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Geschichte des Romans

Entstehung

Erzählende Prosa gibt es in unterschiedlichen Kulturkreisen seit knapp 2000 Jahren. In der römisch-griechischen Antike, speziell in der Spätantike waren viele Schriften verbreitet, die heutzutage als Roman bezeichnet werden (zum Beispiel der „Alexanderroman“ über Alexander den Großen). Andere Vorläufer des heutigen Romans sind isländische Sagas, die als schriftlich überlieferte literarische Erzählform ab dem 11. Jahrhundert Verbreitung fanden. Auch außerhalb Europas hat erzählende Prosa eine lange Tradition: Etwa in China und im arabischen Raum. In der indischen Literatur ist sie seit dem 2. Jahrhundert nach Christus bekannt. Und in Japan entwickelte sich ab 1000 nach Christus die Erzählform Monogatari?.

Der Begriff romanz (Roman) entstand allerdings erst im Frankreich des Hochmittelalters (12. Jahrhundert). Er bezog sich auf Werke, die in der romanischen Landessprache verfasst wurden und damit im Gegensatz zur fränkischen Hofliteratur und zu lateinischen Schriften standen. Latein war die Sprache der Gelehrten, während romanische Werke für ein breiteres Publikum zugänglich waren. Seit dem 13. Jahrhundert ist belegt, dass der Begriff Roman für Erzählungen in Versen und Prosa benutzt wurde.

Zur ersten Generation des Romans zählten vor allem Verserzählungen (Versromane?) mit antiker Thematik (z. B. Troja, Alexander der Große). Hinzu gesellten sich im 12. Jahrhundert nordeuropäische und christliche Stoffe und Motive, besonders Märchen, Legenden und Sagen (Tristan, Artus, der Heilige Gral). Diese wurden im 12. und 13. Jahrhundert in ganz Europa populär.

Ab Ende des 13. Jahrhunderts beschränkte sich die Bedeutung des Romans auf Erzählungen in Prosa (Prosaroman).

Entwicklung

Als eigenständige epische Gattung bildet sich der Roman im 13. bis 16. Jahrhundert heraus. Mit Geschichten von der Tugend und Liebe der Ritter (Artussage) lassen sich gebildete Leser aus adeligen und wohlhabenden Kreisen unterhalten. Da das soziale Prestige von Literatur im Mittelalter nach ihrem geschichtlichen Wahrheitsanspruch bemessen wurde, schätzte man den Roman, der historische Stoffe ohne historische Quellentreue umsetzte, als Gattung? nur gering.

Als Begründer des höfischen? Versromans? (Erzählung in Versen) gilt der Franzose Chrétien de Troyes? (1140-1190). Er widmete sich vor allem Überlieferungen britannischer Sagen um König Artus. In erster Linie waren die Versromane? höfische? Romane (Ritterromane?) und als solche die epische Großform höfischer? Dichtung. Verarbeitet wurden vor allem Sagen, Mythen und Legenden, die mitunter auch aus keltischen, antiken oder orientalischen Quellen? stammen konnten.

Troyes'? Erzählungen aus Reimpaar-Versen wurden ab 1200 von anderen Autoren in Prosa fortgeführt. Geschichten von Lancelot, Parsival oder Tristan entstanden. Für die Verbreitung dieser Werke sorgte eine aufkommende kommerzielle Produktion von Büchern noch vor Erfindung des Buchdrucks?. Der Prosaroman benötigte Kopierwerkstätten, wo er handschriftlich vervielfältigt wurde. Aufgrund ihrer stolzen Preise und mangelnder Lesekenntnisse eines Großteils der Bevölkerung blieben Bücher aber ein Privileg des Adels und wohlhabender städtischer Patrizier.

Höfische Literatur

Im deutschsprachigen Raum wurden eine Menge französischer Versromane? im Abstand weniger Jahrzehnte auf literarisch hohem Niveau übertragen. Dabei taten sich unter anderem Wolfram von Eschenbach?, Hartmann von Aue? und Gottfried von Straßburg? hervor. Prosaromane fanden im deutschen Sprachraum ab 1400 Eingang.

