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Fabel

Der Begriff Fabel kommt vom lateinischen "fabula" - kleine Erzählung. Er bezeichnet

  • die lehrhafte Tiergeschichte - diese Bedeutung wird hier behandelt,
  • den Stoff oder das Handlungsgerüst, das einer epischen oder dramatischen Dichtung zugrunde liegt,
  • veraltet umgangssprachlich eine Lügengeschichte.

Adebar, Isegrim, Meister Petz und Meister Lampe kommen in Fabeln häufiger zu Wort: Die Tiere, die sich hinter den Namen verbergen, sind die Akteure dieser kurzen, lehrhaften Erzählungen. Als deren abendländischer Begründer gilt der griechische Dichter Äsop?, der etwa 600 vor Christus lebte.

Definition

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Als Fabel (vom lateinischen "fabula - kleine Erzählung) bezeichnet man eine kurze, lehrhafte Erzählung in Versen oder Prosa, in der Tiere als Figuren auftreten. Sie besitzen menschliche Eigenschaften (Personifikation?) und denken, sprechen und handeln wie Menschen. Ihre Verhaltensweisen sind in der Regel beispielhaft – oft eindeutig gutartig oder bösartig. Ihr Verhalten zieht im Verlauf der Handlung Konsequenzen nach sich, die sich auf reale gesellschaftliche Verhältnisse übertragen lassen.

Vor diesem Hintergrund dienen Fabeln dazu, eine allgemein verbreitete Vorstellung von Moral aufzuzeigen. Sie zählen ebenso zum Zweig der Tierdichtungen? wie zur didaktisch-reflexiven Zweckdichtung, da sie den Anspruch einer Moral im Sinne einer allgemein gültigen Wahrheit erheben (Sachebene?), die am Einzelfall (Bildebene?) deutlich werden soll. Fabeln wollen zugleich belehren und unterhalten und bilden ein eigenes Genre.

Anstelle von Tieren können auch Pflanzen und sagenhafte Mischwesen mit menschlichen Eigenschaften auftreten.

Auf einer anderen Bedeutungsebene ist mit einer Fabel der Stoff oder das Handlungsgerüst gemeint, das einer epischen oder dramatischen Dichtung zugrunde liegt. Umgangssprachlich bezeichnete man früher auch eine Lügengeschichte als Fabel.

Foto: Liane / pixelio.de.

Aufbau

Zum idealtypischen Aufbau einer Fabel gehört die Schilderung einer Ausgangssituation zu Beginn der Geschichte. Darauf folgen die Auslösung einer Handlung (actio) durch eine Figur und die anschließende Reaktion (reactio) einer anderen Gestalt. Beide typischen Handlungselemente sind Teil eines Konfliktes und resultieren in einem Ergebnis der Handlung (eventus). Dabei enthält nicht jede Fabel zwangsläufig jedes Element.

Der Aufbau ist antithetisch – die Gegensätzlichkeit der auftretenden Figuren bestimmt das Wesen und den Handlungsverlauf der Fabel. So kann zum Beispiel das unschuldige, naive Lamm dem bösen, verschlagenen Wolf gegenübergestellt werden. Einer dramatisch zugespitzten Handlung folgt oft eine Pointe?, die dem Zweck dient, dem Leser eine moralisch geartete Belehrung vor Augen zu führen.

Die Moral? einer Fabel kann entweder vorangestellt oder im Laufe der Handlung oder im Anschluss an die Geschichte zur Sprache kommen. Auch ist es möglich, dass sie nicht explizit geäußert wird, sondern lediglich aus der Geschichte heraus gedeutet werden kann. Eine vorangestellte Lehre nennt man Promythion?. Wird die Lehre oder Moral hingegen nach der Handlung geäußert, spricht man von einem Epimythion?.

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Bestimmte Tiere tauchen häufig in Fabeln auf und verfügen über typische Eigenschaften. Zum Beispiel ist der Fuchs ein schlaues, listenreiches Wesen, das vor allem an seinen eigenen Vorteil denkt. Der Wolf gilt als böse, gierig und verschlagen, die Schlange als hinterhältig, der Hase als ängstlich und vorlaut, das Kaninchen als frech. Der Löwe steht für Mut und Stärke, die Eule für Weisheit, die Gans für Dummheit, der Bär für Gutmütigkeit, der Storch für Stolz.

