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Kinder- und Jugendliteratur

Literatur für Kinder und Jugendliche zeichnet sich oft durch bestimmte Merkmale aus, wie z.B. eine an das jüngere Lesepublikum angepasste Sprache oder textbegleitende Illustrationen.

Definition

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Die Kinder- und Jugendliteratur (KJL) umfasst die Texte, die 1.) speziell für diese Altersgruppe geschrieben wurden oder 2.) für diese Altersgruppe als geeignet erachtet werden, wozu auch allgemein anerkannte Werke? der Erwachsenenliteratur zählen können. Die Kinder- und Jugendlektüre bezeichnet demgegenüber alle Texte, die (z.T. heimlich) von Kindern und Jugendlichen tatsächlich gelesen werden, also auch jene Texte, welche die meist erwachsenen erzieherischen Instanzen für ungeeignet erklären.

Werke? für Kinder und Jugendliche zeichnen sich oft durch bestimmte Merkmale wie eine an das jüngere Lesepublikum angepasste Sprache oder textbegleitende Illustrationen aus. Historisch betrachtet, verfolgt die Kinder- und Jugendliteratur nicht selten die Absicht, Moral, sittliche Werte und anwendbares Wissen zu vermitteln. Erziehungs- und Unterhaltungsfunktion stellen die zwei Pole dar, zwischen denen sich die Kinder- und Jugendliteratur im Laufe der Geschichte bewegt.

Gattungen der Kinder- und Jugendliteratur sind neben der erzählenden Literatur u.a. Bilderbuch, Comic, Lyrik und Kinderschauspiel?. Heraus differenziert haben sich verschiedene Genres, die entweder vorrangig durch ihr avisiertes Zielpublikum charakterisiert werden (Mädchen?-, Erstleseliteratur? etc.) oder sich auf inhaltlicher Ebene mit speziellen Themen befassen (siehe z.B. Detektivgeschichten, Liebesromane, sogenannte „Problemliteratur?“ oder die vor allem seit dem ausgehenden 20. Jahrhundert boomende Phantastik? bzw. ihr Subgenre Fantasy). Neben ihrer Erscheinungsform als Buch werden Geschichten für Kinder- und Jugendliche analog der technischen Entwicklung in jüngerer Zeit mehr und mehr „crossmedial“, d.h. auf verschiedenen Medienplattformen verwertet. Zu den neueren Medien gehören hierbei insbesondere Film, Hörbuch / Hörspiel und Computerspiel.

Foto: Stephanie Hofschlaeger / pixelio.de.

Geschichte (Deutschland)

Mit dem Entstehen des Buchdrucks ab 1450 lassen sich gleichermaßen die Anfänge der Kinder- und Jugendliteratur markieren, wenn Kinder und Jugendliche auch zunächst nur als Adressaten unter vielen galten. Als erstes spezifisches Kinder- und Jugendbuch? im deutschsprachigen Raum wird gemeinhin der „Seelentrost“ angesehen (Autor anonym, entstanden um 1350, erste Druckfassung 1474). Dieses Werk? steht stellvertretend für die Gesamtheit der Kinder- und Jugendliteratur dieser Zeit, die sich hauptsächlich als Vermittlerin religiöser und gesellschaftlicher Bildung verstand. Die religiöse Lehre wurde über Bilderbibeln, kirchliche Liedersammlungen? und Katechismen? transportiert (siehe Martin Luthers? „Der kleine Katechismus“, 1529).

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Als belehrend und zugleich unterhaltend traten die Fabel und das Tierepos? auf. Ursprünglich eher als Erwachsenenlektüre konzipiert, erfreuten sich die primär auf Unterhaltung abzielenden sowie von Pädagogen und Theologen kritisch beäugten Ritterromane? gerade bei jüngeren Lesern großer Beliebtheit. Das erste wissensvermittelnde Sachbilderbuch? legte Johann Amos Comenius? 1658 mit „Orbis sensualium pictus“ vor, das sowohl Kapitel über Gott als Schöpfer und Zentrum aller Dinge als auch Belehrungen über die Natur und den Menschen in seinem sozialen Umfeld enthält.

Foto: Liane / pixelio.de

Aufklärung

Im Rahmen der sich wandelnden pädagogischen Auffassungen räumte man der Kindheit und Jugend im Zeitalter der Aufklärung? zunehmend eine Sonderstellung ein und es wurde schließlich der Eigenwert dieser menschlichen Entwicklungsphasen anerkannt. Träger dieser Gedanken waren John Locke?, Jean-Jacques Rousseau? (siehe „Emil oder Über die Erziehung“, 1762) sowie die pädagogische Bewegung der Philanthropisten um Johann Bernhard Basedow. Die Kinder- und Jugendliteratur entwickelte sich nun zu einem eigenständigen Sektor im gesamtliterarischen Angebot.

Über die Literatur sollten die Kinder und Jugendlichen zum vernunftorientierten Denken und tugendhaftem Handeln ermutigt sowie insgesamt auf ihre zukünftige Rolle innerhalb der Gesellschaft vorbereitet werden. Dies geschah z.B. durch das Vorführen von nachahmenswerten oder abschreckend wirkenden Beispielen in Form der Exempelgeschichte?, aus welcher der kindliche oder jugendliche Leser moralische Schlussfolgerungen ziehen soll. In kinderliterarischen Werken? der Aufklärung? fanden sich oftmals beispielhafte Familiensituationen, an denen sich die jungen Leser orientieren können. So auch in der bekannten Kinderzeitschrift „Der Kinderfreund“ (1776-1782) von Christian Felix Weiße? oder Joachim Heinrich Campes? an das junge Lesepublikum gerichteten „Robinson Crusoe“-Nacherzählung „Robinson der Jüngere“ (1779f.). Campes? Robinsonade? stellt vermutlich den ersten populären deutschsprachigen Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur dar.

