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Schuld

Schuld ist ein universales Thema in der Welt der Literatur. Es ist eng mit religiösen und philosophischen, moralischen und psychologischen Vorstellungen verbunden.

Definition

Schuld ist ein universales Thema in der Literatur. In seiner Vielgestaltigkeit ist es vergleichbar mit Themen wie Liebe, Freundschaft, Freiheit? und Identität?. Viele Literaturwissenschaftler? sind sogar der Meinung, dass Schuld das komplexeste literarische Thema überhaupt ist. Ihre Begründung: Wie kein zweites Thema ist Schuld aufs engste mit einer Vielzahl von religiösen und philosophischen, kulturellen und juristischen, moralischen und ethischen, psychologischen und pädagogischen Vorstellungen verknüpft.

Ein Beleg für die außergewöhnliche Komplexität des Themas ist wohl auch darin zu sehen, dass es bis heute noch nicht gelungen ist, das Thema Schuld unter literaturwissenschaftlichen Aspekten umfassend darzustellen. Die Verbindung mit anderen Themen (z. B. Antike, Gnade?, Macht?, Tod?, Vergebung?), Stoffen (z. B. Adam und Eva?, Ahasver?, Faust, Meier Helmbrecht?, Verbrecher aus verlorener Ehre?) und Motiven (z. B. Blutrache?, Duell?, Gottesurteil?, Inzest, Rebell?, Verräter?) ist besonders intensiv. Darüber hinaus gibt es eine große Anzahl weiterer Verbindungen, die die Schuldfrage eher indirekt behandeln.

In der Literatur gibt es – wie in der Philosophie, Psychologie, Rechtsprechung und anderen Bereichen – keine konkrete und verbindliche Definition von Schuld. Der Blick auf die verschiedenen Literatur-Epochen zeigt, welch tiefgehende Wandlungen der Schuldbegriff in der Vergangenheit durchlaufen hat. Das Spektrum ist breit gefächert und reicht von plakativer, zum Zwecke der Belehrung dargestellter Schuld über kollektive, überpersönliche Schuldtraumata bis hin zu anonymen, metaphysischen Schuldgefühlen. Wenn auch die Literatur keine konkrete Definition von Schuld vermittelt, so zeigt sie doch, wie stark der Schuldbegriff von einem Geflecht sozialer, historischer, emotionaler und intellektueller Bezüge abhängig ist.

Entstehung

Das antike Schuldverständnis war lange Zeit prägend für die Literatur. Als hervorstechende und gleichsam charakteristische Figur gilt König Ödipus?, der durch seine Taten Schuld auf sich lädt und dafür büßen muss. Dabei ist folgender Aspekt von besonderer Bedeutung: Es spielt keine Rolle, ob König Ödipus? bewusst oder unbewusst schuldig geworden ist – er wird bestraft, weil er die göttliche Ordnung verletzt hat.

In den Tragödien von Sophokles? („Antigone“, 442 v. Chr.; „König Ödipus“, ca. 425 v. Chr.; „Ödipus auf Kolonos“, postum 401 v. Chr.) hat der Ödipus-Stoff? seinen künstlerisch stärksten Ausdruck gefunden. Sophokles’? Stücke sind aber auch deshalb von kaum zu überschätzender Bedeutung, weil hier erstmals ein komplexes Schuldgeschehen mit einer eindrucksvollen Figurencharakteristik verbunden wird.

Entwicklung

Die Darstellung des Schuld-Themas in der Literatur des Mittelalters? weist einen elementaren Unterschied zum antiken Schuldverständnis auf: Der Himmel ist weitgehend entvölkert, der Ratschluss der Götter entfällt. Beispielhaft für diese Wandlung ist das „Nibelungenlied?“ (um 1200), das in seinen historischen und literargeschichtlichen Grundlagen bis ins 5. Jahrhundert zurückreicht.

Das wohl bekannteste mittelalterliche? Heldenepos kreist um ein breit angelegtes und apokalyptisches Schuldgeflecht, das von Mord, Liebe, Verrat, Rache, Gier, Sippenbindung und dem Fluch des Goldes beherrscht wird. Wie in der Antike sind Schuld und Buße grausame, gerechte Schicksalsmächte, allerdings weitgehend verweltlicht und ohne den weise lenkenden Ratschluss der Götter. Die mittelalterlichen? Figuren als Träger von Schuld wirken jedoch – im Vergleich mit der Antike oder späteren Literatur-Epochen – recht grob, typisiert und schematisch.

Erwähnt werden muss in diesem Zusammenhang aber auch, dass Hartmann von Aue? („Gregorius“, um 1189) und Wolfram von Eschenbach? („Parzival?“, um 1210) dem antiken Schuldverständnis deutlich näher standen als die Dichter des „Nibelungenliedes?“. Ihre Figuren haben sozusagen noch immer ein Ohr an den Pforten zum Himmel, der ihre Schritte durch eine Welt voller Schrecken und Gefahren lenkt.

Schuld – eine Frage des Charakters?

