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Die Andere Bibliothek

hg. von
Christian Döring
begründet von
Hans Magnus Enzensberger

Was passiert wenn ein bekannter Schriftsteller etwas für die deutsche Literaturlandschaft unternehmen will? Im Fall von Hans Magnus Enzensberger eine der schönsten Buchserien? auf dem deutschen Markt und ein weiteres Betätigungsfeld für Literatursammler.

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Die Reihe erblickte 1985 unter dem Namen „Die Andere Bibliothek“ das Licht der Welt. Dabei ging es Enzensberger und seinem Partner, dem Buchkünstler? Franz Greno?, um zwei Dinge, die diese Serie bis heute zu etwas Besonderem macht: Sowohl die Qualität der Texte als auch die Qualität des Buches sollten nur höchsten bibliophilen Ansprüchen genügen. Jeden Monat sollte ein von Enzensberger ausgewähltes und von Greno gestaltetes Buch erscheinen. Und an diesem Rhythmus und diesen Qualitätsansprüchen hat sich, auch nachdem Herausgeber?, Gestalter und Verlag gewechselt haben, bis heute nichts geändert.

So überschritt die Reihe kürzlich den 300. Band? und zeigt dabei in ihrer inhaltlichen Thematik eine sehr große Spannbreite. Viele davon wecken mein persönliches Interesse, allerdings kann ich mir nicht vorstellen, alle zu sammeln. Denn schließlich möchte ich in meiner kleinen Bibliothek auch nur Bücher stehen haben, die ich gerne und mit Gewinn gelesen habe und nicht einfach nur wegen ihres Aussehens oder Wertes besitze. Obwohl gerade diese inhaltliche Verschiedenheit der Bände viel zur Faszination der Serie beiträgt. Da gibt es Klassiker der Literaturgeschichte, fast vergessene Reisebeschreibungen, Reportagen?, Sachbücher von ganz kreativer Machart und Thematik, Geschichten von modernen Autoren und unkonventionelle Lexika?.

Mein erster, zunächst kurzer Kontakt mit dieser Buchreihe stammte aus dem Werk "Was soll man lesen?" von Klaus Walter?. Er schreibt dort über den Band 232 "Ludovico Ariosts Rasender Roland", nacherzählt von Italo Calvino: "Nun hat der Übersetzer und Herausgeber des Buches in Enzensbergers (hoch zu lobender) Anderen Bibliothek, Burkhart Kroeber?, das Kunst-Stück übernommen, Calvinos Italienisch ins Deutsche zu bringen, aber als Nachdichter des Roland nutzt er dabei die Übersetzung des Goethe-Zeitgenossen Johann Diederich Griese. Dessen Übertragung hat er nur manchmal ganz behutsam verbessert, also Ariosto, Calvino, Griese und Kroeber. Da sage ich: Das sollte man lesen."

Ich habe das inzwischen mit Gewinn getan, aber mein Interesse an der Anderen Bibliothek wurde erst etwas später durch Zufall geweckt. Denn als ich mich mit Alexander von Humboldt? beschäftigte, bin ich durch Zufall an Band Nr. 17 "Ansichten der Natur" geraten. Mein erster Band der Reihe und ich war sofort von der Qualität an Inhalt und Aufmachung begeistert. Vor allem auch weil die Serie sich zusätzlich in zwei größeren und ebenfalls hochwertigen Sonderbänden Humboldts bekanntesten Schriften widmet, die wie alle Sonderbände sehr lesenswert sind.

Diesem ersten Band sind bis heute viele total verschiedene Bände gefolgt. Nur über einige möchte ich hier schreiben, denn ansonsten wäre der Rahmen hier zu sehr gedehnt, auch wenn unzählige weitere es ebenfalls verdient hätten. Besonderes gefallen haben mir die Klassiker "Anatomie der Schwermut" von Robert Burton?, "Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei den Menschen und den Tiere" von Charles Darwin?, "Ketzer" und "Orthodoxie" von Gilbert Keith Chesterton (der auch die schönen Pater Braun-Krimis schrieb), jeweils beide Bände von Gustave Flaubert?, Denis Diderot? und Søren Kierkegaard?, die Literaturnobelpreisträger André Gide?, Isaac Bashevis Singer, der Band von Borges?, "Die Inquisition" von Henry Charles Lea? und nicht zu vergessen Michel de Montaigne?, vor allem in dem großformatigen? Sonderband mit seinen „Essais“.