Der Charakter von personifizierten? Fabeltieren wird gerne durch einen typischen Namen unterstrichen. Beispiele sind unter anderem (nach der germanischen Fabel-Tradition): Meister Petz (Bär), Reineke (Fuchs), Isegrimm (Wolf), Adebar (Storch) oder Meister Lampe (Hase).

Foto: Henrik G. Vogel / pixelio.de.

Entstehung

Die alte These, dass Fabeln in Indien oder dem Orient entstanden seien und sich von dort ausgebreitet hätten, gilt mittlerweile als überholt. Heute weiß man: Fabeln sind ein fester Bestandteil des volkstümlichen Erzählgutes vieler Völker und unabhängig voneinander an mehreren Orten entstanden. Schon Mitte des 3. Jahrtausends vor Christus wurden Fabeln niedergeschrieben – zum Beispiel die „Fabel vom klugen Wolf und den neun dummen Wölfen“. Die Sumerer verwendeten sie als mathematischen Lehrtext in der Schule. Bekannt ist darüber hinaus die alt-indische Fabel-Sammlung Panchatantra?, die später ins Arabische übersetzt worden ist.

Bereits die griechischen Dichter Hesiod? und Archilochos? (8. und 7. Jh. v. Chr.) haben die Fabel als Form vorgebildet. Als Schöpfer der europäischen Fabel gilt jedoch der phrygische oder thrakische Dichter Äsop?, der etwa 600 vor Christus als Sklave in Griechenland lebte. Er soll griechische, vorderasiatische und indische Fabeln gesammelt haben. Seine äsopischen Fabeln wurden lange Zeit mündlich weitergegeben, ehe andere Dichter sie verschriftlichten.

Im antiken Griechenland galt die Fabel nicht als literarische Gattung. Vor allem in den ungebildeten Schichten verbreitet, nutzte man sie vor den ersten Verschriftlichungen höchstens als rhetorisches? Element.

Äsopische Fabeln sind kurze mythische? Geschichten, die in Form von Gleichnissen menschliche Schwächen wie Neid, Dummheit oder Eitelkeit behandeln. Die Stoffe und Figuren gehen auf die Lebensumstände des Volkes zu Zeiten Äsops? zurück. Charakteristisch für äsopische Fabeln ist entweder eine unmittelbare lehrhafte Aussage oder eine indirekte allegorische Bedeutung.

„Der Hund und das Schaf“

Beispiel einer äsopischen? Fabel:

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Man sagt, dass zur Zeit, als die Tiere noch sprechen konnten, das Schaf zu seinem Herrn geredet habe: „Du tust sonderbar daran, dass du uns, die wir dir Wolle, Käse und Lämmer schenken, nichts gibst, als was wir uns auf der Erde selbst suchen, dem Hunde aber, der dir nichts dergleichen gewährt, von jeder Speise mitteilst, die du selbst hast.“

Als der Hund dies hörte, soll er gesagt haben: „Beim Jupiter, ich bin es ja, der dich und deine Gefährten bewacht, damit ihr nicht von Dieben gestohlen oder vom Wolfe zerrissen werdet. Denn ihr würdet, wenn ich euch nicht bewachte, nicht einmal in Ruhe weiden können.“ Hierauf soll es auch das Schaf recht und billig gefunden haben, dass der Hund ihm vorgezogen wurde.

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Eine schriftliche Sammlung von Äsops? Fabeln soll erstmals etwa 300 vor Christus von Demetrios von Pheleron? vorgenommen worden sein. Diese Sammlung ging allerdings im 10. Jahrhundert verloren. Weitere schriftliche Bearbeitungen verfassten in späteren Jahrhunderten die römischen Dichter Babrios?, Avianus?, Horaz? („Die Fabel von der Stadtmaus und der Landmaus“) oder Livius? („Die Fabel vom Magen und von den Gliedern“).

Erst der Römer Phaedrus? (etwa 20 vor bis 50 nach Christus) schrieb äsopische Fabel-Dichtungen in jambischem Versmaß?, die später in Prosaform als „Romulus-Corpus?“ Verbreitung fanden. Der „Romulus-Corpus“ entstand im 5. Jahrhundert in Gallien und beinhaltet 98 Fabeln.