Um die spielerische Verinnerlichung der vorgeführten moralischen Wertvorstellungen geht es bei der von Christian Felix Weiße? etablierten Gattung des Kinderschauspiels?. Die Kinder und Jugendlichen sind angehalten, die literarischen Szenen nach der passiven Rezeption selbst aktiv nachzustellen. Didaktische Wissensvermittlung stellen die ABC-Bücher für Leseanfänger und die im 18. Jahrhundert sehr beliebte Sachliteratur für Kinder und Jugendliche in den Vordergrund. Die kindgemäße Vermittlung von Wissen erfolgte zu diesem Zeitpunkt ebenfalls in der Regel unter Zuhilfenahme von Bildern bzw. Illustrationen.

Nach wie vor in der Aufklärung? präsent war auch die religiöse Kinder- und Jugendliteratur in Form von Katechismen? und Sittenbüchern? (siehe z.B. das „Moralische Elementarbuch“, 1782f., von Christian Gotthilf Salzmann?); die Orientierung am Jenseits und an der höfischen Welt, wie sie bei solchen Werken? noch im Mittelalter? zu finden ist, wurde jedoch nach und nach durch die Betonung des Diesseits und der bürgerlich-städtischen Welt ersetzt.

Romantik und Biedermeier

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Ausgehend vom Gedankengut Johann Gottfried Herders? (1744-1803) entwickelte sich in der Romantik die idealisierte Idee von der den paradiesischen Urzustand repräsentierenden Kindheit. Gleichzeitig fand eine Hinwendung an die literarischen Quellen des Mittelalters? statt. Sagen, Lieder, Reime? und Legenden, mit anderen Worten die (vermeintlich) aus dem Volk stammende Poesie galt als jene Literatur, die dem Wesen des Kindes am ehesten entspräche. Es entstanden solche, den Kinderton nachahmende Liedersammlungen? wie Achim von Arnims und Clemens Brentanos? „Des Knaben Wunderhorn“ (1805-1808). Auf Belehrung wird hier gänzlich verzichtet.

Neu in der Romantik war ebenfalls die Akzentuierung des Phantastischen und des Wunderbaren. Mit der bedeutenden volkspoetischen? Sammlung der „Kinder- und Hausmärchen“ (1812ff.) durch die Brüder Jacob? und Wilhelm Grimm? stieg das Märchen zur führenden Gattung auf. Bedeutender Vertreter des sich durch einzelne Autorschaft und eigenes Gedankengut auszeichnenden Kunstmärchens ist E.T.A. Hoffmann? mit seinem „Nussknacker und Mausekönig“ (1816).

Aus Dänemark erfolgten entscheidende Impulse durch Hans Christian Andersens? Märchen (siehe „Die kleine Meerjungfrau“ oder „Der standhafte Zinnsoldat“), die seit 1839 in deutscher Übersetzung vorliegen. Die Verbindung von Volks-, Kunstmärchen und Sagen fand bei Wilhelm Hauffs? literarischem Schaffen für Kinder statt. Eine erzieherisch-ästhetische Intention verfolgte Gustav Schwab? in seinen für die Jugend bearbeiteten „Schönsten Sagen des klassischen Altertums“ (1838-1840), einer einfacheren Nacherzählung? von mythologischen Stoffen aus dem antiken Griechenland.

Vom Ende des Biedermeier bis zur Weimarer Republik

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Die Entwicklung neuer grafischer Drucktechniken? verliehen schließlich der Gattung des Bilderbuchs ungemeinen Auftrieb. Weltweite Übersetzungen und etliche Bearbeitungen zog der psychologisch-motivierte „Struwwelpeter“ (1847) des Psychiaters Heinrich Hoffmann nach sich. Die von Wilhelm Busch klischeehaft überzeichneten Bösewichte „Max und Moritz“ hielten ab 1865 Einzug in die Kinderzimmer. Buschs als Parodie auf die pädagogischen Traditionen der Kinder- und Jugendliteratur zu verstehende Bildgeschichte ebnete den Weg für die ebenso surrealistisch anmutende Gattung des Comics, die wenig später in den USA entstand.

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Generell fand, was die Kinder- und Jugendliteratur betrifft, nun ein reger Austausch über Landesgrenzen hinweg statt. Die deutsche Literaturlandschaft wurde durch Übersetzungen von internationalen Werken? wie Charles Dickens’ „Oliver Twist“ (1838), Mark Twains „Tom Sawyer“ (1876) oder Carlo Collodis? „Pinocchio“ (1883) ergänzt. In zunehmendem Maße wurden phantastische Elemente in die Kinder- und Jugendliteratur integriert, dies geschah jedoch vorerst überwiegend im Ausland. Wegweisend für die Gattung der Phantastik? ist neben den frühen Tendenzen in Form des romantischen Märchens vor allem die 1865 entstandene Erzählung „Alice im Wunderland“ (dt. 1869) des Briten Lewis Carroll.

Am populärsten waren gegen Ende des 19. Jahrhunderts Abenteuergeschichten wie die oftmals mit Science-Fiction-Elementen versehenen Romane des Franzosen Jules Verne? sowie Erzählungen über Indianer und den Wilden Westen, die sich an den „Lederstrumpf“-Geschichten von James Cooper? aus dem frühen 19. Jahrhundert orientierten. Als geeignete Projektionsfläche für die um die Jahrhundertwende in der Bevölkerung stark ausgeprägte Sehnsucht nach Abenteuer und Exotik erwiesen sich hierbei die ungemein erfolgreichen Romane um Winnetou und Co. des aus Sachsen stammenden Karl May (1842-1912).

