (1973), in dem die Hauptfigur die Wende nach innen vollzieht und dabei ihre eigene intellektuelle und emotionale Identität findet. Hintergrund der Fabel ist – wie in „Lenz“ – die Studentenbewegung. Der Roman sorgte in den 1970er Jahren für Aufsehen, weil die Autorin sich darin hemmungslos selbst offenbart und auch Irrtümer schonungslos eingesteht. In „Die Mutter“ (1975) knüpfte Struck an Motive und Themen aus „Klassenliebe“ an. Zu nennen sind außerdem Verena Stefan? („Häutungen. Autobiographische Aufzeichnungen, Gedichte, Träume, Analysen“, 1975), Gabriele Wohmann („Endlich allein, endlich zu zwein“, 1976) und Brigitte Schwaiger? („Wie kommt das Salz ins Meer“, 1977).

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Auch Günter Grass’ Roman „Der Butt“ (1977) ist in diesem Zusammenhang von Bedeutung, denn der Autor verknüpft darin autobiographisches Erzählen mit gesellschaftlichen Gegenwartsfragen. Konkret bedeutet das: In dem Roman wird die Emanzipation der Frau ebenso behandelt wie die Reisen des Autors nach Danzig. Im Werk? von Günter Grass nimmt „Der Butt“ übrigens auch deshalb eine herausragende Stellung ein, weil der Roman erzähltechnisch und sprachlich an „Die Blechtrommel“ (1959) heranreicht.

Würdigung

Aus heutiger Sicht erscheint die Neue Innerlichkeit als Gegenbewegung zur Politisierung der Literatur in den 1960er Jahren. Das Ende dieser Strömung, der viele bedeutende Autoren zeitweilig angehörten, lässt sich freilich nicht genau datieren – liegt aber wohl in den frühen 1980er Jahren. Die Neue Innerlichkeit hat einen neuen Maßstab in die deutsche Literatur gebracht, der in den Jahren nach 1945 zunächst keine bedeutende Rolle gespielt hatte: Über die Qualität von Literatur entscheidet nicht nur Form, Sprache und (leider allzu oft auch) Gesinnung, sondern auch die emotionale und intellektuelle Authentizität des Erzählten.

Literatur

  • Die Neue Innerlichkeit bei Jokers
  • Grass, Günter: Der Butt. Dtv, München 1998, ISBN: 978-3423118248
  • Schneider, Peter: Lenz. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008, ISBN: 978-3462039887
  • Struck, Karin: Klassenliebe. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1996, ISBN: 978-3518106297

Sekundärliteratur

  • Rötzer, Hans Gerd: Geschichte der deutschen Literatur. Epochen, Autoren, Werke. Buchner Verlag, 2006, ISBN: 978-3766141408
  • Rothmann, Kurt: Kleine Geschichte der deutschen Literatur. Reclam, Ditzingen 2009, ISBN: 978-3150176764


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