Fotos: Marco Barnebeck und Marika / pixelio.de.

Entwicklung

Die schriftlichen Fassungen äsopischer? Fabeln von Phaedrus?, Babrios? und Avianus? wurden über Jahrhunderte überliefert. Daher waren Sammlungen von Äsops? Fabeln in lateinischer Sprache als Lektüre im Lese- und Schreibunterricht mittelalterlicher Kloster- und Lateinschulen weit verbreitet. Als „der Äsop“ überhaupt galt die mittelalterliche Fabelsammlung „Anonymus Neveleti?“, die ein anonymer Verfasser in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts veröffentlichte. Als Vorlage für die 58 Fabeln in Versform diente der spätantike und in Prosa verfasste „Romulus-Corpus?“.

Die Dichterin Marie de France? hat mit „Ysopet?“ (1170-1180) die erste erhaltene französische Fabel-Sammlung niedergeschrieben, die 102 Fabeln enthält. Die älteste erhaltene deutschsprachige Fabel findet sich in der so genannten Kaiserchronik? (12. Jahrhundert). Als der älteste Fabel-Dichter deutscher Sprache gilt „Der Stricker?“, ein mittelhochdeutscher Autor, der in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts wirkte.

Ein Jahrhundert später lebte der Berner Dominikaner-Mönch Ulrich Boner?, der seinerseits um 1324 mit „Der Edelstein?“ die wohl älteste deutsche Fabel-Sammlung verfasste. Er erzählte in altschweizer Dialekt 100 Fabeln (im Mittelalter bispel oder bischaft genannt). Seine Fabeln hatten ihren Ursprung in lateinischen Quellen: hauptsächlich gehen sie auf die Anonymus Neveleti? zurück, aber auch auf Avianus?.

Der Edelstein?“ übte einen prägenden Einfluss auf die Entwicklung der deutschsprachigen Fabel-Literatur aus. Das älteste erhaltene Exemplar stammt von 1461. Es befindet sich in der Herzog August Bibliothek? im niedersächsischen Wolfenbüttel und gilt als das erste erhaltene Werk? in deutscher Sprache, das man mit beweglichen Lettern? druckte?. Darüber hinaus ist es das erste heutzutage bekannte Druckwerk, das mit Holzschnitten illustriert worden ist. Hergestellt wurde das Buch in der Druckerei? von Albrecht Pfister? in Bamberg.

„Ulmer Aesop“
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Nach der Erfindung des Buchdrucks? wurden viele neue Ausgaben? äsopischer? Fabeln veröffentlicht. Ein ebenso bekanntes wie herausragendes Beispiel ist die Edition des „Ulmer Aesop?“ von Heinrich Steinhöwel? aus dem Jahr 1476. Mit 191 qualitativ hochwertigen kolorierten Holzschnitt Holzschnitten? von Jörg Syrlin d.Ä.? illustriert, enthielt das 550-seitige Buch alle äsopischen Fabeln, die man damals kannte – und wurde ein durchschlagender Erfolg. Steinhöwel? reicherte das Werk mit Anekdoten aus Äsops Leben, Schwänken? von Petrus Alphonsus? und Erzählungen Poggios? an. Nach der Veröffentlichung einer lateinischen Fassung übersetzte Steinhöwel die Fabeln persönlich ins Deutsche und publizierte diese Übersetzung.

Im Zeitalter des Humanismus? gewannen Fabeln an Popularität. Unter anderem nutzte der Reformator Martin Luther? nach eigenen Angaben die Fabel, um die Menschen „im lustigen Lügenkostüm“ über Wahrheiten aufzuklären, die sie nur ungern hören wollten. Die Personifikation? von Tieren diente Verfassern von Fabeln auch als Schutz vor Bestrafung, da die Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen oder an lebenden Zeitgenossen dadurch verklausuliert war.

Foto: Ruth R. / pixelio.de.