Den Gegenpol zu diesen unterhaltsamen, meist von Jungen rezipierten Abenteurerzählungen stellen die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufkommenden Mädchen- bzw. Backfischbücher? dar. An die didaktische Intentionen älterer Kinder- und Jugendliteratur anknüpfend, dienten diese Erzählungen in erster Linie dazu, das Mädchen auf ihre zukünftige Rolle in der Gesellschaft, d.h. auf ihre Pflichten als Mutter, Gattin und Hausfrau vorzubereiten. Charakteristisch für dieses Genre ist Emmy von Rhodens? 1885 erschienener „Trotzkopf“. Einen kindlichen Entwicklungsroman legte 1882 Johanna Spyri? mit „Heidis Lehr- und Wanderjahre“ vor, in dem die Autorin? auf sentimentale Weise die Sphäre der gesellschaftsfernen Alpenwelt und die der modernen Großstadt verbindet.

Einflüsse des Jugendstils

Die künstlerischen Tendenzen des Jugendstils? zeigten sich um die Jahrhundertwende ebenfalls auf der Ebene der Kinder- und Jugendliteratur. So erlebte das illustrierte Kinderbuch? eine Blütezeit und prächtige Schmuckausgaben? prägten den Buchmarkt. Vielfach sind Tiere die Hauptfiguren bei der Verbindung von erzählendem Text und Bild. Es entstanden solche Kinderbuch?-Klassiker wie „Peter Hase“ (1902) der Engländerin Beatrix Potter?, die märchenhaften Geschichten um „Pu, der Bär“ (1926, dt. 1928) des ebenfalls aus England stammenden Alexander Milne? und die in Deutschland verfasste „Häschenschule“ (1924) von Fritz Koch-Gotha? und Albert Sixtus?, wobei Letztere (klein-)bürgerliche Schwächen des Menschen in komischer Absicht auf Tiergestalten übertragen. In Gerdt von Bassewitz’? märchenhafter Erzählung „Peterchens Mondfahrt“ (Buchausgabe 1915, illustriert von Hans Baluschek?) verbündet sich Maikäfer Herr Sumsemann mit den Menschenkindern Peter und Anneliese und fliegt mit ihnen gemeinsam zum Mond.

Bilder und kindgemäße Lyrik kombinieren dagegen das Ehepaar Richard? (1863-1920) und Paula Dehmel? (1862-1918). Der bewusst antiautoritäre Tonfall, die Einnahme der kindlichen Perspektive und ihr spielerischer Umgang mit der Sprache sind charakteristisch für ihr literarisches Werk?, woran sich z.B. auch der Dichter Christian Morgenstern (1871-1914) orientierte. Mit großer Skepsis verfolgten autoritäre Obrigkeiten das dichterische Schaffen von Joachim Ringelnatz (1883-1934), der die jungen Leser mit seinen anarchisch-komischen Versen zum Aufbegehren gegen erwachsene Respektspersonen aufruft. Um die Jahrhundertwende erschien in regelmäßigen Abständen die Kinderzeitschrift „Die Kinder-Gartenlaube“, die - als Ableger der Erwachsenenzeitschrift „Die Gartenlaube“ - Lehrreiches aus aller Welt mit Unterhaltung und Illustration verband und so verschiedene Ausprägungen der Kinder- und Jugendliteratur in sich vereinigte.

Im frühen 20. Jahrhundert setzte sich der Höhenflug von Mädchenbüchern? und Abenteuergeschichten fort. Zwischen 1913 und 1925 kam Else Urys? idyllisch-verklärende Reihe? um das bürgerliche „Nesthäkchen“ heraus. Eine naturalistische Darstellungsweise kennzeichnet die vorwiegend von Goldgräbern und Trappern in der amerikanischen Wildnis handelnden Abenteuererzählungen von Jack London? (1876-1916), dessen Romane erst mit einiger zeitlicher Verzögerung ins Deutsche übersetzt wurden. Den infolge der zunehmenden Industrialisierung sich verschärfenden Konflikt zwischen Natur und Zivilisation thematisieren neben London? auch Kenneth Grahame? mit „Der Wind in den Weiden“ (1908, dt. 1929) oder die Schwedin Selma Lagerlöf in „Die wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson“ (1906/1907). Die tierischen Hauptfiguren von Lagerlöf und Grahame? weisen sowohl animalische als auch menschliche Züge auf. Das bekannteste deutsche Beispiel einer solchen Anthropomorphisierung (Vermenschlichung) war zu dieser Zeit Waldemar Bonsels Tierparabel „Die Biene Maja“ (1912), die auch als politischer Roman? gelesen werden kann.

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Hatte es während des Ersten Weltkriegs noch zahlreiche kriegsverherrlichende Werke? gegeben, so auch unter den Jugendbüchern, verpflichteten sich Autoren wie Erich Maria Remarque Ende der 1920er Jahre der Darstellung der ungeschminkten Realität. So betont Remarques auch unter den Heranwachsenden vielfach rezipierter Roman „Im Westen nichts Neues“ (1929) die wirkliche, will heißen grausame Seite des Krieges. Der Realismus hielt Einzug in die Kinder- und Jugendliteratur. In diesem Zusammenhang wurde von etlichen Autoren im Rahmen der Neuen Sachlichkeit das kindliche Leben in der Großstadt skizziert, beispielsweise in Wolf Durians? „Kai aus der Kiste“ (1926) oder in Erich Kästners international sehr erfolgreichen Erzählung „Emil und die Detektive“ (1929). Die jungen Hauptfiguren müssen sich im modernen Gesellschaftsraum der Berliner Großstadt bewähren, wobei sie gleichermaßen klug, selbstbewusst und unabhängig von erwachsenen Instanzen auftreten.