Die Literatur des späten 16. Jahrhunderts brachte eine neuartige Form des Schuldigwerdens hervor. In den Tragödien William Shakespeares, besonders im „Hamlet“ (1601), stehen Figuren im Mittelpunkt, die nicht durch Erbe, Fluch oder Schicksal Schuld auf sich laden, sondern durch ihren Charakter, der den Herausforderungen der Zeit nicht gewachsen ist.

Im 18. Jahrhundert bekam das Schuld-Thema eine moderne gesellschaftliche Dimension. Gotthold Ephraim Lessing zeigt in seiner Tragödie „Emilia Galotti“ (1772) einen Konflikt, der nicht schematisch zwischen Gut und Böse ausgetragen wird, sondern zwischen zwei konkurrierenden gesellschaftlichen Klassen – Adel und Bürgertum –, die im alltäglichen und wirtschaftlichen Verkehr zwar durch vielfältige Bande miteinander verbunden sind, deren gegensätzliche mentale und moralische Prinzipien jedoch immer wieder zu heftigen Auseinandersetzungen führen.

Georg Büchner („Woyzeck“, postum 1877), Theodor Fontane („Effi Briest“, 1896) und viele andere bedeutende Schriftsteller des 19. Jahrhunderts stehen hinsichtlich der Behandlung des Schuld-Themas in der Tradition Lessings. Auch sie dokumentieren, dass Schuld oft eine Folge von gesellschaftlichen Zwängen und persönlicher Unfreiheit ist. Eine übergeordnete Gemeinsamkeit mit dem Schuldverständnis der vorangegangenen Literatur-Epochen liegt in der Auffassung, dass Schuld benannt und auf eine verstandesmäßig fassbare Ursache zurückgeführt werden kann.

Schuldgefühle ohne Schuld

Das frühe 20. Jahrhundert brachte eine tiefe Wandlung im Bereich der literarischen Schuld-Darstellung. Bislang war Schuld stets identifizierbar und mit bestimmten Handlungen, Zwängen, Charaktereigenschaften usw. erklärbar gewesen, nun aber trat sie als anonyme, metaphysische Macht auf. Damit begann in der Literatur eine Zeit, in der Schuldgefühle und das daraus entstehende Leid keiner direkten Ursache mehr bedurften. Ja, noch mehr: Die Figuren werden schuldlos schuldig!

Exemplarisch für diese Art von Literatur sind die Romane Franz Kafkas („Der Prozess“, 1925; „Das Schloss“, 1926“), die nicht nur in ihrer literarischen, sondern auch in ihrer allgemein künstlerischen Wirkungsgeschichte von herausragender Bedeutung sind. In „Der Prozess“ wird der Bankbeamte Josef K. im Auftrage eines überwirklichen Gerichts verhaftet, von diesem für schuldig befunden und hingerichtet. Den Grund der Anklage erfährt Josef K. nicht. Der Leser folgt dem Wachsen der Schuldgefühle und den dadurch ausgelösten seelischen und körperlichen Qualen des Protagonisten mit starker Irritation.

Kafkas Konzept der „schuldlosen Schuld“ wirkt bis heute anregend auf Schriftsteller (z. B. Jean-Paul Sartre?, Gabriel García Márquez, Ernesto Sabato?, Bruno Schulz?), Illustratoren? (z. B. Ottomar Starke?, Alfred Kubin?, Hans Fronius?) und Künstler in aller Welt.

Gesellschaftskritik und Klischeeliteratur

Die deutschsprachige Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg war lange Zeit geprägt von der Aufarbeitung des Nationalsozialismus. Von zentraler Bedeutung war dabei die Schuldfrage, die häufig mit gesellschaftskritischen Aspekten gekoppelt war. Zu nennen sind hier vor allem Autoren wie Heinrich Böll? („Wo warst du, Adam?“, 1951), Bruno Apitz („Nackt unter Wölfen“, 1958), Max Frisch („Biedermann und die Brandstifter“, 1958), Günter Grass („Die Blechtrommel“, 1959; „Hundejahre“, 1963) und Siegfried Lenz („Zeit der Schuldlosen“, 1961).

Die literarische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und der damit verbundenen Schuldfrage dauert bis in die jüngste Zeit an und stößt bei den Lesern nach wie vor auf großes Interesse, wie außergewöhnliche Romanerfolge wie z. B. Bernhard Schlinks „Der Vorleser“ (1995) zeigen. Es ist allerdings zu beobachten, dass die Bearbeitung des Themas häufig schematisch und klischeehaft erfolgt.

Literatur

  • Die Schuld in der Literatur
  • Kafka, Franz: Der Process. Reclam Verlag, Ditzingen 1998, ISBN: 978-3150096765
  • Lessing, Gotthold Ephraim: Emilia Galotti. Reclam Verlag, Ditzingen 1986, ISBN: 978-3150000458
  • Sophokles: König Ödipus. Reclam Verlag, Ditzingen 1986, ISBN: 978-3150006306

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