Beliebt waren europaweit abenteuerliche Ritterromane?, die der Oberschicht vorbehalten blieben und in diesen Kreisen auch im deutschsprachigen Gebiet einen großen Wirkungsgrad erreichten. Großen Einfluss übte international das Werk „Amadis de Gaula“ (1508) des Spaniers Montalvo Garci Rodriguez De? | Garci Rodriguez de Montalvo]] aus. Die Geschichten des heldenhaften Ritters Amadis de Gaula wurden 1540-48 von Nicolas d'Herberay des Essarts? in acht Bänden ins Französische übertragen. Die erste deutschsprachige Fassung wurde 1569-94 in 24 Bänden publiziert. Der Amadisroman gilt als das letzte Glied in der Entwicklung des höfischen Romans? und fand Nachhall bei späteren Autoren.

So bezieht sich Miguel de Cervantes? „Don Quijote“ (1. Teil 1605, 2. Teil 1615) konkret auf das Rittertum des Amadis und ist auch als Parodie auf den Ritterroman? zu verstehen. Außerdem wird die groteske Tragik eines Individuums gezeigt, das keinen Bezug mehr zur Wirklichkeit findet. Die Amadisromane wirkten auch im deutschen Barock nach: Die mehrbändigen höfischen Romane? des Herzogs Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel? (1633-1714) und von Daniel Caspar von Lohenstein? (1635-1683) erreichten einen hohen Bekanntheitsgrad.

„Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch“

Mit der schnellen Verbreitung des Buchdrucks? ab Mitte des 15. Jahrhunderts hatte sich die Leserschaft von Romanen ausgeweitet – zum Teil allerdings auf Kosten der literarischen Qualität. Traditionelle Stoffe wurden vereinfacht und in Sprache und Umfang den eher anspruchslosen Heldenepen? und Schwänken? angepasst. Diese Geschichten waren meist gekürzte Fassungen von Heldenabenteuern. Als solche waren sie oft illustriert? mit Holzschnitten und wurden nicht mehr nur dem höfischen Publikum, sondern auch weniger gebildeten Bevölkerungsschichten verkauft. Die germanistische Literaturwissenschaft nennt diese Publikationen seit Ende des 18. Jahrhunderts auch Volksbücher?.

Mit ihren typischen Merkmalen (Konzentration auf eine Hauptfigur; episodenhafte Abenteuergeschichten) bereiteten Volksbücher? zugleich den Weg für einen neuen populären Romantyp, der sich im Barock? entwickelte und über Jahrhunderte starken Zuspruch fand: den Schelmenroman (Picaro-Roman). Dieser ist in der Regel derb und realistisch gehalten und dreht sich in der Regel um einen desillusionierten Helden, der durch die Welt reist und in seinen Abenteuern die Gesellschaft satirisch und kritisch beleuchtet.

1554 wurde der anonym verfasste erste Schelmenroman „Lazarillo de Tormes“ in Spanien veröffentlicht. Im deutschen Sprachraum gilt „Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch“ (1668) von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen als Hauptwerk dieser Richtung. In Frankreich trifft das auf Alain-René Lesages? „Gil Blas“ (1715-35) zu.

Der Roman im 18. Jahrhundert

Dem zotigen Schelmenroman stand im Barock? eine Romanform gegenüber, die sich zeitgleich entwickelte: der Schäferroman?. Dieses Genre knüpfte an die Tradition spätgriechischer Dichtung an, bezog sich auf das antike Arkadien als Ort der Utopie. Vergils? „Bucolica“ ist als Vorläufer zu sehen. In Schäferromanen? wird die Natur idealisiert. Sie drehen sich um Schäfer und ihre Liebschaften, Tugend und Moral. Vor allem dienten sie der Unterhaltung von Adel und Bürgertum. Der fünfbändige französische Schäferroman? „L'Astrée“ (1607-27) von Honoré d'Urfé? ist europaweit eines der bedeutendsten Beispiele. Das erste deutschsprachige Originalwerk ist Martin Opitz'? „Hercinie“, wobei deutsche Schäferdichtungen stets in einer realistisch gehaltenen deutschen Landschaft spielen.