Neuzeit
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In der Neuzeit prägte der Franzose Jean de La Fontaine? (1621-1695) das Genre. Er reicherte seine in Versen verfassten Fabeln mit spielerisch-unterhaltsamem Sprachwitz an und nahm ihnen so den allzu belehrenden Charakter. Ihm gilt der Verdienst, die Fabel zur Kunstform gemacht zu haben. Fabeln deutscher Sprache fanden erst in der Aufklärung? neue Formen: Statt mit moralischer Belehrung warteten sie im 18. Jahrhundert mit bürgerlicher Lebensklugheit auf. Neben Christian Fürchtegott Gellert? steht Johann Wilhelm Ludwig Gleim? für diese Richtung. Häufig ging es in Fabeln der Aufklärung? um Kritik an der vorherrschenden Ständeordnung.

Äsop? übte auch in jener Zeit einen prägenden Einfluss auf Fabel-Dichter aus. So berief sich Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) mit seinen Fabeln auf den antiken Begründer dieser Gattung. Zunächst veröffentlichte er Fabeln in Versen nach dem Vorbild La Fontaines?, ehe er sich für die Prosaform entschied und 1759 in seinen „Abhandlungen über die Fabel“ darauf verwies, dass die äsopische Fabel sein Gegenstand sei. Im Gegensatz zu Dichtern wie Gleim? oder Gellert? betonte Lessing in Bezugnahme auf Äsop? den allgemeinen moralischen Satz als Kern und Endzweck jeder Fabel. Ebenfalls 1759 veröffentlichte er eine umfassende Fabelsammlung, die 80 Texte in drei Büchern beinhaltete.

Foto: Templermeister / pixelio.de.

„Reineke Fuchs“

Berühmtheit erlangte GoethesReineke Fuchs?“ aus dem Jahr 1794. Eine Fabel, die als Versepos in zwölf Gesängen konzipiert war und als Kritik am höfischen Leben zu lesen ist. Als berühmter Fabeldichter ging Goethes russischer Zeitgenosse Iwan Krylow? (1768-1844) in die Literaturgeschichte ein. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verlor die Fabel in der Biedermeier-Ära? an Bedeutung und wurde zur Kinderliteratur gezählt.

Seitdem ist sie eine Randerscheinung im literarischen Leben geblieben. Dennoch gab und gibt es immer wieder Versuche, sie als aktualisierte Form von Zeitkritik wieder zu beleben. In den 1940er und 1950er Jahren versuchte dies der US-Amerikaner James Thurber? (1894-1961) mit seinen Bänden „Fables for Our Time & Famous Poems Illustrated“ (1940) sowie „Further Fables for Our Time“ (1956). Er schrieb über 75 Fabeln, die einen satirischen Charakter aufwiesen und stets eine moralische Aussage enthielten.

Die Fabel im 20. Jahrhundert
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Auch im deutschsprachigen Raum gab es im 20. Jahrhundert Ansätze zur Wiederbelebung – unter anderem von Wolfdietrich Schnurre? (Fabel-Sammlung „Protest im Parterre“, 1957) und Gerhard Branstner? („Der Esel als Amtmann“, 63 Fabeln, 1974). Bekannte Autoren wie Kafka, Brecht oder Grass? nutzten Elemente von Fabeln zur Gestaltung von Gleichnissen für ihr Werk.

Eine moderne Form der Fabel-Dichtung hat im Jahr 2005 der Autor Hartwig Stein? mit seinem Zyklus „In dubio pro LEOne (Fünfzig Fabeln für Verwachsene)“ vorgelegt. Ihm geht es laut Buchbeschreibung darum, den klassischen Tierkreis mit dem ökonomischen Krisenzyklus kurzzuschließen. Dabei versucht er, die bekannten Figuren, Topoi? und Konflikte zu modernisieren und kulturkritisch zu modifizieren.

Foto: Hanspeter Bolliger / pixelio.de.

