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Reise

Die Reise ist ein zentrales Thema in der Literatur. Fast immer ist sie mit einem schmerzhaften Reifeprozess des Protagonisten verbunden. Kombinationen mit Stoffen, Motiven und anderen Themen sind fast unbegrenzt möglich.

Definition

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Die Reise ist ein zentrales Thema in der Welt der Literatur. In ihrer Vielgestaltigkeit und Beliebtheit ist sie wohl nur mit den Themen Liebe, Feindschaft? und Freiheit? vergleichbar, und wie diese ist sie mit zahllosen literarischen Motiven, Stoffen und anderen Themen aufs Engste verflochten. Seit der Antike greifen Schriftsteller immer wieder auf das Thema Reise zurück, um lehrreiche und erzieherische, spannende und unterhaltsame?, tragische? und humorvolle? Geschichten zu erzählen. Aus diesem Grund wird die Reise häufig auch als universelles Thema bezeichnet. Übrigens nicht nur in der Literatur, sondern auch in Malerei und Musik.

Das Thema Reise zeigt in der Welt der Literatur unterschiedliche, oft auch widersprüchliche Gesichter: mal gewaltig und episch wie in HomersOdyssee“ (um 700 v. Chr.), mal verspielt und knapp wie in Kurt Tucholskys „Rheinsberg“ (1919), mal novellenartig und schaurig wie in Alexander Lernet-Holenias? „Der Baron Bagge“ (1936) oder biographisch und burlesk? wie in Daniel Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“ (2005). Die Liste mit Beispielen lässt sich nahezu unbegrenzt fortsetzen – nicht zu vergessen das weite Feld der Trivialliteratur, die ebenfalls reich ist an Werken?, in denen das Thema Reise im Mittelpunkt steht.

Foto: Rainer Sturm / Pixelio.de

Aufbruch in Kriege, Affären und Abenteuer

In der Welt der Literatur ist die Reise kein Selbstzweck, es gibt hier sozusagen keinen Tourismus. Mit dem Aufbruch in fremde und unbekannte Länder, in Traum- und Jenseitswelten, in Kriege, Affären und Abenteuer ist fast immer eine besondere Entwicklung und Prüfung des Helden verbunden. Durch die Reise kommt es zu einem schmerzhaften Reifeprozess: Der Protagonist gelangt zu kritischen Einsichten über sich selbst und seine Umwelt, nach der Reise kehrt er verändert, oft an Leib und Seele „verbessert“ in die alte Heimat zurück (z. B. Johann Wolfgang von Goethe „Wilhelm Meister“, 1795-1821). Besonders häufig tritt das Thema der Reise im Entwicklungsroman auf: Fern der Heimat empfängt der meist jugendliche Held neue Eindrücke und sieht die Welt daraufhin mit anderen Augen. Es gibt aber auch Fälle, in denen der Protagonist zerschlagen und zerstört, ohne festen Boden unter den Füßen aus einer fremden, oft grausamen Welt heimkehrt (z. B. Erich Maria Remarque „Im Westen nichts Neues“, 1929).

Aus diesem Grund spricht man auch von Lebensreisen oder Lebensfahrten, und die äußeren Ereignisse sind fast immer ein Spiegelbild der inneren Konflikte? des Helden. Der Schriftsteller Bernward Vesper? sah übrigens sein gesamtes Leben als Reise, als ewigen Aufbruch ins Unbekannte (Vergangenheit, Drogen, Sexualität) – folgerichtig hat er seinen autobiographischen Roman „Die Reise“ (1977) genannt. Als universelles literarisches Thema ist die Reise nicht auf bestimmte Gattungen beschränkt, wobei jedoch Prosa und Lyrik vorherrschen, dagegen spielt die Reise im Drama eine weniger bedeutende Rolle.

Die Reiseliteratur, also die Gattung, zu der Reiseführer?, Reiseberichte und Reiseromane gehören, verdankt dem Thema Reise ihre Entstehung, sie wird im Bücher-Wiki in einem eigenen Kapitel behandelt (mehr dazu hier).