Dann mehr oder weniger bekannte Klassiker wie Eschenbachs? „Parzival“ und auch „Erewhon“ von Samuel Butler?, an dem man die einzige echte Schwäche der Reihe erkennt. Denn das strenge bibliophile Korsett führt zu einem maximalen Umfang eines Bandes. So kommt es manchmal zu Kürzungen? im Text, wie bei "Über Wachstum und Form" von D'Arcy Wentworth Thompson. Oder sie lässt es wie eben bei Butler nicht zu, auch die zweite Romanreise abzudrucken?. Diese Rückkehr nach Erwhon sei aber jedem Leser der ersten Reise ans Herz gelegt, weil sie satirisch ein Thema aufgreift, das auch bei den späteren „Dune“ Bänden von Frank Herbert? eine zentrale Bedeutung bekommt – wie bilden sich neue religiöse Bräuche und wie wird das von anderen Personen ausgenutzt.

Erst vor kurzem ist man einmal von diesem Korsett abgewichen, zum Glück muss man sagen! Denn „Der abenteuerliche Simplicissimus“ nur gekürzt zu drucken, wäre ein unglaublicher Frevel geworden. So wurde daraus ein Doppelband, der in Antiquariaten bereits deutlich über dem Ausgabepreis gehandelt wird. Ein anderer genialer Band, der zwangsläufig gekürzt werden musste, da das Original viele Tausend Seiten füllt, sind die Pariser Nahaufnahmen von Louis-Sebastien Mercier. Mit spitzer Feder wird hier der Pariser Alltag (und die Bezeichnung Alltag trifft es tatsächlich sehr genau) kurz vor der Revolution beschrieben. Viele Tausend Seiten, die für den normalen Leser unnötig umfangreich wären, auf etwas mehr als 300 reduziert. Hier passt das Konzept wieder.

Aber auch viele Reisebeschreibungen stehen in meinem Regal, wie "Spaziergang nach Syrakus" von Johann Gottfried Seume?, "Yoricks empfindsame Reise durch Frankreich und Italien" von Laurence Sterne (der bisher einzige Band den ich in der noch selteneren und noch hochwertigeren Ausgabe mit Einband aus Handbütten mit echten eingeschöpften Blüten und Blättern aus der Auvergne und geschützt von einem Lederschuber aus indischem Ziegenleder besitze) und die etwas eigenwillige "Weltreise eines Sexualforschers" von Magnus Hirschfeld?, in der sich ganz nebenbei der Autor für eine Rückgabe der Nofretete ausspricht.

Aber auch der vielleicht am hochwertigsten gemachte "Nomade auf vier Kontinenten" von Ilija Trojanow, "Der Weg nach Oxiana" von Robert Byron? und wirklich alle Reisebeschreibungen des Polen Ryszard Kapuscinski?. Auch wenn eben jener Kapuscinski in einem anderen Band vorsichtig kritisiert wird. Denn im zur Zeit möglicherweise beliebtesten Band „Manieren“ fabuliert Asfa-Wossen Asserate? nicht nur über die Gründsätze von guten Manieren, sondern auch über seine Heimat und Herkunft: „Der Kaiser von Äthiopien war für jeden Äthiopier, auch für dessen Familie, gleichgültig wie nah, ‘Euer Majestät’. Auf Amharisch heißt Majestät ‘Janhoy’, ein Titel der sich von der Verehrung des Elefanten ableitet. ‘Erhabener Herr’, wie Ryszard Kapuscinski es behauptete, hat in Äthiopien niemand gesagt.“ Nun, Asserate wird es besser wissen, trotzdem ein verzeihlicher Fehler, der uns eben zeigt: auch ein guter und aufmerksamer Reiseschriftsteller wird ein Land und dessen Bewohner nie ganz verstehen können. Etwas das man daher bei der Literatur solcher Werke immer im Hinterkopf haben sollte.