Nationalsozialismus und Nachkriegszeit

Infolge der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten im Jahr 1933 fand wie in anderen Bereichen nun auch auf der Ebene der Kinder- und Jugendliteratur eine staatliche Kontrolle und Lenkung statt. In Anlehnung an entsprechende Erlasse des zuständigen Reichsministers wurden überwiegend nur solche Bücher gebilligt, die den Zweck erfüllten, die nationalsozialistische Ideologie in die Kinderzimmer zu transportieren. Ein mustergültiges Beispiel für eine solche, fragwürdige Werte verherrlichende Propagandaliteratur? stellt Karl Aloys Schenzingers? „Hitlerjunge Quex“ (1932) dar. Werke? von politisch anders gesinnten Autoren wie Erich Kästner wurden nach 1933 verboten und bei Bücherverbrennungen öffentlich vernichtet.

Es gab zuweilen „geduldete“ Kinder- und Jugendliteratur, so z.B. sogar Kinderbücher? von jüdischen Verlagen, die noch bis 1938 publiziert werden durften. Gegenbilder zur nationalsozialistisch geprägten Kinder- und Jugendliteratur in Deutschland lieferten Autoren im Exil, wie der in die Schweiz emigrierte kommunistische Dichter Kurt Held? mit „Die rote Zora und ihre Bande“ (1941), einer auf Werten wie Mitgefühl und Hilfsbereitschaft basierenden Abenteuergeschichte mit Robin-Hood-Motiven. Die von deutschen Autoren für Kinder und Jugendliche verfasste Exilliteratur wurde in Deutschland erstmals in den restaurativen Nachkriegsjahren veröffentlicht, Beachtung fand sie jedoch oft erst viele Jahre später.

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Für Wirbel sorgten dagegen vor allem ausländische Kinderbuchhelden? wie „Der kleine Prinz“ (1943, dt. 1950) von Antoine de Saint-Exupéry? oder Astrid Lindgrens, bereits auf die fantasievolle und antiautoritäre Kinder- und Jugendliteratur der 1970er Jahre vorausdeutende Figur der „Pippi Langstrumpf“ (1945, dt. 1949). In Zeiten postnationalsozialistischer Verunsicherung besann man sich wieder alter Erzählformen und Stoffe. Aus diesem Grund wurden zu dieser Zeit vermehrt wieder Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur aufgelegt, u.a. die „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm oder Johanna Spyris? „Heidi“.

An traditionelle Volksliteratur? und Märchen knüpfte in origineller Weise Otfried Preußler mit Werken? wie „Die kleine Hexe“ (1957) oder „Der Räuber Hotzenplotz“ (1962) an. Neben Preußler schuf Michael Ende („Jim Knopf und der Lokomotivführer“, 1960) mithilfe seiner phantastischen Geschichten einen Rückzugsort für die jungen Leser außerhalb einer krisengeschüttelten Gesellschaft, um, durch Fantasie und Einbildungskraft gestärkt, die Probleme der Realität bewältigen zu können. Konsum- und Kapitalismuskritik übte 1962 James Krüss in seinem mit phantastischen Elementen gespickten Roman „Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen“.

Aufarbeitung der Vergangenheit

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Zeitgleich nahm die Gattung des Bilderbuchs in den 1960er Jahren neue Formen an. Hatte in den ersten Nachkriegsjahren noch eine konservative idyllisch-idealisierte Darstellung hauptsächlich der Tier- und Pflanzenwelt im Vordergrund gestanden, wurden die Illustrationen nun zunehmend anspruchsvoller und der Stil abstrakter. Zudem erhielten die portraitierten Geschichten eine psychologische Tiefendimension, besondere Rücksicht auf den kindlichen Charakter mit all seinen Eigenheiten nehmend (siehe „Wo die wilden Kerle wohnen“, 1963, dt. 1967, von Maurice Sendak? oder „Die Raupe Nimmersatt“, 1969, dt. 1970, des Deutsch-Amerikaners Eric Carle?). Eine Sonderstellung nehmen die seit 1960 publizierten und liebevoll gestalteten Bilderbücher von Horst Eckert? (*1931), besser bekannt als Janosch?, ein.

Die Gattung der Kinderlyrik? wurde in der Nachkriegszeit insbesondere durch die skurrilen Gedichte von Josef Guggenmos? wiederbelebt („Was denkt die Maus am Donnerstag?“, 1967). Ausländische Autoren eroberten mit ihren vielbändigen Zyklen? den literarischen Massenmarkt für Kinder und Jugendliche. Zu nennen sind hierbei vor allem die auf pure Unterhaltung setzenden Serien? von Enid Blyton? („Fünf Freunde“, 1944ff., dt. 1959ff., „Hanni und Nanni“, 1941ff., dt. 1965ff.) und die von verschiedenen Autoren verfassten, unter dem zugkräftigen Namen „Alfred Hitchcock?“ präsentierten Bände um „Die drei Fragezeichen“ (1964ff., dt. 1968ff.). Die spannende Vermittlung von nützlichem Wissen stellt dagegen die in Deutschland seit 1961 erscheinende Sachbuch-Reihe? „Was ist Was“ in den Mittelpunkt. Inzwischen sind in diesem Zusammenhang mehr als 120 Bände erschienen.

In den 1960er Jahren nahm die problemorientierte Kinder- und Jugendliteratur zu und es erfolgte die allmähliche Auseinandersetzung mit der eigenen nationalsozialistischen Vergangenheit. 1961 thematisiert Hans Peter Richter? als erster deutscher Autor mit „Und damals war es Friedrich“ in einem Kinder- und Jugendbuch die Judenverfolgung. Parallelen zum Dritten Reich zieht Willi Fährmann? in dem 1968 veröffentlichten Kinder- und Jugendroman „Es geschah im Nachbarhaus“, in dem er den einer Familie im Deutschen Kaiserreich um 1880 entgegengebrachten Judenhass und die damit einhergehenden böswilligen Vorurteile schildert.