Die Reise und ihre Anlässe

In der Literatur sind die Anlässe zur Reise enorm vielfältig. Der literarhistorische Rückblick zeigt jedoch, dass die bestimmenden Impulse im Altertum und im Mittelalter? überwiegend von außen auf den Protagonisten wirkten. Ein Wort Gottes, ein Ruf des Königs, die Aussicht auf Liebe, Ruhm und Ehre veranlassten den Helden zum Aufbruch in unbekannte Länder (z. B. HomerIlias“, um 750 v. Chr.; Vergil?Aeneis?“, ca. 29 v. Chr.19 v. Chr.).

Etwa seit dem 16. Jahrhundert gingen die Impulse zur Reise vorwiegend vom Protagonisten selbst aus, und sein Wunsch nach Abenteuer und Ungebundenheit, aber auch nach moralischer Entwicklung, geistiger Vervollkommnung oder sentimentaler Beschaulichkeit trieben ihn in die weite Welt hinaus. Vor allem die Autoren der Romantik waren vor diesem Hintergrund besonders produktiv (z. B. Joseph von Eichendorff „Aus dem Leben eines Taugenichts“, 1826), und noch heute gilt ja die Wanderung als typisch romantischer Zeitvertreib.

Von Moskau nach Oberammergau

In den 1920er und 1930er Jahren geriet die gesamte Literatur und mit ihr das Thema Reise zunehmend in den Sog der politischen Radikalisierung. Viele linke Autoren reisten rund um den Globus und versuchten, ihren Lesern die Notwendigkeit politischer und sozialer Umwälzungen schmackhaft zu machen. Zu nennen ist hier vor allem der „rasende Reporter“ Egon Erwin Kisch („Zaren, Popen, Bolschewiken“, 1927; „Paradies Amerika“, 1930), aber auch Ludwig Renn? („Russlandfahrten“, 1932) und Lion Feuchtwanger? („Moskau 1937“, 1937).

In der Gegenwartsliteratur sind es hauptsächlich Autoren wie Ilija Trojanow („Hundezeiten. Heimkehr in ein fremdes Land“, 1999; „Der Weltensammler“, 2006; „Oberammergau. Richard F. Burton zu Besuch bei den Passionsspielen“, 2010), die mit ihren Büchern das Thema Reise auf unterhaltsame und lehrreiche Weise behandeln.

Verflechtung mit Themen, Motiven und Stoffen

Das Thema Reise ist mit unzähligen Motiven, Stoffen und anderen Themen kombinierbar. Folgende Verbindungen sind häufig zu beobachten: Amazone?, Arkadien?, Einsiedler?, Frauenraub?, Gott auf Erdenbesuch?, Inseldasein?, der gerechte Räuber?, Rebell?, Schelm?, Unterweltbesuch?, Zeitreise?. Besonders eng und reizvoll ist die Verbindung jedoch mit dem Motiv des Heimkehrers?, denn häufig wird das Ergebnis einer Reise erst durch den Kontakt mit der alten Heimat offenkundig.

Auf den Heimkehrer? können gute wie böse Überraschungen warten, meist findet er jedoch problematische Situationen vor: die untreue Frau, der Verlust der Herrscherwürde, der Tod eines geliebten Menschen, politische Umwälzungen, die Verleugnung seiner Existenz. Die Konfrontation mit diesen Situationen stellt den Heimkehrer? zunächst auf die Probe, bevor er anschließend mit der alten Heimat Frieden schließt – oder erneut aufbricht und das Gewesene für immer hinter sich lässt.

Literatur

  • Die Reise in der Literatur
  • Goethe, Johann Wolfgang von: Wilhelm Meisters Lehrjahre. Reclam Verlag, Ditzingen 2008, ISBN: 978-3150078266
  • Homer: Odyssee. Reclam Verlag, Ditzingen 1986, ISBN: 978-3150002803
  • Trojanow, Ilija: Der Weltensammler. Dtv, München 2007, ISBN: 978-3423135818

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