Besonders angetan hat mich auch die auf den ersten Blick unscheinbare Biografie von Nell Kimball. Ihre „Memoiren aus dem Bordell“ sind – auch wenn es für die damalige Zeit frivol gewesen sein dürfte – nicht etwa schlüpfrig, sondern humorvoll und intelligent. Ein Zeitdokument das viel über das Amerika zur vorletzten Jahrhundertwende verrät und das zudem noch einige (nicht immer besonders erfreuliche) Anekdoten über deutsche Auswanderer enthält. Gewürzt ist das ganze dann noch mit derben, aber klugen Lebensweisheiten wie „Die Menschen sollten einen Partner haben, der sexuell zu ihnen passt, und der Mann sollte seiner Frau jeden Tag mindestens einmal den Nabel küssen.“ und „Die Vergangenheit hatte immer einen rosigeren Arsch.“ Gleiches etwas schlüpfriges Thema, aber andere Herangehensweise: „Denkende Wollust“ von Robert Darnton. Zwei Geschichten die nicht nur für die Zeit unerwartet derbe Worte und Beschreibungen benutzen, die jedoch, anders als im Essay beschrieben (den man unbedingt erst am Ende lesen sollte, auch wenn er bereits zu Beginn steht), noch humorvoller, aber dafür weniger philosophisch sind.

Und dann noch die unzähligen interessanten Sachbücher. Wie "Pribers Paradies" von Ursula Naumann, alle Bände von und mit Illustrationen von Anita Albus und natürlich "Die Wunder des Nordens" von Olaus Magnus mit der beigelegten großformatigen Karte. Dann die beide Bände von Jochen Hörisch "Der Sinn und die Sinne" und der sehr intelligenten "Theorie-Apotheke", die wirklich das ist was der Name verrät. Denn dort beschreibt er jeweils auf ein paar Seiten alle wichtigen Theorien die das philosophische Denken in der letzten Zeit hervorgebracht hat. Der Leser kann sich nun, quasi wie in einer Apotheke eine für sein "Seelenheil" gefällige Theorie raussuchen (verständlicherweise nur in relativ kleinen Dosen, die man aber ja anderweitig ergänzen kann). Natürlich immer begleitet von Risiken und Nebenwirkungen.

10 Reisen in die Geschichte bietet auch Gregor Eisenhauer in seinen Band „Scharlatane“. Er beschreibt sehr humorvoll und kurzweilig das Leben von einigen Wunderheilern, die die Welt mehr bewegt haben als es gut wäre. Seine große Stärke ist neben dem klugen Aufbau der einzelnen Lebensbeschreibungen der geschichtliche Zusammenhang, den er nie aus den Augen verliert und die vielen Anekdoten um das Leben der Scharlatane herum. Oder wussten sie, dass der junge Ron Hubbard „gläubiger Schüler“ von Edward Aleister Crowley war, der unter den eh schon skrupellosen Scharlatanen, meinem Eindruck nach der menschenverachtendste und brutalste war?

Zwei der kurzweiligsten Sachbücher hat Philipp Blom geschrieben. In "Das vernünftige Ungeheuer" widmet er sich der Entstehung der Enzyklopädie? und in "Sammelwunder, Sammelwahn" schreibt er über die zum Teil sehr kuriose Sammelleidenschaft des Menschen. Dazu gehört auch das Sammeln von Büchern, wie sie eben auch von der Anderen Bibliothek bedient wird. Jedem New York-Besucher ist die Pierpont Morgan Library ein Begriff, doch wer war Pierpont Morgan? Hier erfahren Sie es.