Von 1968 bis zur Gegenwart

Die Gesinnung der gegen das „Establishment“ protestierenden 1968er-Bewegung schlug sich auch in den Texten für Kinder und Jugendliche dieser Zeit nieder. Hatte die erzieherische Botschaft in so mancher vorheriger Entwicklungsphase der Kinder- und Jugendliteratur in der Vermittlung von Gehorsam und Respekt gegenüber Erwachsenen bestanden, setzte sich nun ein emanzipiertes Kindheitsbild durch, das sich mit aller Kraft gegen erwachsene (und oftmals reaktionär geschilderte) Autoritäten auflehnt.

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Vertreter dieser zum kritischen Nachdenken anregenden antiautoritären Kinder- und Jungendliteratur sind u.a. das „Nein-Buch für Kinder“ (1972) von Susanne Kilian? und Günther Stiller? sowie der „Anti-Struwwelpeter“ (1970) von Karl Waechter?. Neben einer weiterhin stattfindenden Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit Deutschlands (siehe z.B. Christine Nöstlingers? „Maikäfer flieg!“, 1973), fanden verstärkt realistische und sozialkritische Themen ihren Weg in die an junge Leser gerichtete Literatur. Diese sogenannten Problembücher? kreisen um oftmals tabuisierte Themen wie Behinderung, Krankheit und Tod. Peter Härtling („Das war der Hirbel“, 1973, „Ben liebt Anna“, 1979) avancierte mit seiner literarischen Verbindung von kindlicher Alltagswelt und Spannung zu einem der wichtigsten Autoren dieses Genres. Gefahren des Großstadtlebens schildern Leonie Ossowski in „Die große Flatter“ (1977) und Christiane F.? mit der autobiographischen Erzählung „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ (1979).

Eine „Geschichte zum Aufpassen“ legte Max von der Grün? 1976 mit „Die Vorstadtkrokodile“ vor, in der es um die Aufnahme eines querschnittsgelähmten Jungen in eine Kinderbande geht. Zwischen Kindern und Erwachsenen fand in dieser Epoche keine Grenzziehung mehr statt. Kindern und Jugendlichen wurde nun zugetraut, genauso mündig und problembewusst Krisen bewältigen zu können wie ältere Personen. Außerdem erschienen in den 1970er Jahren auf der Ebene der Sachliteratur vermehrt Werke der Sexualaufklärung für Kinder und Jugendliche, wobei die Sexualkunde auch in den Lehrplan der Schulen aufgenommen wurde.

Vielfalt der Stile

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Auf ein gesteigertes Umweltbewusstsein setzen anspruchsvolle Bilderbücher wie Jörg Müllers? „Alle Jahre wieder saust der Presslufthammer nieder oder Die Veränderung der Landschaft“ (1973). Auf visueller Ebene waren die 1970er Jahre durch eine Vielfalt der Stile gekennzeichnet. Realistische Wiedergaben der Welt standen neben der Pop-Art und dem immer populärer werdenden Comic. Spannende Unterhaltung unter weitestgehender Auslassung eines erzieherischen Zwecks stellen die vielfach aus dem Ausland stammenden, äußerst beliebten Comic-Reihen? um Micky Maus, Snoopy, Asterix, Garfield und Co. in den Mittelpunkt.

In den späten 1970er und 1980er Jahren setzte sich in der erzählenden Kinder- und Jugendliteratur der Trend der realistischen und problemorientierten Kinder- und Jugendliteratur fort. Autoren wollen wachrütteln und aufklären. So greift Ann Ladiges? in „Hau ab, du Flasche“ (1978) die Risiken von Jugendalkoholismus auf, Gudrun Pausewang? in ihrer, auf den Reaktorunfall im Atomkraftwerk Tschernobyl folgenden Erzählung „Die Wolke“ (1987) die desaströsen Folgen eines atomaren Super-GAUs. In den 1980er Jahren wendeten sich kinder- und jugendliterarische Autoren keiner anderen Epoche der deutschen Geschichte so häufig zu wie der des Dritten Reichs. Beispiele hierfür sind Tilde Michel? mit „Freundschaft für immer und ewig?“ (1989) oder Inge Auerbacher? mit ihrem etwa zur gleichen Zeit veröffentlichten Roman „Ich bin ein Stern“.

Analog der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung entwarfen Autorinnen progressive neue Weiblichkeitsbilder in der Mädchenliteratur?. Autorinnen wie Christine Nöstlinger? („Gretchen Sackmeier“, 1981-1988), Dagmar Chidolue? („Aber ich werde alles anders machen“, 1981) oder die Schwedin Inger Edelfeldt? („Kamalas Buch“, 1986, dt. 1988) fingen an, die traditionelle Vorstellung von der Frau als Hausfrau und Mutter zu hinterfragen und kreierten infolgedessen neue Mädchenfiguren, welche sich auf der Suche nach der eigenen Identität mit diesen gesellschaftlich festgelegten Rollen kritisch auseinandersetzen.

Auf die Besonderheiten der kindlichen Psyche geht verstärkt der psychologische Kinderroman? ein. Sich nicht selten komplexer Darstellungstechniken der Erwachsenenliteratur? bedienend, greifen z.B. Mirjam Pressler („Novemberkatzen“, 1982) oder Kirsten Boie? („Paule ist ein Glücksgriff“, 1985) alltägliche Probleme des Lebens auf dem Weg zum Erwachsenwerden auf und geben den vielfach als Außenseitern geschilderten Figuren literarisch eine Stimme.

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Maßgeblich geprägt hat den modernen Adoleszenzroman?, wie man ihn in Deutschland später z.B. mit Benjamin Leberts autobiographischer Erzählung „Crazy“ (1999) auch aus männlicher Sicht geschildert vorfindet, der amerikanische Schriftsteller J.D. Salinger? (1919-2010) mit „Der Fänger im Roggen“ (1951, dt. 1954). Salingers? Roman gehört insbesondere in den anglo-amerikanischen Ländern zur Standardschullektüre?. Selbstbewusst, frech und unterhaltsam skizzieren seit den 1990er Jahren junge deutsche Autoren wie Alexa Hennig von Lange (* 1973) oder Benjamin von Stuckrad-Barre? (*1975, „Soloalbum“, 1998) die moderne Lebenswelt der Jugend.