Im 18. Jahrhundert wurde der Roman zur vorherrschenden epischen Dichtart. Man stufte ihn nicht länger als minderwertige Literatur ein. Im Barock? und in der Aufklärung? entwickelten sich weitere neue Formen, zum Beispiel Schauerromane oder Abenteuerromane im Stile von „Robinson Crusoe" (1719) vom Engländer Daniel Defoe?. Zu jener Zeit wurden Romane vor allem vom bürgerlichen Lesepublikum gelesen. Dessen Interesse an Innerlichkeit wird vor allem im (subjektivierten) Briefroman? befriedigt. Der ist gekennzeichnet von unmittelbaren Ich-Analysen. Seine Inhalte sind vielfältig: Er kann zum Beispiel moralisierend (Samuel Richardson?: „Pamela“, 1740) oder kulturkritisch (Jean Jacques Rousseau?: „Héloise“, 1761) sein. Im Falle von Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“ (1774) geht es um das tragische Scheitern des Individuums am gesellschaftlichen Umfeld.

Die Tradition des deutschsprachigen Romans wird jedoch von einem anderen Typus geprägt: Der Entwicklungsroman (Bildungsroman) ist eine Form, die Goethe ebenfalls beispielhaft beherrschte. In „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ (1795/96) wird der Weg eines jungen Mannes durch die Gesellschaft beschrieben. Durch Begegnung mit Geistesgrößen seiner Zeit kommen seine geistigen und schöpferischen Kräfte zur Entfaltung. Goethe postuliert darin das Ideal einer allseitigen Bildung, welches er später im Roman „Wilhelm Meisters Wanderjahre oder die Entsagenden“ (1829) zugunsten der Forderung nach einer gesellschaftlich nützlichen Arbeit revidiert.

Heinrich Mann und Gustave Flaubert

Im 19. Jahrhundert bleiben die deutschsprachigen Vertreter des poetischen Realismus? dem Modell des Entwicklungsromans überwiegend treu. Das gilt zum Beispiel für Gottfried Keller („Der grüne Heinrich“, 1855) und Adalbert Stifter („Der Nachsommer“, 1857). Als herausragender Romancier dieser Epoche gilt Theodor Fontane (1819-1898), dessen Bücher sich durch gekonnte Figurenzeichnungen, Satire und exemplarische Gesellschaftskritik auszeichnen. Auch sein Schriftsteller-Kollege Wilhelm Raabe äußert Unbehagen in seinen Schriften. Er greift darin zeitgemäße Themen wie den Krieg und die Industrialisierung direkt auf.

In erster Linie ist es aber ein Verdienst des französischen Realismus?, den Roman zu einem wirksamen Mittel der Gesellschaftsanalyse auszubilden. Gesellschaftsromane von Gustave Flaubert? (z.B. „Madame Bovary“, 1857), Victor Hugo? (z.B. „Les Misérables, 1862) und Honoré de Balzac? (z.B. „Comédie Humaine“, 1842) zeigen schonungslos scheiternde Individuen und die Mechanismen einer korrupten bürgerlichen Gesellschaft. Heinrich Mann („Der Untertan“, 1910) und der Ire Oscar Wilde („Das Bildnis des Dorian Gray“, 1891) nutzen den Roman ebenfalls als kritischen Spiegel ihrer Zeit.

Russische Vertreter von Weltrang, die im 19. Jahrhundert wirkten, sind Fjodor Dostojewski („Schuld und Sühne“, 1866) und Leo Tolstoi? („Krieg und Frieden“, 1868). Aus den USA setzten „Moby-Dick“-Autor Herman Melville? und Edgar Allan Poe (Kriminalliteratur, Horrorstory?) internationale Maßstäbe.

Die Klassische Moderne

Mit dem 20. Jahrhundert hält die Moderne? auch Einzug in den Roman. Der gesellschaftskritische Ansatz des Romans verschärft sich zum Misstrauen gegenüber der Erzählbarkeit äußerer Wirklichkeit. Im Zuge des technischen Fortschritts und zunehmender Urbanität werden die Lebenswelten komplexer. Neue Formen der Umsetzung sind gefragt, um der neuen Vielschichtigkeit sozialer Realität im Roman gerecht zu werden.