Doch auch einen weiteren Grund warum die Andere Bibliothek beim Wecken der Sammelleidenschaft so erfolgreich ist, erwähnt Blom: "Als die Pokemon-Manie die Kinderzimmer der ganzen Welt mit teuren und hässlichen Spielzeugen und Tauschkarten anfüllte, demonstrierten ihre Produzenten und Vermarkter (von Eltern weltweit verflucht) mit der Wahl ihres Slogans große Einsicht in die Mentalität ihrer sammelwütigen Kinderkunden: Gotta catch ´em all! - Du musst sie alle kriegen! Für Erwachsene gibt es vergleichbare Märkte: die limitierte Edition, das Sammlerstück - Dinge, die nur produziert werden, um die Sammellust zu kitzeln, um glauben zu machen, daß man durch sie Individualität gewinne, Geschmack und Unverwechselbarkeit. Die Logik der limitierten Edition überspringt das nützliche Vorleben eines Sammelobjektes und produziert Modellautos, mit denen kein Kind spielt, Uhren, die gleich in den Safe kommen, und Teddybären, die man argwöhnisch fernhält von schmuddeligen Kinderhänden: die Apotheose des Konsums."

Diese kurze Passage zeigt nicht nur, wie genial die Sprache von Philipp Blom ist, sondern beschreibt auch warum Greno und Enzensberger von Anfang an auf eine limitierte Ausgabe gesetzt haben, nämlich um die Sammelleidenschaft in uns Lesern nach seltenen und kostbaren Büchern zu wecken. Und das sicherlich nicht nur bei mir erfolgreich. Auch wenn ich, wie schon erwähnt, nicht alle Bände sammeln möchte und die vorhandenen auch immer gelesen habe, so sind doch mit Ausnahme des ersten Bandes alle Bücher aus meiner Sammlung Erstausgaben. Doch die Leidenschaft des üchersammelns unterscheidet sich am Ende dann doch von der (blinden?) Sammelwut nach Bierdeckeln, Kronkorken oder Feuerzeugen. Denn jedes neue Buch bietet dem Sammler (wenn er denn auch Leser ist) eine neue Welt. Er lernt Neues aus jedem Buch, egal ob Sachbuch oder Belletristik?. Versuchen sie diesen Nutzen mal im 20000. Aufkleber zu finden.

Wenn ich jetzt Ihr Interesse wecken konnte, habe ich noch eine allerletzte Empfehlung für sie. Denn einer der aktuellsten Bände, der im Juli 2010 erschienen ist, ist einen Blick wert. David R. Slavitt wirft in „Alice über Alles“ einen Blick auf die tatsächliche und leibhaftige Alice und wie schwierig das Verhältnis von Lewis Carroll zu ihr und den anderen Mädchen, die ihm gefielen, war. Kein ganz einfaches Kapitel in der Literaturforschung, aber eins, das zu "Alice im Wunderland" gehört wie die Herzkönigin und Humpty Dumpty. Und wenn Sie sich beeilen, finden sie in Ihrer Buchhandlung vielleicht noch eine limitierte und nummerierte Erstausgabe. Das wäre zumindest ein erster Einstieg in eine besondere Sammelleidenschaft. Und falls Sie nach der Lektüre dieses Bandes wissen möchten, wo das erste handschriftliche Manuskript, das Alice am Ende ihres Lebens verkaufen musste, heute liegt: Es befindet sich in der British Library. Und es ist sogar bis ins Detail auf deren Internetseite einsehbar. Wunderbar.

Ein letztes Fazit bleibt mir noch zu ziehen, denn wenn ich mir diese Spannbreite der Anderen Bibliothek so anschaue und die Bände, die ich so in meiner Sammlung habe, dann sagt das doch schon einiges über mich als Leser aus. Ein Schlusssatz könnte also lauten: Zeige mir deine Bände der Anderen Bibliothek und ich sage dir was für ein Leser - und damit Mensch - du bist!

Autor: Andree Brinkmann

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