Die Akteure und ihre Namen

Folgende Tiere gehören zur germanischen Fabeltradition:

TierNameEigenschaft
   
Bär(Meister) Petz; Braungutmütig
   
BiberBockertfleißig
   
DachsGrimbartruhig, bedächtig
   
EnteTybbkedumm
   
EselBoldewyn; Langohrstörrisch, faul
   
FuchsReinecke; Reineke; Reinhartschlau, hinterlistig
   
GansAdelheidschwatzhaft
   
HäherMarkart; Markwart 
   
HahnHenningeitel, stolz, schlau
   
Hase(Meister) Lampeängstlich, vorlaut
   
HenneKratzefuß 
   
HundHylaxtreu, freundlich
   
HündchenWackerlos 
   
IgelAbnoraängstlich, vorlaut
   
KaninchenÄuglerfrech, vorlaut
   
KaterHinze; Murner; Murreigensinnig
   
KräheScharfenebbe 
   
KranichLuetkegenau
   
LöweEmmerich; Leo; Leu; Nobelstolz, mächtig, gefährlich
   
RabePflückebeuteleitel, dumm, besserwisserisch, diebisch
   
StorchAdebarstolz
   
WolfIsegrimgierig
   
ZiegeMetkemeckernd
   

Die Fabel in den Kulturen der Welt

Seit dem 19. Jahrhundert wird in der Fabelforschung über den Ursprung dieser Literaturgattung diskutiert. Während man bis Mitte des 20. Jahrhunderts den Gattungsursprung vor allem in Indien, Babylonien und Ägypten suchte, geht man heute davon aus, dass Fabeln und fabelähnliche Erzählformen unabhängig voneinander an verschiedenen Orten entstanden sind. Die größten und fruchtbarsten Fabelkulturen der Welt findet man in der arabischen, romanischen, slawischen und deutschsprachigen Literatur.

Die Fabel in der arabischen Literatur

In der arabischen Literatur gibt es zwei bedeutende Fabelsammlungen: Die „Amtāl Luqmān al Hakīm“ (11. Jahrhundert; Ermahnungen des Weisen Luqmān) und das aus persischen Quellen gespeiste Buch „Kalīla wa Dimna“ (Kalīla und Dimna), das Mitte des 8. Jahrhunderts ins Arabische übersetzt wurde. Diese Fabelsammlungen hatten neben den „Märchen aus 1001 Nacht“ eine besonders starke Wirkung auf die Literatur Europas.

„Amtāl Luqmān al Hakīm“

Luqmān ist eine berühmte Gestalt aus der vorislamischen Zeit, die im Koran als Vorbild für kluges, gerechtes und frommes Verhalten gelobt wird. Die 31. Sure (so nennt man die Abschnitte des Korans) ist nach ihm benannt. In arabischen Ländern wird Luqmān bis heute auch als der Weise schlechthin bezeichnet, der nicht nur seine dummen und widerspenstigen Söhne mit lebhaften und intelligenten Reden ermahnt, sondern alle Menschen.

Aus den Überlieferungen geht hervor, dass der Weise Luqmān ein bescheidenes, reines und glückliches Leben führte. Er verdiente sein Brot und alles, was er zum Leben brauchte, bei einem reichen Händler. Wo er stand und ging, redete Luqmān viel und gerne: Er forderte die Menschen, die er in Dörfern, auf Märkten und auf Landstraßen traf, zu Bescheidenheit, Gottvertrauen und Dankbarkeit auf. Auf Luqmān wird übrigens die Sentenz? „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“ zurückgeführt.

In der „Amtāl Luqmān al Hakīm“ liegen Luqmāns Ermahnungen gesammelt vor - natürlich nicht wortwörtlich, sondern literarisch bearbeitet. Jede Fabel, in deren Mittelpunkt meist Tiere mit menschlichen Eigenschaften stehen, endet mit einer allgemein gültigen moralischen Belehrung. Die „Amtāl Luqmān al Hakīm“ gilt als außergewöhnlich kostbarer Fabelfundus - nicht nur für die arabische und romanische Literatur, sondern u.a. auch für die deutsche Klassik (Johann Wolfgang von Goethe: „West-östlicher Diwan“, 1819/1827).

„Kalīla wa Dimna“

Der Stoff der „Kalīla wa Dimna“ (Kalīla und Dimna) stammt aus der Zeit der Sassaniden (persisches Großreich, etwa 2. Jahrhundert vor Christus bis 6. Jahrhundert nach Christus) und wurde Mitte des 8. Jahrhunderts von Ibn al Muqaffa? ins Arabische übersetzt?. Die persische Urfassung dieser Tierfabeln bezeichnete man als Panchatantra (Fünf Sinne) und diente lange Zeit als Material für die Erziehung und die Bildung am Königshof.