Der Siegeszug der Phantastik

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Parallel zur Entwicklung der realistischen Kinder- und Jugendliteratur hat seit den 1970er Jahren das Genre der Phantastik? (engl. „fantasy“) deutlichere Formen angenommen und zunehmend an Beliebtheit sowie Bedeutung gewonnen. Die 1970er Jahre wurden dominiert vom Schaffen Michael Endes (1929-1995, „Momo“, 1973, „Die unendliche Geschichte“, 1979), aber auch Autoren wie Christine Nöstlinger? („Wir pfeifen auf den Gurkenkönig“, 1972), Paul Maar? („Eine Woche voller Samstage“, 1973) oder Otfried Preußler („Krabat“, 1971) verstanden es, anhand ihrer mit wunderbaren Elementen versehenen Geschichten die jungen Leser zu begeistern.

Endes „Die unendliche Geschichte“ gilt aufgrund der komplexen philosophischen Fragestellungen und der vielen intertextuellen? Bezüge als erstes postmodernes Kinderbuch?. Häufig mit dem Vorwurf des Eskapismus, d.h. der Realitätsflucht konfrontiert, lassen die in phantastischen Gefilden spielenden Szenarien jedoch objektiv betrachtet in der Regel Rückschlüsse auf die Realität zu und bieten fiktive Lösungsmöglichkeiten für die in der Wirklichkeit erlebten Krisen an. Besonders deutlich verknüpfte die Schwedin Astrid Lindgren das von Kindern zutiefst real empfundene menschliche Grundgefühl der Angst mit einer phantastischen Handlung. So handelt ihr 1973 veröffentlichter Roman „Die Brüder Löwenherz“ von Tod, Geschwisterliebe und Trost.

Entscheidende Anregungen erfuhr die deutsche Phantastik? außerdem von ausländischen Autoren wie dem Briten J.R.R. Tolkien, dessen Opus Magnum? „Der Herr der Ringe“ (1954f., dt. 1969f.) und die in leichterem Tonfall erzählte Vorgeschichte „Der kleine Hobbit“ (1937, dt. 1967) erst mit etlichen Jahren Verzögerung auf dem deutschen Markt erschienen. Tolkien? ist neben anderen englischsprachigen Autoren wie Ursula K. LeGuin? („Erdsee“, 1968ff.) oder Lloyd Alexander? („Taran und der Zauberkessel“, 1965) Vertreter des phantastischen Subgenres Fantasy (engl. „high fantasy“), die sich - häufig an die Epenstoffe vergangener Zeiten angelehnt - inhaltlich vor allem durch eine archaisch-mittelalterliche Welt und das Vorkommen von Magie auszeichnet.

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In den 1990er Jahren versieht die Engländerin J.K. Rowling die normale Alltagswelt der „Muggel“, welche größtenteils unserer bekannten Realität entspricht, mit einer dahinter befindlichen Geheimwelt voller Hexen, Zauberern und Magie, in die der in unglücklichen Umständen aufwachsende Waisenjunge Harry Potter eingeführt wird. Der erste Band „Harry Potter und der Stein der Weisen“ (1997, dt. 1998) zog sechs weltweit beachtete Fortsetzungen nach sich, wobei die Geschichten ebenfalls auf vielfache Weise medial adaptiert wurden (so gibt es neben Verfilmungen fürs Kino u.a. Hörbücher und Computerspiele).

Der Umgang mit Rowlings „Harry Potter“-Romanen steht stellvertretend für einen sich wandelnden Markt, der infolge der Durchsetzungskraft neuer Medien wie CD und DVD nun neben reinen Buchproduktionen auch diverse andere Verwertungsformen berücksichtigen muss. Geschichten werden zunehmend „crossmedial“ und altersgruppenübergreifend vermarktet. Die technologische Entwicklung auf dem Gebiet der Spezialeffekte machte adäquate Verfilmungen wie die mehrfach oscarprämierten „Herr der Ringe“-Filme (2001ff.) des Neuseeländers Peter Jackson erst möglich und eröffnete gänzlich neue Möglichkeiten der Vermarktung und Publikumserschließung. Das jüngste, weltweite Wellen schlagende Beispiel eines solchen grenzüberschreitenden Phänomens ist Stephenie Meyers „Twilight-“ bzw. „Bis(s)“-Saga (2005ff.) um die menschliche Bella Swan und den Vampir Edward Cullen, die vor realistischer High-School-Kulisse um ihre Liebe und gegen feindlich gesinnte Kräfte kämpfen müssen. Meyers Reihe? belebte die Vampirgeschichte neu und zog etliche Trittbrettfahrer nach sich.

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Die Kinder- und Jugendliteratur ist aufgrund solcher erfolgreichen Bücher wie jenen von J.K. Rowling oder Stephenie Meyer mittlerweile zum hart umkämpften Massenmarkt geworden. Deutsche Phantastikautoren der Gegenwart sind z.B. Kai Meyer („Die Wellenläufer“, 2003ff.), Christoph Marzi? („Malfuria“, 2007ff.) und die auf verschiedenen Gebieten der Kinder- und Jugendliteratur sehr erfolgreiche Cornelia Funke („Die Wilden Hühner“, 1993ff., „Tintenwelt“-Trilogie?, 2003ff.).