Die bis dato übliche Schilderung von Wirklichkeit greift nach Ansicht der Autoren der Klassischen Moderne? zu kurz, um einem unmittelbar subjektiven Empfinden und den umfassenden gesellschaftlichen Veränderungen literarisch gerecht zu werden. Sie setzen auf eine Dekonstruktion der herkömmlichen Form und erweitern das Repertoire der Darstellungsformen. Marcel Proust etwa verfasst mit dem Ich-Roman „À la recherche du temps perdu“ (1913-27) zugleich ein ausdifferenziertes Instrument der Selbst- und Zeitanalyse.

James Joyce („Ulysses“, 1922), Alfred Döblin („Berlin Alexanderplatz“, 1929) oder Virginia Woolf („To the Lighthouse“, 1927) lösen die Kontinuität und Eindeutigkeit der Handlung auf. Statt dessen lassen sie unterschiedliche Zeit- und Realitätsebenen ineinanderfließen. Mit neuen Stilmitteln wie innerem Monolog oder dem „stream of consciousness“ (möglichst authentische Form der Bewusstseinswiedergabe) versuchen sie, den Bereich des Unbewussten stärker in die epische Handlung einzubeziehen. Beeinflusst wurde diese Technik von der damals neuartigen Psychoanalyse (Sigmund Freud).

Der moderne Roman weist eine Vielzahl an Formen aus. Ausholende Selbstreflexionen sind ebenso üblich wie lange essayistische Passagen. Der so genannte postmoderne Roman integriert verschiedenste Elemente und versucht, mit metafiktionalen Verfahren bereits Erzähltes noch einmal anders und neu zu sagen. Ein prominenter Vertreter dieses Ansatzes ist Umberto Eco („Der Name der Rose“, das 1980 im italienischen Original erschienen ist).

Der postmoderne Roman als Experimentierfeld

Experimentelle Formen, um die Wirklichkeit möglichst genau mit sprachlichen Mitteln zu erfassen, wandten die Autoren des französischen Nouveau Roman? ab den Fünfziger Jahren an (Alain Robbe-Grillet, Nathalie Sarraute? u.a.). Zeitgleich kam in den USA die „Beat Generation“ auf. Schilderungen eines unkonventionellen, teils rauschhaften Lebensstils und eine wirklichkeitsnahe Ästhetik prägen ihre Literatur (Allan Ginsberg?, Jack Kerouac?), die auch die Grundlage für Popliteratur bildet. In der gleichen Dekade bekam mit Ernest Hemingway einer der bedeutendsten US-Autoren des 20. Jahrhunderts 1954 den Literatur-Nobelpreis zugesprochen. Auch der Brite Aldous Huxley? („Brave New World, 1932) war zu jener Zeit noch als Schriftsteller aktiv.

Zu den bedeutendsten Roman-Autoren deutscher Sprache des 20. Jahrhunderts zählen Thomas Mann („Der Zauberberg“, 1924), Franz Kafka („Der Process“, 1925), Hermann Hesse („Steppenwolf“, 1927), Anna Seghers? („Das siebte Kreuz“, 1942), Günter Grass („Die Blechtrommel“, 1959), Heinrich Böll? („Ansichten eines Clowns“, 1963), Siegfried Lenz („Deutschstunde“, 1968) sowie Max Frisch, Martin Walser, Uwe Johnson, Peter Handke, Robert Musil, Stefan Zweig, Christa Wolf, Friedrich Dürrenmatt?, Patrick Süskind? und Elfriede Jelinek. Maßgeblichen Einfluss auf die deutschsprachige Literatur übte nach dem Zweiten Weltkrieg in der Bundesrepublik die „Gruppe 47“ aus.

Heutzutage sind Romane die meist gelesene Literatur und behaupten sich weiterhin erfolgreich gegen populäre Erzählmedien wie das Kino oder das Fernsehen. Der Roman gilt in der Gegenwart als Gattung unbegrenzter Möglichkeiten, um sich kritisch, spielerisch oder utopisch mit der Wirklichkeit auseinanderzusetzen. Robert Musil nannte ihn zurecht ein „Experimentierfeld des menschlichen Möglichkeitssinns“.

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