Die „Kalīla wa Dimna“ enthält Fabeln, die lehrreich und unterhaltsam, kritisch und lustig sind. Sie faszinieren den Leser durch eine kunstvolle, bilderreiche Sprache, außerdem sind viele arabische und persische Sinnsprüche?, Gedichte und geflügelte Worte? eingestreut. Der persische Dichter Ferdousī widmete übrigens ein Kapitel seines Nationalepos „Šāhnāme“ (verfasst 982-1014; dt. „Die Legenden aus dem Šāhnāme“, 1838) dieser Fabelsammlung.

Als schönste Fassung gilt eine aus dem Jahr 1310 stammende „Kalīla wa Dimna“-Bilderhandschrift?, die mit vielen farbigen Federzeichnungen ausgestattet ist und dadurch wichtige Hinweise zur Rekonstruktion des mittelalterlichen Lebens im Orient liefert. Im Jahr 1837 wurde die „Kalīla wa Dimna“ erstmals ins Deutsche übertragen. Heute gibt es Übersetzungen in mehr als 60 Sprachen.

Wirkung auf die osmanisch-türkischen Literatur

Weitere bedeutende Fabelsammlungen der arabischen Literatur sind enthalten im „Kitāb Natr ad-durr“ (11. Jahrhundert; Prosaperlen) des Ābī?, „Muhādarāt al-uda-bā“ (11. Jahrhundert; Gespräche der Gebildeten) des Rāgib al-Isfahānī? und „Kitāb al-Adkiyā“ (12. Jahrhundert; Predigtsammlung) des Ibn al-Ğauzī?. Besonders hervorzuheben ist das Werk? Ābīs?, das bis heute als nahezu unerschöpflicher Fundus für Motive, Figuren und Konflikte dient. Zudem beweist Ābī ein strenges Gattungsbewusstsein: Belehrung durch Beispiel, durch Betonung des Exemplarischen ist sein Programm.

Das arabische und persische Fabelgut wurde von der osmanisch-türkischen Literatur besonders stark rezipiert. Die erste Übersetzung der „Kalīla wa Dimna“ ins Türkische stammt aus dem frühen 14. Jahrhundert und hat vor allem die Produktion von Tiermythen und Tiermärchen angeregt. Im Vergleich mit der jüdisch-europäischen Literatur muss man jedoch feststellen, dass die osmanisch-türkische Literatur zur Fabel als literarische Gattung nichts Originelles beigetragen hat.

Die Fabel in den slawischen Literaturen

Eine Besonderheit der altrussischen und südslawischen Literatur ist, dass die byzantinischen Tierfabeln (Äsop?) bis ins Mittelalter? größtenteils unbekannt blieben. In der polnischen Literatur ist vor allem Biernat von Lublin? zu erwähnen, dessen am Beginn des 16. Jahrhunderts veröffentlichtes Werk? „Zywot Ezopa Fryga mędrca obyczajnego i z przypowieściami jego“ eine Lebensschilderung des Äsops? und eine Auswahl seiner Fabeln enthält. Biernat von Lublin? war übrigens neben Mikołaj Rej? und Jan Kochanowski? einer der ersten namentlich bekannten polnischsprachigen Schriftsteller der polnischen Literatur.

Besonders reich und lebendig ist die Fabel in der böhmisch-tschechischen Literatur. Bereits im 14. Jahrhundert erlebte die didaktische Fabeldichtung einen ersten Höhepunkt: Die anonymen Verfasser begnügten sich nicht mit Umarbeitungen der antiken Originale (häufig Phaedrus?), sondern stellten auch Bezüge zur aktuellen politischen und sozialen Lage her. Viele dieser geistvollen und anspielungsreichen Adaptionen liegen in doppelter Fassung, in Vers und Prosa, vor.