Die Kinder- und Jugendliteratur der DDR

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In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bestand die Kinder- und Jugendliteratur der DDR im Wesentlichen aus Werken? von (z.T. zurückgekommenen) Exilautoren (Alex Wedding?, „Das Eismeer ruft“, 1936, neu: 1948) sowie Erzählungen, die aus dem Russischen übersetzt wurden oder die den Widerstand im Nationalsozialismus thematisieren wie „Die Abenteuer des Werner Holt“ (1960) von Dieter Noll?. In großem Maße dominierte das sozialistisch-kommunistische Gedankengut des SED-Regimes die Kinder- und Jugendliteratur. Von Autoren wurden im Rahmen dieser ideologischen Kinder- und Jugendliteratur Figuren geschaffen, die sich im sozialistischen Sinn am Aufbau kollektiver Strukturen beteiligen und sich vorbildlich für die Gemeinschaft einsetzen.

Sozialistische Zielsetzungen mit realistischen Elementen verknüpfte Erwin Strittmatter? in seinem für die Kinder- und Jugendliteratur der damaligen Zeit repräsentativen Roman „Tinko“ (1954), in dem sich ein Junge zwischen dem besitzorientierten Großvater und dem Vater, der stattdessen den Kollektivgedanken vertritt, entscheiden muss. Ludwig Renn?, ein bekannter kommunistischer Autor der Weimarer Republik, verbindet in seinem 1954 veröffentlichten Roman „Trini“ die Ideen des Sozialismus mit einem Hauch von Abenteuer und weiter Welt, wenn er von einem Indiojungen im mexikanischen Befreiungskrieg berichtet.

Auch in der DDR legte die Kinder- und Jugendliteratur seit den 1970er Jahren den Fokus verstärkt auf die Probleme der alltäglichen Welt und fing an, gesellschaftliche Konventionen zu hinterfragen. Autoren dieser aktualitätsbezogenen, kritischen Problemliteratur? sind u.a. Günter Görlich? („Den Wolken ein Stück näher“, 1971) und Benno Pludra? („Die Insel der Schwäne“, 1980). Die soziale Verwahrlosung eines mit den Schattenseiten der Gesellschaft konfrontierten Jungen thematisiert Günter Saalmann? gegen Ende der DDR in seinem Roman „Umberto“ (1987). Phantastische Begebenheiten vor realem Hintergrund schildern Christa Kózik? in „Der Engel mit dem goldenen Schnurrbart“ (1983) und Christoph Hein mit „Das Wildpferd unterm Kachelofen“ (1984). Allerdings hat sich - anders als in der BRD und dem vereinten Deutschland - die phantastische Literatur? in der DDR nicht etablieren können.

Buchtypen, Gattungen und Genres

Die Unterscheidung verschiedener Buchtypen erfolgt durch den (meist eigenständigen) Inhalt sowie die typische Ausgestaltung des jeweiligen Publikumsmediums (Aufmachung, Format?, Drucktechnik?, Material etc.). Buchtypen lassen sich vornehmlich bestimmten Gebrauchssituationen zuordnen, bei Gattungen ist die Form das ausschlaggebende Kriterium und Genres zeichnen sich in erster Linie durch gewisse Themen oder eine spezifische Leserschaft aus. Teilweise überschneiden sich die Kategorien auch. Die gängigsten Beispiele für die unterschiedlichen Teilbereiche der Kinder- und Jugendliteratur sind in der folgenden Liste aufgeführt.

Tendenzen der Moderne

Das 20. Jahrhundert ist gekennzeichnet durch bahnbrechende technologische Erfindungen, in deren Folge sich ebenfalls völlig neue Vermittlungsformen für literarische Geschichten entwickelt haben. Zu unterscheiden ist hierbei zwischen den sogenannten „Codierungsmedien“ wie dem Roman, Film oder Hörspiel und den „Träger-“ bzw. „Distributionsmedien“ in Form von Buch, Video, Kassette, DVD und CD. Erfolgreiche Kinder- und Jugendliteratur wird heutzutage oft multimedial verwertet oder, anders ausgedrückt, „crossmedial“ vermarktet, d.h. neben dem Roman existiert nicht selten noch der dazugehörige Film, ein gleichnamiges Hörbuch oder Hörspiel, sowie eine Umsetzung für den PC.

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Pionier auf dem Gebiet des Kinderfilms war der Amerikaner Walt Disney, der seit Ende der 1930er Jahre beliebte Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur auf die große Leinwand brachte („Schneewittchen und die sieben Zwerge“, 1939) und dadurch weltweit bekannt machte. Zu Disneys erfolgreichsten Filmen gehören das von Rudyard Kipling? als Zeichentrickversion umgesetzte „Dschungelbuch“ (Roman: 1884f., Film: 1967) oder die mit gezeichneten Elementen versehene Realverfilmung „Mary Poppins“ (1964), die auf der gleichnamigen Geschichte der australischen Schriftstellerin P.L. Travers? basiert (1934, dt. 1952). Nicht selten waren die von Disney fürs Kino adaptierten Geschichten der breiten Masse vorher weitgehend unbekannt.

Seit den 1950er Jahren verhalf in Deutschland vor allem die im Fernsehen ausgestrahlte Augsburger Puppenkiste Kindererzählungen wie Michael Endes „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivfahrer“ (1960ff.) oder Max Kruses „Urmel“-Reihe? (1969ff.) zu einem immens hohen Bekanntheitsgrad. In den 1970er Jahren setzten sich im deutschen Kinderfernsehen die meist auf internationalen kinder- und jugendliterarischen Klassikern beruhenden Zeichentrickserien des japanischen Zeichentrickstudios „Nippon Animation“ durch. So produzierte das Team um den späteren Oscarpreisträger Hayao Miyazaki Serien wie „Heidi“ (1974, Johanna Spyri?: 1880), „Die Biene Maja“ (1975, Waldemar Bonsel?: 1912), „Alice im Wunderland“ (1983, Lewis Carroll: 1865), „Die kleine Prinzessin Sara“ (1985, Frances Hodgson Burnett: [[1905?) „Peter Pan“ (1989, James M. Barrie?: 1904ff.) und viele mehr.