Eine exponierte Stellung in der böhmisch-tschechischen Fabeldichtung nimmt der Neffe des ersten Prager Erzbischofs, Smil Flaška von Pardubice?, ein. In seinem berühmten Werk? „Nová rada“ (1394?; Neuer Ratschlag) beschreibt er auf sehr sprachmächtige und bilderreiche Weise ein Tierparlament, an dessen Spitze ein Löwe als idealer Herrscher steht. Die in ca. 2000 achtsilbigen? Versen verfasste „Nová rada“ gilt als ein zentrales Werk? der tschechischen Nationalliteratur? und wird häufig als Beispiel für die frühzeitige Herausbildung einer eigenständigen Literaturtradition zitiert.

Die Fabel in den romanischen Literaturen

Als älteste Fabelsammlung in französischer Sprache gilt der „Esope“, der 1180 in England von Marie de France? für ein adliges Publikum geschrieben wurde. Die meisten darin enthaltenen Fabeln spielen vor dem Hintergrund der mittelalterlichen Feudalgesellschaft und schildern das Verhältnis zwischen Herrschenden und Beherrschten. Im Vergleich mit den zeitkritischen Fabeln der böhmisch-tschechischen Literatur fällt auf, dass in der „Esope“ die Vorrechte der Herrschenden legitimiert werden. Als Quelle dienten vor allem lateinische Fabelsammlungen und in Einzelfällen wohl auch mündliche Überlieferungen. Neben Fabeln enthält der „Esope“ auch Märchen und Schwänke?.

Marie de France?, aus Frankreich stammend und in England lebend, war die schillerndste Dichterin ihrer Zeit. Viele Zeitgenossen empfanden es als unanständig, dass sie als Frau Liebeserzählungen verfasste - ein Privileg, das seit Jahrhunderten den Männern zustand. Ihr Bruch mit Konventionen brachte ihr viele persönliche Feinde in den höchsten politischen Kreisen ein. Marie de France? distanzierte sich in ihren kunstvoll erzählten „Lais“ sowohl von den ritterlichen Mutproben des höfischen Romans? als auch von der düsteren Schicksalhaftigkeit der Tristan-Literatur.

„Libro de buen amor“

In Spanien war der Einfluss der arabischen Fabeltradition besonders stark. Das im 13. Jahrhundert in kastilischer Sprache geschriebene Buch von „Calila e Dimna“ enthält zahlreiche Fabeln, die sowohl im persischen Original als auch in der arabischen Übersetzung nicht auftauchen. Diese neu geschriebenen Fabeln stehen offenbar in Zusammenhang mit moralischen Streitfragen der Zeit. Zu Bekanntheit gelangte außerdem der katalanische „Libro de buen amor“ (1343; Buch von der guten Liebe) des Juan Ruiz?, der in seinem Werk? meisterhaft mit Sprache, Themen und Formen spielt. Sein Werk? fand weite Verbreitung und zählt außerdem in Spanien bis heute zum reichen Fundus der mündlichen Erzähltradition.

Fabelsammlungen

  • Alles über die Fabel und Fabeln bei Jokers
  • Harrer, Irmgard: Das Fabelbuch von Äsop bis heute, Betz Verlag, Wien - München 2003, ISBN: 978-3219111040
  • La Fontaine, Jean de: Sämtliche Fabeln. Hg. Ernst Dohm, Patmos Verlag, Düsseldorf 2003, ISBN: 978-3491961005
  • Lessing, Gotthold Ephraim: Fabeln. Abhandlung über die Fabel, Reclam Universal-Bibliothek, Nr.27, Reclam, Ditzingen 1986, ISBN: 978-3150000274
  • Windfuhr, Manfred (Hg.): Deutsche Fabeln des 18. Jahrhuderts, Reclam, Ditzingen 1986, 978-3150084298

Sekundärliteratur

  • Coenen, Hans G: Die Gattung Fabel, UTB, Stuttgart 2000, ISBN: 978-3825221591 (nur noch antiquarisch)
  • Ehrismann, Otfrid (Hg.): Der Stricker. Erzählungen, Fabeln, Reden. Mittelhochdeutsch / Neuhochdeutsch, Reclam, Ditzingen 1992, ISBN: 978-3150087978
  • Poser, Therese: Fabeln. Arbeitstexte für den Unterricht, Reclam, Ditzingen 1975, ISBN: 978-3150095195

Weitere Einträge zum Stichwort:


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