Auf der Ebene des Realfilms gehören zu den beliebtesten Kinderserien u.a. die Adaptionen der Geschichten Astrid Lindgrens wie „Pippi Langstrumpf“ oder die auf bekannten Märchen basierenden tschechischen Kinderfilme à la „Die kleine Meerjungfrau“ (1975) oder „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ (1973). Aufgrund wiederholter Ausstrahlungen im Fernsehen und der gegenwärtigen Verwertung als DVD gehören solche Produktionen immer noch zum tatsächlich rezipierten Angebot für Kinder und Jugendliche.

Seit den 1970er Jahren hat die Popularität des Mediums Hörbuch bzw. Hörspiel stetig zugenommen. Es entstanden die ersten Folgen der bis heute ungemein erfolgreichen Kriminalserie „Die drei ???“, die zwar ursprünglich auf einer von verschiedenen Autoren verfassten Buchreihe? beruht, als Hörspiel allerdings weitaus bekannter ist und mittlerweile Kultstatus genießt. Beispiel für die erfolgreiche Hörbuchumsetzung eines aktuellen Bestsellers der Kinder- und Jugendliteratur sind die mehrfach mit Preisen ausgezeichneten „Harry Potter“-Lesungen von Rufus Beck? (2000ff.) auf Grundlage der gleichnamigen Erzählungen J.K. Rowlings.

Gegenüber anderen Medien genießen PC-Umsetzungen in der Kinder- und Jugendliteratur immer noch mehr oder weniger ein Schattendasein, was die Folge von einigen in der Vergangenheit hastig produzierten und demzufolge minderwertigen Adaptionen von kinder- und jugendliterarischen Werken? ist, die oft parallel zur filmischen Auswertung des entsprechenden Werks? auf den Markt kamen. Auf dem Gebiet der PC-Programme für Kinder haben sich eher eigenständige Konzepte durchgesetzt.

All-Age-Literatur

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Immer mehr Autoren erreichen mit ihren ursprünglich der Kinder- und Jugendliteratur zugeordneten Werken? auch eine erwachsene Leserschicht. Prominente Stellvertreter einer solchen altersunabhängigen „All-Age-Literatur?“ sind z.B. Autoren und Autorinnen wie Charles Dickens, Antoine de Saint-Exupéry?, Robert Louis Stevenson?, J.R.R. Tolkien, J.K. Rowling oder jüngst Cornelia Funke und Stephenie Meyer. Ihre Texte haben gemeinsam, dass sie eine Mehrfachadressierung aufweisen, d.h. gleichermaßen das junge wie erwachsene Lesepublikum ansprechen. Man geht davon aus, dass die meisten Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur so beschaffen sind.

Ermöglichen diese Texte anhand ihres Inhalts und textinternen Signalen den erwachsenen Lesern eine andere Lektüre als den jungen Adressaten, so spricht man von „doppelsinniger“ Literatur? (siehe z.B. die „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm? oder Michael Endes „Die unendliche Geschichte“). Verlage? tragen den unterschiedlichen Lesergruppen vermehrt Rechnung, indem sie textgleiche, jedoch in der Aufmachung wie z.B. der Coverillustration? sich unterscheidende Erwachsenenausgaben der von ihnen verlegten Kinder- und Jugendbücher herausbringen, so geschehen z.B. bei J.K. Rowlings „Harry Potter“ und Markus Zusaks? „Die Bücherdiebin“.

Stellenwert der Kinder- und Jugendliteratur

Infolge einer zunehmenden Spezialisierung im gesamtliterarischen Sektor haben sich im Laufe der Jahrhunderte eigene Kinder- und Jugendbuchverlage herausgebildet. Außerdem entstanden verschiedene Institutionen, die sich der Verbreitung wertvoller Kinder- und Jugendliteratur und/oder der Forschung auf diesem Gebiet widmen.

In der „Arbeitsgemeinschaft der Jugendbuchverlage?“, die seit 1950 existiert, engagieren sich mittlerweile über 80 Verlage aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Einer der wichtigsten Zusammenschlüsse von Organisationen und Einzelpersonen in Deutschland ist der 1955 gegründete „Arbeitskreis für Jugendliteratur?“. Von diesem Dachverband wird jährlich die als einzige von der Bundesregierung gestiftete Auszeichnung für kinder- und jugendliterarische Werke, und zwar der „Deutsche Jugendliteraturpreis?“ verliehen. Um das Thema „Kinder- und Jugendfilm“ kreisen dagegen z.B. die Tätigkeit vom „Kinder- und Jugendfilmzentrum“ und das jährlich stattfindende Kinderfilmfestival „Lucas“. Empfehlenswerte Kinder- und Jugendhörbücher stellt regelmäßig der hessische Radiosender hr2 auf seiner „Hörbuchbestenliste?“ vor.

Mittlerweile findet sich die Kinder- und Jugendliteratur an etlichen Ausbildungsstätten als wissenschaftliches Lehrfach wieder und es existieren in dieser Hinsicht meist dem Studienschwerpunkt angeschlossene Forschungseinrichtungen, so u.a. an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main und der Carl von Ossietzky Universität in Oldenburg. Einen Fernkurs zur Kinder- und Jugendliteratur bietet die in Österreich ansässige „Studien- und Beratungsstelle für Kinder- und Jugendliteratur“ (Stube) an.

Literatur

Sekundärliteratur

  • Ewers, Hans-Heino: Literatur für Kinder und Jugendliche. Eine Einführung. München 2000.
  • Schikorsky, Isa: Schnellkurs Kinder- und Jugendliteratur. Köln 2003.
  • Wild, Reiner (Hg.): Geschichte der deutschen Kinder- und Jugendliteratur. 3. vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Stuttgart 2008.

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